Über unbedachte Äußerungen von Stippvisite-Besuchern

Manchmal unterhält man sich mit anderen Eltern über die Kinder und wird plötzlich mit Aussagen konfrontiert, auf die man spontan gar nicht entsprechend zu reagieren weiß.
Das liegt auch daran, dass man bei manchen Äußerungen so perplex ist, dass man erstmal in Ruhe sortieren muss, welche Gefühle es in einem auslöst und wie man am besten darauf reagieren kann.

Das Thema ist immer wieder präsent und viele von Euch schreiben mir, was sie manchmal verarbeiten müssen, das in zumeist gut gemeinter Absicht geäußert wurde.
Zurecht wird gesagt, dass es doch gut sei, wenn die Menchen offen auf einen zugehen und Fragen stellen. Sicher ist das gut, das sehe ich auch so. Und es ist auch gut, wenn man dann offen antwortet und aufklärt.
Aber bei manchen Fragen werden Grenzen überschritten, die bei aller Offenheit und bei allem guten Willen zur Aufklärung schmerzen und übergriffig sind.

Manchmal scheint es mir so, als ob einige Menschen, die unser Leben nur streifen, eine kurze Stippvisite bei uns machen – vielleicht für ein paar Stunden oder auch nur einen Moment – dieses als kleines Abenteuer verbuchen. Es gibt aber auch solche, die regelmäßig in größeren Abständen auftauchen und dann immer wieder dieselben Fragen stellen.
In ihren Augen spiegelt sich dann manchmal Staunen oder Überraschung oder ähnliches wider und sie scheinen zu denken: „Das habe ich ja noch nie gesehen“ oder „Es hat sich seit dem letzten Mal ja gar nichts verändert“. Sie verweilen etwas, schauen sich um, geben manchmal ungebetene Ratschläge und verlassen den Schauplatz dann wieder.

***

„Kannst Du ihm nicht einfach erklären, dass er das nicht darf?“
Lieber Stippvisite-Gast, meinst du nicht, dass ich das schon 100, nein 1000 Mal erklärt habe? Denkst du, dass wir es seit 17 Jahren einfach so hinnehmen, dass er zum Beispiel die Teller vom Tisch fegt und gegen Fensterscheiben tritt, ohne uns den Mund fusselig erklärt und alles Mögliche versucht zu haben? Meinst du nicht, dass wir seit vielen Jahren nach Erklärungen für sein Verhalten suchen und uns gemeinsam auf einen Weg des Verstehens gemacht haben?
Nein, ich kann es nicht „einfach erklären“.

***

„Das macht er jetzt aber nicht, weil er böse ist, oder?“
Was soll das „oder“?
Nein, natürlich ist er nicht böse. Er ist kein böser Mensch, sondern ein Mensch, der manchmal nicht so kann, wie er gerne möchte und der manchmal so handelt, wie er es nicht geplant hat, sondern so, wie seine Impulse auftreten.
Nein, er macht das nicht, weil er böse ist, sondern weil das Rundherum gerade nicht passt.
Vielleicht hat er auch deinen kritischen Blick bemerkt und gespürt, dass du ihn nicht respektierst.

***

„War da eigentlich was während der Schwangerschaft oder ist es genetisch?“
Puh! Eine wirkliche Hardcore-Frage für Eltern. Denn, lieber Stippvisite-Besucher, du kannst dir sicher sein, dass sich Eltern behinderter Kinder darüber bereits nächtelang den Kopf zerbrochen haben.
Vielleicht gibt es eine Antwort auf diese Frage, vielleicht aber auch (noch) nicht. In jedem Fall ist es eine hochemotionale Frage, weil sie immer auch Schulgefühle transportiert, ganz egal ob diese berechtigt sind oder nicht, und weil sie eine komplette Familienplanung betreffen kann – Kinder, die bereits geboren wurde, die geplant oder die jetzt vielleicht nicht mehr geplant sind.
Lieber Kurzbesucher, ich möchte dir darauf heute nicht antworten. Vielleicht wenn du dich mit uns auf den Weg machst und wir uns besser kennen.

***

„Es hat schon einen Sinn, warum er ausgerechnet in Eure Familie gekommen ist. Ihr macht das so toll. Ich könnte das nicht.“
Diese Aussage macht mich und auch viele andere schlicht wütend.
Nein, welchen Sinn soll das denn haben? Und von wem kommt dieser Sinn? Und was ist mit all den anderen Kindern, die ein Handicap haben und in ihren Familien nicht so gut aufgehoben sind? Hat das dann auch einen Sinn? Wann hat es einen Sinn und wann nicht?

Solche Aussagen sollen einen vermeintlichen Trost transportieren, der vielleicht gar nicht benötigt wird und nicht gewünscht ist. Und es wirkt wie ein Versuch, sich von von einer möglichen Verantwortung freizusprechen, die helfen und handeln bedeuten würde – und sei es erst in der Zukunft, wenn sich in der eigenen Familie etwas „nicht planmäßig“ entwickeln sollte.

Es klingt als sei das Thema weit weg – „Ich könnte das nicht“ – aber darum geht es nicht. Es geht darum zu reflektieren, was man wirklich tun würde, wenn man auch in die Situation käme, ein behindertes Kind zu pflegen und zu erziehen.
Und es geht darum, was man tun kann, um sein Gegenüber hier und jetzt zu unterstützen und sich nicht in Floskeln zu flüchten.

Auf mich wirken solche Äußerungen hilflos und sie wischen die Realität zur Seite. Es ist da meiner Meinung nach nichts und niemand, der diesen besonderen Lebensweg steuert oder bewusst so gewollt hat – die Familien sind in diese Situation hineingeworfen worden und leben damit. Sie leben jeden Tag die Realität, in der sie kämpfen, sich kümmern, lieben, trauern und sich freuen – da wirken diese Sinnaussagen wie bagatellisierende Floskeln und es wird vollkommen verkannt, dass Eltern auch an den Rand ihrer Kräfte kommen können.
Was hat das denn dann für einen Sinn, wenn sie irgendwann nicht mehr für ihre Kinder sorgen können?

***

„Wir tun uns ja alle schwer mit dem Auszug unserer Kinder. Das war bei mir auch so.“
Nein, lieber Stippvisite-Besucher, das war bei dir nicht „auch so“.
Ich kann natürlich nicht wissen, wie genau es bei dir war, aber es war nicht „auch so“, weil dein Kind selbst einkaufen, kochen, essen und auf Toilette gehen kann und jetzt in einer frei gewählten Stadt studiert. Es ist nicht als junger Erwachsener darauf angewiesen, dass sich ständig jemand kümmert. Dein Kind muss nicht zunächst fremden Menschen Vertrauensvorschuss geben, weil es sonst hilflos wäre.
Und du als Elternteil musst auch nicht ein unselbständiges und pflegebedürftiges Kind in die Obhut anderer geben.
Nein, es war nicht „auch so“ bei dir.

***

Diese Fragen und Äußerungen scheinen zum Teil völlig harmlos.
Bei genauerem Nachdenken und ein wenig Einfühlen in die Situation der Eltern wird aber vielleicht doch klar, dass es oftmals unsensibel ist, alles zu äußern, was einem gerade in den Sinn kommt – gerade mal schnell so eben, weil es in die Stippvisite passt und danach ja keine Gelegenheit mehr sein wird, wenn der Kurzbesuch beendet ist.

Vielleicht ist es in manchen Situationen ratsam, erst einmal aufmerksam zu beobachten oder etwas mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und zu fragen, ob man helfen kann, bevor man unreflektiert mitten ins Fettnäpfchen tritt.
Erstens beantwortet das manche Frage schon von selbst und zweitens trägt es zu einer respektvollen Grundlage bei, auf der man dann auf jeden Fall auch weitere Fragen stellen darf und soll.

Eltern behinderter Kinder hinterfragen sich häufig selbst, schelten sich auch manchmal wegen ihrer eigenen Überempfindlichkeit und sind oft sehr streng mit sich. Sie müssen immer funktionieren, weit über das Maß hinaus, das in einer Erziehung und bei der Pflege nicht-behinderter Kinder notwendig ist.
Ich meine, dass sie nicht für jede unbedachte Äußerung Verständnis haben müssen und auch erwarten können, dass mit ihnen und ihren Gefühlen achtsam umgegangen wird .
Man sollte ihnen Zeit und echtes Interesse entgegenbringen, wenn man aufrichtige Antworten auf sehr persönliche Fragen erwartet.

***

Weitere Beiträge zu diesem Thema auf „Ellas Blog“:

Und dann fragte sie, ob ich Angst vor meinem Kind habe…

Einfach mal die Klappe halten! Oder: Sprüche, auf die Eltern autistischer Kinder gut verzichten können.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

8 comments

  • Leupold

    Ja leider werden auch wir immer wieder mit den unmöglichsten Fragen, Bemerkungen, Tipps versorgt. Ich habe angefangen mit::“ Wie kommst du dazu mich so etwas zu fragen?“ zu reagieren. Und ich gebe auch nicht mehr auf alles Antwort. Aufklären tu ich wirklich gerne, es gibt aber Menschen die einfach kurz unsere „Freakshow“ gucken wollen und da schiebe ich vehement den Riegel.

  • Sandra

    Hallo, ich möchte mal ein sehr sehr schlimmes Erlebniss was ich mit meinem Sohn vor kurzen erlebt habe schreiben. Es ist vielleicht ein ganz anderes Thema, aber vielleicht hat ja ein anderer so was ähnliches erlebt. Mein Sohn ist 8 Jahre und Autist Asperger . Neulich saß ich mit ihm auf eine Bank draußen und wir hatten Pommes gegessen. Ich muss dazu sagen, dass mein Sohn unbedingt drinne essen wollte. Ich ihn aber letztendlich überreden konnte das wir doch draußen essen. Mein Sohn hat eine Phobie gegen Wesben und Bienen. Als wir dann auf der Bank saßen, sprang mein Sohn panisch auf und schrie fürchterlich und lief Richtung Straße. Ich war fassungslos ließ meine Handtasche fallen sodas ich ihn schnell einfangen konnte. Ansonsten wäre er unters Auto gekommen. Ich konnte ihn nicht beruhigen und kam auch nicht an ihn ran. Er hatte die ganze Straße zusammengeschrien . Alle Leute waren am gaffen und es kamen auch Leute aus den Geschäften um zu gaffen. Es war so schrecklich für mich. Für meinen Sohn aber auch. Plötzlich kam eine Frau auf uns zu, sie fasste mein Sohn an und wollte wissen was los sei. Ich total sauer , meinte zu ihr sie solle mein Sohn nicht anfassen. Letztendlich merkte ich aber das sie nur helfen wollte. Weil auf der Bank lag noch die Trinkflasche und ein gebastelte Handy von meinem Sohn , was er unbedingt wieder haben wollte. Nur ich konnte in diesem Moment nicht verantworten meinen Sohn kurz alleine dort stehen zu lassen. Als die Frau die Sachen meinen Sohn brachte , bedankte ich mich bei ihr und sagte ihr auch das mein Sohn eine Phobie gegen Bienen hat und das er Autist ist. Daraufhin fuhren mein Sohn und ich mit der Bahn fix und fertig zu Ergo Therapie. Am Abend musste ich fürchterlich weinen um alles zu verarbeiten. Am meisten verletzte mich wie die Mitmenschen so gegafft hatten und ich so hilflos meinen Sohn gegenüber stand.

    • Silke

      Liebe Sandra, ich kann mit dir mitfühlen. Für mich sind solche Momente auch ganz schrecklich. Man sagt so einfach, dass das Gegaffe der Leute doch egal ist und man sich nichts daraus machen sollte. Aber so einfach ist das nicht. Es ist, als ob man nackt auf einer Bühne steht und alle gaffen – ich hatte darüber schon einmal geschrieben. Das ist verletzend. Aber es ist schön, dass die andere Mutter so aufmerksam war und Dir die Sachen hinterher gebracht hat. An solche Lichtblicke sollte man nicht aufhören, sich zu erinnern. Alles Liebe 🙂

  • Ute

    Hallo zusammen,
    ich lese hier sehr interessiert mit, da ich genau in DIESE Fettnäpfchen nicht treten möchte. Ich selber habe keine Kinder, aber meine Kollegin hat einen kleinen Sohn mit Handicap, den ich über alles schätze. Ist es korrekt, das so zu schreiben? Eigentlich ist es ja kein Handicap, das Kind ist einfach besonders, ja wie JEDES Kind, oder?
    Meine Frage also: wie sich verhalten? „Normal“? Dann laufe ich weder in Richtung Fettnäpfchen….
    Ich werde Ellas Blog wseiter verfolgen, ich lerne mit jedem Kommentar dazu….
    Ich danke Euch für Eure Offenheit hier, das tut gut….

    • Silke

      Liebe Ute, das ist toll, dass Du so interessiert mitliest. Vielen Dank dafür. 🙂

    • Jan294

      Hallo Ute,
      ich bin der Meinung, sich als Außenstehender in so einer Situation „normal“ zu verhalten, wäre wohl richtig. 😉 Wie sollte man sich sonst verhalten? Genau das ist das Problem: die meisten Menschen kennen eben nur „normal“. Kein Außenstehender kann wissen, wie eine Situation entstanden ist. Daher die „Gaffer“. Sicherlich ist nicht jeder Gaffer einfach nur neugierig, es sind bestimmt welche dabei, die gerne einschreiten würden, aber so spontan keine Idee haben, wie eigentlich und es dann sein lassen. Und manche schreiten eben ein, kennen aber nach wie vor die Situation nicht, da kommt es dann halt mal zu Mißverständnissen, so wie in dem Kommentar von Sandra, was sich ja aber letztlich als Hilfe entpuppt hat. Die helfende Person kann ja nicht wissen, daß der Sohn gerade besser nicht angefaßt werden sollte. Man sollte also auch als Eltern hinterher so eine Situation reflektieren und sich bewußt machen, daß das, was man selbst als normal erlebt, es für die meisten anderen Menschen eben nicht ist. Dadurch werden Situationen schnell falsch bewertet und so ärgerlich das für einen auch sein mag, der Gegenüber kann da nichts für. Toleranz ist etwas, was es auf beiden Seiten geben muß. Beim Helfenden, weil er/sie die Situation falsch eingeschätzt hat und angeschnauzt wird, obwohl nur helfen wollte, genauso wie bei den Eltern, die es anderen Personen einfach nachsehen müssen, wie sie mitunter (falsch) reagieren.
      Oder kürzer: du machst sicher nie etwas falsch, wenn du Hilfe anbietest. Und wenn du dafür angeschnauzt wirst, muß das trotzdem nicht heißen, daß deine Hilfe falsch war. Die Meisten helfen gar nicht, das ist viel ungünstiger.

  • Marius

    Wichtig ist es, wie immer in jedem Gespräch, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Ein zusätzlich lockerer Spruch sorgt zumindest dafür, dass die Nervosität nach unten geht. Zusätzlich dazu, sollte man sich nicht immer verleiten lassen, auf alles eine Antwort geben zu müssen.

  • Bianca lüllmann

    Mir geht es mit unsere Tochter ähnlich . Es ist in der Schule immer wieder anstrengend auf die selben Fragen zu antworten . Die Lehrer dort wissen dass sie Asperger hat und trotz alledem , wird bei jedem Gespräch darauf „hingewiesen“ , sie sei ja anders als die anderen und sie wirkt immer so verträumt.
    Ja. Das stimmt . So ist es und es wird auch so bleiben . Können sie sich nicht endlich mal damit abfinden und sie so lassen wie sie ist?!?! Und einfach Menschen ihr Leben leben lassen, ohne sie immer verändern zu wollen , damit sie ins Schema passen . Es hängt mir langsam zum Hals raus .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.