Gastbeitrag: „Autistin allein unterwegs“ – Tanjas Reise nach Russland und Kasachstan

Gastbeitrag von Tanja:

Ich bin knapp 35 Jahre alt. Weiblich. Habe drei Kinder und bin verheiratet. Unser ältester Sohn ist Asperger-Autist. Ich stecke gerade selbst in der Autismusdiagnose.
Noch nie in meinem Leben verreiste ich alleine. Zumindest nicht so weit.

Letztes Jahr las ich in einem Buch über die Sehnsucht eines Autisten nach Reisen. Er, der Autor, beschrieb seine Reisen so selbstverständlich, dass ich einfach nicht glauben konnte, dass es möglich war. Wie sollte das gehen? Alleine.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich selbst dazu in der Lage war. Mehr noch, dass ich nur wenige Monate später alleine in einem Flugzeug sitzen und eine sehr weite Reise unternehmen würde.

Meine Reiseziele lauteten: Russland/Kasachstan.
Als ich meinen Kindern davon erzählte, fragten sie verwundert, ob es dort Flughäfen gibt. Ja, die gibt es. Viele sogar.

Ich kann nicht genau sagen, warum ich gleich eine so weite Reise unternehmen musste. Warum ich nicht mit kleinen Schritten beginnen konnte.
Der Autismus macht meine Handlungen manchmal unberechenbar. Sogar für mich.

Foto von Tanja

Wie kommt es dazu, dass ich, eine Frau, die nie in ihrem Leben alleine ein Flugzeug bestieg, gleich so etwas machte? Aus einem unbedachten Spruch, aus einer laut ausgesprochenen Idee kam so etwas heraus.

Und das war so:
Jedes Jahr fährt mein Mann mit den Kindern in einen Papa-Urlaub. Jedes Jahr genieße ich die zwei bis vier Tage allein zu Haus. Ich lese, esse Fisch (meine Kinder hassen Fisch) und genieße die Ruhe. Dieses Jahr wollte mein Mann gleich für acht Tage verreisen. Ans Meer. Zelten war angesagt.

Was ich die ganze Zeit machen würde, wollte mein Mann von mir wissen.
Ich kann doch nicht acht Tage lang Bücher lesen, dachte ich.
Oder doch?
Aus einem unerklärlichen Impuls heraus, sagte ich zu meinem Mann: “Also, wenn ihr für acht Tage ans Meer fahrt, dann fliege ich nach Russland!“
Mein Mann arbeitete am Computer, sagt kurz „ok“ und blickte nicht mal auf. Mein Gesicht blieb ruhig, aber innerlich bekam ich Angst. Jetzt hatte ich das gesagt. Und was ich sage, mache ich auch. Ach du meine Güte!
Zwei Tage lang konnte ich nicht schlafen. Ich war ein Zombie. Angst, Panik, aber auch Neugier packten mich.

Die ersten 16 Jahre meines Lebens hatte ich in Kasachstan gelebt. Mit 16 Jahren kam ich nach Deutschland. Das letzte Mal war ich in Kasachstan vor ca. 19 Jahren gewesen. Vielleicht war es an der Zeit, das Land wieder zu besuchen? Die Idee nahm Gestalt an und reizte mich mehr und mehr.

Als ich mich beruhigt hatte, handelte ich schnell. Das muss ich, sonst bin ich wie gelähmt vor Angst und dann passiert gar nichts mehr.

Ich machte mir einen Plan. Informierte alle Menschen, die ich in den beiden Ländern kenne, über meine Pläne. Es sah gut aus. Sehr gut sogar.
Zuerst wollte ich zu meiner Freundin nach Russland fliegen. Sie lebt dort zwar erst seit einigen Jahren, kennt sich aber im Land besser aus als ich. Sie würde mich am Flughafen abholen, mir ihre Stadt zeigen und danach sogar mit mir zusammen nach Kasachstan fahren. Es konnte nichts schief gehen, dachte ich, und begutachtete meine etwas hässlichen Tickets.

Doch dann lieg alles schief. Meine Freundin musste dringend ins Krankenhaus. Eine schwere OP stand ihr bevor. Sie bat mich unter Tränen, die Reise zu verschieben. Ich beruhigte sie. Schrieb ihr, sie solle sich keine Sorgen machen. Es werde alles gut werden.
Das schrieb ich ihr. Selbst zerging ich vor lauter Angst.
Wie sollte das jetzt gehen? Ich würde mitten in der Nacht ankommen. In einem mir fremden Land. Und da würde niemand sein! Niemand, der auf mich wartet.

Ich rief im Reisebüro an.
„Oh, kein Problem. Wir können die Reise absagen“, sagte die Dame am Telefon. „Allerdings bekommen Sie im besten Fall ca. 100,- € zurück.“
Ich hatte mehr bezahlt. Viel mehr. Das Geld war aber nicht das Problem.
Das Problem waren die Worte. Worte der Erklärung, die ich dann an all die Menschen, die auf mich warteten, richten müsste. Das konnte ich unmöglich erklären. Lieber flog ich.
Nach einigen Tagen des Verarbeitens konnte ich wieder klar denken. Ich machte mir einen Handlungsplan:

1. Ich buche beinahe auf dem Flughafengelände in Russland ein Hotel. Wenn ich also um 3:40 Uhr morgens ankomme, muss ich nur 50m laufen und schon wartet ein Bett auf mich.
2. Mein Mann ruft Kollegen und Bekannte in Russland an und organisiert eine Begleitung für mich. Ein Mann namens Dennis bringt mich mit seinem Auto von Russland nach Kasachstan. Dass er selbst zum ersten Mal in dieses Land reisen wird, erfahre ich erst später.
3. Ich buche in der Stadt (Kasachstan), in der ich geboren bin, ein Zimmer für fünf Nächte.
4. Ich schreibe meiner Freundin (die mit der OP), dass ich am vorletzten Tag zu ihr komme und sie mir für den Morgen des Abflugtages ein Taxi bis zum Flughafen bestellen soll.
Ich liebe Pläne. Sie geben mir Halt. Ohne Plan bin ich verloren. Meistens mache ich mir noch einen Plan B und einen Plan C, aber das ist nicht das Thema.

Foto von Tanja

Anfang Juni saß ich also in einem Flugzeug. Ich starrte krankhaft verbissen auf die Tragflächen und rechnete fest damit, dass sie gleich abfallen würden.
Zu Hause auf meinem Arbeitstisch lag eine Liste mit all meinen Passwörtern, Internetadressen und Codes.
„Sollte mir etwas passieren, lösche alle meine Accounts“, sagte ich zu meinem Ehemann vor der Abreise.
Kann man jetzt in etwa nachvollziehen, wie groß meine Angst vor dem Flug war? Ich mach`s trotzdem. Manchmal weiß ich nicht, ob ich mutig oder doch mehr verrückt bin.

Foto von Tanja

Die Tragflächen fielen nicht ab. Wir landeten sicher in Moskau.
Dort erwartete mich der nächste Schock. Ich wusste nicht wohin. Der Flughafen war riesig und mehrstöckig. Alle Passagiere gingen weiter. Warfen mir genervte Blicke zu und baten mich, zur Seite zu gehen. Ich sah Tafeln. Da stand auf Russisch „Ausgang“, „Transit“ und noch viel mehr.
Mein Russisch ist viel schlechter als ich dachte. Ich konnte lesen, verstand aber beim besten Willen nicht, was diese Wörter bedeuteten. Ausgang wohin? Und was heißt „Transit“?
Eine adrette Dame in glatt gebügelter Uniform kam auf mich zu. Ich heulte fast. Bat um Hilfe. Sie erklärte mir das Wort „Transit“ und zeigte mir die Richtung. (Transit heißt so viel wie Weiterreise.)
Ich folgte diesem Wort und war abermals überfordert. Alles war groß und laut. Es war so laut. Meine Sinne waren kurz vorm Explodieren. Ich war müde. Ich mochte nicht mehr. Ich wollte nach Hause und weinen. Und zwar in dieser Reihenfolge…

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Seid Ihr neugierig, wie es weiter ging?
Tanja hat einen eigenen Blog und dort ausführlich über ihre weitere Reise berichtet. Schaut Euch doch dort mal um:

 

Tanjas Blog
Oder über Facebook

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Tanja schrieb mir noch:

Kasachstan hat mich umgehauen. Ich empfand so viel Liebe, Bewunderung und Wärme, dass es mich bis heute nicht mehr loslässt. Die Menschen und die Landschaft werde ich immer „in meinem Herzen tragen“. (RW)

Ich glaube, ich werde es wieder machen. Das Fernweh hat mich gepackt. Jetzt weiß ich ja, was „Transit“ auf Russisch bedeutet. (Ironie)

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