Philipp über Autismus, Sprache und seinen Podcast „Schnittmenge“

Podcast SymbolPhilipp durfte ich schon in Nürnberg treffen und fand ihn auf Anhieb sehr sympathisch. Aus einem ersten kleinen Plausch entwickelte sich hier und da der Austausch einer Email und das regelmäßige Reinhören in seinen Podcast „Schnittmenge“.
Da er nicht nur eine außerordentlich angenehme Stimme mitbringt 🙂 , sondern auch noch viel Wichtiges zu sagen hat, möchte ich Euch Philipp und seinen Blog heute vorstellen.

***

Lieber Philipp, wie lautet Deine Diagnose und wie lange hast Du diese schon?
Ich bin Asperger-Autist, die Diagnose dazu habe ich seit Dezember 2016.

Was macht Deinen Autismus aus? Mit welchen Herausforderungen hast Du in Deinem Leben zu tun?

Einige Dinge sehe ich gleich wie mein Gegenüber. Das ist die Schnittmenge, nach der auch mein Blog benannt ist. Anderes (wie etwa die Frage, ob am Himmel eine Schäfchenwolke oder mehr ein Wolkengebäude ist) kann sehr stark voneinander entfernt sein und einiges davon würde ich dem Autismus zuordnen.
Ob ich die Haustür jetzt leise oder laut schließe, das ist vom eigenen Empfinden abhängig, das wird NTs [neurotypischen Menschen] auch so gehen.
Autismus ist eher, wenn man sich über Sachen Gedanken macht, von denen man weiß, dass alle anderen sie intuitiv (und auch noch richtig) machen. Aber wenn man selbst mal einfach so loslegen würde, ohne groß nachzudenken, dann würde sofort auffallen, dass man nicht zu dieser Gruppe gehört. Das können die unterschiedlichsten Dinge sein. Und sowohl positiv wie negativ.

Die Herausforderung dabei ist für mich persönlich, so zu tun, als ob nichts wäre und sich so gut wie möglich wie alle anderen zu verhalten. Dazu, wie ich meine Kolleginnen und Kollegen im Büro begrüße, habe ich mir zum Beispiel ewig Gedanken gemacht. Ob ich sie immer alle jeweils dann grüßen muss, wenn ich morgens ins Büro komme, wenn ich mich in die Mittagspause verabschiede, wenn ich wieder komme und wenn ich abends gehe ODER ob es reicht, wenn ich sie morgens einmal grüße und abends verabschiede.

Welche Stärken hast Du? Was fällt Dir besonders leicht?

Ich schreibe gerne Texte, die bei einer guten Idee auch über zwei Seiten lang werden können.
Ich habe ein Auge für Details, das zu (laut anderen) bemerkenswerten Photografien führte.
Ich kann mir die Bedienung technischer Geräte sehr oft schnell erschließen.
Ich bin anderen Menschen gegenüber freundlich und aufgeschlossen.
Ich gebe nicht so schnell auf und führe deswegen öfter Dinge zu Ende, die andere schon längst aufgegeben hätten.
Ich habe ein großes Wissen über die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Ich kann mir zu Spezialgebieten viele Details merken.
Ich gehe sehr bewusst mit Sprache um und kann mich über manche Formulierungen sehr lange amüsieren.

MikrofonDu bist ein Podcaster und betreibst im Internet einen eigenen Blog. Was genau ist ein Podcaster und was sind die Inhalte Deiner Arbeit?

Ein Podcaster ist ein Mensch, der einen Teil seines Lebens aufnimmt und diese Aufnahmen im Internet zum Anhören auf eine Seite stellt. Welcher Teil seines Lebens das ist, kann stark variieren. Ich schreibe Texte, die ich dann vortrage. Andere führen eine Art Tagebuch und erzählen über Dinge, die ihnen im Lauf der Woche passiert sind. Und wieder andere machen Buchrezensionen.

Verfolgst Du ein bestimmtes Ziel mit Deinen Tonaufnahmen?

Autisten haben einige Gemeinsamkeiten, aber man tut uns enorm Unrecht, wenn man denkt, dass wir alle gleich wären. Wie NTs auch haben wir Schwächen (teilweise vielleicht auch ganz kuriose, weil wir uns zum Teil über Dinge Gedanken machen, da würde niemand sonst so lange drüber nachdenken), aber dafür haben wir auch Stärken, die uns zu sehr guten Freunden machen können.
Ich möchte Leute also über Dinge informieren, von denen ich denke, dass sie zu wenig beachtet werden.

Wen möchtest Du insbesondere erreichen?

Meine Zielgruppe ist erstmal sehr breit gestreut. Ab elf Jahren ist der Mensch ja etwa in der Lage, vernünftige Antworten zu geben 😉 . Nach oben hin habe ich da keine Grenzen gesetzt. Eine spezielle Zielgruppe habe ich mir jetzt nicht überlegt und ich versuche auch, möglichst breit gestreute Themen aufzunehmen, damit für jeden was dabei ist.

Allerdings bin ich auch Autist, deswegen gibt es für einige Beiträge doch eine Art Zielgruppe. Wichtig wäre es mir dann, einerseits Kolleginnen und Kollegen zu erreichen. Diese können dann zum ein oder anderen Thema, wo sie bisher alleine waren, ein anderes Beispiel oder eine andere Sichtweise kennenlernen. Andererseits auch NTs, die sich bisher noch nicht mit dem Thema Autismus beschäftigt haben. Denn während ich meine Diagnose bekam und davor, habe ich bei einigen, auch sehr guten, Bekannten mit Erstaunen versichert bekommen, dass ich ja gar kein Autist sein könnte, da ich dieses oder jenes nicht oder eben doch mache.
Das fand ich sehr traurig und es führte teilweise zu Problemen. Wenn man etwa sehr direkt ist (was mich jetzt nicht betrifft), kann das (grob vereinfacht) zwei Gründe haben:

speech icon1.: Man will anecken, provozieren.
2.: Man möchte ehrliche Antworten geben und sich nicht im Vagen verstecken, weil man dann auch missverstanden werden kann.

Wie das Gegenüber das auffasst und wo derjenige einen einsortiert, darauf hat man keinen Einfluss. Aber man kann es vermeiden, in die falsche ‚Schublade‘ gesteckt zu werden. Wenn man aber offen mit dem Thema umgeht, kann direkt angesprochen werden, wenn der andere irritiert ist. Das sollte man aber abwägen, es ist nicht bei jedem sinnvoll.

Ist es z.B. anstrengend für Dich, den Kontakt mit mir zu gestalten?

Nein, das auf gar keinen Fall. Ich würde das aber unterscheiden von NTs, die noch nie bewusst mit einem Autisten zu tun hatten. Da ist es anstrengend. Und: Nicht bei jedem ist eine ‚Aufklärung‘ gut.

Triffst Du regelmäßig neurotypische Freunde oder Bekannte?

Ja. Hauptsächlich auf Familienfeiern, oder in der Berufsschule. Privat ist das Verhältnis Autisten zu NTs in etwa ausgeglichen.

podcastNochmal zurück zu Deinem Podcast. Wie bist Du auf die Idee gekommen und wie ist er entstanden?

Ich hatte bis Februrar 2016 einen anderen Podcast, bei dem ich nach 38 Ausgaben merkte: Das wird nichts mehr werden. Erstens wiederholen sich Themen, zweitens hatte ich sehr viel weniger Hörer und die Rückmeldungen waren auch gesunken. Also war ich wesentlich unmotivierter, den noch fortzusetzen.
Deswegen habe ich nochmal vier besonders gute Abschlussausgaben aufgenommen und das Thema Podcast dann erstmal abgeschlossen. Was im Rückblick betrachtet gar kein schlechter Zeitpunkt war, da ich mich ab dann sehr intensiv mit dem Thema Autismus auseinandersetzte, was auch den ein oder anderen nachdenklichen Abend beinhaltete.
Seitdem nahm ich mir, egal ob ich jetzt selbst Autist wäre oder nicht, vor, in meiner nächsten Sendereihe (die es definitiv geben sollte) etwas zu diesem Thema dranzubringen. So ist es dann ja auch gekommen.

Aber es gibt auch andere Neuerungen: Einige Dinge (wie plötzliche laute Geräusche, Schreie, etc., die ich in meiner letzten Sendereihe bei passender Gelegenheit immer gerne eingebaut habe), wird es nicht mehr geben, weil ich jetzt z.B. weiß, was ein Overload ist, und den möchte ich zumindest auf meinem Blog vermeiden.
Neu ist auch eine Transkription, also ein Text von allem Gesprochenen, allen Geräuschen, die in einer Ausgabe vorkommen.
Und ein Lautstärkehistogramm. Rückmeldungen dazu habe ich zwar noch nie bekommen, aber manche Barrieren sieht man als Nicht-Betroffener gar nicht, da denke ich gerne voraus. Auch wenn es mal in die falsche Richtung ist.

Was denkst Du unterscheidet Dich besonders von NTs?

Der bewusste Umgang mit Sprache. Immer wieder werde ich etwa gefragt: Na, alles in Ordnung? Und wenn ich dann antworte ‚Das Meiste‘, ernte ich großes Erstaunen.
Warum? Alles kann doch nie gut sein, es gibt garantiert immer etwas, das nicht gut ist, und sei es nur, dass man heute so müde im Büro ist. Nur scheint das den Personen, die mich das fragen (hauptsächlich NTs) so gar nicht bewusst zu sein. Erstaunlich.
Auch über einige Redenwendungen kann ich mich sehr amüsieren und werde im nächsten Jahr eine Ausgabe zum Thema Sprichwörter/Redewendungen veröffentlichen. Da freue ich mich auch immer sehr über Tipps von anderen.

Ich danke Dir sehr für dieses ausführliche Interview und wünsche Dir viele neue Hörerinnen und Hörer für Deine Podcasts.

Ihr habt es ja gelesen – Philipp freut sich über Tipps und Anregungen, seinen Blog findet Ihr HIER. Hört mal rein, es lohnt sich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.