Gastbeitrag: Autismus und das Problem mit der Schulpflicht

Gastbeitrag von Frieda

Tommy war zwar von Geburt an auffällig, aber so richtig problematisch wurde es dann auf der weiterführenden Schule. Nach der Grundschule musste Tommy auf eine Regelschule wechseln.

Die erste Zeit funktionierte das auch recht gut. Er war ein sehr stilles Kind, die mündliche Mitarbeit fehlte gänzlich. Das war Thema bei jedem Elternsprechtag. Außer dass Tommy über die Lautstärke auf den Fluren und in den Pausen klagte, schien er sich dort aber sehr wohl zu fühlen.
Er hatte eine sehr nette und verständnisvolle Klassenlehrerin und in seiner Klasse gab es einen Schulhund. In den Pausen durfte er die Lehrerin oft zu den Gassi-Gängen begleiten, da der Lehrerin aufgefallen war, dass Tommy in den Pausen immer abseits und allein war.

©Quelle pixabay: User adonyig, vielen Dank!

Alles in allem hatte Tommy es mit dieser Schule gut getroffen. In der sechsten Klasse erkrankte er dann an der Schweinegrippe. Diese hatte ihn mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt und insgesamt ziemlich geschwächt.
Von daher dachte ich mir erst einmal nichts Schlimmes dabei, als Tommy immer wieder krank zuhause bleiben musste. Ich dachte, das seien eben die Nachwirkungen der schlimmen Grippe. Ich habe versucht, sein Immunsystem zu stärken und ihn mit Vitaminpräparaten usw. aufzupäppeln.
Leider wurde Tommy immer häufiger krank und die Phasen der Krankheit immer länger. Wir konsultierten mehrere Ärzte, es wurden alle möglichen Untersuchungen gemacht. Leider ohne Erfolg. Offensichtlich schien Tommy gesund zu sein und die Ärzte konnten nichts feststellen.
Natürlich kamen dann aufgrund der vielen Fehlzeiten auch erhebliche Probleme in und mit der Schule hinzu – ein Teufelskreis begann.

Tagesklinik und Diagnostik

Tommy kam in eine Tagesklinik, in der geklärt werden sollte, woher seine Beschwerden kommen. Leider war es für Tommy dort kaum zu ertragen, da es für ihn keine Möglichkeit gab, sich zurück zu ziehen. Er sah sich mit anderen Jugendlichen konfrontiert, die ihn provozierten und die die Regeln brachen, wo immer es ging. Auch das war für Tommy nur schwer zu ertragen, da er selbst ja sehr regeltreu ist.
Obwohl der Termin zur Autismus-Testung genau in dieser Zeit war und somit auch in der Tagesklinik bekannt war, dass der Verdacht besteht, dass Tommy Autist ist, wurde darauf keine Rücksicht genommen. Es war eine schlimme Zeit für die ganze Familie und wir beendeten den Aufenthalt dort auf eigenen Wunsch.

Durch den Aufenthalt in der Tagesklinik wurden die Lücken in der Schule zu einem riesigen Problem und Tommy verweigerte den Schulbesuch immer mehr. Also haben wir uns dazu entschlossen, dass Tommy die Klasse freiwillig wiederholt. Wir hatten die Hoffnung, dass ihm so ein großer Druck genommen wird und alles wieder in Ordnung kommen würde.
Für drei Wochen sah es auch tatsächlich so aus, als würde Tommy nun die Schule wieder regelmäßig besuchen können. Dann wurde er das erste Mal wieder krank. Bereits nach kurzer Zeit war klar, dass die Fehlzeiten wieder deutlich zunahmen.

Attestpflicht und Druck von außen

Die Schule musste sich absichern, weil die Schulpflicht nicht mehr erfüllt wurde. Wir bekamen eine Attestpflicht auferlegt für jeden Schultag, den Tommy fehlte. Das ging ein paar Wochen so, dann haben uns die Ärzte aber das Ausstellen eines Attestes verweigert, da sie ja organisch nichts finden konnten. Tommy wurde von allen Seiten unterstellt, er würde die Schule schwänzen.
Natürlich lag das in den Augen der Schule und der Ärzte daran, dass wir als Eltern wohl nicht hart genug durchgreifen würden. Der Druck von außen wurde immer größer. Auch für mich war das Ganze kaum noch zu ertragen. Die ganzen Termine ließen sich auch nicht mehr mit meiner Berufstätigkeit vereinbaren.

Webschule als Alternative wird nicht genehmigt

Also begann ich im Internet zu recherchieren, welche Alternativen es für Tommy geben könnte und bin auf die Möglichkeit einer Webschule gestoßen. Für mich war das die Lösung all unserer Probleme. Also habe ich mich an das Jugendamt gewandt, welches ja hierfür der Kostenträger ist. Tja, da hatte ich die Rechnung wohl ohne den Wirt gemacht.
Die Mitarbeiterin des Jugendamtes machte mir ziemlich unmissverständlich klar, dass das Jugendamt eine Webschule niemals bewilligen würde. Es wäre wichtig, dass Tommy regelmäßig die Schule besuche, die sozialen Kontakte wären sehr wichtig.
Nach diesem sehr unerfreulichen Termin, bei dem Tommy anwesend sein musste, brach Tommy erst einmal wieder gänzlich zusammen.

Depressionen und vorübergehende Hausbeschulung

Es folgte eine Zeit, in der Tommy immer depressiver wurde. Trotz der Hilfemaßnahmen, die wir dann durch das Jugendamt bekamen (Autismus-Förderung und Lerntherapie), konnten wir das Ziel eines regelmäßigen Schulbesuchs nicht erreichen. Im Gegenteil, die Depressionen wurden so schlimm, dass Tommy wochenlang nicht mehr aufgestanden ist und sich nur noch in seinem dunklen Zimmer verkroch.
In dieser Zeit ist es uns gelungen, zumindest vorübergehend eine Hausbeschulung über das Staatliche Schulamt gewährt zu bekommen. Zusätzlich musste Tommy mit einem Antidepressivum behandelt werden. In diesen Wochen ist Tommy sichtlich aufgeblüht und es ist ihm auch gelungen, schulisch wieder den Anschluss zu finden.

Erneuter Schulbesuch und Reizüberflutung

Das hieß aber auch, dass Tommy nach den Sommerferien wieder regulär zur Schule gehen musste. Die ersten beiden Wochen liefen dann auch wirklich super, dann fing das ganze Dilemma allerdings von vorne an. Zum Glück hatte die Schule mittlerweile viel mehr Verständnis, alle Seiten hatten inzwischen dazu gelernt und wir haben gemeinsam versucht, Lösungen zu finden, wie es Tommy erleichtert werden kann, den Schulalltag zu meistern. Leider hat nichts wirklich geholfen.

Ich möchte an dieser Stelle ganz deutlich sagen, dass an dieser Situation niemand Schuld hat. Tommy mag alle seine Lehrkräfte, er mag seine Mitschüler. Er wird nicht gemobbt und alle versuchen, seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Aber jeder Tag in der Regelschule bedeutet eine so enorme Reizüberflutung für Tommy, diese Reizüberflutung und das Masking kostet ihn so viel Energie, dass er dann mehrere Tage benötigt, um sich wieder so weit zu erholen, um erneut einen Tag in der Schule durchstehen zu können.
Ich denke, es ist unnötig zu erwähnen, dass dadurch auch alle anderen sozialen Kontakte auf der Strecke bleiben. Es sind dafür einfach keine Kraftreserven übrig.

Corona und digitaler Unterricht

Wie viel leichter alles für unsere ganze Familie sein könnte, hat sich in der Zeit des Lockdowns durch Corona gezeigt. Der Unterricht auf digitalem Weg war für Tommy eine solche Erleichterung. Er konnte jeden Tag aufstehen, konnte das Antidepressivum absetzen und hatte wieder Interesse an Unternehmungen.
Nun ist Tommy in seinem Abschlussjahr für den Realschulabschluss. Wir alle hoffen, dass er den Abschluss schaffen wird, damit er anschließend die Ausbildung in seinem Wunsch-Beruf machen kann. Die Schule unterstützt uns, so gut es geht. Seine Klassenlehrerin hat veranlasst, dass Tommy immer digital mit dem aktuellen Schulstoff versorgt wird, da er es maximal einmal in der Woche schafft, die Schule zu besuchen.

Unterstützerteam an Tommys Seite

Tommy wird unterstützt durch seine Autismus-Förderkraft, die ihm hilft, die alltäglichen Dinge des Lebens (z.B. Einkaufen gehen) zu meistern; in der Schule durch eine BFZ-Kraft, die ihm bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite steht und durch seinen Lerntherapeuten, der Tommy immer wieder hilft und ihn motiviert, versäumten Schulstoff aufzuarbeiten und den Anforderungen der Schule überhaupt gerecht zu werden. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an alle, die uns hier so tatkräftig unterstützen und damit natürlich auch mich stark entlasten!

Mittlerweile haben wir uns mit ein paar Müttern zusammengefunden und eine Selbsthilfegruppe gegründet. Durch den Austausch mit anderen Betroffenen weiß ich, dass Tommy kein Einzelfall ist. Es gibt viele autistische Kinder, die den Schulbesuch in einer Regelschule nicht aushalten können. Leider gibt es bislang keine wirklichen Alternativen.
Deshalb ist es uns so wichtig, unsere Geschichte zu erzählen und auf diese Problematik aufmerksam zu machen. Unsere Kinder passen einfach nicht in dieses Schulsystem. Trotzdem haben sie ein Recht auf Bildung und einen guten Schulabschluss. Hier muss noch viel passieren.

Es würde mich brennend interessieren, ob es noch andere Eltern gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Also bitte traut euch und hinterlasst uns gerne einen Kommentar. Das würde mich wirklich sehr freuen.
Ganz herzliche Grüße – eure Frieda

Dieser Beitrag stammt Original von Tommys Blog .
Vielen Dank für das zur Verfügung stellen auf „Ellas Blog“.

Weitere Informationen zum Thema „Autismus & Schule“ bitte HIER nachlesen

12 comments

  • sandra

    uns geht es ganz ähnlich…ich hätte grosses interesse am austausch

  • Bea

    Oje, mir kommt das alles so bekannt vor! Bei uns ist Schule auch wirklich zur harten Belastungsprobe geworden. Ich zähle faat schon die Wochen, kann es kaum erwarten, bis meine Tochter wechseln kann vom Regelgymnasium auf ein Berufskolleg. Obwohl sie der Überzeugung ist, das lohne sich alles nicht, sie würde sowieso nicht älter werden als 20 – wenn überhaupt (15 ist sie jetzt, in der EF). Hier knallt gerade Pubertät auf Autismus auf ADHS, gekrönt von Depression…die pralle Freude! Ganz ehrlich, hier die Zuversicht und ein bisschen Humor zu behalten, ist echt schwer. Bin froh, daß wir gerade evtl einen hoffentlich brauchbaren Therapeuten für meine Tochter gefunden haben, ich bin nämlich zZ öfter mal mit meinem Latein am Ende!

    Schule kann ich im Prinzip nicht mehr ernst nehmen, dieser defizitorientierte Blick auf alles macht mich fertig, da ist kein Land in Sicht! Und es stimmt, da gibt es irgendwie rein gar nix, das passt, keine brauchbare Alternative. Man muss diesen Mist (hier kann ich es ja mal sagen :) hinter sich bringen, irgendwie….

    Und dabei soll man auch noch optimistisch bleiben, damit man die Power für zukünftige Kämpfe behält. Und wir hatten echt schon einige davon … O_o

    An derselben Schule war übrigens auch schon meine ältere Tochter (NT, ist jetzt 20). Die ist so durchgeflutscht, super Abi gebaut, abgehakt. Und ich war eine dieser Mütter, die null Ahnung hat, was im Bio oder in Mathe gerade dran ist, Klausurtermine unbekannt…da sind wir jetzt aber echt auf einem ganz anderen Planeten unterwegs!

    • Silke

      Liebe Bea, die Erfahrung mit der älteren NT-Tochter ist bei mir identisch, das lief einfach so….. mein Sohn war allerdings auf einer ganz anderen Schule.
      Ich wünsche Dir und Deiner Tochter, dass es doch noch besser wird und nicht nur die Defizite gesehen werden. Ich weiß, irgendwann verliert man den Glauben daran – ich wünsche es Euch trotzdem von Herzen, Silke

    • Marion

      Meine Tochter ist jetzt auch 20 Jahre alt. Die ersten Jahre brauchte sie auch viel Unterstützung bei den Aufgaben für die Schule. Aber ab der 6. Klasse lief es bei ihr auch gut. Und ab Klasse 8 habe ich auch kaum noch etwas von Hausaufgaben, Klassenarbeiten o.ä. mitbekommen. Das lief einfach. Und ab der Oberstufe war ich auch völlig raus.

      Dafür stehe ich jetzt bei meinem Sohn auch im Abschlussjahr noch in sehr engem Kontakt mit der Schule und den Lehrern. Wir alle hoffe sehr, dass er es schafft mit dem Realschulabschluss. Kognitiv ist das überhaupt kein Problem, aber die Fehltage sind ein riesiges Problem.

  • Tanja

    Hallo,
    ich kann mich allem nur anschließen, daher fühlen und durchleben wir die gleichen Situationen. Es fällt und steht mit den Personen die einen gerade begleiten.
    Therapeuten zeigen teilweise keine Ausdauer, Lehrerwechsel mit einer anderen Haltung….
    Dazu muss ich erwähnen, das wir nur einen Sohn (14) haben und manchmal fehlt einfach der Vergleich eines Geschwisterkind…. wir Eltern zweifeln dann schon mal an uns, besonders bei Äußerungen von Lehrern, die ja schließlich 4 Kids haben…. diese lassen uns wirklich mit einem Gefühl von nicht fähig da stehen und das raubt Energie zusätzlich zu der Enttäuschung der Therapeuten…… und kämpfen mit Ämtern, Verlust von Freunden die es nicht mehr hören mögen…. und und und…..
    Was wir uns wünschen, individuelle Möglichkeiten für unsren Sohn, keine pauschalierte Maßnahmen und vor allem Ruhe, Zeit und Geduld.
    Es schlummern so viele Talente und Fähigkeiten in unseren Kids, die durch ständiges zensieren von Schule, Gesellschaft und System unterdrückt werden.

  • Ines

    Hallo ihr Lieben hier, Tanja du hast es mit auf den Punkt gebracht, ja auch Freunde die sich zurück ziehen,die fast täglichen Kämpfe um Kleinigkeiten und immer die ersten 4 Stunden war ja noch Alles gut aber dann ging nichts mehr…Danke Euch das ich mich hier verstanden fühle LG Ines

  • Jürgen

    Hallo,
    war bei uns genauso: ab 7. Klasse Waldorf immer mehr verweigert (OK jetzt, nach der Diagnose wissen wir, dass Waldorf das Schlechteste war, wg. der grossen Klassen), dann der Lichtblick: eine Schule, die genau das (Zurückziehen, Ruhe etc.) bot, an der Alle (Eltern, Schüler, Lehrer) glücklich waren (die Kinder/Jugendlichen und Lehrer sind sogar in den Ferien dort hin) – eine demokratische Schule:-) In Bayern- undenkbar:-( So wurde diese von der bayerischen Regierung nach zwei Jahre Betrieb mit aller Gewalt geschlossen: zum Wohle der Kinder:-P
    Jetzt sind wir an einer Fernschule- bassd scho- aber der kleine Blick ins Licht der demokratischen Schule, brennt immer noch auf der Netzhaut;-)
    HG Jürgen

  • Tina

    Ich dachte eben du schreibst über unser Kind. Meine Tochter ist jetzt 17 Jahre und in der 9. Klasse Realschule. Auch wir haben Attestpflicht. Zum Glück haben wir eine sehr gute Psychiaterin die uns tatkräftig unterstützt. Wir warten händeringend auf einen Klinikplatz da die Depressionen so schlimm sind. Die Wartezeiten liegen auch im Jugendbereich bei 5 Monaten. Obwohl sie selbstverletzendes Verhalten hat kommen wir nicht früher dran. Ich werde sie jetzt wohl bis zum Klinikaufenthalt krankschreiben lassen und mich beim Amt für Arbeit erkundigen. Es gibt das Berufsvorbereitende Jahr mit Internatsanbindung. Hier kann sie ihren Hauptschulabschluss zumindest nachholen. Wir denken momentan nur noch von Woche zu Woche. Danke für deinen tollen Beitrag Frieda.

  • Gabriele

    Falls es jemanden interessiert: In Österreich gibt es legales Homeschooling. Beratungen machen auch die Freilerner. Hier am Bodensee/Vorarlberg kann man in Deutschland arbeiten und auf ausländischer Seite wohnen.

  • Jule

    Oh man das kommt mir so bekannt vor. Ich finde es sehr traurig das das den Kindern angetan wird. Wir Eltern müssen schon viele kämpfe ausfechten. Bei uns, ich bin alleinerziehend, prallen gerade auch Autismus, Pubertät, Erschöpfungssyndrom, Depressionen, zusammen. Zu alledem kämpfe ich gerade um das Ruhen der Berufsschulpflicht für ihn und bräuchte auch noch Rechtliche Unterstützung, also falls jemand mir einen guten Rechtsberater empfehlen kann? Gerne per E-Mail antworten. Man droht mir nämlich mitlerweile mit Ordnungswidrigkeitsverfahren. Es ist echt hart zur Zeit. Ich könnte schon manchmal 🤮 Als ob es nicht schon genug ist was mein junge durchmachen muss. Nein das reicht nicht, wir müssen die Mutter bestrafen das sie mit ihren jungen so gut zurecht kommt.

    Sorry für den Schwall aber ich verstehe momentan die Welt nicht mehr.

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