Frühlingsgefühle

Manche Menschen haben im Frühling mit Heuschnupfen oder anderen Allergien zu kämpfen. Bei uns ist es jedes Jahr immer wieder die Wahrnehmung, die verrückt spielt.

In letzter Zeit hörte ich verstärkt auch von anderen Familien, dass es eine schwierige Jahreszeit mit ihren autistischen Kindern ist: sie sind impulsiver als sonst, unruhiger und die kleinste Abweichung vom Gewohnten führt zu noch mehr Chaos und Wutausbrüchen als sonst.
Ich hatte schon einige Male davon berichtet, was bei uns die Auslöser für plötzliche Aggressionen und Ausbrüche sind. Niklas schlägt dann plötzlich um sich, rennt panisch davon oder knallt die Türen zu, so dass der Putz von den Wänden bröckelt:
Es ist für ihn schwer auszuhalten, wenn die Vögel laut zwitschern. Daher bleiben bei uns den ganzen Tag über die Fenster geschlossen.
Wenn wir zu einen Ausflug mit dem Auto aufbrechen, nutze ich die Zeit zum Lüften, denn wenn wir wieder zuhause ankommen, wird sofort alles wieder verschlossen.

Wolken und Sonne
©Silke Bauerfeind, Schweden Siljansee


Die Lichtverhältnisse sind schmerzhaft für seine Augen. Früher hatte ich festgestellt, dass es vor allem die Helligkeit ist, die ihm zu schaffen macht. Inzwischen bemerke ich, dass es auch der Wechsel von Hell und Dunkel ist, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben. Sobald die Wolke wieder verschwindet, kreischt Niklas, schlägt die Hände vor´s Gesicht oder zieht sich eine Decke über den Kopf. Es tut mir immer in der Seele weh, wenn ich miterlebe, wie er sich dabei quält.
Hilfsmittel wie Sonnenbrille oder Kopfhörer und ähnliches toleriert er nicht an sich, daher hilft wirklich nur, diese Jahreszeit irgendwie auszuhalten und die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass es leichter für ihn und damit für uns alle wird: Fenster geschlossen halten und Vorhänge zuziehen.

Quelle: pixabay, User Pexels

Und wie sieht es mit meinen Frühlingsgefühlen aus?
Manchmal geht so ein Wellen durch meinen Bauch, weil… nein, nicht weil ich frisch verliebt bin, sondern weil ich mir oft Gedanken darüber mache, ob es wirklich „nur“ die Wahrnehmung ist oder noch andere Dinge nicht passen und Niklas eventuell krank ist. Dieses ständige Abwägen zwischen normal-autistischen Verhaltensweisen und möglichen Erkrankungen, die behandelt werden müssten, zermürbt manchmal.

Wenn es die anderen Verpflichtungen erlauben, nutze ich die Zeitfenster, wenn Niklas in der Schule ist, um auch draußen zu sein. Ich habe festgestellt, dass es für mich weniger frustrierend ist, mit ihm im Haus zu bleiben, während alle anderen draußen spielen und sich auf ihren Terrassen wohlfühlen, wenn ich andere Zeiten dafür bewusst für mich nutze.
Wenn der junge Mann abends im Bett liegt, fange ich nicht direkt an, das Chaos des Tages aufzuräumen, sondern setze mich in die letzten wärmenden Frühlingssonnenstrahlen auf die Terrasse und atme durch. Der herumliegende Kram liegt ja auch später noch rum!
Und dann mache ich mir jeden Tag die schönen Momente bewusst, denn die gibt es ja auch ganz viel: ein lachendes Kind in der Abenddämmerung im Garten, Quatsch im Keller, wohltuende Nähe für beide bei Fußmassagen, tolle Gespräche per Gebärdensprache…..

Ich wünsche Euch ganz viele schöne Momente. Und ich wünsche Euch ganz viel Kraft, wenn es in Eurer Familie wegen der Frühlingsgefühle drunter und drüber gehen sollte und Euren Kindern wünsche ich, dass sie gute Strategien entwickeln können, um mit dem zeitweiligen Tohuwabohu um sich herum besser zurecht zu kommen.

Zum Weiterlesen:
Leserbrief: „Es kommt drauf an, was an Geräuschen noch dazu kommt.“

3 comments

  • Karin

    Ich Frage mich ob dein kleiner Cowboys oder so mag und ihm dann einen Hut kauft und zufälligerweise da hängt. Und du auch den gleichen Hut trägst und immer damit rumläufst im Haus ausser Haus beim Arzt etc. Und sagst oh es ist nicht mehr so grell. Ja doofe Idee vielleicht aber so könnte vielleicht der groschen fallen ohne Zwang. Ps bin auch Autist aber ich hatte nie Hilfe… wenn er gerne Bilder guckt und Angst vor Vögel hat ließ doch zufälligerweise immer offensichtlich neben ihm das Buch unsere singvögel. Und Schlepp es immer mit rum…..

    • Silke

      Liebe Karin, so einen Cowboyhut wollte ich schon immer mal haben :-) Schöne Idee, aber bei uns geht leider nichts dergleichen, auch keine Schals, Mützen oder Handschuhe im Winter… vielleicht ändert es sich noch, aber bisher sind Hilfsmittel jeglicher Art nicht möglich.
      Niklas interessiert sich auch sehr für Tiere, aber wenn gewisse Vogelarten zwitschern, dann sieht man richtig, wie ihm der Schmerz in die Ohren fährt. Aber klar, wir bleiben dran und ich denke auch, dass noch viel Entwicklung möglich ist.
      Danke Dir fürs Mitdenken und Deine Ideen und alles Gute :-)

  • Zarinka

    Ich persönlich mag Frühling und Sommer auch nicht wirklich. Zwar gefällt es mir dass es nun am Morgen wieder früher hell wird (bin Frühaufsteher) aber es gefällt mir nicht dass es jetzt auch wieder erst spät am Abend dunkel wird.

    (Mir würde es gefallen wenn es um 5 Uhr hell aber um 21 Uhr auch schon wieder dunkel werden würde.)

    Die Helligkeit der Sonne und der oft blaue Himmel machen mir ebenfalls sehr zu schaffen. Bin dankbar für jede Wolkenansammlung am Himmel, da sie für mich persönlich eine sogenannte natürliche „Gardine des Himmels“ darstellt.

    Verschwinden die Wolken jedoch ständig und lassen den Himmel und die Sonne wieder zum Vorschein kommen ist es für mich ähnlich als würde ständig jemand in meiner Wohnung meine Gardinen auf und zu schieben, oder die Rollos hoch und runter lassen.

    Ich brauche einfach meine eigenen (auf mein persönliches Wohlbefinden abgestimmten) Lichtverhältnisse.

    Selbst eine Sonnenbrille lässt mir immer noch viel zu viel Licht durch. Sie kann eigentlich gar nicht dunkel genug sein. Doch leider habe ich bisher noch keine passende und zufriedenstellende Sonnenbrille gefunden. Sie sind alle einfach zu hell für mich.

    Daher trage ich draußen zusätzlich noch eine Sonnenkappe. Doch lange ertrage ich diese nicht am Kopf, denn sie drückt sehr unangenehm an den Kopfseiten.

    Zudem fliegen nun auch wieder recht oft Insekten herum und das verursacht bei mir persönlich vermehrt Unruhe. Fenster bleiben bei mir tagsüber ebenfalls alle geschlossen und Rollos werden nur hoch gelassen wenn ich die Fenster am frühen Morgen für kurze Zeit mal öffne.

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