Carmen ist Fachkraft im betreuten Wohnen: „Man lernt jeden Tag dazu und freut sich über kleine Dinge.“

Liebe Carmen, bitte stell Dich kurz vor: wie alt bist Du, welche Ausbildung hast Du gemacht und wo arbeitest Du?

Mein Name ist Carmen, ich bin 26 Jahre alt und staatlich anerkannte Heilerziehungspflegerin, außerdem studiere ich gerade Soziale Arbeit. Ich arbeite in einer Gruppe für Menschen mit frühkindlichem Autismus (Alter von 18 bis 26 Jahren).

Was sind Deine Aufgaben im Wohnheim?

Meine Aufgaben im Wohnheim sind vielfältig. Als Fachkraft hat man natürlich bei uns die meiste Verantwortung. Wir sind zuständig für die Medikamentenausgabe, bereiten das Essen zu (wir sind Selbstversorger), planen und führen Freizeiten am Abend, helfen bei der Morgen- und Abendtoilette, verräumen gemeinsam mit den Betreuten ihre Wäsche, führen Telefonate bzw. Gespräche mit Eltern, Ärzten, Fachdiensten u.v.m.
Zwischen 9 Uhr und 16 Uhr arbeiten wir nicht, da die Betreuten dann in der Förderstätte sind.

Wieviele Betreuer seid Ihr für wieviele Bewohner? Ist der Betreuungsschlüssel ausreichend oder braucht es eigentlich mehr Unterstützung?

Wir haben insgesamt zehn Betreute und an einem normalen Tag – ohne Krankheitsausfälle – sind vier Personen zuständig, davon mindestens eine Fachkraft. Das finde ich ausreichend und auch gut durchdacht.

Welche Stärken und Schwächen haben die Bewohner? Bei was brauchen sie
Hilfe?

Wir haben eigentlich relativ „fitte“ Bewohner, bei denen nur wenige eine Inkontinenzversorgung haben. Die Meisten brauchen nur geringfügige Unterstützung beim Essen, Duschen, Umziehen usw.

Wie sieht ein typischer Wochentag im Wohnheim aus?

Wochentag: Morgentoilette, Frühstück, Förderstätte, Pause, Abendessen, Wäsche verräumen, Aktivität (Snoezeln, Garten, Rad fahren, Essen gehen usw), Abendtoilette, Bettzeit.

Und wie sieht ein typischer Samstag aus, wenn die Bewohner da und nicht
nach Hause gefahren sind?

Samstag kommt immer darauf an, wie viele Betreute da sind, wie die Stimmung ist und wie es personaltechnisch funktioniert. Wir machen gerne Ausflüge, sei es in den Zoo, ins Schwimmbad, Bummeln in der Stadt usw. Dennoch gibt es auch Samstage, wo es einfach gemütlicher ist, wir uns im Garten sich ausruhen oder im Zimmer eigenen Aktivitäten nachgehen.

Wie macht ihr die Tagesstruktur sichtbar? Arbeitet Ihr mit Bildkarten oder ähnlichem?

Ja wir arbeiten mit verschiedenen Teacch-Plänen, dennoch hat nicht jeder Betreute einen, da nicht jeder einen benötigt. Manche brauchen den ganzen Tag Struktur, sei es nur für die Toilette. Andere haben einen Heimfahrplan usw. Das ist ganz individuel.

Wie setzt Ihr die Mitbestimmung und Selbstbestimmung der Bewohner trotz
ihrer Handicaps um?

Ganz unterschiedlich, das kommt auch immer auf den Betreuten an. Wir wissen z. B welcher Betreute welches Frühstück bevorzugt, dieses bekommt er auch, auch wird mal das Lieblingsessen gekocht. Sie können ihre Klamotten selbst raussuchen, sich zurückziehen ins Zimmer wann sie wollen. Bei Aktivitäten teilnehmen oder auch Nein sagen… usw.

Viele Eltern haben Angst, dass sie nicht informiert werden, wenn es ihren erwachsen gewordenen Kindern möglicherweise nicht gut geht. Kannst Du ihnen die Angst nehmen? Was macht Ihr, wenn Bewohner Heimweh haben
oder krank werden?

Das kommt natürlich auch auf die Eltern an. Bei einem Arztbesuch informieren wir diese sofort. Manche wollen auch, dass wir sie wegen eines blauen Fleckes informieren, dann machen wir das natürlich auch Wir gehen da sehr stark auf die Wünsche der Eltern ein, da kann ich sie beruhigen.

Welche Kontaktmöglichkeiten haben die Bewohner zu den Eltern, wenn sie
zum Beispiel nicht sprechen?

Oft wenn sie Eltern anrufen, dann machen wir das Telefon auf laut, damit die Kinder ihre Stimmen hören. Wir haben einige, die nicht direkt sprechen können, aber manche können anhand von speziellen Tablets usw. ihre Gefühle und Wünsche ausdrücken. Dennoch braucht es oft keine Sprache, da man unsere Betreuten durch Mimik und Gestik gut verstehen kann.

Wie lange dauert es bis sich ein Bewohner gut eingelebt hat? Gibt es
Erfahrungswerte oder gar typische Phasen, die man durchläuft?

Schwer zu sagen. Es gibt Bewohner, die fragen nur manchmal nach den Eltern, andere wiederum fragen auch nach einem Jahr noch viel, beispielsweise „Wann darf ich heim? Wann kommt die Mama?“ Da arbeiten wir dann viel mit Plänen. Dennoch – glaube ich – ist es für die meisten Eltern viel schwierig als für die Kinder den Ablöseprozess zu beginnen.

Wie reagiert Dein Umfeld, wenn Du erzählst, dass Du in einem Wohnheim für Autisten arbeitest?

Viele wissen oft gar nicht, was Autismus bedeutet. Dennoch erlebe ich in meinem Umfeld nur positive Erfahrungen. Klar sagen auch viele, dass sie meinen. Beruf nicht ausüben könnten, dennoch finden sie es gut, dass ich so einen Beruf ausübe.

Gibt es Deiner Meinung nach Punkte, die sehr wichtig für ein Wohnheim
für Autisten sind und auf keinen Fall übersehen werden dürfen?

In Wohnheimen speziell für Autisten gibt es viele Sachen, die beachtet werden sollten, beispielsweise wenig Dekoration zu verwenden, wenig Reize usw., auch unser neues Wohnheim wird komplett „Autisten-gerecht“ gebaut.

Bestimmt prägt Dich Deine Arbeit. Gibt es etwas, das Du für Dich
persönlich aus Deiner Arbeit ziehen kannst?

Klar prägt mich meine Arbeit. Man wird aufmerksamer, lernt jeden Tag auch als Fachkraft etwas dazu, man freut sich über kleine Dinge (Löffel halten usw) und schätzt diese auch viel mehr.

Ganz herzlichen Dank, liebe Carmen, für diesen Einblick in Deine Arbeit. Das macht es für manche Eltern (wie auch mich) etwas einfacher, den Blick nach vorne Richtung „betreutes Wohnen“ zu wagen.

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Zum Weiterlesen:

Was betreuungsintensive autistische Kinder und ihre Eltern brauchen, damit Ablöse gelingen kann.

Als Lasse ins betreute Wohnen zog

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