Von unsensiblen und übergriffigen Fragen: „Und wann kommt das nächste Kind?“

„Wann kommt denn eigentlich Euer nächstes Kind?“
Schon wieder diese Frage und mein Bauch zieht sich zusammen. Ich weiß gar nicht, ob ich für ein weiteres Kind überhaupt noch genug Kraft habe, denkt Marion.
„Der Abstand wäre jetzt perfekt. Bei uns haben sich zwei Jahre bewährt. Bei Ursula sind drei gut, sagt sie. Wenn Du jetzt schwanger wirst, sind es vier – wäre bestimmt auch noch super.“
Kann sie nicht endlich aufhören? Warum gehen immer alle davon aus, dass man mühelos Kinder bekommt, nach Stundenplan und genau dann, wann man sie möchte? Und warum gehen alle davon aus, dass man auf jeden Fall noch ein weiteres Kind möchte?
„Viel länger solltet Ihr jedenfalls nicht mehr warten.“

***

An ähnliche Gespräche wie das von Marion geschilderte kann ich mich noch gut erinnern. Sie liegen mehr als 20 Jahre zurück und ich hatte noch keine Kinder, war seit einigen Jahren verheiratet und jeder wartete darauf, dass sich endlich Nachwuchs ankündigte.
Wir warteten auch. Aber es machte sich kein Zwerg bemerkbar, denn das klappte nicht problemlos.
Freunde drumherum bekamen die ersten Babys und die Fragen häuften sich: „Wann ist es denn bei Euch soweit?“
Es war ziemlich schwer zu ertragen, auch wenn es ja jeder gut meinte. Obwohl ich selbst sehnsüchtig darauf wartete, schwanger zu werden, behauptete ich dann irgendwann, gar nicht schwanger werden zu wollen, damit die Fragerei endlich aufhörte. Wahrscheinlich nahm mir das niemand ab, aber die Taktik ging zumindest teilweise auf und die Fragerei wurde weniger.

Marion ist in einer anderen Lebenssituation. Sie hat bereits eine Tochter mit drei Jahren, die entwicklungsverzögert ist und stark autistische Züge zeigt. Sie hat seit der Geburt der Kleinen keine Nacht durchgeschlafen, ihre Tochter kann noch nicht laufen, die Diagnostik ist noch nicht abgeschlossen, mehrere genetische Syndrome stehen im Raum und müssen noch abgeklärt werden, es tun sich viele Fragen auf, was die Zukunft ihrer kleine Tochter und ihre Familie betrifft.
Und dann prasseln diese Fragen auf sie ein: „Wann kommt denn endlich das nächste Kind?“
Für Marion ist das sehr schlimm, weil sie sich natürlich gemeinsam mit ihrem Mann auch selbst die Frage stellt, ob sie ein weiteres Kind bekommen möchten. Diese Entscheidung ist jedoch mit vielen Ängsten verbunden und daher nicht so einfach zu treffen.

Manche Menschen meinen es dann besonders gut und wissen beizutragen: „Ich kann mir schon vorstellen, dass das nicht so einfach ist mit Deiner Kleinen, aber ein neues Kind würde Euch auf andere Gedanken bringen.“
Ein neues Kind….?
Und weiter: „Ich kenne da eine Familie, die haben einen Jungen mit Down-Syndrom, danach kamen dann noch zwei weitere Kinder. Sie sind beide gesund. So solltet ihr das auch machen.“
Ach so – so sollten wir das auch machen… Marion würde sich am liebsten sofort im nächsten Loch verkriechen, um diese ganzen Ratschläge nicht mehr hören zu müssen.

Es gibt unzählige Theorien darüber, ob und wann man das nächste Kind bekommen sollte, denn Einzelkinder würden ja nur verwöhnt werden und für Kinder sei es wichtig, Geschwister zu haben, um soziale Kompetenz zu erwerben und später nicht alleine zu sein, wenn die Eltern pflegebedürftig werden, bei einem behinderten Kind sei es besonders wichtig, ein Geschwisterkind zu bekommen, denn dann habe man Hilfe und würde abgelenkt werden, für die Rentenkasse sei es wichtig … und überhaupt und so weiter und so fort.

Ich habe oft den Eindruck, dass diese Thematik mit einer Art Garantievorstellung und Kontrollmöglichkeit belegt ist. Aber nein – es gibt weder eine Garantie dafür, überhaupt Eltern werden zu können, noch kann man sich sicher sein, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen und man kann auch den Zeitpunkt dafür nicht kontrollieren.
Es mag manche Paare geben, bei denen alles wie gewünscht funktioniert und es im wahrsten Sinne des Wortes in geplanten Abständen flutscht, aber es gibt eben auch viele andere, bei denen das überhaupt nicht so ist: Paare, die gar nicht erst schwanger werden oder die zum Beispiel Fehlgeburten verkraften müssen, die nicht wissen, ob sie die Kraft für ein weiteres Kind aufbringen, da das erste mit einer Behinderung geboren wurde oder Paare, bei denen ein Elternteil krank ist und man sich schweren Herzens entschieden hat, kein Kind (mehr) zu bekommen. Es gibt bestimmt viele weitere Gründe, die ich hier nicht erwähnt habe.

Es ist ein sehr persönliches Thema und extrem übergriffig, fremde Menschen zu fragen, wann denn überhaupt eines oder das nächste Kind kommt. Man kann niemals wissen, welche Lebensgeschichte der andere hat, welche Sehnsüchte gehegt werden, welche Ängste durchlebt oder Schicksale gemeistert werden müssen. Diese private Frage gehört grundsätzlich in kein Small-Talk-Gespräch. Und es ist besonders unsensibel, Eltern behinderter oder entwicklungsauffälliger Kinder Ratschläge darüber erteilen zu wollen, dass und wann und warum man weitere Kinder bekommen sollte.
Falls Du hier mitliest und bisher unbedarft und gut gemeint nach der Familienplanung andere Leute gefragt hast: Lass es bitte in Zukunft einfach bleiben, wenn Du denjenigen nicht gut genug kennst.

Und wenn Du selbst diesen Fragen ausgesetzt bist, distanziere Dich freundlich aber deutlich. Du musst Dich anderen nicht erklären und Deine Lebensgeschichte, Entscheidungsfindungen, Sorgen und Nöte offenlegen, wenn Du das nicht möchtest.

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