Soziale Interaktion und Neurowissenschaften – Interview mit Dr. med. Leonhard Schilbach

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©Schilbach

Dr. Leonhard Schilbach ist Spezialist für Autismus im sogenannten hochfunktionalen Bereich. Seine Forschungsarbeit auf dem Gebiet der sozialen Interaktion in Verbindung mit Neurowissenschaften wurde erst kürzlich ausgezeichnet. Auch politisch engagiert er sich hinsichtlich besserer Möglichkeiten für Autisten auf dem Arbeitsmarkt.
Beim Autismus-Fachtag am 12. November 2016 in Rosenheim hatte ich die Möglichkeit, seinen Vortrag zu hören und konnte ihm im Anschluss einige Fragen stellen.

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Die Ambulanz
Zum Schwerpunkt seiner Arbeit in München erzählt Dr. Schilbach: „In unserer Ambulanz für Störungen der sozialen Interaktion bieten wir eine komplette psychiatrische Diagnostik an, um zu erfassen ob Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion bei einer Person im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung stehen.
Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit für Personen mit hochfunktionalem Autismus an der Münchner Autismus-Therapiegruppe für Erwachsene (MATE-Gruppe) teilzunehmen. Dabei handelt es sich um eine Gruppe, in der nur Personen mit hochfunktionalem Autismus anwesend sind und im Rahmen einer manualisierten Gruppentherapie unterstützt werden. Dies beinhaltet u.a. Stressbewältigung, Achtsamkeitsübungen, aber auch ein soziales Interaktionstraining (STISI-Programm), das wir entwickelt haben und auch wissenschaftlich überprüfen.
Ab Frühjahr 2017 wird es außerdem eine Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion geben, in der Personen mit Autismus über sechs Wochen mit dem Schwerpunkt des sozialen Interaktionstrainings, aber auch einer berufsorientierten Therapie begleitet werden. Bei Letzterem geht es darum, Personen mit hochfunktionalem Autismus bei der beruflichen Integration zu unterstützen.“

Da sich das Angebot der Münchner Ambulanz an Erwachsene richtet, kommt es eher selten vor, dass Autisten mit hohem Betreuungs- und Pflegebedarf dort behandelt werden. „Diese Personen werden meistens bereits im Kindesalter diagnostiziert“, erklärt Dr. Schilbach.

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statistics-76198_1280Mehr Autismus-Diagnosen
Insgesamt werden deutlich mehr Autismus-Diagnosen gestellt als noch vor einigen Jahren. Über die Gründe dafür wird viel spekuliert. Ich frage nach, welche Ursachen Dr. Schilbach sieht.
„Wir wissen inzwischen, dass Autismus in hohem Maße genetisch determiniert und somit angeboren ist. Autismus tritt bei etwa 1% der Bevölkerung auf, was im Vergleich zu psychiatrischen Erkrankungen relativ häufig ist. Das gestiegene Bewusstsein für die Existenz der Diagnose auch im Erwachsenenalter spielt bei der Zunahme der Diagnosen vermutlich eine Rolle.“

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Die Forschung
Bei seinem Vortrag in Rosenheim erklärte der Neurowissenschaftler neuronale Mechanismen sozialer Interaktion anhand von funktionellen Magnetresonanztomographie-Aufnahmen (fMRT).
Bei der sozialen Interaktion geht es zum Beispiel darum, Gestik und Mimik seines Gegenübers deuten zu können und auch darum, sich seiner eigenen Wirkung per Körperhaltung, Mimik, Gestik und Tonfall bewusst zu werden. Auch das Führen von Gesprächen inklusive „Smalltalk“ und dem Decodieren von Redewendungen und Ironie gehört zur sozialen Interaktion.
Daher werden der Testperson zum Beispiel Bilder von Gesichtern gezeigt, die unterschiedliche Stimmungen transportieren. Mit Hilfe der fMRT-Aufnahmen, die zeitgleich aufgezeichnet werden, ist es dann möglich neurofunktionale Veränderungen im Gehirn zu untersuchen und zu lokalisieren.

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Magnetresonanztomograph (Quelle: User: KasugaHuang/ Wikipedia)

Wenn man die neurobiologischen Vorgänge, die im Gehirn während dieser Interaktionen stattfinden, verstehen lernt, könne dies womöglich helfen, Therapien besser zu steuern und deren Effekt genauer vorherzusagen, so Dr. Schilbach. Dafür arbeitet er mit seiner Forschungsgruppe für „soziale Neurowissenschaft“ daran, die Testsituationen weiterzuentwickeln und zum Beispiel fMRT-Aufnahmen in direkter sozialer Interaktion – also von Mensch zu Mensch und nicht von Mensch zu Foto – zu ermöglichen. Weitere Überlegungen hinsichtlich der zukünftigen Forschung kann man auf der Website der Forschungsgruppe nachlesen.

Ein häufiges Thema in diesem Zusammenhang ist das Halten von Blickkontakt. Ich frage Dr. Schilbach vor dem Hintergrund seiner Untersuchungen nach Möglichkeit und Qualität für das Halten von Blickkontakt bei Menschen mit Autismus.
„Menschen mit hochfunktionalem Autismus sind häufig wenig am Aufnehmen und Halten von Blickkontakt interessiert. Allerdings lernen sie, dass dies von nicht-autistischen Personen erwartet wird und versuchen sich anzupassen“, erklärt er. „Dies scheint also für viele (aber nicht alle) Personen mit Autismus möglich zu sein und kann den Kontakt zu Personen ohne Autismus erleichtern. Allerdings kann es auch zu Schwierigkeiten führen, da Personen mit Autismus die Zeitdauer des Blickkontaktes nicht intuitiv einschätzen können und gelegentlich „zu lang“ gucken. Auch behindert das bewusste Aufnehmen von Blickkontakt häufig die Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit der Person mit Autismus.“
Er führt weiter aus, dass Menschen mit Autismus Blickkontakt aufnehmen, „obwohl die entsprechenden Hirnareale nicht automatisch anspringen.“ Es ist also auch aus neurobiologischer Sicht zu berücksichtigen, dass dieser Vorgang für Autisten ganz anders abläuft, was erklären könnte, warum dies für Personen mit Autismus viel anstrengender sein kann.

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Politisch und interaktiv engagiert
Über seine beruflichen Aufgaben als Arzt hinaus engagiert sich Dr. Schilbach auch politisch, um die schwierigen Bedingungen für hochfunktionale Autisten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.
positiv„Ein Großteil von Personen mit hochfunktionalem Autismus ist trotz vorhandener, guter Qualifikation arbeitslos. Dies ist tragisch und muss unbedingt geändert werden“, sagt er. Es müsse vor allem auf die Besonderheiten von Autisten aufmerksam gemacht werden, um das Verständnis von Arbeitgebern zu fördern. Auch müsse klar werden, dass nur eine Minderheit der Personengruppe mit hochfunktionalem Autismus IT-Spezialisten seien. Trotzdem verfügten auch die Personen ohne dieses Interesse über kognitive Fähigkeiten und Stärken, die in anderen Berufsbereichen für Arbeitgeber bereichernd sein können. „Auf diese Weise und durch entsprechende Maßnahmen bei der Berufsvermittlung muss eine Teilnahme am Arbeitsleben für diese Personengruppe erleichtert werden“, so Dr. Schilbach.
Am Rande bemerkt er, dass vor allem in Bezug auf Autisten mit hohem Betreuungs-und Pflegebedarf die Neuerungen des Teilhabegesetzes kritisch zu sehen sind.

gemeinsamNun interessiert mich noch, welchen Stellenwert für einen Wissenschaftler wie Dr. Schilbach die Zusammenarbeit mit AutistInnen und Eltern hat. „Welches Potential sehen Sie in der Zusammenarbeit mit diesen Experten in eigener Sache?“ frage ich nach.
„Ich halte das für sehr wichtig!“ meint Dr. Schilbach. „Wir planen für das kommende Jahr einen regelmäßigen Austausch zwischen unserer Forschungsgruppe und PatientInnen aus der Ambulanz, um Rückmeldung von ihnen hinsichtlich unserer Forschung zu erhalten.“

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Ausgezeichnet
Am 25. November erhielt Dr. Leonhard Schilbach übrigens den „Preis zur Erforschung von psychischen Erkrankungen“. Damit wird seine Forschung ausgezeichnet, mit der er soziale Neurowissenschaft und Psychiatrie miteinander verbindet. Davon ausgehend, dass psychische Erkrankungen vor allem durch die Beeinträchtigung von Interaktionsfähigkeit gekennzeichnet sind, werden besonders seine Arbeiten im Bereich der sozialen Interaktion, die er mit neurobiologischen Vorgängen im menschlichen Gehirn in Zusammenhang bringt, hervorgehoben. Seine Forschung sei methodisch hervorragend und äußerst innovativ, so das Preisgremium der „Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ (DGPPN).

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Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für das Interview!

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ambulanz

©Ambulanz für Störungen der sozialen Interaktion, München

Priv.-Doz. Dr. med. Leonhard Schilbach
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Geschäftsführender Oberarzt im Max-Planck-Institut für Psychiatrie & Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie in München

Leiter der Ambulanz und Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion & der unabhängigen Max-Planck-Forschungsgruppe für soziale Neurowissenschaft

Kraepelinstraße 2
80804 München
Telefon: 089-306 22-230

Webiste Dr. Leonhard Schilbach

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2 comments

  • Angela Middlecamp-Sommer

    Eine sehr übersichtliche Zusammenstellung, sehr ansprechend

  • Barbara Effer

    Bezüglich der Frage, welchen Stellenwert für einen Wissenschaftler die Zusammenarbeit mit Autisten und Eltern hat, hat Herr Dr. Schilbach den „reichen Erfahrungsschatz“ der Eltern übersehen – oder ich habe die Antwort missverstanden? Seit über 40 Jahren begleite, fördere und kämpfe ich für die Rechte und Wertschätzung unserer Tochter (frühkindlicher Autismus) und erlebe immer noch, wie schwer es in der Praxis umzusetzen ist, unsere Kinder mit ihrer besonderen Persönlichkeit zu verstehen … oft ist die Zeit nicht vorhanden, um zu hinterfragen, warum sie z.B. im Augenblick ausser sich ist, wo doch scheinbar alles in ihrem Umfeld stimmt? Sie selbst kann gut sprechen, kann sich aber emotional sprachlich nicht mitteilen… sie drückt sich körpersprachlich aus, wenn es um ihre innere Balance geht …. damit muss ich als Mutter oft als Sprachrohr eintreten „bitte schaut genauer hin, was passiert ist“ … eine Rolle, die ich gerne ablegen würde, denn ich möchte dem anderen nicht das Gefühl geben, dass ich durch die langjährige Erfahrung/Begleitung unseres Kindes einen geschärfteren Blickwinkel habe, wenn es um die Bedürfnisse unserer Tochter geht. Das ist und bleibt ein grundlegendes Problem für Eltern mit Kindern der o. g. Persönlichkeitsbesonderheit … und was jetzt? Das hätte ich gerne Herrn Dr. Schilbach gefragt!

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