Franky über ihre Zeit als Autistin an der Uni

Liebe Franky, wann hast Du gemerkt, dass Du anders bist und wann hast
Du welche Diagnose bekommen?

Gemerkt habe ich es schon immer, das Anderssein. Aber erst mit 21 bin ich durch die Anregung einer guten Freundin auf Spurensuche gegangen. Meine Diagnose als Asperger Autistin bekam ich ein Jahr später.
Meine Mutter hatte schon als Kind eine Vermutung in diese Richtung, fand damals aber keinen Arzt, der ihr oder mir weiterhelfen konnte. Anfang der Neunziger war die Diagnose einfach noch nicht sehr bekannt.

Wie ging es Dir in der Schule?

Die Schulzeit war eher schwierig für mich. Vielleicht eben auch, weil niemand wusste was mit mir war. In der Grundschule, in einem überschaubaren Örtchen, war alles noch recht gut meisterbar. Ich hatte feste Bezugspersonen, die ich auch nachmittags um mich hatte wenn ich wollte, was aber nicht so oft der Fall war.
Nach der Grundschule wurde es eigentlich erst bewusst komplizierter. Fremde Menschen, ein ganz anderes Klima. Rauer, lauter, durcheinander. Es wurde zunehmend schwerer, sich auf den Unterricht und den Lernstoff zu konzentrieren und somit war ich nie so gut wie ich eigentlich hätte sein können.

Was war gut und was hätte besser laufen können?

Gut war mein Abitur später an einer Abendschule. Dort war die Klasse klein, die Mitschüler erwachsen und geordnet. Das war die beste Zeit und ich konnte einen sehr guten Abschluss machen. Für mich war, denk ich, vor allem die Größe der Klasse am schwersten. Individuen gehen unter und die Lehrer bemerken gar nicht, wenn jemand hinten runter fällt. Irgendwann schaltet man ganz ab und rettet sich in seine eigene Welt, denn teilweise war es in der letzten Reihe gar nicht mehr möglich, was von vorne mitzubekommen.

Und was studierst Du jetzt?

Ich studiere heute Wirtschaftsinformatik und hab Spaß dabei, meine Faszination für Zahlen mit wirtschaftlichen Aspekten vereinen zu können, um später mal meinen Lebensunterhalt damit verdienen zu können.

Wie kommst Du zurecht an der Uni? Was ist schwierig für Dich?

An der Uni sind für mich die voll besuchten Vorlesungen am anstrengendsten. Bis zu 500 Menschen sitzen in einem Raum, essen, erzählen vom Wochenende, rascheln mit Papier, wippen mit den Füßen, wackeln an Tischen. Ich reagiere auf Geräusche am empfindlichsten und dann aus diesem stetigen Pegel den Professor rauszufiltern ist ein Knochenjob.
Dabei hab ich schon Methoden für mich gefunden, besser zurecht zu kommen. Ich bin immer eine halbe Stunde früher da, um meinen festen Platz einzunehmen, von dem ich weiß, dass dort das Licht am seichtesten ist. Außerdem ist er am Rand und somit habe ich maximal einen Menschen neben mir sitzen. Wenn ich Glück hab, bleibt dieser Platz auch frei. Meine Konzentration ist geringer, wenn ich mich darauf einlassen muss, dass jetzt jemand neben mir sitzt.

Was könnte Dir darüber hinaus noch helfen?

Ich hab mir neulich vorgestellt, wie es wäre, solche Kopfhörer wie bei einer Silent Disco zu haben. Darüber würde man nur den Redner vorne hören.

Und wo läuft es besser als gedacht?

In der Mensa kann ich inzwischen essen gehen. Klingt banal, aber das war zu Beginn noch unvorstellbar neben diesen ganzen schmatzenden und klimpernden Kommilitonen. Da wappne ich mich mit Musik und gehe zu Zeiten, wo weniger los ist. Und dann sitze ich inzwischen ziemlich stolz da.

Was ist an der Uni im Vergleich zur Schule anders?

In der Uni muss ich nicht mitarbeiten, heißt niemand ruft einen auf und zwingt einen quasi zum Reden und jede Sekunde voll da zu sein. Wenn mein Kopf gerade abdriftet, weil irgendwo irgendwas glänzt, sich bewegt oder ein Muster an der Wand ergibt oder ich zum 10ten Mal noch einmal meinen restlichen Tagesablauf durchgehen muss, hat das keine direkten Folgen.
Und ich muss mich kaum mit anderen auseinander setzen. Es gibt also keine Gruppendynamiken, die ich verstehen und an die ich mich halten muss.
In beiden Umfeldern ist es laut und teilweise durcheinander, doch in der Uni weiß ich, dass am Ende des Semesters nur meine schriftlich abgegebene Klausur zählt und nicht, wie ich mich im Halbjahr davor hervorgehoben habe oder eben nicht. Das nimmt ein Stück weit Druck aus der Sache.

Hast du Zukunftspläne? Wie sehen die aus?

Beruflich würde ich gern nach dem Studium voll durchstarten. Dabei hoffe ich eine Firma zu finden, in der ein offenes und entspanntes Klima herrscht und ich meine Arbeit relativ selbstständig erledigen kann. Ich versuche auch, mich beständig weiterzuentwickeln und selbst zu konditionieren, um später auch ohne große Probleme mit Kunden arbeiten und mich vielleicht sogar mal selbstständig machen zu können.
Wenn das dann alles auf festen Füßen steht, möchten meine Partnerin und ich in die Familienplanung starten.

Was wünschst Du Dir von Deinen Mitmenschen?

Ich wünsche mir mehr Gespräche mit unvoreingenommenen Köpfen. Ich finde Fragen gut und wichtig, aber zu oft werden Antworten gar nicht ernst genommen bzw abgetan. Wenn man schon fragt, sollte man zuhören und verinnerlichen. Holt bitte die hohlen Phrasen und vorgefertigten Meinungen aus euren Wissenslücken und bestückt sie lieber mit Informationen!

Was ist Dir sonst noch wichtig zu sagen?

Ich hätte gerne die perfekte Antwort auf die Frage, die mir am häufigsten in meinem Leben gestellt wird:
„Also Menschen kann ich auch nicht so ab, bin ich jetzt auch Autist?“

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Zum Weiterlesen:

Jobcoach für Autistinnen – Interview mit Ina Blodig

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