von Zwängen und anderen Rätseln

Manchmal werde ich gefragt, ob Niklas auch Zwänge hat.
Ja, die hat er, mal mehr, mal weniger. Wenn sie mehr werden, ist es für uns immer ein Indiz dafür, dass in irgendeinem Lebensbereich für ihn etwas gerade nicht stimmt oder er mit sich selbst Probleme hat.
Sicherlich treffen unsere Erfahrungen nicht auf alle Kinder und Jugendlichen zu – es ist an dieser Stelle ein individueller Erfahrungswert, den ich nach all den Jahren so zusammenfassen kann und vielleicht hilft er anderen hier und da ein Stückchen weiter.

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Als uns klar wurde, was die Zwänge ausdrücken
Es gab eine Extremsituation in Niklas Leben, die für uns deutlich machte, wie sehr Zwänge, Kontrolle und Sicherheit für ihn zusammenhängen.
Er war damals in seelischer Not und es bemerkte zunächst niemand bzw. wurde der wirkliche Grund nicht an uns Eltern herangetragen. Er hatte mit einer Person im außerhäuslichen Umfeld zu tun, die ihn nicht respektierte und die ihm schadete. In dieser Zeit entwickelte er seine stärksten Zwänge: er wollte bestimmen, wer wo sitzt oder steht oder wie ich meine Beine übereinanderzuschlagen oder nebeneinanderzustellen habe, er wollte bestimmen, wer wann etwas isst oder auch nicht isst, wie das Besteck zu liegen hat, wann das Licht aus oder an ist und wer überhaupt etwas sagen darf. Er kontrollierte vor allem mich – seine engste Bezugsperson – um sicherzustellen, dass in diesem Bereich für ihn nichts passiert, nichts wegbricht. Er wollte die Kontrolle behalten, da in einem anderen Lebensbereich Schlimmes für ihn passierte, das noch nicht bemerkt worden war und das ihm Sicherheit nahm.

Ein paar mögliche Gründe für Zwänge
Im geschilderten Fall ging es um physischen und psychischen Druck, der entstanden war. Es kann sich beim Einschleichen von Zwängen aber auch um (für uns vermeintlich) weniger dramatische Ursachen handeln, wie z.B. ein/e neue/r Mitarbeiter/in in der Schule oder im Kindergarten oder Bezugspersonen, die plötzlich nicht mehr da sind oder für eine Weile ausfallen. Es kann auch sein, dass sich Abläufe verändert haben oder ein/e Mitschüler/in schon länger krank ist und sich unsere Kinder Sorgen machen. Vielleicht muss der Schulbus wegen einer Baustelle eine andere Strecke fahren oder ein Familienmitglied ist krank und unsere Kinder sorgen sich.
Manchmal passieren auch mit dem eigenen Körper Dinge, die erst einmal verwirren: wachsen, älter werden, Dinge anders wahrnehmen, sich selbst reflektieren, begreifen, dass man sich anders entwickelt als Gleichaltrige – und dass die Pubertät so einiges ins Wanken bringt, haben wir wohl alle selbst erlebt.

 

Zwänge entstehen, wenn Kontrolle verloren geht
Zusammengefasst kann ich für unser Zusammenleben mit Niklas sagen, dass Zwänge immer dann verstärkt auftreten, wenn er in einem Lebensbereich Veränderungen und Entwicklungen erfährt, die ihm das Gefühl geben, die Kontrolle zu verlieren. Er merkt, dass er manches nicht beeinflussen kann, dass manche Dinge einfach so passieren, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Er verliert damit die für ihn so wichtige Sicherheit – und so versucht er dann in anderen Bereichen, Kontrolle in Form von Zwängen verstärkt auszuleben und damit Sicherheit wiederzuerlangen.

 

Wir werden daher immer sehr aufmerksam, wenn sich neue Zwänge einschleichen.

Denn es kann ein indirektes Zeichen dafür sein, dass irgendwo etwas aus dem Ruder läuft (rw), dem wir dann versuchen, auf den Grund zu gehen. Es könnte sein, dass es sich um eine Situation oder Entwicklung handelt, in die wir eingreifen oder die wir Niklas erklären müssen. Es kann ein bewusstes Zeichen von Niklas sein, eine Art Hilfeschrei: Mama, Papa, da passt was nicht, helft mir!
Und da er nicht spricht und in schwierigen Situationen auch manchmal die Gebärdensprache zu anstrengend ist, sind wir hier sehr aufmerksam geworden.

 

In vielen Fällen geben sich die Zwänge von selbst, wenn man die Ursache gefunden hat.
In der extremen Situation, die ich am Anfang schilderte, waren die Zwänge von einem Tag auf den anderen weg, nachdem die betreffende Person aus Niklas´ Leben verschwunden war. Es war unglaublich.
Grundsätzlich ist es also immer sinnvoll, den Grund aufzuspüren und nicht das entsprechende zwanghafte Verhalten kategorisch zu unterbinden.

Wenn Du dem Grund nicht alleine auf die Spur kommst, frage andere Bezugspersonen des Kindes wie Erzieher, Lehrer, Freizeitbetreuer, Busfahrer – manchmal muss man detektivisch vorgehen und sich aus kleinsten Informationen ein Erklärungsmuster erschließen, das jeder Einzelne für sich nicht erkennen kann.

Ich frage manchmal auch eine autistische Freundin, wie sie sich manches Verhalten von Niklas erklärt – auch dazu kann ich nur raten, denn es hilft, die eigene Perspektive zu verlassen und aufgeschlossener und kreativer für Begründungs- und Lösungsansätze zu werden.

Nicht aufgeben – jedes Verhalten hat einen Grund – und unsere Kinder sind glücklich, wenn wir sie verstehen lernen, auch wenn sie es uns nicht immer in einer Art und Weise zeigen, wie wir das sonst gewohnt sind.

Und ich möchte hier keinesfalls bagatellisieren, denn manchmal muss auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden, wenn es alleine nicht gelingt, dem Grund auf die Spur zu kommen und mit Zwängen angemessen umzugehen. Nicht jede Situation lässt sich alleine lösen. Therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist manchmal absolut notwendig und wichtig.

 

Als ich Niklas damals sagte, dass er die betreffende Person nicht mehr wiedersehen muss, sah er mich lange an, stand wortlos auf, nahm mich in den Arm und gebärdete anschließend „Danke“.
Danach waren die damaligen Zwänge weg. Ich werde das niemals vergessen.

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Zum Weiterlesen:

Wir sind gerade in der Pubertät – und Ihr so?

Die Schwierigkeit mit Übergängen

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5 comments

  • Eveline Spiller

    Ich habe mit meinem Sohn die haargleiche Erfahrung gemacht. Mir ist aufgefallen, dass die Zwänge in der Pubertät zugenommen haben. Aber wie du schreibst – da passiert viel Veränderung in den Jugendlichen selbst und sie versuchen über die Zwänge die Sicherheit und Kontrolle zu behalten.

    • E. F.

      Mein Sohn ist 4 Jahre alt und hat ebenfalls Zwänge und zum Teil belastende Rituale. Er will sehr stark kontrollieren und bestimmen, oft muss man bestimmte Worte oder Sätze sagen, ohne die er Dinge nicht tut oder er wiederholt Handlungen ( z. B. Zähneputzen) mehrmals, bis sie „passen“. Ich weiß, dass er damit seinen Ängsten begegnet, dass er damit meint, Sicherheit zu bekommen, trotzdem bringt mich vieles davon furchtbar auf die Palme, ich fühle mich im Alltag ausgebremst und oft handlungsunfähig, oft haben wir Machtkämpfe, die in Geschrei ausarten und jegliche Energie rauben. Deshalb möchte ich hier an dieser Stelle fragen, wie ihr bei euren Kindern mit solchen Zwängen umgeht, wie ihr sie verkraftet, gebt ihr ihnen nach, macht ihr alles mit, wie bleibt ihr handlungsfähig? Die Kinderpsychologin meinte ja, man dürfe Zwängen nicht nachgeben, aber wie soll das gehen? Autismus wurde bei meinem Sohn als Diagnose übrigens ausgeschlossen, dennoch sehe ich manchmal Ähnlichkeiten zu autistischen Verhaltensweisen. Ich wäre für Tipps für den Alltag sehr sehr dankbar und mich interessiert, wie ihr mit solchen Zwängen bei euren Kindern umgeht und trotzdem handlungsfähigsfähig bleibt. Vielen Dank!

    • Silke

      Liebe Eveline, ich kann gut nachvollziehen, was Du beschreibst. Es ist wirklich eine Gratwanderung und ein Patentrezept gibt es wahrscheinlich nicht. Wichtig ist meiner Meinung nach, zu ergründen, warum ein Kind Zwänge entwickelt und dort anzusetzen. Wenn es darum geht Sicherheit und Struktur zu bekommen, kann man vielleicht Alternativen anbieten. In Zeiten, in denen ich mich extrem fremdbestimmt fühlte, habe ich meinem Sohn auch direkt gesagt, dass ich ein eigener Mensch bin und gewisse Dinge selbst entscheide. Ich denke auch, dass nicht alles, was wir als Zwang wahrnehmen, wirklich ein Zwang ist, vielleicht handelt es sich manchmal um eine Stereotypie, die der Selbststimulation dient. Es ist komplex, aber entscheidend ist aus meiner Sicht, dass unsere Kinder dies nicht tun, um uns zu ärgern oder zu gängeln, sondern weil es immer einen Grund dafür gibt. Daher hiflt es auch nicht, den Zwang kategorisch zu unterbinden, sondern dem Grund auf die Spur zu kommen und eine alternative Lösung anzubieten und – wenn möglich – gemeinsam mit dem Kind zu besprechen.
      Ich bin keine Ärztin und Therapeutin, das ist nur meine Erfahrung als Mutter.

  • Tanja

    Diesen rat, wie von deiner therapeutin liebe E.F.
    Habe ich auch oft gehört. Allerdings macht es bei uns alles nur noch viel schlimmer! Denn so mach ich es bei meinem sohn in der tat zu einem machtkampf….welches es nicht sein darf! Ich er“ziehe“ an ihm herum (um zu gewinnen?) Und es eskaliert entgültig.
    Ich gebe ihm mittlerweile seine zeit, die er anscheinend dringend braucht, um sich auf die kommende situation vorzubereiten…. auch, wenn es 3 mal hintereinander zähneputzen ist. Geduld heißt bei uns das zauberwort ;)….. und ja, ich könnte dabei auch oft ausflippen! ….in solchen situationen denke ich dann immer “ok, lieber 10min verzögerung, als 2 std -die es definitiv werden, wenn ich ihn hetze, oder unterbreche, da er dann einen wutausbruch oder nervenzusammenbruch bekommt)

  • E.F.

    Ich halte es mittlerweile ähnlich wie du, Tanja, wenn Zwänge auftauchen, und versuche es mit Geduld und fahre recht gut damit. In der Tat verändern sich die Zwänge je nachdem, wie entspannt oder stressig manche Situationen für mein Kind sind. Schlimm ist Müdigkeit- gerade dann muss alles perfekt passen und ist dann umso schwieriger, weil da die Konzentration nachlässt.

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