Emma als Autistin im Krankenhaus

Emma (Name geändert) hatte bereits im Sommer letzten Jahres einen Beitrag über ihren Krankenhausaufenthalt und die Unterstützung durch eine Psychologische Begleitung geschrieben. Nun berichtet sie weiter:

Gastbeitrag:
Es ist schon einige Zeit vergangen, aber bis jetzt war ich noch nicht bereit, über die Operation bzw. die Wochen danach zu schreiben.
Dank der Psychologischen Begleitung wusste ich, dass jemand im Hintergrund ist und bei Bedarf die Ärzte eine Ansprechperson haben. Mir gab die Psychologin Sicherheit.
Im Spital wurde ich freundlich empfangen. Mein Zimmer teilte ich mit einer Frau, welche an Brustkrebs erkrankt ist. Schon in den ersten Minuten erzählte mir diese ihre Lebensgeschichte und da ich vom Fach bin, wusste ich schnell, wie ihre Prognose aussah. Am liebsten wäre ich gleich wieder nach Hause. Die Gefühle erdrückten mich.

Krankenhausbett

Ich blieb und ließ das ganze Procedere über mich ergehen. Mit etwas Temesta (Beruhigungsmittel) ging es super. Der Narkosearzt war sehr einfühlsam und erklärte mir nochmals alles. Was mich sehr beruhigte. Im Gegensatz zu dem OP-Pflegefachpersonal. Ich sei doch vom Fach, warum ich denn so nervös sei und ob ich noch nie operiert wurde.
Ich sagte einfach nichts. Denn es war mir wirklich zu blöd zu erklären, dass ich einfach Angst hatte, dass ich nicht genau wusste, was das Ergebnis der Operation war und allgemein hatte ich einfach Respekt, als Autistin operiert zu werden. Vielleicht war es, weil ich mich auskenne und die Risiken kannte.

Die Operation verlief problemlos, auch das Ergebnis war gut und ich konnte schnell durchatmen. Selbst die Aufwachphase verlief gut. Diese kann besonders kritisch sein bei Autisten*innen. Übergänge sind oft schwierig. In diesem Fall von der Schlafphase zur Aufwachphase. Insgesamt hat sich in der chirurgischen Pflege viel verändert. Heute ist es wichtig, dass die Patienten schnell aufstehen und sich bewegen. Was einer meiner größten Sorgen war, dass ich liegen bleiben hätte müssen. Denn mein Bewegungsdrang ist groß und was wäre gewesen, wenn ich nicht aufstehen hätte dürfen?
Aber ich durfte und das war gut so. Auch die Nacht verlief relativ gut.

Am anderen Morgen kam eine neue Patientin und für mich wieder dieses schlimme erdrückende Gefühl. Wieder Brustkrebs und diese Geschichte unterschied sich nur wenig von ihrer Vorgängerin. Auch hier wußte ich, wie die Prognose war und was auf diese Frau zukam. Vermutlich wirkte ich kalt und sehr zurückgezogen, aber es war zu meinem eigenen Schutz. Ich benötigte den Abstand, weil diese Gefühle nicht zu ertragen waren. Nach der Visite durfte ich auf eigene Verantwortung nach Hause.

Eigentlich lief alles gut und ich hätte glücklich sein können. Mit der Operation war alles erledigt. Allerdings kamen Probleme, mit denen ich nicht rechnete. Ich nahm Schmerzmedikamente und verpasste den Moment, diese zu reduzieren. Viel länger als notwendig nahm ich die Schmerzmedikamente ein.
Zusätzlich rauschte ich in ein emotionales Tief. Das hat mich am meisten überrascht. Im Nachhinein denke ich, dass ich die psychologische Betreuung weiterhin in Anspruch hätte nehmen sollen. Dies hätte diese Zeit um einiges leichter gemacht. Jetzt bin ich um eine Erfahrung reicher und mit dem Endes des Jahres 2018 kann ich diesen Teil gut abschließen.

Fazit: Die gute Vorbereitung der Ärzte hat sich sehr gelohnt. Alle waren sensibilisiert für den Bereich Autismus. Mit viel Feingefühl gingen diese damit um. Bei den Pflegefachpersonen war es wenig präsent. Dies vermutlich eher wegen der Arbeitsbedingungen und knappen Ressourcen. Eine weitere wichtige Erkenntnis: auch wenn alles gut läuft, eine psychologische Begleitung ist sehr wertvoll. Wichtig dabei ist, nicht nur vor und während der Operationszeit, sondern auch eine Begleitung danach. Unabhängig vom Alter und Hintergrundwissen. Übergänge können besser gestaltet werden und emotionale Veränderungen frühzeitig aufgefangen werden.

Zum Weiterlesen:
Wie eine Vermittlerin AutistInnen im Krankenhaus helfen kann

Arztbesuche-Checklisten für Eltern und Arztpraxen

One comment

  • Es ist schon über 16 Jahre her, da musste ich ebenfalls zur OP für eine Nacht ins Krankenhaus. Es war ein Routineeingriff, der nicht als dringlich eingeschätzt wurde. Dies hatte zur Folge, dass ich morgens gegen 8.00 Uhr zum geplanten OP-Termin einbestellt wurde, aber noch stundenlang warten musste, weil mehrere unerwartete Notfälle dazwischengekommen waren.

    Es gipfelte darin, dass ich kurz vor 16.00 Uhr (nach quälend langer Wartezeit) vom Chefarzt wieder nach Hause geschickt wurde, weil man es heute nicht mehr schaffen würde. Aus Sicht des Krankenhauses vielleicht verständlich (Notfälle können ja immer dazwischenkommen), aber für einen Autisten trotzdem der Horror!

    Ich bekam einen neuen OP-Termin und beim zweiten Mal kam ich zum Glück sehr zügig ran. Trotzdem graut mir davor, so etwas irgendwann erneut zu erleben. Sollte ich noch einmal zu einem OP-Termin erscheinen müssen, vielleicht werde ich versuchen, eine Begleitperson mitzunehmen oder gleich die Betreuung durch den psychologischen Dienst (den wird es hoffentlich in jedem Krankenhaus geben) zu beantragen, so wie Emma.

    Insofern vielen Dank für die wertvollen Anregungen, die der Artikel bietet!

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