Austausch: Corona und Wegfall der Betreuung in Schule, Kita und weiteren Einrichtungen

Ihr Lieben, viele schreiben mich an, weil sie nicht wissen, wie sie die nächsten Wochen stemmen sollen. Hier einige Rückmeldungen, die ich gerne mit veränderten Namen an Euch weitergebe. Tauscht Euch aus, kommentiert, wenn Ihr möchtet. Hier ist der Platz dafür.

Block mit Stift

„Ich könnte heulen, wenn ich höre, dass sich andere Eltern zusammentun und blockweise die gemeinsame Kinderbetreuung von zuhause aus organisieren. Bei uns geht das nicht. Mein autistischer Sohn mit Pflegegrad 5 und ausgeprägter Weglauftendenz kann nicht einfach mal so von anderen betreut werden“, schreibt Nicola. Die Schule ihres Sohnes hat natürlich genauso geschlossen wie alle anderen.

„Ich bin gespannt, ob das mit der an alle appellierte Nachbarschaftshilfe funktioniert. Alle organisieren sich rundherum, aber wir mit unserer verhaltensauffälligen Tochter werden nicht involviert. Selbst als ich nachfragte, ob ich mich einbringen kann, hieß es, dass es sowieso schon schwer genug ist und dass sie uns leider nicht helfen können“, schreibt Markus. „Was ist das für eine solidarische Gesellschaft!“

„Ich bin froh, dass wir unverhofft weitere Ferien hinzubekommen haben. Für uns ist es super, weil wir sowieso lieber schulfrei haben und mein Sohn dem gesellschaftlichen Druck für einige Zeit entfliehen kann“, schreibt Lisa.

„Ich habe keine Ahnung, wie ich das bewältigen soll. Mein Sohn ist 22 Jahre alt und besucht eine Förderstätte. Bisher haben wir keine Nachricht, dass sie schließen wird, aber wenn doch, was dann? Ich schaffe es nicht mehr, ihn rund um die Uhr zu betreuen. Er hat Pflegegrad vier und braucht Hilfe bei allem, essen, trinken, Toilette. Wer soll uns helfen? An unsere Klientel scheint überhaupt niemand zu denken“, schreibt Mona.

„Wir sind, ehrlich gesagt, froh. Meine autistische Tochter kann sich durch die unverhofften schulfreien Tage etwas erholen. Mobbing ist bei ihr sonst ein großes Thema, leider. Aber ich habe leicht reden, ich bin nicht berufstätig und muss meine Tochter auch nicht beschäftigen. Sie beschäftigt sich alleine. Mir ist klar, dass das bei vielen anderen nicht der Fall ist“, schreibt Nicole.

„Ich verstehe, dass die Maßnahmen notwendig sind und ich werde auch alles tun, um die Betreuung meines Kindes mit Angelman-Syndrom und Autismus zu stemmen. Was bleibt mir auch anderes übrig? Aber dass wir nicht mal eben viele Filme anschauen und Bücher lesen können, dass mein Kind nicht am PC sitzt, sondern 24 Stunden durch mich beschäftigt und gepflegt werden muss, das möchte ich dennoch mal loswerden. Denn darüber spricht niemand, über diese Familien wie unsere“, schreibt Clarissa.

„Ich bin Studentin und ich sehe die Not vieler Familien, die ich sonst per Verhinderungspflege unterstütze. Da meine Vorlesungen ohnehin ausfallen, werde ich mein Engagement ausweiten. Das ist sonst für die Familien nicht zu schaffen“, schreibt Martina.

„Ich bin Autistin und mir kommt es entgegen, dass das gesellschaftliche Leben im Moment in den Hintergrund rückt. Über den Grund bin ich natürlich nicht froh, das ist für viele tragisch, auch für Familien, die autistische Angehörige haben, die viel tiefer im Spektrum sind als ich“, schreibt Lotta.

„Wir überlegen gerade neue Strukturen, Alternativen für Gewohntes. Mein 8jähriger Autist zuhause ist vollkommen neben der Spur wegen der Aussicht auf so viel unstrukturierte, freie Zeit. Also müssen wir für Struktur sorgen. Leichter gesagt, als getan. Aber danke für den Krisenplan, liebe Ella“, schreibt Tessa.

Das sind die Zuschriften, die mich bisher erreichten. Es macht wenig Sinn, wenn ich sie sammele und einzeln darauf antworte. Sinnvoller ist es, wenn Ihr Euch hier austauscht und vielleicht noch gegenseitig Tipps geben könnt. Bitte nutzt gerne die Gelegenheit.
Für die Facebook-Nutzer. Schreibt gerne Eure Kommentare direkt hier, damit auch die Familien mitlesen können, die nicht auf Facebook unterweg sind – vielen Dank.

Siehe auch diesen Beitrag:
Autismus und Ausnahmesituationen, Oder: Wie bereite ich eine mögliche Quarantäne wegen Corona vor?

Die kostenlose Vorlage für einen Krisenplan findest Du HIER in der Bibliothek von „Ellas Blog“.

13 comments

  • Michaela

    Danke für diese Möglichkeit!
    Ja, was soll ich sagen. Einerseits denke ich, dass es gar nicht so ungewöhnlich ist, zuhause zu sein, nicht in die Schule gehen zu können, weil mein Sohn schon so oft der Schule verwiesen wurde und als unbeschulbar galt. Da muss ich dann auch immer zusehen, wie ich das mit meinem Beruf schaffe. Die Gesellschaft interessiert das nicht. Jetzt plötzlich der große Aufschrei, weil es auch andere betrifft. Vielleicht trägt es dazu bei, dass auch unsere Situation besser gesehen wird, wenn das Corona-Thema hoffentlich wieder vorüber ist.
    Denn natürlich ist es tragisch und ich denke vor allem an die Mitschüler meines Kindes, die Begleiterkrankungen haben und immungeschwächt sind.

  • Thilo

    Der Wegfall sozialer Kontakte. Das nicht rausgehen dürfen, nicht an Aktivitäten teilnehmen dürfen. Das ist für uns Alltag. Jetzt sehen mal andere, wie das ist.
    Der Grund dafür ist natürlich schlimm. Aber vielleicht bleibt etwas hängen von der Erfahrung, vielleicht werden wir in Zukunft besser gesehen.

    • Sabina

      Thilo, dass habe ich auch so gedacht. Für mich ändert sich dahingehen eigentlich nichts.
      Aber die 24/7 Pflege und Betreuung kommt durch die Schulschließung hinzu und das
      macht es noch beschwerlicher.

  • Ariane

    Ich bin ehrlich gesagt erstmal froh. Wir haben im Moment so große Probleme in der Schule, dass hier erstmal Druck weg ist. Ich bin aber gerade auch in einer freien Zeit zwischen zwei Jobs und die Betreuung ist kein Problem. Aber ich hab großen Respekt vor den nächsten Wochen, wenn wir nicht nur Struktur und Beschäftigung schaffen müssen, sondern auch Schulaufgaben erledigen sollen. Mein Sohn hat die Rede von Herrn Laschet gesehen und pocht darauf, dass dieser gesagt hat, dass der Beginn der Osterferien vorgezogen wird. Also sind es für ihn Ferien und er ist nicht bereit, Aufgaben zu erledigen…
    Auch wird es mit seinem kleinen Bruder schwierig werden. Man kann ja kaum was unternehmen, man soll zu Hause bleiben. Wo soll die Energie von den beiden hin und wo kriege ich mehr davon?
    Ich versuche es erstmal auf mich zukommen zu lassen. Wir arbeiten heute einen „Stundenplan“ aus. Mal sehen, wie das klappt.

  • Brigitte

    Bedingt durch einen Umzug im April 19 hatte ich meinen 16 jährigen Autisten 6 Monate zuhause. Mitte Oktober 19 durfte er, nach Genehmigung über eine Schulbegleitung, endlich wieder in die Schule. Wir haben diese Zeit damals mit schwimmen gehen, einkaufen, Besuch von der Familie hinbekommen wenn es mich auch an meine Grenze gebracht hat. Jetzt wird es aber für uns richtig schwer werden da viele Beschäftigungen, schwimmen, einkaufen…., ja wegfallen……

  • Heidi

    Hallo zusammen , ich arbeite in einem Pflegeheim und weiss absolut nicht wie ich den Job stemmen soll ! Da die Schulen geschlossen sind und somit auch bei meinem Sohn ( Autist, PG 3 ) eh schon der strukturierte Tagesablauf nicht gegeben ist ! Er befand sich davor in den Abschluss Klausuren der 10. Klasse und der Fakt das die Abschlussfahrt sowie der Abschlussball abgesagt wurden ist nach Monatelangem vorbereiten darauf für ihn der Einbruch schlecht hin ,- abgesehen von den jetzigen Maßnahmen und Ereignissen ! Hat jemand eine ähnliche Situation ? Liebe Grüsse ! Heidi

  • Lisa

    Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Einerseits muss ich nicht mehr überlegen, ob ich zu Veranstaltung XY gehe, denn die ist ohnehin abgesagt. Fragen der Art: „Kommst du zu/Sehen wir uns bei XY?“, haben sich auch erledigt. Der soziale Druck ist raus. Außerdem habe ich viel Zeit meine Wohnung aufzuräumen. Kritisch wird es, wenn dieser Zustand länger anhält. Noch schlimmer wäre, wenn niemand mehr ohne zwingende Notwendigkeit auf die Straße dürfte. Dann wären meine sozialen Kontakte definitiv nahezu null. Okay, ein bisschen WhatsApp, aber das war es dann schon. Allerdings gehen ohne sonstige Aktivitäten einem irgendwann die Gesprächsthemen aus. Ich hoffe jetzt, dass das Gröbste bis nach den Sommerferien überstanden ist. Sonst sabotiert das Virus auch noch vorerst meine langfristigeren Pläne.

  • Katharina

    Ich sehe den nächsten Wochen mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Unsere Tochter hatte das ganze vergangene letzte Halbjahr ein Schulverbot bzw war nicht mehr beschulbar. Nach viel Kampf und einer wirklich harten Zeit haben wir eine neue Schule für Sie gefunden in die Sie von Herzen gerne geht und in der Sie endlich wieder die Struktur und Rituale gefunden hat die Sie so nötig braucht. Sie lebt und lernt seitdem wieder gerne, vorher wollte sie sich sogar umbringen.
    Sie hat sich extrem auf das Frühlingsfest und einen gemeinsamen Ausflug gefreut und kann überhaupt nicht verstehen, dass Sie jetzt wieder nicht in die Schule darf. Sie habe doch diesmal überhaupt nichts falsch gemacht. Man würde Sie dort doch mögen…
    Beide Kinder zu Hause betreuen wird sicherlich anstrengend, denn Sie hat PG 5 und braucht Hilfe und Aufmerksamkeit bei fast allem und ihr Bruder ist 7 Jahre alt, wild, laut und fordernd und hat meist gegensätzliche Bedürfnisse und Ansprüche zu Ihren.
    Ich habe uns jetzt einen Stundenplan erstellt, wie in der Schule, und versuche den Tag gut zu strukturieren und tägliche Rituale zu schaffen, bzw Rituale aus der Schule-wie ein bestimmtes Lied- zu übernehmen.

  • A.

    Mit meiner Tochter ist es wie mit Katharinas Tochter: sie hat nach mehreren Wochen Ausfall Anschluss in einer neuen Schule gefunden, ist dort aufgeblüht und hat ihre Lebensfreude wieder gefunden. Für sie ist es hart. Allerdings gibts Klassengruppen, die Kinder telefonieren und Whatsappen auch in der Freizeit, das ist schon mal besser als nix. Bisher versteht sie, dass das eine nie dagewesene Ausnahmesituation ist aber ich denke, im Verlauf der Zeit wird ihr Verständnis verloren gehen.

    Mein ebenfalls autistischer Sohn ist dank einiger Probleme eh lieber zu Hause als in der Schule, der vermisst nix und ist eher genervt davon, nicht einfach nur frei zu haben sondern zu Hause Schulzeug machen zu müssen.

    Wir haben jetzt mit beiden Kindern den Deal, dass jeden Wochentag von 8:30 bis 12 Uhr Schulsachen gemacht werden (natürlich mit Pausen). Es ist in der aktuellen Krise tatsächlich von Vorteil, halbwegs einsam auf dem Land zu leben, wir können, solange wir gesund sind, raus gehen ohne Menschen zu treffen.

    • AnBe

      Unserem Sohn geht es wie Katharinas und A.s Kindern bis vor kurzem: er ist 13 und wir haben sein Diagnose auch erst seit 10 Monaten, aus der Schule ist er durch „Erziehungsmaßnahmen“ wie Versetzung für einen Monat in eine andere Klasse rausgedrängt worden: er ist seit Weihnachten eigentlich gar nicht mehr in die Schule zu bewegen und da hilft auch die inzwischen genehmigte Schulbegleitung nicht. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Schule, in die er natürlich auch gar nicht will (wie habt Ihr geschafft?). Mit der Corona Krise ist seine seit längerem wachsende Grundangst vor Pandemien und Katastrophen voll eingetreten. Seine einziger Rückzugsort – die rückhaltlose Pflege eines nahegelegenen innerstädtischen Moors, in dem er Stunden um Stunden Müll ausgräbt und standortfremde Pflanzen beseitigt – wird nun täglich von Dutzenden von ratlosen Eltern gestört, die dort Hunde ausführen, Kinder auf Bäume lassen und Wege übertreten. Zum Teil sind es tatsächlich dämliche Handlungen im Naturschutzgebiet, zum Teil aber auch nur Übertritte von 20cm vom Weg ab. In seiner Welt kann er gar keine Kompromisse zulassen und ich fürchte, dass seine bislang bemüht höflichen Hinweise an die Besucher eskalieren wie dies auch in der Schule immer wieder geschah. Das ist eigentlich ein Alltagsproblem, aber in der Krise jetzt besonders groß. Hat jemand einen Tipp, was man machen kann?

  • Sonja

    Hallo zusammen, ich bin Mutter eines Sohnes mit frühkindlichem Autismus er ist 4 1/2 Jahre alt,und natürlich ist auch unser Kindergarten geschlossen. Mein Kind kann sich gar nicht alleine beschäftigen er hat Pflegegrad drei das geht ja ,trotzdem muss ich alles für ihn übernehmen vom waschen zum essen bis den ganzen Tag beschäftigen, und das noch vier Wochen :( . Ich denke uns hat man irgendwie vergessen und ich fühle mich sehr alleine gelassen. Vielleicht hat jemand Ideen wie ich meinen Sohn noch beschäftigen kann, er schaut gerne Bücher und wir sind viel mit unserem Lastenfahrrad unterwegs wenn es wettertechnisch geht. Ich wünsche allen viel Gesundheit in dieser schwierigen Zeit und starke Nerven und ich hoffe, dass es in vier Wochen vorbei ist.

  • Ruth

    Unser 22-jahriger Sohn ist noch Schüler an einer Schule für Körperbehinderte. Er ist noch Schüler, weil wir bisher keine geeignete Einrichtung für ihn gefunden haben. Er ist schon länger nicht mehr belastbar, ist total schnell überreizt und oft angespannt. Als Folge zeigt er mitunter Overloads (fremd- und sachagressive Verhaltensweisen). Hinzu kommt seine extreme Hundephobie, die Spaziergänge unmöglich macht. Wir haben unseren Sohn schon in den vergangenen Monaten mindestens 1x pro Woche von der Schule zuhause gelassen.
    Auch für uns hat sich nicht viel geändert. Soziale Kontakte vermeiden wir schon lange. Jetzt kommen eben keine Einladungen hinzu, die wir sowieso absagen würden; keine Überlegung, in ein Restaurant zu gehen, es mal wieder wagen zu wollen.
    Die wochenlange Betreuung und Beschäftigung unseres Sohnes ist schon eine Herausforderung. Aber das ist sie auch in den Sommerferien. Wir wechseln uns mit der Betreuung ab und denken, dass ihm die Ruhe auch gut tut. Auf lange Sicht hoffen wir auf einen Platz in einer ausgesuchten Einrichtung. Da geht jedoch momentan natürlich auch nichts voran.

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