Anett im Interview: „Ein Autismusbegleithund würde Max die nötige Sicherheit geben.“

Anett schrieb mich an, weil ihre Familie für den autistischen Sohn Max gerne einen Autismusbegleithund hätte. Über den Spendenaufruf hinaus interessierte ich mich für die Hintergründe und stellte Anett einige Fragen. Im Interview erzählte sie mir über den steinigen Weg zur Diagnose und die große Hoffnung und Hilfe, die ein ausgebildeter Begleithund für Max und seine Familie bedeuten würde.

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Liebe Anett, Du hast zwei Kinder. Dein fünfjähriger Sohn ist Autist. Wie macht sich Maximilians Autismus in seinem Leben bemerkbar?

Max und seine Schwester

Maxi mit seiner großen Schwester

Dass beide Kinder besonders sind, wussten wir schon immer. Bei Maximilian merkte ich es direkt nach der Geburt. Er hatte schon immer mit fremden Menschen, wechselnden Umgebungen und mit dem Essen Probleme. Als Baby hat er sehr schlecht getrunken, hatte starke Probleme mit den Übergängen von der Milchnahrung zur breiigen und dann zur festen Nahrung. Er war als Kleinkind ein sehr ruhiger und friedlicher kleiner Junge, spielte immer lange und ausgiebig mit demselben Spielzeug. Er war in der Entwicklung immer etwas zurück, Maximilian hat auch erst spät angefangen zu sprechen. Er war 2,5 Jahre alt als die ersten etwas „verständlichen Wörter“ von ihm kamen. Von anderen wurden wir immer nur belächelt und mit den Worten vertröstet: „Das verwächst sich“ oder „manche brauchen eben etwas länger“. Natürlich lernt jedes Kind auf seine eigene Weise und in seinem eigenen Tempo. Aber irgendwie spürte ich als Mama, dass da irgendetwas nicht stimmt. Welchen Kindergarten besucht Maximilian? Geht es ihm dort gut? Er ging anfangs in einen Regelkindergarten, dort sah ich natürlich den großen Unterschied zu anderen Kindern. Er bekam dann auch im Regelkindergarten Frühförderung. Erst dort wurde auch anderen der Entwicklungsrückstand, von dem ich schon immer gesprochen hatte, bewusst. In den Kindergarten ging er nicht gern, er weinte viel, klammerte sich an mich oder versteckte sich hinter mir. Nachmittags brach er immer völlig zusammen. Er schrie und ließ sich kaum beruhigen. Immer mehr wurde mir klar, dass es einen Grund für sein Verhalten geben musste. Fing dann die Diagnostik an? Ja, ich ging zu einer Kinderpsychologin und holte mir Rat. Wir füllten die ersten gemeinsamen Fragebögen mit der Kita aus und dort kam schnell die Verdachtsdiagnose „Autismus Spektrum Störung“ auf. Wir sollten bitte so schnell wie möglich eine Autismus Diagnostik durchführen lassen, hieß es. Dass nach diesem Gespräch die Willkür weiter ging, ahnte ich noch nicht. Wir fuhren ins Sozialpädiatrische Zentrum, dort stellten sie schnell an einem Tag und nach drei Tests fest: „Nein, kein Autismus“. Stattessen wurden mir Beratungsstellen vorgeschlagen, bei denen ich mir Erziehungstipps holen kann. Somit ging ich dann mit einem völlig überreizten Kind und mit der Verzweiflung nicht ernst genommen worden zu sein, nach Hause. Wir setzten alles in Bewegung, um eine zweite Meinung einzuholen. Wir riefen in Kliniken an, hörten aber immer wieder von sehr langen Wartezeiten und dass die Diagnostik nur stationär gemacht werden würde. Das wollte ich Maximilian nicht antun, denn fremde Menschen und eine fremde Umgebung sind für ihn der Horror. Es musste doch eine Möglichkeit geben, meinen Sohn ambulant testen zu lassen. Und wir hatten Glück. Ein toller Facharzt (zwar etliche hunderte Kilometer von uns entfernt) nahm sich die Zeit und führte bei ihm die Diagnostik ambulant durch. Ich kann mich noch gut an das Abschlussgespräch erinnern. Danach ging ich mit meinem Mann raus und musste weinen. Ich weinte nicht vor Freude oder aus Verzweiflung, sondern weil ich erleichtert war. Endlich hatten wir auch die schriftliche Gewissheit. Das Ganze ist nun fast genau fünf Monate her. Nachdem die Diagnose nun steht, werden wir ernster genommen und plötzlich „sehen“ es auch andere, die immer an uns gezweifelt haben. Was sind die größten Herausforderungen für Eure Familie? Der Tag fordert uns als Eltern schon sehr. Nach einem anstrengenden Tag sitze ich abends noch zusätzlich am PC und schreibe lange und ausführliche Widersprüche. Und wenn dies auch nichts bringt, hat man am Tag weitere Termine bei Anwälten, die natürlich auch zusätzliche Kosten für uns bedeuten. Ein „normales“ Familienleben ist oft nicht möglich. An manchen Tagen hat Maxi sich sehr schwer unter Kontrolle, ist motorisch sehr unruhig, verweigert das Essen, hat Schlafstörungen, erzählt in Stereotypien oder spricht gar nicht mehr. Unternehmungen sind sehr schwierig. Er hat zwar einen Rehabuggy, in den er sich zurückziehen kann, leidet aber auch damit unter Reizüberflutung. Er beschimpft dann Leute, bespuckt sie und ist zum Teil autoaggressiv. Das alles igelt uns als Familie schon sehr ein. Die Tage müssen immer komplett durchgeplant und organisiert sein, sonst würde es gar nicht funktionieren. Und: Ob es bei der Pflegekasse ist (zur richtigen Einstufung des Pflegegrades), beim Landesverwaltungsamt für die Einstufung des Schwerbehindertenausweises, bei der Krankenkasse für eine Familienkur oder oder oder … Wie klappt es jetzt im Kindergarten und was macht Maxi besonders liebenswert und mit was beschäftigt er sich? Maximilian geht seit letztem Jahr in einen integrativen Kindergarten, wo er sich sehr sehr wohlfühlt. Er hat eine tolle Integrationskraft an seine Seite, die ihn immer und überall unterstützt. Er wird von allen Kindern angenommen und ist ein besonderer, fröhlicher kleiner Junge. Er spielt unheimlich gern mit Farben, Formen und Zahlen und sortiert sehr gerne und achtet viel auf die kleinsten Details. Maximilian benötigt jeden Tag seine Rituale und eine 24h Betreuung sowie eine individuelle Förderung. Wie kamt Ihr auf die Idee, einen Autismusbegleithund in Eure Familie zu holen? Letztes Jahr wurde ich auf den Verein „Tierisch geborgen e.V.“ aufmerksam. Der Verein arbeitet mit vielen ehrenamtlichen Mitgliedern und deren ausgebildeten Therapiebegleithunden oder Besuchshunden zusammen. Sie gehen in soziale Einrichtungen wie Seniorenheime, Behindertenschulen, Kindergärten uvm. Auch unterstützen sie Familien bei der Vermittlung eines Assistenzhundes. Maximilian hatte letzes Jahr immer mal wieder mit tollen Hunden und einfühlsamen Menschen einzelne Therapiestunden. Wir merkten dabei, wie gut ihm ein Hund tut. Er sprach nach den Therapien unglaublich gut, war ruhiger und entspannter. Ich hatte schon öfter von Autismusbegleithunden gelesen und dachte, dass so ein Hund auch für Maximilian ideal wäre. Er könnte uns im Alltag sehr unterstützen, Max von Außenreizen abschirmen und vielleicht hätten wir so auch die Möglichkeit, bald ohne Buggy Ausflüge zu machen. Da mein Mann für längere Strecken im Rollstuhl sitzt, ist der Platzmangel im Auto immer sehr extrem. Nächstes Jahr kommt Maximilian in die Schule. Ein großer Schritt und wieder eine Veränderung in seinem Leben. Wir möchten gerne, dass unser Autismusbegleithund Maximilian dann in der Schule begleiten kann, um ihm die nötige Sicherheit zu geben. Wie kann man Euch unterstützen?
Bild mit Rahmen vom Begleithund

der zukünftige Begleitund mit von Maxi verziertem Bilderrahmen

Da ein Assistenzhund von der Krankenkasse nicht finanziert wird, sind wir auf Spenden angewiesen (10.000€). Ein erstes Treffen mit einem ausgebildeten Autismusbegleithund hatten wir Ende Februar. Auch dort sahen wir wieder die unglaublich positiven kleine Erfolge an Maximilian. Wer uns unterstützen möchte, kann dies gern per Spende tun. Vielleicht hat jemand darüber hinaus noch eine Idee, wie wir die Summe zusammenbekommen könnten. Weitere Infos findet ihr auch auf der Facebookseite von Tierisch geborgen e.V., dort ist auch der Spendenaufruf zu sehen. Gerne kann aber auch direkt Kontakt zu mir aufnehmen. Wir danken euch schon jetzt für jede kleinste Unterstützung. ♥   Was wünschst Du Dir von der Gesellschaft? Dass die Akzeptanz in der Gesellschaft mehr zunimmt, auch den Menschen gegenüber, denen man ihre Behinderung nicht direkt ansieht. Ich würde mir wünschen, dass die Leute nach dem Hingergrund des Verhaltens fragen, anstatt die Augen zu verdrehen oder zu tuscheln. Für uns Eltern von autistischen Kinder ist dies zusätzlich sehr belastend. Ich habe viele Familien kennengelernt, in denen die Eltern selbst psychisch erkrankt sind und daher nicht mehr für das Kind sorgen können. Das ist nicht alles auf die Familiensituation zurückzuführen, sondern auch viel auf die Belastung durch das Unverständnis innerhalb der Gesellschaft und die ewigen Kämpfe mit der Bürokratie.

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Liebe Anett, ich danke Dir sehr für das Interview und wünsche Euch, dass es mit dem Begleitund für Maximilian klappt und die beiden ein tolles Team werden. Alles Gute für Dich und Deine Familie ♥ Zum Weiterlesen:

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Leon bekommt einen Autismusbegleitund – Interview mit einer Mama Interview mit Katrin Meyer: Therapiebegleitunde für AutistInnen

 

2 comments

  • Nicole

    Liebe Anett
    Du sprichst mir aus der Seele! Mir kommt das alles so bekannt vor! Ich wünsche euch ganz viel Kraft und hoffe ganz fest, dass ihr das Geld für einen Assistenzhund zusammen bekommt! Gebt niemals auf, egal wieviel Kraft es euch kostet!!!

  • Betty Hu

    Liebe Anett,
    ich wünsche Euch ganz viel Kraft und dass Ihr Euer Spendenziel baldmöglichst erreicht. Bei uns hat die Diagnose leider Jahre gedauert, weil unser Sohn immer in die ADHS Schublade gesteckt wurde. Wir haben schon immer mindestens zwei Hunde in der Familie. Seit vielen Jahren eine Havaneserhündin, seit zwei Jahren einen Großspitz-Schäfer-Mix und seit einem halben Jahr einen Labrador. Dieser ist nun ein knappes Jahr alt und wird seit er bei uns eingezogen ist auf seine Aufgabe als Assistenzhund mit einer erfahreren Assistenzhundetrainerin vorbereitet. Ich halte die Wahl eines Havanesers als Autismusassistenzhund für schlecht. Sie sind einfach zu klein und zu „zerbrechlich“ um sich durchzusetzen. Unser Havi ist sehr fürsorglich und tröstet unglaublich viel. In Situationen die nicht so ganz einfach sind, lässt sie die Großen ran. Autoaggresives Verhalten könnte sie nicht unterbinden. Ich kenne Euren Ausbildungsverein nicht und Maße mir auch absolut kein Urteil über die „Gesinnung“ der Trainer zu. Ich bitte Dich nur inständig sehr kritisch zu schauen wo Eure Spendengelder hin gehen. Leider habe ich die letzten Jahre viel über unseriöse und gemeine Institutionen erfahren in denen nicht geeignete oder sogar kranke Assistenzhunde sehr teuer verkauft wurden. Die Not und der Hoffnung der Menschen wird leider oft sehr schamlos ausgenutzt. Ich mag damit nicht sagen, dass das bei Euch so ist aber die Anschaffung eines Havanesers als Autismus-Assistenzhund finde ich schon sehr „undurchdacht“. Mit meiner Meinung steh ich nicht allein da, wenn man Autismus, Hund und Kind oder autism, dog, child googelt findet man nur kleine Hunde, wenn sie bereits in der Familie waren und das sehr, sehr selten. Ich drück Euch ganz fest und wünsche Euch das Allerbeste

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