Daniel über gelungene Botschaften, Kunst, Pausen und vieles mehr…

Daniel ist Autist und schickt mir immer wieder mal seine Gedanken zu verschiedenen Blogbeiträgen. Seine Sicht der Dinge ist äußerst interessant und mit der Veröffentlichung seiner Zeilen ist er einverstanden.

Gastbeitrag von Daniel:

Ich habe mir in der Zwischenzeit wieder neue Artikel auf „Ellas Blog“ durchgelesen und dazu folgende Anmerkungen, die gerne wieder veröffentlicht werden dürfen:

Interview mit Ludo Vande Kerckhove: „Neurotypische Menschen sollten sich vergewissern, dass ihre Botschaften ankommen.“:

Ein interessanter Artikel, mit der Thematik hatte ich noch nie etwas zu tun, freue mich aber immer, wenn ich etwas dazu lesen kann. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar dafür, dass ich viele Kanäle zum Mitteilen benutzen kann: Ich kann sowohl schreiben, als auch sprechen oder zeigen. Andere können sich das nicht aussuchen.

„Man sollte immer so fragen, dass der Befragte auch Erfolg mit seiner Antwort haben kann. Motivation ist Verständnis plus Erfolg“, so Vande Kerckhove. „Ich muss mich immer fragen: wie kann ich jemanden abholen und dafür sorgen, dass er dabei bleibt? Ich trage die Verantwortung für das Gelingen von Kommunikation. Und dann kann auch Freude an Kommunikation entstehen.“
Das kann man durchaus auch auf Gespräche mit Nichtautisten übertragen, ich werde es mal ausprobieren. Denn gerade bei diesen gibt es manche Gesprächsverläufe, die ich bis heute nicht verstanden habe und bei denen ich immer wieder raten muss, etwa, warum sich Leute mit anderen Personen länger unterhalten als mit mir. Obwohl wir über dasselbe Thema geredet haben.
Auf jeden Fall ist das ein sehr guter Artikel, der mich zum Nachdenken angeregt hat.

Gastbeitrag von Maria: „Das hätte mir als Autistin in der Schule geholfen“:

Hier kann ich zu einigen Stichpunkten meine Erfahrungen aufführen (die Schulzeit habe ich komplett ohne Autismus-, dafür mit ADHS-Diagnose erlebt):
Ich denke, dass es mir oft schwergefallen ist, viele Wechsel zu akzeptieren. Sei es bei den Lehrern, den Klassenräumen, den Mitschülern und Mitschülerinnen… Zumindest ist da ein Gefühl in die Richtung, wenn ich mich zu erinnern versuche.
Ich war total genervt, als die Klasse, die ich in der 6. und 7. Jahrgangsstufe sehr gemocht und geschätzt habe, für die 8. Stufe neu zusammengestellt wurde. Die bisherigen Mitschüler wurden mit anderen Schülern des Jahrgangs vermischt.

Zu „Es wäre schön, wenn Sport und die musischen Fächer freiwillig wären und freiwillig benotet würden“: Bei Sport stimme ich zu, bei Musik mit Einschränkungen.
Ich komme mir auch heute noch sehr merkwürdig vor, wenn ich schnell laufe, und war in Leichtathletik-Disziplinen immer auf einem der letzten Plätze. Das wurde auch nie wirklich besser, und es hat mich richtig genervt, wenn wir wieder Kugelstoßen hatten (nur als Beispiel, hatten wir Kugelstoßen? Eventuell nicht. Hochsprung hatten wir aber sicher).
Weil ich wusste, dass ich weit hinten liegen würde, egal, welche Tipps man mir zum Lauf und zum Sprung geben würde. Insofern kann ich das gut verstehen, die Sportstunden waren für mich nicht nur körperlich, sondern mitunter auch geistig sehr anstrengend.
Musik mochte ich sehr, wenn auch eher die Musikgeschichte. Beim Singen war ich eher leidenschaftslos, und wenn das Singen damit gemeint ist, dann stimme ich zu, dass es freiwillig benotet werden sollte.

Will aber noch Kunst aufführen. Das fand ich total widersprüchlich, denn bei uns war Kunst im Prinzip Zeichnen. Aber bitte … Wenn ich zeichne, kommt ein abstraktes Gemälde raus, egal, wie viel Mühe ich mir gebe. Dabei ist Kunst doch viel mehr, Kunst ist es auch, wie wir etwa mit Worten umgehen, Sätze formulieren, Musikstücke komponieren … nur für das Kultusministerium scheinbar nicht. Das verstehe ich bis heute nicht.
Gut, es ist sicher einfacher zu organisieren, die Schüler durchgehend zeichnen zu lassen, als wenn man ein halbes Jahr lang kreatives Schreiben machen würde, dann Zeichnen und im nächsten Jahr Komponieren, etc. Aber besser fände ich es.

Zu “ Ebenso wichtig wäre Freiwilligkeit bei Pausenaktivitäten. Was spricht dagegen, im Klassenzimmer zu bleiben und zu lesen? Was kann dabei passieren?“:
Nichts. Ich war in der Pause meistens in der Bibliothek und habe gelesen, oder in der Ecke in der Aula gestanden, wenn ich mich nicht mit einem sehr guten Freund unterhielt. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Man sollte den Kindern Bewegung vielleicht nicht aufzwingen (das wird ja der Hintergedanke sein, wenn es heißt: Jetzt geht mal an die frische Luft).

Mit Lehrerkommentaren hatte ich persönlich weniger Probleme, aber mit der Lesbarkeit meiner Handschrift. Die ist nahezu nicht gegeben und das hat sich, trotz starker Bemühungen, bis heute gehalten. Ob das aber etwas mit Autismus zu tun hat oder nicht, das vermag ich nicht zu beurteilen.

Interview mit Wolfgang Gaß: „Ich möchte meine Fähigkeiten bei der NASA einbringen.“

Mir geht’s auch so, Mathe und Physik waren die Fächer, in denen ich fast zuverlässig Noten im unteren Drittel hatte – trotz zahlreicher Übungen, Nachhilfe, etc.
Aber ein anderer Aspekt ist auch sehr interessant: „Als Wolfgang anfängt, mir davon zu erzählen, spüre ich seine Begeisterung und Hingabe zum Thema sofort.“
Das ist mir jetzt bisher ein paar Mal passiert, dass ich das auch gespürt habe, und zwar ausnahmslos bei Autisten, wenn ich mich recht erinnere. Und das waren meistens auch sehr liebe, sympathische Menschen. Also dachte ich mir dann immer: Hey, ein Kollege, sehr erfreut. Meistens hatten wir schon über das Thema Autismus geredet, deswegen machte es da keinen Unterschied, aber es war trotzdem sehr nett. Es freut mich auch immer sehr, wenn man sich so für ein Thema begeistern kann, denn es ist sehr schön, so eine Möglichkeit zu haben, sich vom Alltag abzulenken.
Es freut mich sehr, dass Wolfgang eine Anstellung gefunden hat und ich bin sehr neugierig, wie es weitergeht. Wobei, nee, das klingt zu sehr nach einem Unterhaltungsroman, und im nächsten Heft lesen sie … das ist ja ein Mensch. Ich wünsche ihm, dass er noch lange dort arbeiten wird.

Zu „Warum ein Friseurbesuch für AutistInnen eine große Hürde bedeuten kann“:

Bis zu meinem elften Lebensjahr mindestens schnitt meine Mutter uns allen zuhause im Keller die Haare. Ab dann begannen meine Geschwister, zu einer Friseurin zu gehen. Ich ließ mir aber noch weiter die Haare zuhause schneiden und das wurde auch gestattet. Insofern habe ich da vermutlich großes Glück gehabt, dass es schon im Vornherein so verlaufen ist.
Mittlerweile gehe ich auch, seit fünf Jahren etwa, zu einem Frisör. Meistens zum Gleichen. Dann muss ich mich nicht auf Änderungen einstellen außer, dass eben ab und zu andere Leute meine Haare schneiden. Ich bin ja direkt froh drum, dass es mich nur stört, wenn man mich zu einem Gespräch bewegen will und unsanft in meinen Haaren umherfährt. Das Andere kann ich zwar in Ansätzen nachvollziehen, aber stören tut mich das nicht. Oder ich kann es gut ignorieren.
Da ist die Duftkerzen-Abteilung bei IKEA zum Beispiel um einiges schlimmer. Denn dort gibt es mehrere, starke Gerüche, die ich nicht ausblenden kann.

Zu „Franky über ihre Zeit als Autistin an der Uni“:

Der Text ist sehr lesenswert, den kann man sicher weiterverwenden.
Zur Uni hätte ich noch einen Tipp. Man könnte fragen, ob man den Vortrag des Professors/der Professorin aufnehmen darf, um ihn später in Ruhe anzuhören. Das habe ich in der Berufsschule mal eine sehr schnell sprechende Lehrerin gefragt, weil ich irgendwann genervt war. Andauernd bin ich mit dem Schreiben nicht hinterhergekommen und war am Ende ziemlich erschöpft.
Je nachdem, wie man fragt, wäre es aber auch gar nicht notwendig, zu sagen, dass man Autist_in ist. Einfach, dass es im Hörsaal sehr laut ist und man Probleme hat, zu verstehen. Aufnehmen lässt sich das mit dem Smartphone sehr gut (allerdings würde ich eine App mit einer besseren Aufnahmequalität empfehlen als die Standardprogramme), und dann kann man sich die wichtigsten Passagen am Ende noch einmal anhören, falls man möchte.

Zu „Stefanie über ihre autistische Tochter, den Umgang mit Zwängen und den Einsatz von TEACCH“:

Ich merke, dass Stefanie in Österreich wohnt, ich würde raten und sagen, sie wohnt in der Nähe von Wien, oder? (das musst du nicht beantworten, aber es ging mir gerade durch den Kopf).
Dieses „nur mehr“, etwa in „es darf am Tag nur mehr zehn Stück Plastik aufgehoben werden“, gefällt mir sehr. Und vor allem „Stück Plastik“. Ach, ich mag Dialekte. Später, beim Wort „Mäderl“ wird meiner Meinung nach deutlich, dass sie nicht in Hamburg wohnen kann ;-).

Es grüßt
Daniel

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