Wir sind gerade in der Pubertät – und Ihr so?

Wir stecken im Moment mitten in der Pubertät.
Natürlich ist eigentlich nur Niklas in der Pubertät – Spätpubertierender mit seinen 17 Jahren, wie uns der Jugendpsychiater aufklärte, und daher besonders heftig in seinen „Aktivitäten“ und Reaktionen – aber wir stecken automatisch auch mit drin und deshalb schreibe ich „wir“.

Da wir noch mittendrin sind in der Pubertät und ich noch nicht den nötigen Abstand zum Reflektieren habe, werde ich zunächst nur einige Teilaspekte herauspicken, die sich gezeigt haben und die vielleicht auch anderen helfen können. Natürlich sind es persönliche Erfahrungen, die nicht automatisch auf andere übertragbar sind.

 

Der Drang nach Selbständigkeit und Aktivität

Deutlich spürbar ist Niklas´ Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Selbständigkeit.
Ich bin davon überzeugt, dass sein großes Erfolgserlebnis, mit 16 Jahren die Windelzeit hinter sich gelassen zu haben, ihn in seinem Bestreben nach Selbstbestimmung und Selbständigkeit gepusht hat. Und das ist natürlich eine super Sache.
Manchmal werde ich gefragt: Wie habt Ihr das denn geschafft, dass er keine Windeln mehr braucht? Und ich antworte dann: Das haben wir überhaupt nicht geschafft. Niklas hat das irgendwann selbst beschlossen und dann war es so.
Damit hat er gemerkt, dass er sehr wohl Dinge lernen kann, an die wir (und vielleicht auch er selbst?) nicht mehr geglaubt hatte. Dieser Entwicklungsschub hat bei ihm offensichtlich noch mehr Energie freigesetzt, sein Potential jetzt entfalten zu wollen.

Dass man beim Entfalten der eigenen Freiheit auch mal mit dem Willen von anderen Menschen kollidiert und vor allem auch mit Eltern auf Konfrontationskurs gerät, das ist kein Geheimnis und sicherlich bei allen Teenagern – ob autistisch oder nicht – so. Aber was ist, wenn der junge Heranwachsende dabei realisiert, dass trotz aller Entwicklungsmöglichkeiten doch Defizite bleiben werden? Ich denke, es ist schon ein Unterschied, ob ein Teenager mit oder ohne Handicap in der Pubertät „steckt“.

 

Das Realisieren der eigenen Einschränkungen

Sicherlich ist es eine äußerst schmerzhafte Erkenntnis, wenn Jugendliche mit Handicap realisieren, dass Einschränkungen bleiben werden. Vieles kann man schaffen, vieles lernen und vieles entwickelt sich weiter, auch ohne dass man etwas dafür tun muss und im Übrigen auch, ohne dass man gefragt wird, ob man das überhaupt möchte.
Aber es bleiben möglicherweise Einschränkungen, die schwer wiegen und verarbeitet werden müssen. Manche können auch als Erwachsene noch nicht auf Toilette gehen, brauchen Hilfe beim Essen, Ankleiden, bei der Hygiene, wissen nicht, wie man soziale Kontakte anbahnt und wie man damit umgeht, dass man sich vielleicht verliebt hat….

Das zu realisieren, ist sicherlich ein Prozess und wenn Eltern behinderter Kinder etwas davon mitbekommen und eine Ahnung davon haben, ist dieser Prozess schon lange im Gang. Da wird man mit Frust, Ängsten, Wut, Hilflosigkeit und einem unbändigen Drang, das alles hinter sich lassen zu wollen, konfrontiert.

Den Aspekt, sich nicht mit anderen vergleichen zu sollen, bekommen Eltern immer wieder gesagt und nicht wenige predigen es sich selbst regelmäßig vor: Vergleiche Dich nicht mit anderen, das macht Dich nur unglücklich und unzufrieden. Und viele von uns wissen, wie schwierig es ist, das umzusetzen. So oft gibt es Momente, in denen man sich dann doch wieder vergleicht und sich ermahnt, es doch endlich sein zu lassen.
Wer kann es da unseren Kindern verdenken, dass sie sich gerade in der Pubertät mit Gleichaltrigen vergleichen, die keine Handicaps haben, und dabei Frust, Wut und Traurigkeit entwickeln?
Ich glaube, dass man dafür Verständnis haben muss und das viele impulsive Ausbrüche erklärt.

 

Der Wunsch nach sozialen Kontakten

Das ist ein Thema, das mir manchmal das „Herz bricht“ (rw). Niklas gebärdet in letzter Zeit ständig, dass er etwas ausmachen, Besuch haben oder jemanden besuchen möchte. In der Schule hat er Freunde, aber an seinem Wohnort gibt es niemanden.
Die Möglichkeit, seine Schulfreunde auch nach der Schule zu treffen, ist äußerst eingeschränkt und nur auf das Wochenende begrenzt, weil das Einzugsgebiet sehr groß ist und die Kinder in alle Winde verstreut wohnen. Verabredungen gehen aufgrund des hohen Pflege- und Betreuungsbedarfes auch immer nur mit Elternteilen von beiden Seiten oder engagierten Betreuern. Das zeitlich zu koordinieren, ist gar nicht so einfach. Und so kommt es regelmäßig zu Schreiattacken, weil wir nichts ausgemacht haben oder Besuch erst in zwei Tagen möglich ist.

Diesen extremen Drang hat Niklas erst seit er in der Pubertät ist und trotz der Schwierigkeiten, die damit einhergehen, begrüße ich diese Entwicklung sehr. So oft habe ich bedauert, dass er das Haus nicht verlassen und nichts unternehmen möchte – jetzt hat es sich gewandelt und es ist ganz bestimmt ein wichtiger Schritt zum erwachsen werden. Aber es führt mir und uns auch schmerzlich vor Augen, wie eingeschränkt unsere Möglichkeiten sind, soziale Kontakte zu pflegen.

Diese fehlenden Kontakte in der Freizeit führen dazu, dass Eltern behinderter Kinder oftmals für vieles herhalten müssen, was andere Kinder an Aktivitäten und Kräftemessen z.B. mit ihren Kumpels auf dem Fußballplatz und beim Handball austragen, wenn sie mit dem Fahrrad durch die Gegend düsen, sich mit Freunden streiten und dann wieder vertragen und so lernen, wo ihre Grenzen, Talente und Fähigkeiten liegen.
Man braucht jemanden, um zu provozieren, sich auszuprobieren und auch mal klare Regeln demonstriert zu bekommen. Ich spüre zur Zeit sehr deutlich, dass hier ein enormer Druck auf uns Eltern liegt, weil sonst kaum jemand da ist. Und mit einem Teenager, der einem bereits über den Scheitel gewachsen ist, führt das Eltern auch an körperliche Grenzen.

 

Die Bedeutsamkeit von Ruhe und Ausgeglichenheit der Eltern

Und so würde man manchmal am liebsten mit dem sich entwickelnden, schreienden, kämpfenden, tobenden und nach Grenzen schielenden Teenager mitschreien und mittoben. Und klar – das habe ich auch schon getan: vor lauter Wut und Ärger mitgetobt.

Es ist sicherlich menschlich und nachvollziehbar. Aber: es hilft gar nichts. Überhaupt nichts.

Ruhig bleiben, und wenn es noch so sehr in einem brodelt, lieber mal kurz ins Bad gehen und gegen Duschwände schlagen, als mit dem Kind mitzutoben. Dann verkürzen sich Szenen deutlich.
Und nein – ich schaffe das natürlich auch nicht immer. Aber für mich ist es inzwischen ein regelrechtes Mantra geworden, mir selbst immer wieder zu sagen: Bleib ruhig. Es geht vorbei.

 

Hilfreich ist es vielleicht, an die eigene Pubertät zurückzudenken, an das Gefühlschaos, all die Gedanken, die einen umtrieben, die sozialen Gefüge, Freundschaften, die kamen und gingen, Empfindsamkeiten, Verletzungen und die riesengroßen, manchmal verstörenden körperlichen Veränderungen.
Wie chaotisch, beunruhigend und abenteuerlich muss es da erst für unsere Kinder sein, die ohnehin schon mit ihrer speziellen Wahrnehmung ein ganz besonderes Thema in ihrem Leben haben.

 

Loslassen und Halt geben

Das sind die Zauberwörter, die man als Eltern pubertierender Jugendlicher oft gesagt bekommt.
Ich denke oft darüber nach, wie genau das umzusetzen ist. Wie soll man einen Teenager loslassen, der noch Hilfe bei allen lebenspraktischen Dingen braucht, der sich nicht alleine an- und ausziehen, sich nicht alleine waschen und auch nicht alleine essen kann? Wie soll man einen Teenager loslassen, der wegen Selbstgefährdung und Weglauftendenz unter ständiger Aufsicht steht? Wie soll man diese Symbiose, die lebensnotwendig ist, auflösen?
Das geht eigentlich nur, indem man Verantwortlichkeiten (zumindest zeitweise) abgibt, andere Menschen findet, die das eigene Kind an der Hand nehmen und es liebevoll aus dem elterlichen Nest geleiten, damit Loslassen und Selbstentfaltung des Kindes, das ja nun kein Kleinkind mehr ist, möglich wird.
Solche Menschen muss man erstmal finden und lernen, ihnen zu vertrauen.

An das „Halt geben“ sind wir als Eltern behinderter Kinder gewöhnt – mehr als alles andere tun wir das schon jahrelang in besonderem Maße: Wir kämpfen, argumentieren, recherchieren und diskutieren mit allen und allem, was sich an Barrieren im Leben unserer Kinder auftut, um ihnen ein Leben zu ermöglichen, in dem sie den größtmöglichen Halt und die beste Förderung erfahren und ihnen keine Grundrechte verwehrt werden.
Und natürlich geben wir diesen Halt weiterhin, auch wenn es in der Pubertät manchmal schwerfällt, Entgleisungen unserer Kinder nicht persönlich zu nehmen.

Nimm es nicht persönlich. Das ist ein weiteres Mantra geworden.
Im tiefsten Inneren wissen wir, dass sie rebellieren, weil sie es einfach tun müssen und dass wir die Sparingspartner sind, weil meistens niemand sonst da ist.

Das schaffen wir auch noch. 🙂

***


Zum Weiterlesen:
Autismus und das Windelthema – Und wann war Dein Kind sauber?

Wenn das eigene Kind einen Meltdown hat

Mental stark bleiben mit behindertem Kind

Von der Schwierigkeit mit Übergängen

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3 comments

  • Zarinka

    „Hilfreich ist es vielleicht, an die eigene Pubertät zurückzudenken,“

    Das kann sicherlich hilfreich sein…setzt jedoch voraus, selbst ebenfalls mal pubertierend gewesen zu sein.
    Meine Mutter kannte weder Trotzphasen noch pubertierendes Verhalten während unserer Kinder- und Jugendzeit…so hat sie es meiner Schwester und mir (so wie auch anderen Leuten) immer wieder erzählt.
    Und ja, auch ich selbst kenne es von mir persönlich so gar nicht…Gefühlschaos…Gedanken die einen umtrieben…oder was sonst noch so alles bei den meisten Jugendlichen in dieser Zeit auftritt.

    Die Pubertät meiner beiden Söhne habe ich jedoch auch „ganz gut zu spüren“ bekommen, und diese Zeit (fing etwa mit 16/17 Jahren an und endete abrupt mit 25) war für mich sehr nervenaufreibend …da ich es ja von mir persönlich so gar nicht kannte.

    Die Pubertät meines A Sohnes verlief eher ruhig und unauffällig im Vergleich zu der meines anderen Sohnes.
    „Bleib ruhig. Es geht vorbei.“ ist mit Sicherheit leichter gesagt als getan…ändert jedoch nichts an der Tatsache das dem nun mal wirklich so ist. 😉

    Da heißt es „einfach nur“: durchhalten…durchhalten bis es geschafft ist. 🙂

  • Maike Schulte

    Hallo Silke,
    vielleicht gibt es die Möglichkeit über Jugendgruppen der Kirchengemeinden bei euch im Ort Kontakte für Niklas zu finden. Ich bin seit Jahren aktiv in der Firmvorbereitung tätig und in diesem Rahmen sind auch soziale Aktionen geplant, die auch von den Jugendlichen vorgeschlagen werden. Wir haben bei uns eine Behinderteneinrichtung (kannst Sebastian danach mal fragen) und einige der Jugendlichen wollen dort ihre soziale Aktion machen und von diesen haben sich dann welche entschieden öfter dort hinzugehen oder sich dort ehrenamtlich zu engagieren. (z.B. Integrative Freizeit)
    Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dass es mal ein Treffen mit behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen gibt, in einem kleinen geschützen Rahmen. Wäre doch schön, wenn daraus Freundschaften entstehen könnten.

  • E. F.

    Liebe Silke, dein Text berührt mich sehr. Wahrscheinlich kann man nur erahnen, was du grade durchmachst. Ich wünsch dir viel Unterstützung und viele Auszeiten nur für dich allein. Je besser du für dich sorgen kannst und je mehr du Niklas als eigenständiger Mensch gegenübertreten kannst, desto besser kann er sich abgrenzen. Dieser Kampf nach Eigenständigkeit in einer Eltern-Kind-Beziehung ist immer sehr schmerzhaft, und noch ungleich schwieriger, wenn das Kind eine Behinderung hat. Ich wünsche euch, dass Niklas seinen Weg vom Jugendlichen zum Erwachsenen findet und dass du Wege loszulassen findest. Wo und in welchem Maße, das wirst du bestimmt mit Niklas zusammen herausfinden. Ich fühle mit, und danke, dass du uns allen diesen Einblick in dein Leben gibst. Du gibst mit diesem Blog vielen Familien Kraft und Mut und sollst davon auch etwas zurück bekommen. Alles Liebe

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