Autismus und Weisheitszahn-OP – Tagebuch eines Gedanken-Tohuwabohus

zahn219.10.2016

In einer Woche werden Niklas vier Weisheitszähne entfernt.
Ich mag gar nicht daran denken, habe Angst davor, leide jetzt schon mit ihm und würde ihm die OP am liebsten abnehmen, obwohl ich selbst immer wieder schreckliche Angst vor dem Zahnarzt habe.
Ich habe überlegt, im Vorfeld darüber im Blog zu berichten, vielleicht würde es ja Zuspruch geben und vielleicht würden mir einige die Angst nehmen können, indem sie positive Erlebnisse berichten. Aber ich habe Bedenken, dass es auch Horrorgeschichten gibt und die will ich jetzt nicht hören.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder im Netz gestöbert, um vielleicht doch noch Ausreden für die OP zu finden. Aber nach den Gesprächen mit Ärzten, dem Erläutern der Röntgenaufnahmen, die chaotisch angeordnete Weisheits- und Backenzähne zeigen, und dem Abwägung aller Umstände kommen wir um diese Behandlung nicht herum.
Der Zeitpunkt ist gut geplant, Niklas Papa kann eine Woche Urlaub nehmen, damit wir das gemeinsam durchstehen, die Ärzte kennen Niklas und es ist besser, diese OP geplant durchzuführen als irgendwann wegen akuter Schmerzen schnell einen OP-Notfall-Termin zu brauchen. Und darauf würde es wohl hinauslaufen – früher oder später – vielleicht in ein paar Wochen, ein paar Monaten, ein paar Jahren, oder doch überhaupt nicht…..? Nein, das ist sehr unwahrscheinlich.
Also keine Ausreden.

Niklas erzählen wir diese Tage immer wieder mal, dass er nächste Woche eine Schlafspritze bekommen wird (das kennt er schon und hat er immer gut vertragen) und dass ihm dieses Mal ein paar Zähne gezogen werden, weil für diese nicht genug Platz in seinem Mund ist. Er hört aufmerksam zu und gebärdet „trösten“ – „Ja, natürlich trösten wir dich dann, wir sind die ganze Zeit bei Dir.“
Wir sprechen auch über das Kühlen, das im Anschluss notwendig sein wird, und dem ich eher skeptisch entgegensehe. Darüber lacht er nur – was auch immer das zu bedeuten hat.

zahn2
20.10.2016

Beim Jugendpsychiater klären wir ab, dass wir zusätzlich zu den Schmerzmitteln ein starkes Beruhigungsmittel geben können, falls Niklas mit der Situation nach der OP nicht zurechtkommen sollte. Hoffentlich wirkt das dann, am liebsten würde ich ihn ein paar Tage in einem Dornröschenschlaf wissen, aus dem er dann ohne Schmerzen wiederaufwachen darf. Aber das geht wohl nicht…

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21.10.2016

Eine Freundin erzählt mir, dass die ersten 2-3 Tage das Schlimmste sind und dass Niklas es dann überstanden haben wird.
Kann man die Zeit nicht ein bisschen vordrehen? Das wäre super!

zahn2
24.10.2016

Es kommt ein bisschen Panik auf. Was, wenn Niklas mit der Situation nicht zurechtkommt, die Schmerzen zu stark sind, er stationär in die Klinik muss? Ich mache mir große Sorgen.
Sollen wir die OP vielleicht doch absagen?

zahn2
26.10.2016

Seit vier Uhr liege ich wach, grübele, wie die OP werden wird, was ist, wenn Niklas seine Medikamente nicht nehmen kann, versuche mich zu zügeln, mich nicht reinzusteigern. Es klappt nur bedingt.
Vormittags fange ich wegen jeder Kleinigkeit an zu weinen, tadele mich: Meine Güte, Dir werden die Weisheitszähne doch nicht entfernt. Sei jetzt stark und flenn hier nicht rum!

Warum sagt einem eigentlich keiner vorher, dass man sich ständig Sorgen macht, wenn man Kinder hat?

Nachmittags merke ich auch Niklas ein bisschen Nervosität an. Er gebärdet viel vom Arzt und will wissen, wann es losgeht. Ich bemühe mich, reiße mich zusammen, lenke ihn ab, indem wir Möbel umstellen – das findet er spannend :-)
kaiserschmarrnAußerdem mäste ich ihn ein bisschen, weil er in den nächsten Tagen wohl eher weniger essen wird: zur Krönung gibt´s zum Abendessen dann noch Kaiserschmarrn mit Nutella :)

Jetzt schläft er und er tut mir leid. Hoffentlich wacht er nicht allzu früh auf, da die OP erst um 10.15 Uhr beginnt und er bis dahin ja nüchtern bleiben muss.

Eben habe ich auf Facebook die „Kleine Pause“ angekündigt und prompt trudeln liebe Wünsche ein – und ich, ja ich schniefe schon wieder, weil ich so gerührt bin. Ist ja schlimm mit dem Geheule heute. *schnief*

zahn2
27.10.2016

Ich wache mit einer Scheißangst auf, gleichzeitig bin ich irgendwie erleichtert, dass es endlich losgeht. Es ist ein Gefühlswirrwarr, von dem ich Niklas nichts zeigen möchte. Ob er es trotzdem merkt? Wahrscheinlich schon, er hat gute Antennen dafür.
Glücklicherweise war es eine der wenigen Nächte, in denen er tatsächlich mal bis morgens um acht Uhr schläft – das macht es leichter, bis zehn Uhr nüchtern zu bleiben. Ein paar Mal müssen wir ihn davon abhalten, sich unter den Wasserhahn zu klemmen, um zu trinken, aber sonst klappt es ganz gut. Dann geht´s los zur OP.

Niklas wird nervös, trampelt und spuckt im Fahrstuhl, der uns zur entsprechenden Abteilung bringt. Wer kann es ihm verdenken?…
Erwartet werden wir von einem uns schon bekannten Anästhesisten und einer sehr herzlichen Schwester, die beide lieb mit Niklas umgehen. Mit Dormicium wird er etwas ruhiger und ist dann sehr tapfer beim Nadel legen.
Auf dem Weg in den OP darf ich ihn begleiten und bleibe bei ihm bis er eingeschlafen ist, so ein tapferer kleiner Kerl!
Es ist ein schlimmes Gefühl, man ist so ausgeliefert, vertraut sein Kind Menschen an, die sein Leben dann in der Hand halten, viele von Euch werden das sicher kennen – ob bei Weisheitszähnen oder anderen OPs, das ist in dem Zusammenhang ganz egal. Es gibt Situationen, in denen man es einfach haben muss – dieses Vertrauen.

In den nächsten beiden Stunden heißt es warten, sich ablenken, warten und wissen, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Wir schaffen das! Wir schaffen das gemeinsam, mein Kleiner, schicke ich ihm gedanklich ein paar Meter weiter in den OP.

 

***
Der Moment, Niklas wieder in Empfang zu nehmen, ist dann einfach schrecklich. Er sieht aus, als wäre er in eine Schlägerei geraten, Blut ohne Ende, was aber schlimmer aussieht als es ist, wird uns erklärt, weil es sich mit Speichel vermischt. Aber es hört nicht auf zu bluten, weil Niklas Anweisungen wie „fest auf die Watte beißen“ zwar versteht, aber nicht umsetzen kann. So blutet es leider weiter.
Die Kühlpads fliegen in die Ecke, wir dürfen sie ihm auch nicht an die Wange halten. Wenn doch, flippte er aus und es fängt wieder heftiger an zu bluten.
Ständig gebärdet er „nachhause“ und „Schuhe anziehen“ und zeigt auf die Tür. Es ist so klar – und so verständlich – , dass er einfach nur weg will. Aber es geht noch nicht.

Es sind die schlimmsten Momente von allen – ich fühle mich hilflos, einen Augenblick lang überfordert, stelle in Zweifel, ob die OP die richtige Entscheidung gewesen war. Was hatte ich da nur zugelassen? Er tut mir so leid.
Mein Schalter, auf den ich mich in solchen Situationen sonst immer absolut verlassen kann, der dafür sorgt, dass ich funktioniere, auch wenn es emotional schwierig wird, gerät an diesem Tag mal kurz in einen kleinen Wackelkontakt. Ich weiß nicht mehr ein noch aus und es ist so wichtig, dass Niklas Papa auch dabei ist.
Liebe alleinerziehende Mütter und Väter – wie schafft Ihr das nur? Ihr habt meinen größten Respekt.

Als wir endlich gehen dürfen und im Auto sitzen, wird Niklas sofort ruhiger. Den blöden OP-Bereich hinter sich gelassen, können wir relativ entspannt und erschöpft die Heimfahrt antreten und ich bin heilfroh, dass wir diesen Eingriff aus gutem Grund gemeinsam mit den Ärzten ambulant geplant hatten.
Zuhause liegt er tatsächlich die erste halbe Stunde auf dem Sofa und die Blutung hört endlich auf. Nur kühlen dürfen wir immer noch nicht und Niklas will nicht weiter herumliegen, sondern trabt durch die Wohnung.
Wie kann das sein? Andere liegen drei Tage lang auf dem Sofa und leiden verständlicherweise vor sich hin. Niklas hingegen joggt ab dem ersten Tag durch die Zimmer. Von Schmerzen keine Spur, auf jeden Fall keine, die er uns zeigt.

Allerdings zeigt er sehr deutlich, wie bescheuert die Situation insgesamt ist, denn das größte Problem ist offenbar die veränderte Wahrnehmung im Mund und im Gesicht. Und der eklige Geschmack.

schlafen2Angst habe ich vor der ersten Nacht, davor, dass er mit Schmerzen aufwachen würde, aber das passiert nicht. Ich stehe zwar alle zwei Stunden an seinem Bett, aber er wacht elf Stunden lang nicht auf. Schläft sich aus, wofür wohl auch noch die Narkose und das Dormicum verantwortlich sind.
Immerhin liegt er mal still und gönnt seinem Körper ein wenig Erholung, der Heldentiger.
zahn2
28.10.2016

Am nächsten Tag geht das Traben durch die Zimmer weiter. Er ist ein Phänomen – unglaublich.
Aufgrund der Narkose und des Taubheitsgefühls hat er sich gestern noch in die Lippe gebissen. Zum Glück versucht er nur einige wenige Male, sich gegen das Gesicht zu schlagen, die Finger gleiten auch immer mal in den Mund, was wir wegen der frischen Wunden natürlich verhindern müssen.
Bisher können wir überhaupt nicht kühlen, weil er es strikt verweigert. Dafür sieht er recht gut aus, aus dem pausbäckigen Hamstergesicht hätte eigentlich noch ein Vollmond werden müssen. Wird es aber bisher nicht.
Trinken mit Strohhalm und püriertes Essen meistert er ganz super. Toller Kerl!

zahn2
29.10.2016

Auch die zweite Nacht ist ruhig. Niklas holt sich die Erholung ausschließlich in der Nacht – immerhin etwas und so wichtig.

Das Sich-Sorgen hört nicht auf – im Hinterkopf schwingt immer noch der Gedanke, dass sich trotz Antibiotika hoffentlich nichts entzünden möge und dass die Löcher im Kiefer bitte schnell wieder stabil zuwachsen. Bitte keine Folgeprobleme, das wäre schrecklich.
Niklas ist so unglaublich tapfer und wenn er zwischendurch jammert, jammere ich mit ihm, sage ihm, dass das ja auch wirklich ein riesengroßer Mist ist und dass er alles Recht hat, sich zu beschweren.

Das Gebärden und sprechen über alles ist auch dieses Mal, wie bei seinem Unfall an Weihnachten 2015 wieder enorm wichtig für ihn. Er verarbeitet das Erlebnis damit, es immer wieder von vorne bis hinten zu erzählen, kann es damit besser einordnen und verstehen.
Wir sprechen und gebärden auch darüber, dass er es schaffen wird und dass er seinen Freunden, wenn sie auch mal in diese Situation kommen sollten, dann Mut zusprechen kann.

Ein befreundeter Zahnarzt besucht Niklas zuhause und erleichtert uns mit seiner Einschätzung, dass alles gut und normal aussieht. Er meint auch augenzwinkernd, dass wir eigentlich alles falsch machen, weil ja nicht gekühlt wird und Niklas sich nicht schont. Aber bei Niklas sei ja sowieso alles anders und es sehe wirklich gut aus.
Außerdem bekräftigt er uns nochmal darin, dass es die richtige Entscheidung gewesen ist, den Eingriff machen zu lassen.
zahn2
30.10.2016

Wieder eine ruhige Nacht – gut, dass er schmerzfrei schlafen kann. Morgens merkt man allerdings, dass die letzte Ibuprofen-Gabe viele Stunden zurückliegt und dass der Schmerz kommt. Das bringt ihn natürlich durcheinander, macht ihn aggressiv und unruhig – aber der Schmerzsaft hilft schnell und dann geht das Traben durchs Haus weiter.

Die Lippe, auf die er sich gebissen hat, sah am zweiten und dritten Tage besonders mitgenommen aus, scheint aber jetzt gut zu verheilen. Daumen drücken.

Damit endet mein Gedanken-Tohuwabohu erstmal. Ich will das Ganze nicht schönreden, es ist nämlich nicht schön und es ist auch noch nicht ganz überstanden, denn der Heilungsprozess wird noch ein paar Wochen in Anspruch nehmen. Aber es geht vorbei, das habe ich mir und vor allem Niklas die Tage über gesagt und von meinem Sohn, der das so tapfer meistert, kann ich eine Menge lernen.

Vielleicht ist es am Sinnvollsten, wenn Niklas für Euch ein Fazit schreibt, denn er hat mir mal wieder gezeigt, dass er über sich hinauswachsen kann. Er meint:

„Es ist Scheiße, aber man kann es schaffen.“  ;-)

 

**********

Weiterlesen: am 5. November der Kontrolltermin nach der OP

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5 comments

  • Conny

    Hallo ihr Lieben.

    Sag deinem Niklas, dass er schlicht und ergreifend recht hat. Ich kenn das. Alles. Bei mir is die OP schon über 7 Jahre her. Ich hatte leider Komplikationen – ich will euch aber nicht Angst machen durch die Erzählung, nur soviel: bei mir haben sich die Weisheitszähne im Mai durch Schmerz bemerkbar gemacht…. OP war im August (Schonung? Hat hier jemand was von Schonung gesagt? Am 4. post-OP-Tag bin ich schon über die Gartenbaumesse gestiefelt – grünblauviolett von den Wangen bis in den Ausschnitt… geleuchtet hats kilometerweit – konnte ja auch nur tief ausgeschnittene T-Shirts tragen, weil ich auch den leichtesten Druck auf den Blutergüssen nicht ausgehalten hab. *lach*), die letzte Wunde war dann im Oktober endgültig verheilt. Und jaaaa ich hab brav gekühlt… ;) geholfen hats halt bedingt. ;)

    Ihr habt meinen ganzen Respekt – is nämlich echt doof. Aber ihr macht das wirklich super ;)

    Jetzt noch einen kleinen Tipp: Milchprodukte nur in abgekochter Variante essen/trinken – die Milchbakterien können Entzündungen auslösen. die tun echt brutal weh. Weiß ich aus Erfahrung ;)

    Alles Gute!

  • Tamara

    Lieber Niklas und liebe Silke!

    Ihr seid beide richtig tapfer und habt das prima gemacht!
    Weiterhin gute Genesung für Niklas!

    Ich drück euch,

    Tamara

  • Zarinka

    „Es ist Scheiße, aber man kann es schaffen.“

    Ja, dem kann ich nur zustimmen…und es ist gut dass du diese „Dinger“ frühzeitig losgeworden bist.

    Leider wurden meine Weisheitszähne damals erst sehr spät entfernt (entdeckt)…habe wochenlang fürchterliche Schmerzen gehabt…am und um meinen Kopf herum. Fürchterliches Ohrweh kam auch noch dazu.

    Kein Arzt war in der Lage die Ursache dieser Schmerzen ausfindig zu machen…dennoch wurden immer wieder irgendwelche Behandlungsmaßnahmen unternommen, die jedoch alle ohne Wirkung blieben.

    Bis dann endlich eines Tages ein anderer Arzt auf die Idee kam mal eine Röntgenuntersuchung meines Kiefers auf der anderen Seite des Gesichts zu machen…da wo eigentlich überhaupt keine Beschwerden vorhanden waren.
    Aber genau dort befanden sich die Übeltäter…Weisheitszähne die zwar nicht an jener Stelle Probleme verursachten an denen sie sich befanden, sondern genau auf der anderen Seite meines Gesichtes heftige Probleme verursachten.

    Sie wurden dann umgehend gezogen und ich war endlich diese grauenhaften Schmerzen los. Die Tage nach dieser OP waren zwar auch in gewisser Weise ätzend, nervig, na ja halt eben Scheiße…aber überhaupt kein Vergleich zu dem, was ich durchgemacht habe als diese Dinger sich noch in meinem Kiefer befanden.

    Meinen Kindern wurden die Weisheitszähne zum Glück frühzeitig entfernt…ihnen konnten die Weisheitszähne jedenfalls keine Probleme bereiten.

    In diesem Sinne: Dir Niklas dann weiterhin gute Besserung!

  • Susanne

    HallO
    Wir haben die Weisheitszahn OP mir unserem autistischen Sohn am Montag.
    Ich habe schreckliche Angst und mache mir ganz viele Sorgen.
    Lieben Dank für deinen Mut machenden Bericht.
    Liebe Grüße Susanne

    • Silke

      Liebe Susanne, Deine Angst kann ich sehr gut nachvollziehen. Denke an Niklas‘ Worte: „Es ist scheiße, aber man kann es schaffen“. Ich denke an Euch! ♥

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