Severine über Autismus und Inklusion: „Ganz besonders wünsche ich mir, ernst genommen zu werden.“

Kind mit BüchernSeverine erzählte mir im Interview über das Leben mit ihrem autistischen Sohn. Sie kümmert sich als Alleinerziehende um ihn und kämpft wie viele Eltern autistischer Kinder für eine angemessene Beschulung.

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Liebe Severine, Du hast einen autistischen Sohn. Wie alt ist er und welche Diagnose hat er?

Mein Sohn Jörg ist 13 Jahre alt und lebt unter anderem mit der Diagnose Autismus Spektrum Störung (ASS).

Welche Stärken hat er, was kann er besonders gut?

Jörg ist ein unheimlich ausgeglichener Junge, er mag Tiere. Außerdem liest er gerne und auch sehr gut. Er kann manchmal über Kopf lesen. Er sieht Dinge, so wie wir Nicht-Autisten sie nie sehen würden. Und er verblüfft mich öfters mit seinem Wissen, er spürt, wenn ein Mensch falsch ist und wer mit ihm nicht zurechtkommt, er ist super korrekt, verdammt ehrlich und direkt und das ist gut so. Einfach rundum ein toller Junge.

Was bereitet ihm Schwierigkeiten?

Jörg ist sehr unsicher und ängstlich, was denke ich mal auch der Unberechenbarkeit seiner Mitmenschen zuzuschreiben ist. Außerdem kann Jörg Ironie und andere oberflächliche Verhaltensweisen nicht deuten, somit geht er immer vom Guten im Menschen aus und wird so schnell zum Opfer. Außerdem hat er Schwierigkeiten mit sozialen Kompetenzen, er versteht nicht, wie es sein Gegenüber meint.
Mit Lautstärke hat er so seine Schwierigkeiten, sensorische Überempfindlichkeiten begleiten uns durch den Alltag.
Hausaufgaben sind eine Graus für Jörg, es macht für ihn keinen Sinn zuhause etwas für die Schule zu tun. Da er nach der Schule sowieso total müde ist und er den Rest des Tages seine Ruhe braucht und er eine strikte Trennung zwischen Schule und Freizeit macht. Dies wird vom Lehrer nicht beachtet und verstanden.
Er hat immer wieder Probleme mit Mitmenschen, die ihn nicht verstehen, dadurch ist er auch sehr oft Hänseleien und Unverständnis ausgesetzt, was mich als Mutter sehr traurig macht.

War es schwierig, eine Diagnose zu bekommen?

Schwierig war es nicht, ich hatte selber damit gezögert aus irgendwelchen Gründen. Heute bin ich froh, dass wir die Strapazen auf uns genommen haben, denn so erklärt sich seine Andersartigkeit. Angefangen hat es, als Jörg drei Jahre alt war. Da standen schon autistische Züge im Raum. Ich habe aber durch meine eigenen Recherchen gemerkt, dass da noch mehr ist. Schließlich hat es bis zur zweiten Klasse gedauert bis wir nach zahlreichen Tests und Untersuchungen die Diagnose in einem SPZ bekamen. Kompetente Ansprechpartner hatte ich nie, ich war und bin immer auf mich alleine gestellt.

Wie läuft es mit der Schule, auf welche Schule geht er, und klappt das gut?

Jörg geht auf eine Förderschule für Blinde und Sehbehinderte, da sind die Rahmenbedingungen einfach besser als auf seinen bisherigen Schulen. Trotzdem läuft es nicht ideal für ihn. Da keine richtige Inklusion stattfindet und auch kein wirkliches BuchstabenVerständnis da ist, kann er nicht die Leistung zeigen, die in ihm schlummert.
Wir hatten auch mal einen Schulbegleiter, der sogar einen Therapiehund dabei hatte, aber der Klassenlehrer sträubte sich total dagegen, er meinte, Jörg hätte keinen nötig. So war der Schulbegleiter nur für ein Jahr auf der Schule geduldet, er durfte noch nicht mal mit in den Unterricht. Was für einen Nutzen hat diese Sache dann? Also echte Inklusion sieht anders aus.

Außerdem ist Jörg Hänseleien und Verspottungen ausgesetzt, da anscheinend keiner bereit ist, sich mit dem Thema Autismus auseinanderzusetzen oder Mitschüler aufzuklären. Und das finde ich traurig, wo doch jeder offen und tolerant sein möchte. Außerdem möchte ich hier noch angeben, dass Jörg Schwierigkeiten hat mit Hausaufgaben bzw. Lernen für die Schule zuhause, da er hier eine strikte Trennung macht. Das erkläre ich dem Lehrer auch jedes Mal und er akzeptiert es nicht und momentan sind es mal wieder sehr viele Hausaufgaben. Außerdem ist Jörg nach der Schule total kaputt und braucht für den Rest des Tages seine erholsame Ruhephase.

Wie geht es Dir als Mutter?

Mir geht es manchmal sehr schlecht, besonders wenn wieder was vorgefallen ist, dann mache ich mir große Sorgen. Ich glaube, wenn man Jörgs Bedürfnisse achtet und ihm Brücken baut, könnte er viel mehr zeigen, was er drauf hat. So bleibt er für Viele nur der Sonderling oder der Minderintelligente. Und das macht mich traurig und wütend zugleich.

Manchmal bin ich auch wütend, weil ich immer wieder Situationen erklären muss und mir denke, das sind doch (Sonder-)Pädagogen, warum recherchieren die nicht selber oder lesen mal ein Autismus-Buch oder Blog oder nehmen Bildungsangebote von Autismusvereinen wahr? Oder warum stößt das nicht mal die SchulleiterIn an? Alle wollen doch immer so tolerant und offen sein.
Ich habe auch das Gefühl, indirekt verspottet und nicht ernstgenommen zu werden, gerade als Alleinerziehende hat man es nicht leicht.
Ich komme mir dabei vor wie „und täglich grüßt das Murmeltier“, weil ich manche Situationen immer und immer wieder rechtfertigen muss.

Was wünscht du Dir von Deinen Mitmenschen?

Ich wünsche mir mehr echte Offenheit für Autismus und andere unsichtbare Behinderungen, auch dass echte Inklusion mal umgesetzt wird, die Bereitschaft, dass man sich damit befasst. Ich bin als Alleinerziehende sehr auf mich allein gestellt und wünsche mir mehr kompetente Unterstützung, mehr Rückendeckung, was z.B. Behördengänge, Förderplangespräche oder Ähnliches angeht. Dass man einfach als Mutter oder Alleinerziehende ernstgenommen wird und nicht indirekt verspottet wird. Autismus ist kein Erziehungsfehler und das ist leider noch nicht in den Köpfen der Menschen angekommen.

Kinder kann man auch coachen und über unsichtbare Behinderungen aufklären und Achtsamkeit lehren.
Autisten passen nicht in die Norm. Aber es wird einfach Zeit für eine Veränderung im Schulsystem, die grauen Köpfe müssen ersetzt werden. Und ganz besonders wünsche ich mir, ernst genommen zu werden, wir sind kein Gespött. Zukunft beginnt bei Menschlichkeit.

SonnenblumeWas ist Dir noch wichtig zu sagen?

Gebt nie auf zu kämpfen! Ich bin auch mal am Ende. Dann brauche ich eine Erholungsphase, lade meine Batterien wieder auf und überlege mir neue Strategien, um Jörg zu helfen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es manchmal hart ist. Ich wünsche allen Familien da draußen, die auch Probleme mit echter Inklusion haben, ganz viel Kraft. Ich liebe mein Sohn über alles und möchte ihn nicht missen. Er verblüfft mich immer wieder mit seinem Wissen, außerdem gibt er mir die Kraft weiterzukämpfen in einer oberflächlichen Gesellschafft, die sich alles schönredet. Danke Jörg.

Vielen Dank für das Interview, liebe Severine, und alles Gute für Dich und Deinen Sohn ♥

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Zum Weiterlesen:

Im Club der Förderkindereltern

Susanne über schulische Inklusion von Kindern mit Autismus: „Oft werden Diagnosen angezweifelt oder nicht verstanden.“

2 comments

  • Sabine

    Severine spricht mir aus dem Herzen. All das erlebe ich auch täglich und bin aber leider zum Schluss gekommen, dass es noch lange keine echte Inklusion für Autisten geben wird. In meinen Augen muss erst ein Umdenken in den Köpfen der Erwachsenen statt finden, welche dann ihre Kinder anders erziehen würden. Die von uns allen gewünschte Offenheit muss erst wieder erlernt werden, denn noch überwiegt das Schubladendenken. Menschen können mit offensichtlichen Behinderungen meist besser umgehen, dort macht die Inklusion sicher Fortschritte. Das liegt aber sicher auch daran, dass z.B. Blindheit oder ein Gehbehinderter kein so breit gefächertes Spektrum besitzt. Für dieses Spektrum kann man keine einheitliche Formel anwenden, es ist jedes mal individuell und da liegt in meinen Augen das Problem. Nur mit Offenheit kann man dem Autisten gegenüber treten und vor allem mit der Bereitschaft Kompromisse einzugehen.
    Z.B. das Jörg keine Hausaufgaben macht, weil er diese strikte Trennung hat, kann ich gut verstehen. Wir mussten das auch machen, da auch meine Tochter ihre Ruhe benötigte und sie auch nicht verstand, warum sie immer wieder das Gleiche üben soll, wo sie es doch schon kann. Erst in den letzten 2 Schuljahren auf der Hauptschule haben ihre Lehrer sie verstanden und dahingehend Ausnahmen gemacht.
    Was übrigens gerade die sonderpädagogischen Lehrkräfte betrifft, habe auch ich nur schlechte Erfahrungen machen müssten, da diese sich auf einen so erhöhten Level stellen, dass sie mich immer wieder als inkompetent betitelt haben. Das ging so weit, dass so eine Lehrkraft sogar zu mir sagte „Liebe Frau …, ich kann ihnen versichern, ICH kenne ihr Kind am besten, sie haben gar keine Ahnung“ und das passierte nach gerade mal 3 Tagen.
    Wir erhalten allerdings mittlerweile viel Hilfe, wobei mir auch gerade deswegen manchmal der Kopf schwirrt, denn viele Ideen sind gut, aber bis ich diese sortiert habe, habe ich oft das Gefühl einen kaputten Ameisenhaufen im Hirn zu haben, was mich dann zusätzliche Kraft kostet alles zu sortieren.

  • Dominique Hansel

    Ach ja, wenn ich das lese….so ist mein 7jähriger auch, und so geht es uns auch….wir stehen ja noch am Anfang und Max muss noch viel lernen, wir auch, aber er ist so toll und hat so viele tolle Eigenschaften. Auch er geht auf eine Schule für Sehbehinderte, mit Regelbeschulung gsd, mit I-kraft die auch voll akzeprtiert wird, und die lernen durch uns jetzt auch viel viel viel im Umgang mit Autisten. Er ist jetzt in der zweiten Klasse, und seit diesem Schuljahr kommt die Autismusambulanz das erste mal auch in die Schule,jede Woche eine Stunde, das ist toll und ein großer Fortschritt für alle ! In seiner klasse sind 3 Kinder im Spektrum, und dort gibt es viel zu tun. Ich habe die Hoffnung das dort vieles in den nächsten Jaren sich für uns positiv ändern wird, ich stecke aber auch viel Kraft darein, und nehme nichts, aber auch nichts als unabänderbar hin oder lasse mir das gefallen was ich nicht für Max akzeptieren kann.

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