Als Pilger unter Geiern – oder – unser aller Reise als Fremdlinge

Zurück von unserer Reise möchte ich noch ein paar Gedanken anschließen und außerdem hatte ich Euch im Beitrag „Ellas Blog von Tour – auf Pilgerbrücken und in Geierschluchten“ ja noch ein Geier-Bild versprochen ;-)

Geier

Schaut mal, hier kreist einer über uns in der Schlucht. Wie Haie im Meer sieht das aus, wenn sie zu mehreren auftauchen, irgendwie unheimlich.

Geierschlucht Pyrenäen
Geierschlucht Pyrenäen

Als wir nach Nordspanien aufbrachen, war uns gar nicht bewusst, dass wir sehr oft die bekannten Pilgerwege nach Santiago de Compostela kreuzen werden. Die Pilger auf den Wegen und auch direkt neben der Straße waren dann allerdings nicht zu übersehen. Einige Male fragten wir uns, ob es wohl ein Vergnügen ist, neben den Abgasen der Autos entlang zu wandern, aber darum geht es wohl nicht.

Das Wort „pilgern“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „über Land“ reisen. Damit ist gemeint, dass man sich wie ein Fremdling außerhalb der Zivilisation bewegt. Inzwischen wird das Wort auch einfach für gemächliches umherschlendern verwendet. Die Wenigsten pilgern wohl noch aus religiösen Gründen, sondern um zur Ruhe zu kommen und sich Gedanken über ihr Leben zu machen, z.B. nach einer schweren Krankheit, in einer besonderen Lebenssituation, nach einer Trennung oder ähnlichem.

***

Wie ein Fremdling umherreisen … das ließ mich darüber nachdenken, ob ich mich nicht auch manchmal wie ein Fremdling bewege:
anderen Menschen, meinem eigenen Kind und auch mir selbst gegenüber. Oftmals wird beschrieben, dass sich AutistInnen wie Fremde fühlen, wenn sie z.B. mit den gesellschaftlichen Konventionen unserer Zeit konfrontiert werden, wenn von ihnen erwartet wird, sich anzupassen und sich „normal“ zu verhalten. Nicht selten denke ich, dass Niklas mein Verhalten als „fremd“ ansehen könnte, nicht versteht, warum ich dieses oder jenes tue oder von ihm erwarte.

Ich bin überzeugt davon, dass es wichtig ist, mit Anderem und Fremdem konfrontiert zu werden und sich damit auseinanderzusetzen.
Nur so kann sich die eigene Persönlichkeit entwickeln, indem man reflektiert, sich abgrenzt, positioniert und gleichzeitig eine tolerante Grundhaltung entwickelt. Das geht damit einher, dass man manches, das zunächst fremd und ungewohnt wirkte, vielleicht für sich und sein Leben annimmt, aber eben auch dazu, Haltungen zu überdenken und neue Standpunkte zu entwickeln oder Überzeugungen zu festigen. Und meiner Meinung nach sollte es auch dazu führen, dass man das Fremde respektiert, auch wenn man für sich und sein Leben manches anders sieht.

Pilgerbrücke in Puente la Reina
Pilgerbrücke in Puente la Reina – Wieviele Fremde werden sich hier schon begegnet sein?

Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass manches, das zunächst fremd erscheint gar nicht so anders ist, wenn man sich Zeit nimmt, sich näher damit zu beschäftigen.
Es gibt Hindernisse und Filter (manchmal sogenannte Scheuklappen) oder auch nicht vorhandene Filter, die in uns allen existieren oder eben nicht existieren, die uns oftmals nur Facetten des Anderen oder einer Sache sehen lassen. Das bedeutet aber eben nicht, dass das Andere, das wir nicht sehen und nicht wahrnehmen oder anders sehen, nicht doch vorhanden ist.
In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass es schade ist, dass manche Menschen sich nicht die Mühe machen und sich keine Zeit nehmen, Niklas kennenzulernen, über Jahre hinweg nur oberflächlichen Kontakt zu ihm pflegen und sich dann wundern, dass sie keinen Zugang zu ihm haben oder kein Miteinander möglich ist. Mich wundert das nicht und ich nehme es Niklas auch nicht übel, dass er diesen Menschen nicht zuhört.

auf der Brücke in Puente la Reina
auf der Brücke in Puente la Reina

Vielleicht sollten wir ab und zu darüber nachdenken (oder andere anregen, darüber nachzudenken), ob wir manches einfach nicht sehen wollen, weil es gewohnte Strukturen, Denkmuster bis hin zu Lebensentwürfen gefährdet oder ob wir manches tatsächlich nicht ohne die Hilfe anderer sehen können. Und dann sind die Anderen diejenigen, die mir Neues, Fremdes, Anderes zeigen und nichts, das es zu bekämpfen gilt, sondern als Bereicherung anzusehen ist.

Niklas sieht und hört und riecht andere Dinge als ich. Auch wenn ich es nicht nachvollziehen kann, weiß ich doch, dass es da ist und dass es berücksichtigt werden muss. Und deshalb verhält er sich auch oft anders, zuweilen impulsiv, unverständlich, vollkommen von der „Norm“ abweichend.
In vielen Situationen muss ich ihm helfen, die Orientierung (wieder)zufinden oder überhaupt lebensnotwendige Dinge wie z.B. essen und trinken zu praktizieren.

Aber hat er mir nicht auch schon viel neue Orientierung gegeben? Orientierung an neuen Werten und Zielen als das vor seiner Geburt der Fall war…

Auch gibt es Situationen, in denen ich ihn vor sich selbst oder auch mich selbst schützen muss, denn selbstverständlich ist es inakzeptabel, wenn er sich oder andere verletzt.
Aber darüber hinaus akzeptiere ich sein Anderssein, seinen ganz individuellen Autismus. Denn nur wenn ich nicht ausschließlich von ihm erwarte, sich anzupassen, sondern auch meine eigene Sicht der Dinge verändere, können wir uns einander annähern, anstatt wie ewige Pilger im Leben des anderen nur immer zu Gast zu sein und sich fremd zu fühlen.

Übrigens: so ein Geier ist nicht nur unheimlich, sondern sieht ziemlich frei aus, wie er so über dem Pilgervolk schwebt…

***

Nunja, auch wenn ich mit dem religiösen Pilgern nichts am Hut habe, hat es mir nun doch einige Gedanken entlockt und diesen halbphilosophischen Exkurs hervorgebracht.
In diesem Sinne ist die Überschrift quasi wörtlich zu nehmen: Ich bin unterhalb der Geierschlucht mit Euch durch meine Gedankenwelt gepilgert.

Wandert schön in die Woche :-)

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2 comments

  • Heidi Bosse

    Liebe Silke , du bringst es wie immer auf den Punkt <3 ! Ich teile deine Gedanken und das Thema beschäftigt mich beruflich wie privat immer wieder !
    Danke das Du das und viele andere Themen so in Worte fasst und mit uns teilst ,ebenso wie die aussagekräftigen Fotos ,- das man sofort das Gefühl hat , – so denke ich auch , – könnte es aber nie so beschreiben !
    Das macht es einfacher den Menschen um uns rum zu sagen : " lies mal ,, dann verstehst Du was uns bewegt "!
    Ich drück Dich aus der Ferne <3 Heidi

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