Friede, Freude, Notaufnahme

Den folgenden Beitrag schrieb ich im Januar 2016, nachdem wir turbulente und sorgenvolle Weihnachtsferien verlebt hatten. Ich hole ihn immer wieder gerne hervor, weil er auch gut zeigt, welche Kämpfer unsere Kinder sind, wie sie manchmal über sich hinauswachsen können (rw) und welche Strategien zur Verarbeitung es gibt.

Die Feiertage

Die Weihnachtsferien verliefen bis zum 26.12. bei uns eigentlich wie immer.
Wir trafen uns an den einzelnen Tagen mit der Familie und einer von uns Eltern blieb in ständiger Interaktion mit Niklas, während der andere sich auch mal zu der gemütlichen Mittags-, Kaffee- oder Abendrunde gesellen konnte. Manchmal kam auch eine andere Person auf die Idee, uns abzulösen, was uns dann sehr freute. V.a. Niklas` Schwester, die außerhalb studiert und über die Feiertage zuhause war, verbrachte gern Zeit mit ihrem Bruder. Das war wunderbar zu sehen und für uns zudem eine große Entlastung. ♥ Außerdem muss in diesem Zusammenhang auch noch die über 80-jährige Oma erwähnt werden, die alle Kräfte und all ihre Liebe aufbringt, um bei und für Niklas da zu sein. ♥
Niklas selbst wollte gern bei der Familie sein und alles miterleben. Wir fragten ihn zwischendurch immer wieder, ob es ihm zu viel ist, ob er sich zurückziehen möchte oder ob wir eine Runde Autofahren sollen, was ihn immer beruhigt. Manchmal wollte er sich tatsächlich einige Zeit zurückziehen, manchmal merkten wir aber, wie sehr er an sich selbst arbeitete, mit sich und seiner Wahrnehmung kämpfte, um bleiben und alles miterleben zu können. Ich habe das als eine großartige Leistung von ihm empfunden und ich liebe ihn dafür, dass er so gern mit allen zusammen sein möchte. Aber impulsive Handlungen bleiben dann leider nicht aus, so dass immer einer von uns an seiner Seite bleiben muss.

Der Unfall

Am 26.12. nachmittags lief er abseits des Kaffeetisches vergnügt durch das Haus bei Oma und Opa und rannte dann mit Anlauf durch eine Glastür, gegen die er „einfach mal so patschen wollte“. Das hielt die alte Tür nicht aus und so fiel Niklas samt Glasscherben durch den Türrahmen auf die andere Seite des Raums, landete auf den Scherben und blutete schrecklich. Es war ein ganz schlimmer Augenblick, später werde ich noch mehr dazu schreiben, zunächst zum Ablauf der Ereignisse.
Der Krankenwagen wurde sofort gerufen, in der Zwischenzeit drückten Niklas` Papa und ich seine blutenden Schnittwunden an den Unterarmen ab. Er blutete auch im Gesicht und auch sonst schien es überall zu tropfen. Wir waren nicht sicher, ob wir überhaupt schon alle Wunden entdeckt hatten. Der Krankenwagen war schnell da und Niklas bekam ein Beruhigungsmittel. Sicher war es eine Mischung aus Schock und Dormicum, die dazu führte, dass er relativ ruhig den Transport in die Klinik überstand. Dort wurde er sofort behandelt und es stellte sich zum Glück heraus, dass alle Wunden geklammert und geklebt werden konnten. Eine OP war nicht nötig. Was für ein Glück im Unglück! Er bekam einen Gips um den linken Arm, damit er an den frisch versorgten Wunden nicht herumkratzen würde und dann konnten wir wieder nach Hause.

An den folgenden Tagen mussten wir mehrfach zur Wundkontrolle. Beim ersten Mal war es eine Riesenkatastrophe, weil der Gips mit einer Säge geöffnet werden musste. Ich hatte selbst schon einige Male Gips und fand diese Säge auch immer unheimlich. Daher konnte ich Niklas` Angst sehr gut verstehen und für ihn kam noch das schreckliche Geräusch dazu. Es ging nur mit Beruhigungsmittel. Danach wurde der Gips wieder angelegt, aber nicht neu gegipst. Die beiden Schalen wurden mit Tape umwickelt, so dass bei den nachfolgenden Kontrollen eine Schere reichte, um den Gips zu öffnen. Das war für Niklas dann sehr viel besser zu ertragen.
Das Klammernentfernen hat er inzwischen auch schon hinter sich und da erstaunte er uns, als er ganz ruhig zusah und verfolgte, wie Klammer für Klammer von seinem Arm entfernt wurde.

Die Begleitumstände

Der Krankenwagen war sehr schnell da – die Sanitäter und die Notärztin waren super, gingen nach unserer Kurzinformation (frühkindlicher Autist, 16 Jahre alt, nicht sprechend, versteht aber alles, Grundmedikation) absolut angemessen und liebevoll mit ihm um.
Im Krankenhaus hatten wir es mit ebenso liebevollen Pflegern und Ärzten zu tun. Niklas musste so wenig wie möglich warten. Beim letzten Termin dort wurden wir noch ein wenig zum Thema Autismus befragt, was ich sehr gut fand. Denn jedes Wissen darüber, das wir streuen, kann vielleicht einem anderen Kind helfen.
Für die Nachkontrollen mussten wir uns einen niedergelassenen Orthopäden suchen, was wegen der Feiertage nicht so einfach war. Aber auch hier hatten wir Glück: trotz voller Praxis mussten wir nicht ins Wartezimmer, der Arzt war sehr ruhig, blieb gelassen bei allem Geschrei und Ausflippen und zeigte ehrliches Interesse an Niklas. Auch seine Kollegin, die an einem der Folgetermine übernahm, agierte absolut angemessen und liebevoll.
Das war wirklich schön zu erleben.

Das Verarbeiten

Niklas hat das alles sehr tapfer durchgestanden. Seine Wunden sind inzwischen – 11 Tage danach – gut am Verheilen. Zum Schutz hat er am Arm immer noch einen Gips, damit die frischen Narben bei seinem impulsiven Verhalten nicht wieder aufplatzen. Aber er macht das sehr gut mit dem Gips.

In den ersten Tagen nach dem Unfall gebärdeten wir die Ereignisse sicher 50 Mal von vorne bis hinten durch. Und Niklas erinnert sich an alle Details. Obwohl er sofort Dormicum bekam, weiß er noch ganz genau, was im Krankenwagen geschah – dass die Heizung angestellt wurde und er das nicht wollte und sie wieder ausgestellt wurde, dass er einen Bären geschenkt bekam, dass er angeschnallt wurde, dass eine Ampel auf dem Weg zur Klinik rot war, dass der Krankenwagen wackelte und schepperte, dass über ihm ein Sauerstoffgerät hing, dass er bei der Ankunft in der Klinik das Bett wechseln musste, dass die Sanitäter sich schnell verabschieden mussten, weil ein neuer Notfall wartete und und und. Es ist unglaublich, was er alles weiß und auf welche Details er geachtet hat.
Es ist auch sehr deutlich geworden, dass das Sprechen über alles, was geschehen war – bei ihm also das Gebärden über alles – seine Art ist, den Unfall zu verarbeiten. Und wir sind sehr froh, dass er sich uns so mitteilt und uns an seinen Gedanken teilhaben lässt.

Ich selbst kämpfe noch sehr mit mir und in diesem Moment, in dem ich alles aufschreibe, schießen mir wieder die Tränen in die Augen. Gestern ging eine Lampe bei uns zuhause zu Bruch. Als es klirrte hatte ich wieder den blutenden Niklas inmitten der Scherben vor meinem inneren Auge. Es ist, als würde ein Film in mir aufflackern und ich hoffe, dass dieser Film bald nicht mehr da ist.
Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich den Unfall hätte verhindern können, was vorher war, ob ich es hätte ahnen können. Aber es ist müßig, sich diese Gedanken zu machen, denn trotz der ständigen Beaufsichtigung bleibt ein Restrisiko wie bei jedem anderen Menschen auch, der z.B. am Straßenverkehr teilnimmt. Es gibt keine 100%.
Er hätte tot sein können – die Scherben hätten an anderen Stellen einschneiden, zu inneren Verletzungen oder zum Verbluten führen können. Er hatte so großes Glück und ich bin so dankbar dafür und ich versuche, mich davon abzuhalten, mir schlimmere Szenarien vorzustellen.

Das waren unsere Weihnachtsferien und jetzt ist Niklas gerade in der Schule und präsentiert seinen tollen Gips.
Trotz seines eigenen Unfalls beschäftigte ihn in den Ferien sehr, dass einer seiner Mitschüler wegen eines entzündeten Zehs vielleicht operiert werden muss. Die Mama des Freundes hatte uns eine Mail deshalb geschrieben und diese Nachricht mussten wir immer wieder vorlesen, dann dort anrufen und erfragen, wie es dem Freund geht.
Da sage nochmal einer, Autisten seien unempathisch.

Herzlich, Eure Silke alias Ella

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus meinem Buch „Ein Kind mit Autismus zu begleiten, ist auch eine Reise zu sich selbst“ (Silke Bauerfeind, 2016, 360 Seiten)

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2 comments

  • Hilde

    Oh man, ich habe eine Gänsehaut. Das ist der Albtraum schlechthin, wenn das eigene Kind blutend vor einem liegt. Wenn dann noch diese Beeinträchtigung dazu kommt, spult sich gleich (zumindest bei mir) im Kopf alles ab, was noch passieren kann, was zu erwarten ist, usw.

    Es beruhigt ungemein, dass Ihr dennoch so gute Erfahrungen mit dem medizinischen Personal hattet, und dass Niklas dies alles doch anscheinend recht gut verarbeitet hat.

    Und nein: niemand kann sein Kind vor allem schützen. Gerade diese Geschichten lassen einen wachsen, so sonderbar sich das jetzt auch anhören mag. Das schlimmste was man seinem Kind nach so etwas antun könnte ist: in Watte packen (RW). Dann wird man nämlich zu einer übervorsichtigen Glucke, die letztendlich alle Erfahrungen, die unsere Kinder auch machen müssen (und somit ihr ‚Wachsen‘), erdrückt (ich will damit nicht sagen, dass ein Sturz durch eine Glastür toll ist! Aber das Erleben, dass man ihn respektvoll und behutsam behandelt, das ist wichtig).

  • Ella

    Danke, Du Liebe, Deine Worte tun sehr gut. Herzlichen Dank ♥

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