Daniel ist Autist und fragt in seinem Gastbeitrag: „Wie beendet man einen Kontakt?“

Gastbeitrag von Daniel (Name geändert) über die Frage, wie man Kontakte angemessen beenden kann:

In dem Beitrag „Wenn Bezugspersonen einfach so verschwinden“ hat Silke darüber geschrieben, dass sich manchmal hilfsbereite Menschen aus nicht nachvollziehbaren Gründen dazu entschließen, den Kontakt abzubrechen.
Jetzt bin ich, ohne diejenigen abwerten zu wollen, niemand, der einen Begleiter braucht. Aber diese Problematik kenne ich auch. Aus einem anderen Bereich.

Denn ich kommuniziere zu einem sehr großen Teil über Messenger oder E-Mails. Mit Freunden, Bekannten, Schulkollegen. Auch hier kam es schon des öfteren vor, dass eine Person, mit der ich mich prima verstanden habe, von einem auf den anderen Tag nicht sich schreibenmehr reagierte. Und ebensowenig auf spätere Nachrichten zu anderen Themen.
‚Warum?‘ habe ich mich oft gefragt und natürlich keine Antwort darauf gefunden. Mit der Zeit habe ich erkannt, dass mir wohl so eine Art Gen fehlt. Dieses macht es mir unter anderem schwerer, nachzuvollziehen, warum jemand schweigt. Kennt er sich im Gesprächsthema nicht so gut aus, muss er nachdenken, ist er anderweitig beschäftigt … und verbrachte viele Abende damit, nachzudenken, was an mir falsch ist und was ich besser machen sollte.

Dass ich Autist bin, ahnte ich damals noch nicht mal.
Auch auf vereinzelte Nachfragen zu dem Thema bei Freunden, denen ich wirklich sehr vertraue, bekam ich keine Antwort, die mich klüger machte.
Seitdem mir das zum ersten Mal bewusst geworden ist, verging viel Zeit. Mittlerweile habe ich eine Autismusdiagnose und weiß, dass ich in einigen Punkten anders bin. Mir fällt es etwa schwer, über ‚Belangloses‘ zu reden, dafür gibt es einige Themen, bei denen ich ein sehr vertieftes Wissen habe und über die ich stundenlang reden könnte. Nur gibt es leider wenige Gesprächspartner, die diese Themen ebenso interessant finden. Also bestehen zwei Gefahren.

1) Kein guter Gesprächspartner zu sein, wenn es um den Ehemann von Person XY geht (worüber sich die Person vielleicht mit wenig Mühe unterhalten könnte) und

2) Ein sehr anspruchsvoller Gesprächspartner zu sein, wenn es um meine Spezialinteressen geht. Hierzu könnte ich zwar viel sagen, mein Gegenüber aber nicht. Und ob er sich einen halbstündigen Monolog von mir anhören will? Vermutlich nicht.

Ich kann also halbwegs nachvollziehen, wie sich meine Schulkameraden früher gefühlt haben müssen. Was es nicht weniger schade macht, dass kein Kontakt mehr zu ihnen besteht.

Vor einiger Zeit ist mir dann aber Folgendes aufgefallen: Ich mache es genauso. Komisch, dass ich das nicht schon vorher bemerkt habe.
Denn es gibt Leute, mit denen macht es eine Zeit lang wirklich Spaß, sich zu unterhalten. Wir schreiben uns mitunter täglich jede Menge und verstehen uns großartig.
Nur: Irgendwann hat man sich dann gefühlt auch alles gesagt. Oder ist in der nächsten Zeit mit einer sehr wichtigen Aufgabe beschäftigt und hat zum Plaudern nicht mehr so viel Zeit. Man weiß also, dass man selbst mit der Person demnächst nur noch selten bis gar nicht mehr schreiben wird. Was tun?

Man könnte den Gegenüber darauf hinweisen. ‚Du, ich denke, ich werd‘ dir künftig nur noch selten schreiben, ich hab‘ einfach gemerkt, dass wir schon alles besprochen haben‘. Das habe ich einmal mit einer nicht so wichtigen Bekannten gemacht. Es fühlte sich sehr seltsam an und sie wusste offensichtlich auch nicht wirklich, wie sie darauf reagieren sollte. Konnte ich gut nachvollziehen.

Variante Zwei: Den Kontakt langsam einschlafen lassen und dann bei Gelegenheit unauffällig aus dem Adressbuch löschen. Geht schnell und leise und erspart solche seltsamen Situationen. Nachteil: Siehe den Anfang dieses Beitrags. Man läuft immer Gefahr, dass man jemanden damit unglücklich macht. Derjenige sieht nur, dass man ihm nicht mehr oder nur noch selten schreibt. Weiß aber nicht, warum. Wollte man das nicht selbst besser machen? Und wenigstens erklären, warum man schweigt?

TastaturDa ich zu dem für mich sehr wichtigen Thema meine eigene Lösung immer noch suche, frage ich hiermit die Leserschaft: Wie geht ihr vor, wenn ihr merkt: Das wird nichts mehr?

***

Habt Ihr Antworten oder Anregungen für Daniel?
Dann gerne hier in die Kommentare oder auf Facebook, dort liest er auch mit.

 

6 comments

  • kerstin Langer

    Lieber Daniel,

    ich denke grundsätzlich ist es am besten dem “ Gegenüber“ ehrlich zu sein. Wir neigen dazu, aus Höflichkeit, oftmals die bequemerer Variante zu wählen – und natürlich auch damit die Konfrontation zu meiden, sich erklären zu müssen. Mit dem Bewusstsein, das die andere Person ( für einen selbst auch sehr anstrengend..) es ohnehin meistens sowieso nicht nachvollziehen kann. Missverständnisse sind vorprogrammiert, wenn man versucht Kontakte schleichend auslaufen zu lassen. Ich bin keine Autistin ( aber Mutter eines autistischen Sohnes) und zugegeben, in solchen Situationen ist eine schonungslose Wahrheit immer das beste! Ehrlichkeit, ist eine Form der Wertschätzung. Wenn ich also jemand wertschätze, hat er meine Ehrlichkeit verdient. Somit, kann ich Ihm auch sagen..das ich keine Weiterentwicklung für mich persönlich, in der gemeinsamen Beziehung mehr sehe und jene Person, ein großartiger Wegbegleiter in meinem Leben war – wir eine schöne gemeinsame Zeit miteinander teilten…die Wege sich jetzt nun aber trennen müssen ( aus welchen Gründen auch immer) – der andere muss sie nicht verstehen! Für sich persönlich kann man dann aber mit gutem Gewissen ohne schlechten Beigeschmack abschließen. LG Kerstin

  • Cornelia

    Ich kann sehr gut verstehen, was Dich umtreibt. Ich habe mir diese Gedanken auch oft gemacht.
    Ich habe für mich gelernt und erfahren, dass alles seine Zeit hat. Genauso wie Themen, die mich beschäftigen kommen und gehen ist es auch mit demKontakt zu den Menschen..
    Wenn ein Kontakt sich für mich nicht mehr stimmig anfühlt, suche ich ihn nicht mehr. Wenn jemand, mit dem ich gern Kontakt hätte nicht mehr reagiert, überlege ich, wie wichtig es mir ist, weiter in Kontakt zu sein und suche entweder das Gespräch oder lasse es sein und nehme die Tatsache dass jemand nicht mehr reagiert an, ohne darüber zu grübeln oder zu urteilen.
    Kein anderer als ich ist dafür verantwortlich, was ich für mich daraus mache, genausowenig wie ich dafür verantwortlich bin, wie andere Erwachsene damit umgehen, dass ich mich nicht mehr melde. Wenn jemandem wichtig ist, das zu klären liegt es in dessen Verantwortungvwie er damit umgeht und nicht in meiner. Ganz einfach.
    Das spart viel unnötiges Grübeln und Spekulieren.
    Und es ist möglich, diese Haltung zu erlernen. Denn ob wir über etwas grübeln oder nicht ist letztlich unsere Entscheidung.

  • Gardiners-Seychellenfrosch

    Puuh, warum gewisse Dinge in meinem Leben so passiert sind wüsste ich gerne, aber ich bekomme es durch Nachdenken nicht heraus, aus der Grübelnummer komme ich grad überhaupt nicht raus, außer ich nehme viele Baldrianpillen. Erlernen, schön und gut wann ist das denn bei mir so weit endlich??? Ich hab mit Kontaktabbruch leider große Probleme, weil Bezugspersonen von mir das als Strafe/emotionale Erpressung benutzt haben unbewusst, da tut mir dann in der Seele dann ständig was weh. Also esse ich viel, davon bin ich aber zu dick und das ist auch doof. Ok, ich hab auch Kontakt abgebrochen, weil ich nachgemacht hab, was mir vorgemacht wurde und ich dachte, ich zeig dir wie du mir wehtust. Ich wüsste auch noch gerne, ob man Kontakte wieder aufwärmen kann, wieviel Zeit ohne Kontakt dazwische noch ok ist und wie man eigentlich Kontakte knüpft? Irgendsoein Psychologe wollte mal dass ich verstärkt Kontakte knüpfe zu anderen Leuten während einer Reha, er meinte dann ich hätte das Ziel nicht erreicht. Ich war aber mit 1 Person auf meinen Zimmer, hab mit ihr Billard gespielt und hab mit meinen 3 Tischnachbarn geredet. Öhm, hätt ich viele Adressen, Telefonummern, E-Mail-Adressen sammeln sollen so frei nach der Psychologe hat gesagt ich soll Kontakte knüpfen magst du mit mir einen Kontakt knüpfen…. Wenn der Psychologe mal konkret gesagt hätte wie viele Leute z.B. 3 oder 5. Ich will es eben immer gaaaaaanz genau wissen und fühle mich ständig für alles verantwortlich. Mir Schuld-/Schamgefühle zu machen ist sehr einfach. Eine Grundschullehrerin hat mal nicht nachgedacht und zu mir gesagt, dass für Papier Bäume sterben müssen, danach wollte ich gar nicht mehr Papier benutzen, weil dass für mich jmd. stirbt wollt ich damals nicht. Irgendwie bin ich auch wütend auf das Schulsystem, weil zu Leuten aus Schulzeiten hab ich schlechter Kontakt als zu Leuten von Privat. Da denk ich mir die Schule hat da was kaputtgemacht/verhindert, sodass ich nur noch mit 1 Person aus der Schule in Kontakt bin, die anderen haben gemeint ihr Interesse an meiner Person wäre nicht vorhanden. Bin ich da langweilig generell, weil ich nicht den typischen Mädchenkram mag oder lag das nur an der Schule?

  • Denise

    Ich finde es nicht schlimm, einem Kontakt einschlafen zu lassen. Besonders wenn es eigentlich gar keinen Grund für den Abschied gibt, sondern man einfach mal eine Auszeit möchte. Rs ist dann kein wirkliches „Adieu“ ist, sondern ein „Auf Wiedersehen“. Es ist gut möglich, dass man sich mal 2 Jahre gar nicht sieht und dann steht diese Person plötzlich wieder vor einem. Dann kann man dort weiter machen, wo man aufgehört hat und weiß, das nichts zwischen uns steht.

    Ich habe viele Freundschaften, die ich nur sehr sporadisch sehe oder spreche. Aber wenn wir uns dann begegnen oder einer schreibt, dann ist es so, als hätten wir uns erst gestern gesehen. Mal ehrlich, dass Leben ist so hektisch, da kann einfach niemand erwarten, dass man immer und überall zum Quatschen Zeit hat.

  • Daniel

    Vielen Dank für eure Anmerkungen,
    sie haben mir sehr geholfen.
    Ich werde künftig einen Mittelweg zwischen Kerstins und Cornelias Tipp anwenden. Eine ehrliche Meinung ziehe ich zwar auch einer stillen Verabschiedung vor, aber: Zu einem Gespräch gehören ja immer zwei. Und wenn der Gegenüber nicht mehr antwortet, dann kann ich das ja auch zur Kenntnis nehmen und akzeptieren. Ewig ‚hinterherlaufen‘ ist nur anstrengend und frustrierend. Ich denke, dass ich langfristig damit um einiges besser leben werde.

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