Anzeige/Rezension: „Kranke Pflege“ von Alexander Jorde – Gedanken eines Krankenpflege-Azubis über den Pflegenotstand

Je älter Niklas wird und je näher sein Schulabschluss rückt, desto mehr Gedanken machen wir Eltern uns darüber, was einmal sein wird, wenn wir uns selbst nicht mehr kümmern können.
Natürlich sind diese Gedanken schon immer in uns, aber das Schlagwort „Pflegenotstand“, das meistens mit der Pflege in Krankenhäusern und Senioren- bzw. Pflegeheimen in Verbindung gebracht wird, betrifft viele Eltern behinderter Kinder genauso.

An Alexander Jorde, den Krankenpflege-Azubi, der Angela Merkel 2017 direkt mit Anmerkungen und Fragen zum Pflegenotstand konfrontierte, können sich sicherlich viele erinnern. Er sprach über unwürdige Zustände, weil Pflegekräfte in Krankenhäusern ihrem Pflegeauftrag aufgrund zu hoher Arbeitsbelastung häufig nicht mehr nachkommen können.
Da kann man wirklich froh sein, wenn man selbst gesund ist und nicht im Krankenhaus liegt, könnte man meinen. Aber das ist zu kurz gedacht, das wissen viele von uns pflegenden Eltern, die wir häufig bereits seit der Geburt unserer Kinder auch zu Pflegerinnen und Pflegern geworden sind.

Aber was passiert, wenn wir das nicht mehr leisten können? Was ist dann?
Diese Frage treibt nicht nur mich um und daher interessierte mich sehr, was Alexander Jorde dazu schreibt und vor allem, welche Lösungsansätze er aufzeigt.

Buchcover Kranke Pflege
Cover von „Kranke Pflege“

Der Autor schildert am Anfang des Buches „Kranke Pflege“, wie er überhaupt in die Situation kam, in der Wahlarena zu Wort zu kommen und fasst seine Botschaft, die er damals loswurde, auch für das Buch nochmal zusammen: „Nicht die Arbeit, die die Pflegekräfte leisten, ist schlecht, sondern die Bedingungen, unter denen sie die Leistungen erbringen, sind es“ (S. 12).
Er sensibilisiert dafür, dass sich diese schlechten Bedingungen gleichermaßen auf Pflegekräfte und auf zu Pflegende auswirken.
Auch stellt er gleich zu Beginn klar, dass nicht jeder pflegen könne. Er hält ein eindringliches Plädoyer für den Pflegeberuf, stellt die besonderen Kenntnisse heraus, die examinierte Krankenpfleger_innen erwerben müssen und weist auf die große Verantwortung hin, die Pflegekräfte jeden Tag in Krankenhäusern tragen. Es sei eine komplexe Aufgabe, bei der es erforderlich sei, den Menschen ganzheitlich zu sehen und Zusammenhänge zu erkennen, die sich auf die Behandlung von Krankheiten auswirken.

Silke liest das Buch, Foto

Kritisch sieht Jorde vor allem den Mangel an Fachkräften, aber auch den zu niedrigen Betreuungsschlüssel auf vielen Stationen und zu geringe Erholungszeiten zwischen Schichtdiensten. Er hebt neben der physischen auch die psychische Belastung von Pflegerinnen und Pflegern hervor – zum Beispiel bei der Entscheidung, Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen in einer gewissen Reihenfolge helfen zu müssen und es möglicherweise nicht zu schaffen, weil die Zeit und die Ressourcen nicht ausreichend vorhanden sind.
Der Autor unterlegt seine Aussagen mit vielen praktischen Beispielen aus dem Krankenhausalltag, die das umfangreiche Aufgabenspektrum der Pflegenden deutlich machen.
Einblicke in die Krankenhausfinanzierung und den durch zunehmende Ökonomisierung existierenden Kostendruck verdeutlichen die angespannte Situation in der Pflege.

Auf die Lösungsansätze von Alexander Jorde war ich besonders gespannt. Dabei betont er wiederholt, dass er keine fertigen Lösungen präsentiere und auch den Anspruch eines Experten nicht erhebe. Er sei ein Auszubildender, der darlege, was sich bei der Pflege in vielen Krankenhäusern täglich ereigne.
Man müsse Pflegekräfte, die aus ihrem Beruf ausgeschieden sind, mit attraktiveren Arbeitsbedingungen (z.B Modifizierungen in der Schichtverteilung, höheres Gehalt) zurückholen und dem Berufsbild der Krankenpflege insgesamt mehr Respekt und Wertschätzung entgegenbringen. Wichtig sei es, den Nachwuchs zu begeistern und nicht abzuschrecken.
Flächendeckende Tarifverträge, die ein angemessenes Einkommen garantieren, Reduzierung der Arbeitszeit und ausreichend Erholungszeiten zwischen den Schichten seien wichtig.
Das Einführen eines Gesellschaftsdienstes sieht Jorde als große Chance, weil dieser Dienst Bildung und soziale Kompetenz vermittele, Vorurteile abbaue und die Themen Krankheit, Behinderung und Tod, die zum Leben dazugehören, ins Bewusstsein aller zurückhole.

Kranke Pflege Buch im Badezimmer

Beim fortschreitenden Lesen vermisste ich das Thema Behinderung. Aber dem Autor ist bewusst, dass er sich mit seinen Ausführungen nur auf einen Teilbereich der Pflege bezieht. Auf Seite 190 schreibt er: „Ich habe in diesem Buch versucht, zu zeigen, was Pflege bedeutet. Dabei habe ich mich bewusst auf die Krankenpflege fokussiert, denn ich kann weder für pflegende Angehörige noch für die Altenpflege sprechen.“
An dieser Stelle dachte ich abschließend: Ja, pflegender Angehöriger zu sein, ist noch einmal etwas anderes. Aber wir leben in einem System, in dem alle aufeinander angewiesen sind. Und wir Eltern sind auf Menschen wie Alexander angewiesen, wenn es um die Zukunft unserer Kinder geht.

Fazit:
Alexander Jorde gibt einen sehr guten Einblick in den Pflegeberuf, macht dessen Bedeutung und Verantwortung deutlich, zeigt auf, was Pflegenotstand bedeutet und macht ohne moralischen Zeigefinger klar, dass dieses Thema jeden treffen kann. Dabei erhebt er nicht den Anspruch, alles zu wissen und fertige Lösungen zu präsentieren, sondern ruft dazu auf, dass jeder Einzelne seine Kompetenzen einbringen müsse, um die Situation zu verbessern.
Und was mir sehr gut gefallen hat – der Autor betont, dass es um Menschen geht und dass jede einzelne individuell gesehen werden muss.

Ich wünsche mir sehr, dass nicht nur durch dieses Buch Veränderungen angestoßen werden, die meine Hoffnung auf eine Zukunft, in der mein Sohn eine gute pflegerische Versorgung haben wird, wieder wächst.

***Gewinnspiel***
Ich verlose ein Exemplar des Buches an Euch.

Banner zum Buch "Kranke Pflege"

Als Teilnahmebedingung möchte ich gerne wissen:

Welche Gedanken verbindest Du mit dem Thema Pflege und Pflegenotstand?

Bitte schreib einfach in die Kommentare und dann bist Du bei der Verlosung dabei.
Achtung!
Aus rechtlichen Gründen werden nur die Kommentare direkt hier auf „Ellas Blog“ berücksichtigt, nicht die Kommentare auf Facebook, Instagram, Pinterest und LinkedIn.

Bitte beachte, dass Du eine gültige Emailadresse angibst, damit ich Dich kontaktieren kann. Und bitte nicht nervös werden, wenn die Freischaltung Deines Kommentars eine Weile dauert. Ich bin nicht immer online, aber es geht nichts verloren.

***

Und nochmal zusammengefasst, Teilnahmeregeln und Ablauf:

  • Es kann jeder teilnehmen, der das 18. Lebensjahr vollendet hat.
  • Bitte schreibe in einem Kommentar hier im Blog, welche Gedanken Du mit dem Thema Pflege oder Pflegenotstand verbindest.
    Nur die Beiträge hier direkt auf „Ellas Blog“ werden für die Teilnahme berücksichtigt, nicht mögliche Kommentare in den Sozialen Netzwerken.
  • Auch wenn jemand mehrere Kommentare abgibt, erhält der Teilnehmer nur ein Los.
  • Aus allen Einsenderinnen und Einsendern wird per Losverfahren ein Gewinner ermittelt.
  • Der Gewinner wird per Email benachrichtigt.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Was sonst noch wichtig ist und gesagt werden muss:

  • Das Gewinnspiel startet am 09.03.19 und endet am 10.03.2019 um 18 Uhr.
  • Die Auslosung und Bekanntgabe des Gewinners erfolgt am 11.03.19.
  • Das Spiel steht in keiner Verbindung zu Facebook oder anderen Sozialen Netzwerken. Teilnahme und Gewinnmöglichkeit sind an keinerlei Kaufverpflichtung gebunden.
  • Der Gewinnerin oder dem Gewinner wird der Gewinn portofrei zugesandt. Dafür werde ich die Adresse des Gewinners an den Verlag übermitteln.
  • Die Emailadressen sind nur von mir einsehbar und werden nicht weitergegeben oder anderweitig verwendet.

🙂 Dann mal los!  Ich bin gespannt und wünsche viel Glück!


11 comments

  • Sandra

    Burnout für alle im Bereich der Pflege.

  • Kristina

    Ich arbeite im Bereich der Behindertenpflege. Meine Kolleginnen und ich sind oft ausgebrannt. Ich würde mir wünschen das es einen anderen Betreungsschlüssel gibt. Es hilft nicht wenn jede Pflegekraft mehr Stunden arbeitet, sondern mehr Köpfe im Team wären super.

  • Sabine K.

    Mit dem Thema Pflege verbinde ich den Alltag mit meinen beiden Kindern. Beide haben PG3. Der Pflegenotstand fängt hier schon ganz praktisch da an, dass ich keine qualifizierte Person für die Verhinderungspflege finde. Dadurch ergibt sich für mich keinerlei Möglichkeit, meine Kräfte zwischendrin einmal aufzuladen.

    Und weiter geht der Pflegenotstand, wenn ich als Elternteil gezwungenermaßen 24 Stunden bei meinem pflegebedürftigen Kind im Krankenhaus bleiben muss, wenn ich sicherstellen möchte, dass sich im notwendigen Umfang um ihn gekümmert wird. Dabei wird nicht gefragt, ob dies für uns als Familie möglich ist. Es wird quasi vorausgesetzt.

    Der Pflegenotstand ist definitiv auch bei den pflegenden Angehörigen da. Und es wird wohl eher schlimmer, da es kaum Möglichkeiten gibt, sich wieder ausreichend zu regenerieren.

  • Es ist ja nach wie vor schwer sich im wirrwarr des BTHG zurechtzufinden und immer hin und her zu switchen zwischen den SGB IX und XI und XII.
    Es gibt leider noch viel zu wenige Pflegefamilien, die einen jungen behinderten Menschen in die Familie aufnehmen und betreuen. Somit könnte die Unterbringung in Heimen vermieden oder sogar beendet werden. Die Kosten könnten mit einem persönlichen Budget bezahlt werden. Hier müssen sicherlich weitere Rahmenbedingungen abgeklärt sein. Ich finde diese Variante gerade für Jugendliche oder junge Erwachsene eine optimale Möglichkeit in einer Häuslichkeit auch noch speziell gefördert zu werden.
    Ich stimme zu, dass die Wertschätzung und Anerkennung oft fehlt. Es ist doch nicht schwer auch ein wenig lobende Worte übrig zu haben. Trotzdem muss diese Tätigkeit nicht nur als JOB angesehen werden. Es muss ein großes Maß an Herzblut, an Haltung dabei sein.
    Ich hoffe nur, das sich das in den nächsten Jahren für die Beschäftigten bessert und somit auch für die Menschen, die deren Hilfe benötigen.

  • Sani

    Egal wo, es brennt an allen Ecken! Sowohl bei den Pflegekräften als auch bei denen die zuhause selbst ihre Lieben pflegen.
    Da ich beides Jahrelang gemacht habe, sehe ich die Nöte überall!
    Das Rad müsste neu erfunden werden um die Ungerechtigkeit auf allen Seiten verschwinden zu lassen.
    Für die, die etwas ändern könnten geht es um Geld, Geld das sie nicht ausgeben wollen. Seit Jahren werden Papiere bearbeitet in der Hoffnung das der neue Heilbringende Qualitätsstandard der schon zig mal “ verbessert“ worden ist die Arbeit vielleicht gleich selbst macht. Eher unwahrscheinlich!
    Schlechte Arbeitsbedingungen ausgeführt oft von schlecht Ausgebildetem Personal mit schlechter Bezahlung ist leider der Alltag. Geschönte Dienstpläne und Kurven.. Papier ist bekanntlich geduldig.
    Halt, da war doch noch was.. ach jaaa der Patient!!!Empathie, Achtsamkeit, Mitgefühl, Zeit, zuhören, genau hin schauen…
    Erstes Lehrjahr, schnell vergessen, Hauptsache die Unterlagen sind Schick! Patient wird ja mal warten können!!! So wie es an den Prüfungen der Pflegeschüler läuft sollte es immer laufen. Leider ist nicht täglich Prüfungstag.
    Die, die einen Pflegeberuf aus Berufung ursprünglich gelernt haben werden schnell eines besseren belehrt. Nicht der Patient sondern der, der zahlt steht im Mittelpunkt
    Grusel!!!

  • patrizia tamborrini

    Zeitdruck. Steigende Fehlerquote.
    Ein ständiges Prioritäten setzten und niemandem Gerecht werden.
    Aufgeben des besten Berufes, aufgrund der negativen Rahmenbedingungen.

  • Natascha Herrmann

    Ich arbeite in der Pflege, und habe zu Hause auch ein sehr besonderes Kind. Und jeder hat kleine Wünsche ob alt oder jung. Einige Wünsche sind nicht schwer zu erfüllen, aber es gibt Pfleger mit und ohne Herz ♥. Ich hoffe das ich wenn ich alt und zerbrechlich werde und auch irgendwann bin, mit Herz und Verstand gepflegt werde. Ich sage sehr oft, so wie ich Pflege möchte ich auch im Alter gepflegt werden. Das wird aber leider nicht gehen, weil ich weiß was es bedeutet unterbesetzt zu sein. Überstunden zu leisten, wohl bemerkt unbezahlte.
    Es muss was passieren, mehr Geld weniger Stunden, mehr Personal usw…..

  • Mia

    Danke für diesen tollen Blog. Macht weiter so.

  • Birgit B.

    Mit dem Wort PFLEGE verbinde ich seit genau 23 Jahren sehr viel Kraftanstrengungen, die aber durch die Liebe und Dankbarkeit von seitens meines Sohnes bedankt wird.
    in einem Heim teilweise mit Pflegenotstand wäre wahrscheinlich sein geistiger und körperlicher Entwicklungsstand noch die eines Kleinkindes.

  • Hasenmutti

    Mit dem Wort Pflege verbinde in aktuell sehr viel Wut und Unverständnis. Ich bin examinierte Krankenschwester, habe dem Beruf aber aufgrund verschiedener Gründe (Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten, körperliche Probleme….) den Rücken gekehrt und arbeite als Schulbegleitung. Immer wieder erlebe ich – als Angehörige von Patienten, als Besuch, als Kollegin einer SB eines Kindes mit Diabetes Typ 1…. wieviele ungelernte oder schlecht ausgebildete Hilfskräfte diese wirklich verantwortungsvolle Arbeit übernehmen. Wie Dinge hinten überfallen. Wie die einfachsten Basics „Guten Tag Frau x, ich bin Schwester y, …“ nichtmal beachtet werden…. es schüttelt mich.
    Meine Cousine macht zur Zeit eine Ausbildung zur Gesundheitspflegerin (Mittelkurs) und weiß schon jetzt, dass sie nicht in diesem Beruf bleiben möchte. Teilweise sind sie zu 2(!) im Spätdienst (sie, die Schülerin mit einer Fachkraft ) . Wir brauchen wohl nicht weiter reden… Ich kenne viele Pflegefachkräfte, die NICHT mehr in der Pflege arbeiten. Woran das wohl liegt?

  • Mandy

    Was ist das nur für ein Wahnsinn…Ich bin pflegende Mama (Pflegegrad4). Mein Sohn wird mich oder seine Geschwister als Privatpfleger bei sich haben. Aber folgende Situation : Pflegenotstand, absolut nah meine Schwester und derer Mann beide Intensivpfleger überarbeitet, gestresst und die vielen menschlichen Tragödien mit sich schleppend müssen beide arbeiten um ihren beiden Kindern ein einigermaßen sorgenfreies Heranwachsen zu ermöglichen. Also das Thema nah an mir dran und dennoch weit weg. Es ergab sich nun kurzfristig , das mein Sohn eine Organspende transplantiert werden musste. 1 Tag vor dem Eingriff möchte die Anästhesie die OP stoppen, obgleich das Tranplantat schon vor Ort war. Begründung: OSAS Patient, überwachungspflichtg, ist uns und der Klinik bekannt sind Stammgäste. Keine Betten zur Verfügung ! Betten gesperrt wegen Pflegenotstand! Das ist doch Wahnsinn ! Du brauchst Glück eonen Spender zu finden und dann hast es und es geht nicht weil der Sozialstaat versagt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.