Gastbeitrag: Kaufst du schon oder rennst du noch?

Vielen Dank an die Mutter, die uns an dieser Erfahrung und ihrem Fazit teilhaben lässt.

Gastbeitrag:

Ich weiß nicht mehr genau, was mich auf die Idee brachte, meinen autistischen Sohn Felix mit zu Ikea zu nehmen. Vielleicht, weil er gerne Hotdogs isst, die Naschtheke liebt oder das nordische Design mag?

Er war müde von der Schule und wollte nur widerwillig mit – da hätten schon mal gleich alle Warnsignale bei mir blinken sollen. Und bei der Ankunft auf dem übervollen Parkplatz sowieso…
Aber wir versuchten es, schafften es auch in die obere Etage, ignorierten die Ausstellung, das Restaurant und Werberegale und gingen gleich wieder runter zur Geschirrabteilung, wo ich mich meinem nicht-autistischen Sohn Tom kurz zuwandte – dann war Felix weg.

Ich rannte, schaute mich panikartig um und fand ihn schreiend vor der Rolltreppe. Er wollte nach draußen und verstand nicht, warum die Treppe nur nach oben lief.
Die Nummer mit „gewaltsames Öffnen der Notausgangtür gleich daneben“ hatten wir früher auch schon praktiziert – nochmal brauchte ich dieses Erlebnis nicht! Ich versuchte es also mit Reden, Beschwören, Beruhigen, Ablenken – aber keine Chance. Felix rannte ins Restaurant und tobte. Ich versuchte ihn unter neugierigen und seltsamen Blicken anderer Kunden irgendwie raus zu dirigieren.

„Nackt auf einer Bühne“ (wie in Ellas Buch ein Kapitel heißt) fühlte ich mich – das beschreibt es ganz gut.
Nach schier endlosen fünf Minuten gelang es mir irgendwie, Felix in den Aufzug zu bugsieren –
„Warum schreit der Junge so?“, fragte ein Kind seine Mutter und eine Angestellte fragte mich, ob ich Hilfe bräuchte – was ich beides ignorierte.

Dann waren wir wieder am Anfang der Geschirrtheke in der Markthalle – und oh Freude, da tauchte auch Tom wieder auf, mit vorwurfsvollem Blick, wo ich denn so lange bleibe, gleichzeitig verstehend, wo das Problem war. Ein kurzer Blick, wortlose Verständigung zwischen uns, der Plan lautete: so schnell wie möglich raus hier ehe die Situation vollkommen eskalierte.
Wir rannten mit Felix im Einkaufswagen los. Ben Hur ist nichts dagegen. In der Wäscheabteilung griff ich im Vorbeifahren nach der Skölla Bettwäsche, wegen der ich eigentlich hier war, und warf sie in den Wagen.

ikea2„Wo Abkürzung?“ hechelte ich Tom zu.

„War leider grad da vorn“, seine Antwort, während er sich bei den eckigen Abzweigungen und steilen Kurven geschickterweise mit seinem Gewicht gegen meinen 50 kg Wagen stemmte, sonst wären wir unweigerlich in mehreren Warenkörben gelandet.

Weiter ging es. Auf andere Wägen und Füße konnte ich wenig Rücksicht nehmen, die würden wir ja alle hoffentlich nie wiedersehen. Bei den Haushaltswaren wurde Felix wieder aktiv und hangelte nach den Plastikdosen – ein beliebtes Spielzeug und für ihn Hilfe zum Beruhigen. Ich warf ihm den zugehörigen Deckel, den er prompt gleich anbiss, in den Wagen.
Endspurt zu den vollen Kassen, da könnte es nochmals kritisch werden. Nachdem wir ja nur drei Sachen hatten, bot sich die SchnellScanner-Kasse an. Hatte ich bis jetzt vermieden, aber so schwer konnte es ja nicht sein. Immerhin hatte ich ja einen technisch versierten aufgeweckten Dreizehnjährigen bei mir. Und das erwies sich als sehr hilfreich, weil ungeahnte Tücken lauerten: „Warum scannt dieses Teil nicht?“
Und es gelang uns nur kurzfristig, Felix die Dose mit Deckel zu entwenden, damit auch diese gescannt werden konnte.

Puh – durch – erstmal aufatmen – an der Naschtheke auswählen, während Tom Hotdogs bestellt. Und zack – war Felix wieder weg. Nach längerem Suchen fand ich ihn an der Dose leckend draußen vor der Tür wieder, mit vorwurfsvollem Blick, wo wir denn solange blieben. Und vermutlich auch, wie Mama auf die absurde Idee kommen konnte, ein autistisches Kind dieser Wahnsinnswahrnehmungswelt auszusetzen, wo völlig vorhersehbar war, wie er reagieren würde!

Ich stimme ihm zu, bin wieder gereift an einer Erfahrung und nächstes Mal komme ich ganz sicher alleine hierher…

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3 comments

  • Neitzel

    Es ist ein wunderbarer Beitrag , ich kenne solche ähnlichen Situationen auch. Man reift mit solchen Erfahrungen .

  • Ich weiß wie ernst und belastend so eine Situation ist; trotzdem musste ich lachen, weil die Aktion so herzerfrischend ehrlich und lebendig geschildert ist. Mit Humor und Guten „Bestechungseinfällen“ (so denn Bestechung wirkt) ist das Leben mit einem autistischen Kind weitaus erträglicher. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Humor und auch Konfrontation eher das Thema Autismus in den Köpfen der Menachen verankert. Ignoranten und selbsternannte Fachleute sind leider (noch?) in der Überzahl.
    Mein Sohn (Asperger, 15 Jahre) mag IKEA zwar auch nicht so gern, aber mit Einbeziehen (ich finde das und das nicht / ist so schwer – heb mal) und „Ködern“ Hot Dog und Köttbullar und „hier ist meine Family Card, geh, hol nen Kaffe und spiel Handy – ich hol dich nachher ab“ klappt der jährliche IKEA Beszch ganz gut .
    Da fällt mir wieder ein:
    Sohn war 5 Jahre alt. Wir hatten keinerlei Verdacht oder Diagnose, er würde Techniker genannt und hatte eine ausgeprägte Fluchttendenz, außerdem hasste er an der Hand gehen und Schosssitzen bei Oma’s Vorlesestunden. Wir waren mit 3 Kindern (9, 5, fast 3) und panisch-ängstlicher Oma bei Ikea. Zur Beruhigung der Oma erklärten wir den Kindern, vor allem unserem „Flüchtling“, dass sie bei Verlorengehen an einen Infoschalter gehen und ihren Namen sagen müssen, damit die Eltern ausgerufen werden. Tja, es dauerte von Couch- zu Schrankabteilung, etwas Panikverbreitung von Seiten der Oma und es ertönte aus dem Lautsprecher „Der kleine Michael sucht seine Eltern. Bitte holen Sie ihn in der Küchenabteilung ab!“ Papa trabte an und pflückte einen strahlenden Junior (hat ja echt funktioniert!) auf und brachte „die Beute“ der aufglösten Oma. Wir haben uns -ohne Oma- gekugelt vor Lachen. Übrigens haben wir nach diesem Erlebnis alle unsere Kinder mit „Hundemarken“ (auf denen Name und Handynummer sowie Festnetznummer vermerkt wurde) aus dem örtlichen Armyshop ausgestattet. Bei Michael haben wir sie nicht gebraucht, aber unsere Jüngste (eine NT!) ging mit 4 Jahren im Marktsonntagsgetümmel mal verloren.
    PS: unser Sohn hat erst nach fast 5 Jahren übelster Erlebnisse in der Schule und diversen abenteuerlichen Diagnosen seinen „Button“ gekriegt. Hat ’ne Menge Kraft und Nerven gekostet. Und auch heute noch werden uns große Steine in den Weg gelegt. Obwohl er sich prächtig entwickelt (für seine Verhältnisse!) wird meist das gesehen, was er nicht kann oder falsch macht.

  • Vera

    Wunderbar geschrieben!
    Und bei all der Dramatik, besonders für unsere Kinder, bleibt uns allen der Humor und Einfallsreichtum.
    Danke für diesen erfrischenden Einblick.

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