Autismus und Kommunikation mit der Schule – Niklas‘ Mitteilungshefte von 12 Jahren

Da seht Ihr den stolzen Stapel von 12 Jahren Korrespondenz zwischen uns Eltern und der Schule. Täglich pendelte das jeweilige Heft hin und her, es wurden wichtige Dinge, Vorkommnisse oder Fragen eingetragen.

Da Niklas nicht spricht, war es meist von großer Wichtigkeit, zu erfahren, was er vormittags in der Schule erlebt hatte, was ihm große Freude, aber auch Sorgen bereitete, was ihn positiv oder auch negativ aufregte. Es war leichter, mit ihm ins Gespräch zu kommen, wenn wir bereits Ansatzpunkte für das, was in den Stunden außer Haus passierte, dem Heft entnehmen konnten. Und auch umgekehrt war es für die Mitarbeiter in der Schule von Vorteil zu wissen, warum Niklas an manchen Tagen zum Beispiel aufgeregter war als an anderen. Das erleichterte das große Thema „Übergänge„, das häufig noch nachrangig behandelt wird, aber äußerst wichtig ist, um das Verhalten unserer autistischen Kinder angemessener deuten und darauf eingehen zu können.
Natürlich fragten wir Niklas auch immer, ob es ihm recht ist, dass wir persönlich Erlebtes in das Heft schreiben.

Als Niklas älter wurde, war es spannend zu erleben, dass er Vieles schon bevor wir ins Heft schauten, bereits per Gebärden mitteilte. Er machte mit seiner Gebärdensprache im Laufe der Jahre so große Fortschritte, dass es toll war zu erleben, wie er beim Aussteigen aus dem Bus sofort anfing gebärdend zu erzählen.
Da er manchmal dazu neigt, seine Geschichten auszuschmücken oder auch Dinge zu erzählen, die nicht das Jetzt betreffen, sondern schon weiter zurückliegen, war es leichter zu entschlüsseln, wo wir im Gespräch mit ihm ansetzen konnten, wenn auch das Heft Aufschluss über seine Erlebnisse gab.

–> Mehr zum Thema Autismus und Gebärdensprache

Da Niklas seine Schulzeit nun ja beendete, kramten wir nochmal alle Hefte hervor, ich blätterte hinein und schwelgte hier und da in Erinnerungen. Vieles, was ich bereits vergessen hatte, kam wieder zum Vorschein und manches Ereignis zeigt sich mit etwas Abstand in anderem Licht.
Auch in dieser Hinsicht ist ein solches Heft eine große Hilfe, um nach und nach besser zu verstehen, warum unsere Kinder manches tun, wie sie es eben tun. Auch wenn sich manchmal nicht sofort ein Sinn erschließt, kann es mit etwas Abstand gelingen, eben diesen Sinn zu erkennen oder auch, sich Muster aus wiederkehrenden Phasen zu erschließen.
Die meisten von uns Eltern wissen, dass es eine tägliche Detektivarbeit sein kann, sich zu überlegen, warum unsere Kinder sich verhalten, wie sie es tun – das ist ganz unabhängig davon, ob sie sprechen oder nicht der Fall, aber bei Kindern, die nicht sprechen, natürlich noch umso gravierender.
Und da wir davon ausgehen, dass jedes Verhalten einen Grund hat und wir vor allem sogenanntes herausforderndes Verhalten, das häufig aus einer Not heraus geschieht, decodieren müssen, kann es ein großer Vorteil sein, auf eine derartige Dokumentation zurückgreifen zu können.

Natürlich gibt es auch Alternativen, man könnte zum Beispiel auch ein Aufnahmegerät hin- und herpendeln lassen. Das Aufnehmen von Sprachnachrichten geht schneller und fällt vielen einfacher. Oder man vereinbart regelmäßige Telefonate und Treffen, hospitiert immer mal wieder in der Schule usw.
Für uns hat sich das Schreiben bewährt und nun ist es auch wirklich spannend in die 12-Jahre-lang-währenden Aufzeichnungen hineinzublättern.

Wie macht Ihr das? Habt Ihr noch andere Ideen?
Kommentiert gerne direkt hier im Blog, dann verchwinden Eure Anregungen nicht im Nirwana der sozialen Medien und bleiben als Idee für andere Familien besser sichtbar und erhalten. :-))

Übrigens finden sich unter vielen weiteren Aspekten auch weitere Tipps zum Thema Kommunikation und Gesprächsführung mit der Schule, auch für schwierige Themen, im Onlinekurs „Autismus und Schule“.

6 comments

  • Silke

    Liebe Silke, unseR Sohn ist sprechender asperger autistisch, abeR auch wir führen täglich dieses Buch mit der Schulbegleitung.. es ist für uns alle sehr wichtig… den vieler erklärt sich wirklich dadurch, die Schule weiß warum er manchmal den Kopf nur auf dem Tisch liegen hat und ich bin informiert was in der Klasse vorgefallen ist ( laut, Streit ect) oder auch ganz persönlich im Schulalltag unseres Kindes und kann reagieren durch Pausen, Gespräche ect.
    Zusätzlich treffen sich die Schulbegleitung und ich noch einmal pro Monat zum Austausch, mit den Klassenlehrern ca 1/4 jährlich und mit allen Lehrern nach bedarf und jederzeit per Mail…. durch meine aktive Mitarbeit in der Schule ( ja dies geht auch auf einem Gymnasium) sehe ich die Lehrer öfter auf dem Schulgelände und das gibt eine gute Kommunikation…. ich glaube das würde ich jedem gerne an die Hand geben, wenn es euch als Eltern möglich ist aktiv am Schulalltag Teil zu nehmen z.b als Elternbeirat hilft es auch dem Kind….
    Liebe Grüße und vielen Dank für deinen tollen Blog und noch schöne Ferien….. wir sind jetzt auch in der zweiten Ferienwoche;) Silke

  • Lisa

    Das funktionierte im Wesentlichen mit Zetteln. Und meine Mutter beschwerte sich über die Loseblattsammlung. In der Ausbildung ging es oft per Telefon zwischen Berufsschule und Internat hin und her. (Gut, wenn beide zusammen gehören und interne Gespräche nichts kosten.) Ansonsten bevorzuge ich den Kontakt per Mail. Für manche Dinge muss man sich aber doch zumindest hin und wieder persönlich treffen mit allen Beteiligten. Allein schon, weil nicht jeder das Equipment für Gruppen-Video-anrufe hat.

  • K.letter

    Als Schulbegleiterin /Teilhabeassistentin finde ich es sehr wichtig und sehr hilfreich dieses Heft täglich zu führen. Oft steht nur drin “ heute lief es gut“ , aber wenn ich das Gefühl habe, ein Geschehen in der Schule hat eine „längere“ Wirkung auf „mein“ Kind, schreibe ich es kurz auf. Es könnte ja sein, das zuhause die Erinnerung ein wenig trügerisch ist. Und manchmal kommen die Dinge nicht so an, wie sie vor Ort von aussen betrachtet passiert sind. Oder die Zeiten geraten durcheinander… :-) kommt schonmal vor :-) Ich weiß nicht wie hilfreich das für die Eltern ist… mein jetziges Kind kann sprechen und tut das auch gern :-D Ein anderes Kind dagegen konnte nicht kommunizieren und so fand ich es wichtig aufzuschreiben, welche Lieder wir gesungen, was wir gemacht haben und wie die allgemeine Stimmung war. Tatsächlich habe ich auch einmal am Ende eines Schuljahres dieses Heft noch mal kurz durchgeblättert (ich habs ja geschrieben) und gestaunt welche Schritte, größere oder kleinere, übers Jahr passiert sind. Wenn man jeden Tag dran ist, gehen solche Sachen doch leicht unter….
    Als Helferin überleg ich mir dabei, was würde ich mir wünschen, wenn das mein Kind wäre und ich zuhause drauf angewiesen bin, das man mir sagt, wenn was in der Schule „los war“.

    • K.letter

      Oh ich vergass… das gilt für beide Seiten…. ich bin wirklich sehr froh, wenn wir in der Schule auch Nachrichten von den Eltern bekommen, wenn zuhause was besonderes war…. das hilft mir dann einzuordnen, warum heut nix geht oder warum „mein“ Kind so aufgeregt/traurig/wütend was auch immer ist…. vllt kann ich dann ja angemessen reagieren… :-)

  • Xy

    Hallo
    Da wir zwei autistische Kinder haben, der eine sprechend , ehemalig in einer integrierten Gesamtschule, jetzt Gymnasium ( Oberstufe) hatte nie ein Heft dafür steh und stand ich ständig in telefonischem bzw. WhatsApp Kontakt mit der SB außerdem hatte ich bis letztes Jahr auch immer guten Kontakt zu den Lehrern und der Schulleitung. Teils persönlich bekannt.
    Unser Anderer Sohn spricht nur vereinzelte Worte und das nicht immer , benutzt dann auch immer Gebärden mit dazu was aber nicht so komplex ist dass er alles mitteilen kann wenn man die Zusammenhänge nicht versteht. Er hatte ein Mitteilungsheft, sowohl in seiner Schulzeit als auch in der Werkstatt. In der Schule wurde es sehr gut von beiden Seiten genutzt . In der Werkstatt Flaute dies dann etwas ab . Wir als Eltern schrieben viel doch leider bekamen wir kaum Infos aus der Werkstatt zurück. Oft nur wenn Probleme auftauchten und dann stand halt drin was er gemacht hat. Das fanden wir als Eltern sehr deprimierend. Es ist als würde man angeklagt . Er hat dies und das gemacht, seht mal zu dass ihr das von Zuhause aus wieder auf die Reihe kriegt. Und dabei wurde oft noch nicht mal die komplette Situation geschildert , dies hörten wir dann von dritten ( andere Mitarbeiter, Busfahrer, FSJ Kräfte , Kollegen , Freunde die dort arbeiteten) die die Situation mitbekommen hatten. Das fanden wir nicht schön , wir fühlten uns betrogen , es zerstört Vertrauen , schafft Misstrauen und Angst .
    Besonders weil wir alles bis ins kleinste Detail aufgeschrieben haben ob positiv oder negativ weil wir wissen dass es oft an den Kleinigkeiten liegt wenn was aus dem Ruder läuft.

    Ich kann nur empfehlen schreibt alles auf auch aus Sicht des Betroffenen. Gilt besonders auch für die Einrichtungen , jede Kleinigkeit ist wichtig. Und hört auf die Eltern die meistens bei guter Schilderung der Vorkommnisse erklären können warum es zu diesen kam. Und sind es positive Mitteilungen können sich alle daran erfreuen. Das gibt dann ein ganz anderes Verhältnis zwischen Schule/ Einrichtung und Eltern .

  • Cris

    Wir haben einen sprechenden Autisten und benutzen trotzdem Whats Up.

    Der Vorteil ist dass einige Dinge einfach Abfotografiert werden können, dass Sprach und Textnachrichten ausgetauscht werden können und dann auch mein ein schnelles Telefonat gebeten werden kann.
    Datenschutztechnisch ist das vielleicht ein Problem, aber die Vorteile überwiegen für uns.

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