Paula im Interview: „Meine Freundin hat einen autistischen Bruder.“

Die besondere Situation von Geschwistern autistischer Kinder ist ein wichtiges Thema. In diesem Zusammenhang ist es auch interessant zu hören, wie Freundinnen und Freunde der Geschwister diese Familiensituation wahrnehmen und was sie darüber denken.
Eine Stimme hierzu habe ich von Paula einfangen dürfen. Was sie meint, könnt Ihr hier lesen.

***

 

Liebe Paula, wie alt bist du? Was machst Du gerade?

Ich bin 21 Jahre alt. Ich habe gerade mein Bachelorstudium abgeschlossen und beginne demnächst mit meinem Masterstudium in Betriebswirtschaftslehre.

Deine Freundin Sina hat einen autistischen Bruder. Wie lange kennst Du sie und ihren Bruder Louis schon?

Sina ist eine meiner längsten Freundinnen und ich kenne sie schon seit dem Beginn meiner Erinnerungen, also im Prinzip schon immer 🙂 . Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als Sina nicht in den Kindergarten kam, weil ihr Bruder Louis geboren worden war. Somit kenne ich Louis auch schon seit seinen ersten Tagen.

Wie zeigt sich der Autismus von Louis? Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?

Ich kann nicht sagen wie alt Louis war, als ich wahrgenommen habe, dass er besonders und anders ist als andere Kinder, denn für uns war er eben so wie er ist, ganz normal. Wenn ich darüber nachdenke, was mir als erstes aufgefallen ist, dann war es, dass Louis nicht gesprochen hat. Andere Kleinkinder brabbeln immer alles nach und dies hat er nicht gemacht.
Auch konnte Louis nicht wie andere Kinder im entsprechenden Alter laufen. Er hat dann eine Gehhilfe und spezielle Schuhe bekommen.
Aber dafür hat Louis sich immer im Kreis gedreht und alle Schnüre und ähnliches auch. Mittlerweile ist er größer als ich und natürlich hat er sich, wie jeder mit zunehmenden Alter, verändert. Louis redet zwar nicht viel, jedoch kann er sich mit Gebärden sehr gut ausdrücken. Laufen ist mittlerweile gar kein Thema mehr. Er sprintet einem eher davon, springt Trampolin und klettert herum.

Wieviel Kontakt hattest und hast Du zu Louis? Konntest Du eine Beziehung zu ihm aufbauen?

Da ich zeitweise in meiner Kindheit wie eine Schwester von Louis und Sina aufgewachsen bin, waren sie wie Familienmitglieder für mich. Ich habe mehrere Urlaube und insgesamt sehr viel Zeit mit Louis verbracht, sodass wir uns sehr gut kennen und auch eine Beziehung zueinander haben.
Früher, als wir uns fast täglich gesehen haben, wusste ich über jede Geste und Gebärde Bescheid und wusste wie Louis auf was reagiert. Da Sina und ich durch unser Studium leider nicht mehr viel Zeit haben, um uns in ihrem Elternhaus zu verabreden, sehe ich Louis auch nicht mehr so oft. Trotzdem haben wir immer noch eine besondere Beziehung zueinander und er und ich wissen, miteinander umzugehen.

Hattest Du das Gefühl, dass Sina viel Rücksicht wegen ihres Bruders nehmen musste oder eingeschränkt in ihren Aktivitäten war?

Ich glaube, jeder der Geschwister hat, muss auf diese Rücksicht nehmen. Jedoch haben Sinas Eltern sich immer darum bemüht, dass die Einschränkungen durch ihren Bruder nicht anders sind als bei anderen Familien. Klar, es gab auch immer mal Situationen, in denen dies nicht möglich war und eine spezielle Rücksicht auf Louis genommen werden musste. Das war auch der Fall, wenn Sina vielleicht gerne gewisse Unternehmungen gemacht hätte, wie in die Stadt ein Eis essen oder unter Leute gehen, was aber mit Louis nicht möglich war. Da es Sinas Eltern sehr wichtig war, dass nicht nur Louis im Vordergrund stand, gab es tägliche Rituale, die bewusst nur mit Sina stattgefunden haben, wenn Louis noch im Kindergarten oder in der Schule war.

Gestaltete sich das Familienleben aus Deiner Sicht wegen Louis anders als z.B. bei Euch in der Familie?

Die Gestaltung ist und war schon immer ein wenig anders als z.B. bei uns in der Familie. Meine Eltern waren beide berufstätig und ich musste schon ziemlich früh selbstständig werden und meine Tage selber gestalten, sodass ich in meiner frühen Kindheit auch so gut wie jeden Tag mit Sina verbracht habe.
Mit Louis ist es nicht möglich, ihn einfach auf sich alleine gestellt zu lassen, da er in vielen Dingen auch jetzt noch Hilfe benötigt. Er braucht eine Rundumbetreuung und kann nicht einfach alleine gelassen werden, da immer die Sorge besteht, er könnte sich aus Versehen selbst verletzten oder etwas kaputt machen. Es muss bei jeder Tagesplanung also erst einmal überlegt werden, ob die Unternehmung für Louis möglich ist und wann wer die Verantwortung für ihn hat.

Hat es Dich persönlich geprägt, bereichert oder verändert, dass Louis eine gewisse Rolle in Deinem Leben spielte?

Natürlich. Ich bin davon überzeugt, dass jeder der mit einem Autisten aufgewachsen, über mehrere Jahre begleitet oder eine langjährige Freundschaft gepflegt hat, in gewisser Weise geprägt wird. Autisten sehen die Welt anders als wir und diesen Blick, Dinge auch einmal von einer ganz anderen Seite zu betrachten, habe ich von Louis gelernt.
Auch über seine Grenzen hinauszuwachsen und Verantwortung zu übernehmen sind Dinge, die mich geprägt haben.
Auch fällt es mir dadurch leichter, mich in die Denkweise anderer hineinzuversetzen und zu respektieren, dass jeder Mensch anders ist, egal ob er autistisch ist oder nicht. Mir fallen jetzt noch sehr viele Dinge ein, aber ich will jetzt mal nicht zu weit ausschweifen 🙂

Haben Dich andere nach Louis gefragt? Hast Du eine gewisse Neugier oder ein Interesse daran wahrgenommen, dass Sina einen behinderten Bruder hat?

Diese Situationen gab es öfter. Viele hatten noch nie direkten Kontakt zu einem Autisten und sind deshalb neugierig. Es waren meistens die gleichen Fragen die in etwa waren: Wie zeigt sich denn sein Autismus und wie anders ist sein Verhalten zu anderen Jungen in seinem Alter? Auch Klischee-Fragen wie: Was kann er denn besonders gut, welche übernatürliche Begabung hat er denn?
Gerne habe ich die Fragen der anderen beantwortet, weil ich finde, dass jeder ein gewisses Wissen über Autismus haben sollte und dass dieses falsche Bild (Mythen) über AutistInnen aufgeklärt werden sollten.

Meinst Du, dass Du auch in Zukunft noch mit Louis zu tun haben wirst?

Ich habe eine enge Bindung zu der ganzen Familie, da ich dort, wie schon erwähnt, zeitweise wie eine weitere Tochter aufgewachsen bin. Deshalb bin ich mir sicher, dass ich auch in Zukunft immer Kontakt haben werde. Ich freue mich jedes Mal, wieder dort zu Besuch zu sein und Louis´ neue Gebärden und Fortschritte bestaunen zu können.

 

 

Ist Dir sonst noch etwas wichtig zu sagen?

Ich finde diesen Blog super …

oh dankeschön 🙂

… und freue mich, etwas beitragen zu können, um vielleicht anderen zu helfen oder Interessierte zu informieren. Ich würde mir wünschen, dass das Wissen über Autismus steigt und AutistInnen besser in die Gesellschaft integriert werden.
Zuletzt möchte ich mich noch bei der ganzen Familie von Louis bedanken, dass ich immer und überall dabei sein durfte und immer noch darf.

 

Danke für das tolle Interview.
Alles Gute für Dich, Paula!

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