Wie man Wutanfälle und Meltdowns auseinander hält

NervenFrustration und Trotz führen zu Wutanfällen, Reizüberflutung möglicherweise zu einem Meltdown.
Wie kann man diese Zustände jeweils auseinanderhalten und wie geht man am besten mit seinem tobenden Kind um?

 

Über Frustration und Trotz zum Wutanfall

Wutanfälle treten meistens dann auf, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man das gerne hätte. Das kann in ganz unterschiedlichen Konstellationen passieren.

Kleinkinder bekommen manchmal Wutanfälle wegen Dingen, die nicht beeinflussbar sind, zum Beispiel weil der Mond scheint und er das nicht soll oder die Sonne untergeht und sie das auch nicht soll.
Eltern-Kind-Beziehungen sind in manchen Phasen konfliktreicher als in anderen, so z.B. im typischen Trotzphasenalter der Zwei- bis Dreijährigen, die ihren eigenen Willen entdecken, der sich leider nicht immer mit dem der Eltern deckt. Oder später in der Pubertät, wo Freiheitsstreben und Selbstverwirklichung auch nicht unbedingt immer mit der Haltung der wütendEltern oder der Erwartung der Gesellschaft zusammenpassen.
Auch kann man ganz heftig wütend werden, wenn man merkt, dass man manche Dinge einfach nicht schafft, die man gerne beherrschen würde. Viele AutistInnen sind unbegabter in (fein)motorischen Dingen. So gelingt einiges nicht so gut und akkurat, wie man es sich selbst wünscht. Und das kann schon mächtig wütend machen, vor allem, wenn man bemerkt, dass andere es doch viel besser schaffen und man sich seines eigenen Handicaps bewusst(er) wird.

Bei einigen autistischen Kindern beobachte ich, dass sich die Phasen etwas verschieben, da die Entwicklung mit einer gewissen Verzögerung einhergeht. So zum Beispiel auch bei Niklas. Die Pubertät begann etwa zwei bis drei Jahre verspätet, damit hatten wir mit den bisher heftigsten Wutanfällen bei ihm im Alter von 17 Jahren zu kämpfen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Frustrationsgrenze bei einigen recht niedrig ist und es vielen AutistInnen schwer fällt, ohne Anleitung die Perspektive zu wechseln.
Das bedeutet in der Praxis, dass es für Niklas z.B. nicht automatisch verständlich ist, dass im Winter um 18 Uhr nicht alle Lichter im Haus ausgeschaltet bleiben können. Wir müssen erst erklären, dass wir Licht brauchen, um etwas zu sehen, zu kochen, aufzuräumen, zu lesen, zu spielen, usw. Bis wir aber dazu kommen, alles zu erklären, ist er wegen eingeschalteter Lampen schon so frustriert, dass er aus der Wutspirale nicht mehr herauskommt.

Was kann man tun?

Wie sich Situationen entwickeln, hängt vor allem von der Reaktion der Erwachsenen, also sehr oft von der Reaktion der Eltern ab.

Möglichst gelassen bleiben.
Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber das beste Mittel.
Indem wir selbst ruhig bleiben, können wir dem Kind am besten helfen, auch wieder ruhiger zu werden. Wenn wir schreien, toben oder heftig argumentieren, schaukelt sich die Situation nur weiter hoch (rw).

Wichtig ist, Verständnis zu zeigen. Je mehr wir vermitteln, dass wir die Wut und den Ärger nachvollziehen können, desto eher kehrt wieder Ruhe ein.

Trotzdem kann man natürlich nicht jedem Wutanfall nachgeben. Bestimmte Grenzen und Regeln, die bei autistischen Kindern allerdings deutlich anders ausfallen können als bei nicht-autistischen Kindern, sind wichtig. Und zwar nicht nur für ein respektvolles Zusammenleben, sondern auch für die Entwicklung einer möglichst stabilen Persönlichkeit.

Beim Lesen herkömmlicher Erziehungsratgeber stößt man immer wieder auf den Tipp, mit dem Kind einen anderen Zeitpunkt zu verhandeln. So könnte man  z.B. sagen „Jetzt können wir nicht zur Oma gehen, aber morgen.“
Aus eigener Erfahrung mit einem frühkindlichen Autisten und nach den Schilderungen andere Eltern kann ich hierzu sagen, dass das für viele autistische Kinder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Der Blick für den großen Zusammenhang fehlt häufig und die Aussicht auf etwas, das dann später irgendwann stattfindet, ist viel zu vage und nicht greifbar (rw), als dass es zur Lösung des Konflikts beitragen könnte.

Um Alternativen anbieten zu können oder einen Ortswechsel für Ablenkung anzustreben, muss man den richtigen Zeitpunkt abpassen. Wenn der Wutanfall schon weit ausgeprägt ist, gibt es hier kein Durchkommen mehr und nach meiner Erfahrung kippt Niklas sehr schnell in einen vollkommen unkontrollierten und orientierungslosen Zustand, der dem eines Meltdowns nach einem Overload sehr ähnelt.

Wenn man es allerdings schafft, rechtzeitig zu intervenieren, einen anderen Ort aufsucht, eine andere, attraktive Beschäftigung anbietet, möglicherweise etwas Überraschendes vorschlägt, kann der Wutanfall so schnell wieder zu Ende sein, wie er angefangen hat.
Das ist ein großer Unterschied zum Meltdown nach Reizüberflutung, aus dem es keinen schnellen Ausweg gibt.

 

Meltdown nach Reizüberflutung

Für diesen Zusammenbruch wird zwar auch das englische Wort für „Wutausbruch“, nämlich „Meltdown“ verwendet, gemeint ist aber ein völliger Zusammenbruch, ein Ausrasten, das nichts mit Wut zu tun hat, sondern die Folge einer kompletten Reizüberflutung ist.

Die Reizüberflutung kann in allen Sinnesbereichen auftreten: zum Beispiel zu viele sich überlagernde Geräusche, laute Geräusche, unvermittelte Berührungen oder Begegnungen, beißende Gerüche, aber auch zu viele nacheinander gestellte Fragen oder Informationsflut. Dies alles staut sich so lange und intensiv an, dass sie in einem „Meltdown“ münden.

JungeAnders als beim Wutanfall ist hier nicht der Auslöser etwas, das dem Willen des Kindes widerspricht, also Frust und Trotz auslöst, sondern etwas, das unfreiwillig geschieht, dem der Autist oder die Autistin ungefragt ausgeliefert ist, ohne willentlich dagegen anzukommen.

Der Meltdown, das Schreien, Weinen, Treten, selbstverletzendes Verhalten, Wegrennen,…. ist dann wie eine Flucht zu verstehen, ein Aufbegehren gegen die schmerzenden Sinneserfahrungen, er geschieht unkontrolliert und kann ab diesem Zeitpunkt auch nicht mehr durch „geschicktes Verhandeln“ beendet werden. Das unkontrollierte Verhalten wird nicht wie bei einem Wutanfall bewusst eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Was kann man tun?

Da sein. Ruhig bleiben. Dafür sorgen, dass sich niemand verletzt.
Nicht sprechen, denn das sind noch mehr Reize, die in dieser Situation nicht verarbeitet werden können.
Je nachdem, wie man es aus Erfahrung weiß, Distanz wahren oder leicht massieren oder einen Waschlappen anreichen, Decken zum Einhöhlen geben, das Licht dimmen oder Kopfschmerzenlöschen. „Die Welt erstmal aussperren“.

Ein Meltdown vergeht langsamer und hängt auch noch länger nach. Er hinterlässt Spuren wie anhaltende Überempfindlichkeit, Bedürfnis nach Ruhe und Müdigkeit.

Auslöser für Meltdowns kann man mit der Zeit immer besser erkennen und frühzeitig entgegenwirken. Im Beitrag „Overload, Meltdown, Shutdown – was ist das?“ habe ich ausführlicher darüber geschrieben.

 

Unterscheidung ist wichtig, aber nicht immer möglich

Ich denke, es ist wichtig zu unterscheiden, ob man es mit einem Wutanfall oder Meltdown zu tun hat (gem. der Definitionen, die ich oben gewählt habe).
Man kann dann angemessener reagieren und im Anschluss die Situation aufarbeiten und ggf. klären und dafür sorgen, dass sie nicht unbedingt wieder auftreten.
Gerade bezüglich Meltdowns kann das Umfeld einen großen Teil dazu beitragen, dass er möglichst nicht allzu häufig auftritt. Ausschließen kann man es natürlich nicht.

Nach außen hin ähneln sich Wutanfall und Meltdown oft sehr …

… so auch bei Niklas. Beide Formen hielten Anfang dieses Jahres über vier Monate hinweg fast täglich bis zu drei Stunden an und es war anfangs sehr schwer zu verstehen, um was von beidem es sich handelte. Mit der Zeit wurde es offensichtlicher, wir lernten dazu, wussten, auf was wir achten müssen und konnten schneller erfassen, ob der Auslöser für das schrille, anhaltende Geschrei und Toben z.B. drei vorbeifliegende Hubschrauber oder Kirchenglocken (beides Reizüberflutung mit anschließendem Meltdown) oder unser Hinweis darauf, dass wir erst in einer Stunde zum Opi fahren (Wutanfall), war.

 

Vielleicht hilft die kleine Tabelle bei der Unterscheidung weiter:

Wutanfall Meltdown
etwas läuft nicht so, wie gewünscht

resultiert aus Ärger und Frust

ist zielgerichtet, um etwas zu bewirken

hört auf, wenn das Ziel erreicht ist

Beachtung wird eingefordert

geschieht unwillentlich

resultiert aus Reizüberflutung

hat kein Ziel

„hängt“ länger nach

Beachtung ist unwesentlich

Was kann man tun?

möglicherweise verhandeln

gelassen bleiben

rechtzeitig Alternativen aufzeigen

Verständnis zeigen

Was kann man tun?

ist nicht verhandelbar

ruhig bleiben

Sicherheit vermitteln

Reize minimieren, ggf. Ort wechseln

 

Halt geben nach Wutanfall und Meltdown

Egal, was zu einem Ausbruch geführt hat – es ist immer emotional belastend, vielleicht irritierend und ermüdend.
Am meisten Halt kann man seinem Kind geben, indem man ihm anschließend vermittelt, dass sich an der Liebe zu ihm und dem sicheren Nest zuhause nichts geändert hat.

***

Zum Weiterlesen:

Overload, Meltdown, Shutdown – was ist das?

Wenn das eigene Kind einen Meltdown hat

3 comments

  • Liebe Ella,
    eine kleine Ergänzung: viele zeitlich eng aufeinanderfolgende Wutanfälle mit entsprechender Auseinandersetzung (Diskussion, Streit) können auch im Meltdown enden.
    Deshalb ist es wichtig, nach dem Wutanfall in eine relative frustfreie Zeit zu organiseren. Gerade bei Jugendlichen/ Jungerwachsenen für Eltern oft nicht mehr machbar.

  • Ute Bail Casa

    Liebe Ella,

    Vielen Dank für die vielen tollen Beiträge, du schreibst einem aus der Seele.

    Ich erlebe diese Wutanfälle bzw. Weinanfälle bei meiner 15 jährigen Tochter sehr häufig.
    Es tut so weh als Mutter mit anzusehen, wie sie darunter leidet. Insbesondere in der jetzigen Zeit (Pubertät) realisiert Sie immer mehr ihre Andersartigkeit. Sie wünscht sich so sehr Freunde und Kontakt zu ihren Mitschülern; erlebt aber immer wieder Enttäuschungen oder sie wird ignoriert. Wenn etwas nicht klappt oder sie etwas nicht wie vorgenommen erreichen kann , muss nur noch eine Kleinigkeit hinzukommen und dann kommen diese Wutanfälle.

    Danach ist sie fast depressiv und total entkräftet.
    Es ist sehr schwer hier selber ruhig zu bleiben , es kostet sehr viel Kraft.
    Ich hoffe, dass sie selber feststellt, was für ein tolles Mädchen sie ist. Ich wünsche ihr diese Selbsterkenntnis und Selbstvertrauen so sehr.

    Ute

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