Und dann fragte sie, ob ich Angst vor meinem Kind habe…

„Hast Du eigentlich Angst vor Niklas?“, fragte sie mich und ich hörte in diesem Moment tatsächlich eine Frage, die ich in den letzten 17 Jahren noch nie zu hören bekommen hatte.
Angst vor meinem Kind – das ist doch absurd. Und irgendwie störte und schmerzte mich die Frage. Warum sagte sie das?

***

Sie kennt Niklas nicht gut, bekam zum ersten Mal an diesem Nachmittag mit, wie es ist, wenn Türen geknallt, Haare gezogen und Teller vom Tisch gefegt werden. Ich war die ganze Zeit auf dem Sprung, weil ich für Besuch mitdenken muss – es sind immer alle zu langsam, weil sie erst reagieren, wenn Niklas schon längst Anlauf für irgendeine Aktion genommen hat und dann ist es zu spät. Also denke ich wie immer voraus, sehe schon vorher, was der junge Mann vorhat, und greife ein, wenn nötig.
Es ist ein aufregender Nachmittag, weil Ferien sind und sowieso alles anders als sonst und dann auch noch Besuch gekommen ist.

Ich kenne diese Blicke und diese Körperbewegungen, wenn Menschen Niklas ausweichen, weil er impulsiv ist oder sich einfach nur schnell bewegt. Sie weichen mit dem Oberkörper zurück, nehmen ihre Arme schützend vor die Brust, so als müssten sie einen Angriff abwehren, selbst wenn Niklas einfach nur schnell vorbei läuft und nichts anderes im Sinn hat.
Einerseits kann ich es verstehen, da es durchaus vorkommen kann, dass seine Hand zum Beispiel in die Haare seines Gegenübers grapscht. Aber andererseits tut es mir auch weh, weil ich nicht möchte, dass man vor meinem Kind Angst hat.
Vor allem, wenn die Abwehrreaktionen unberechtigt sind, tut mir Niklas leid, weil er es natürlich merkt wie Menschen auf ihn reagieren und dass sie manchmal Angst vor ihm haben, obwohl er ein herzensguter, sensibler junger Mann ist, der leider manchmal seine Impulse nicht im Griff hat.

Ein Gemisch aus diesen Gedanken machte sich in mir breit, als sie mich fragte, ob ich Angst vor ihm habe.
Ausgerechnet ich. Nein.
Wie könnte ich Angst vor meinem Kind haben? Dachte ich mir.
Wohlwissend, dass es durchaus Eltern gibt, die, aus welchen Gründen auch immer, Angst vor ihren Kindern haben (müssen).
Aber darum ging es in dem Moment nicht – es ging um Niklas und mich.

Angst habe ich manchmal davor, dass es Situationen geben könnte, in denen ihn seine Wahrnehmung so sehr beeinträchtigt, dass ich ihm nicht mehr helfen kann, dass mir nicht rechtzeitig einfällt, was ich tun könnte, um ihn zu beruhigen.
Aber Angst vor ihm selbst? Nein.

Ich antwortete ihr, dass ich keine Angst habe, dass ich seine Impulse und die meisten Auslöser dafür kenne und rechtzeitig reagieren kann. Meine Gefühle und anderen Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, behielt ich für mich.
Und ich bedauerte in dem Moment, dass sie nicht seine innigen, liebevollen Momente sehen kann und sich sicher nicht vorstellen kann, wie leid es ihm immer tut, wenn er im Nachhinein realisiert, dass er sich in einer Situation nicht mehr im Griff hatte.

Diese Seite zeigt er nicht vielen, obwohl sie viel, viel größer ist als die herausfordernden Wesenszüge seiner Persönlichkeit.
Das ist das Besondere und manchmal das Tragische – der empfindsame, mitfühlende und sich sorgende Teil bleibt einigen wenigen vorbehalten – aber auch andere können ihn entdecken, wenn sie sich auf ihn einlassen und nicht nur Fragen über ihn stellen.

Und dann berührt er das Leben von Menschen oftmals in ganz besonderer Art und Weise.

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2 comments

  • Michaela Gosselink

    Danke für die immer wieder berührenden Worte und das teilhaben lassen an Deinen Gefühlen.
    Diese Frage hätte mir auch weh getan. Mir haben oft auch schon Fehleinschätzungen weh getan. ..Wenn über das Verhalten meines Sohnes geurteilt wird und ich weiß, dass er es ganz anders meint oder für dieses Verhalten nichts kann – keine böse Absicht dahintersteckt.

  • Maria

    In meiner Familie lebt auch ein kleiner Aspergerjunge, der in der Schule öfters aggressiv reagiert. Trotz Diagnose erfährt er seitens einiger seiner Lehrpersonen wenig Verständnis für sein Verhalten. Es tut einfach nur weh, wenn Pädagogen sich kaum in die besondere Problematik einlesen und einfühlen und dadurch auch Kommentare äußern, die von geringer Sensibilität geprägt sind….so entstehen sehr leicht Missverständnisse…..für die betreffende Familie und den Jungen selbst sehr schlimm!

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