Mona über ihre Erfahrungen mit der web-individualschule

Vor Kurzem stellte die Leiterin der web-individualschule ihre Schule vor und nun soll auch noch eine Schülerin von ihren Erfahrungen berichten. Ich durfte Mona einige Fragen stellen.

(Name geändert)

***

Liebe Mona, bitte stell Dich kurz vor. Wer bist Du, wie alt bist Du?

Ich bin 18 Jahre alt und mutistische Asperger Autistin. In meiner Freizeit beschäftige ich mich am liebsten mit Musik und Medizin.

Welche Schule(n) hast Du besucht, bevor Du in die Web-Schule gekommen bist?  Wie erging es Dir in der Regelschule?

Bevor ich an die Webschule kam, besuchte ich zwei Realschulen und eine Förderschule.
Die Regelschulzeit war sehr belastend, da ich in stressvollen Situationen schnell ermüde und aufgrund meiner Andersartigkeit gemobbt wurde.
Es fällt mir schwer, mich auf mehrere Personen gleichzeitig zu konzentrieren und dabei wie meine Mitmenschen zu agieren. Es war mir z.B nicht immer möglich, im Klassenzimmer Texte zu verfassen, da die Unterhaltungen meiner Mitschüler meine gedanklichen Vorstellungen unterbrachen.
Ich befand mich inmitten eines Ozeans, aus welchen ich nach Schulschluss entkräftet an Land gespült wurde. Je öfter es sich wiederholt, desto eher wird man eines Tages untergehen.
Unter Gleichaltrigen fühlte ich mich oft, als sei ich im falschen Jahrhundert geboren worden. Ich versuchte, mich immer anzupassen, doch es ist mir nie dauerhaft gelungen und mein Befinden verschlechterte sich. Nach meinem Abschluss an der Förderschule wurde ich auch von ortsnahen Schulen abgelehnt und ich sah keinerlei Hoffnung mehr.

Wie funktionierte das mit dem Übertritt in die Web-Schule? Was musstest Du beachten, welche Voraussetzungen mitbringen?

Die web-individualschule wurde mir von meinem Psychiater empfohlen, sofern ein Regelschulbesuch mit Schulbegleitung keine weitere Alternative darstellen sollte.
Für den Übertritt wurde ich von einer Lehrkraft meiner ehemaligen Förderschule unterstützt, welche im Mobilen Dienst tätig ist. Jene hatte den Kontakt zum Dezernenten der Landesschulbehörde hergestellt und ist auch weiterhin bei Hilfeplangesprächen anwesend, welche halbjährlich stattfinden.
Zudem bin ich weiterhin an der Förderschule gemeldet. Damit eine Fernbeschulung möglich ist, muss die Schulpflicht ruhen und/oder der/die SchülerIn dauerhaft krankgeschrieben sein. Die Kostenübernahme erfolgt über das Jugendamt.

Wie sieht für Dich ein typischer Tag in der Web-Schule aus? Wieviele Stunden hast Du? Wann hast Du Pause? Hast Du auch Hausaufgaben zu erledigen?

Unterrichtsmaterial

©Foto von Mona

Pro Tag werde ich in zwei Fächern mit einer Dauer von drei Stunden unterrichtet, welche auf die Woche verteilt Mathe, Englisch, Biologie, Deutsch, Erdkunde und Geschichte umfassen.
Nachdem ich am frühen Morgen alle schulischen Vorbereitungen getroffen habe, halte ich die Sekunden im Blick und begrüße meinen Lehrer um 09:45:00 Uhr im Skype Chat (sofern nichts dazwischen kommt).
Danach erfolgt in der Regel der erste Videoanruf, in dem mein Lehrer mit mir die Aufgaben des heutigen Tages bespricht. Sobald der Anruf beendet ist, beginne ich mit den Aufgaben. In der Zwischenzeit kann ich meinem Lehrer auch Fragen stellen.
Gegen 11:15 Uhr erfolgt der Fachwechsel, sodass die Thematik des zweiten Unterrichtsfachs besprochen und begonnen werden kann.
Um 12:45 Uhr ist der Unterricht beendet, doch oftmals benötige ich ein wenig mehr Zeit, sodass Weiterarbeiten gestattet ist.
Hausaufgaben kann ich darüber hinaus noch am Nachmittag des selbigen Tages vollenden und per E-Mail zuschicken.
Die Arbeitsmaterialien erhalte ich sowohl per Post als auch via E-Mail. Neben den Arbeitsblättern arbeite ich in den Fächern Deutsch und Englisch auch mit Arbeitsheften, welche gelegentlich durch interaktive Übungen im Internet erweitert werden.

Die Ferien sind individuell gestaltet und weichen mitunter von den gängigen Ferienzeiten ab. Einst war mir sogar ein Missgeschick passiert, da ich mich an den regulären Osterferien orientiert hatte und folglich verspätet erschien. Glücklicherweise ist es kein weiteres Mal vorgekommen…
In der Regelschule war ich immer erleichtert bezüglich langer Ferienzeiten, da ich mich zu regenerieren hoffte. Doch in der Webschule ist es genau umgekehrt: während der Ferien freue ich mich bereits darauf, wieder Unterricht haben zu können.

Klassische Unterrichtspausen habe ich während der Lernzeit nicht. Im Gegensatz zum Regelschulaufenthalt ist es jedoch möglich etwas zu trinken und auf Toilette gehen zu können.

Hefte web-individualschule

©Foto von Mona

Wie lange bist du schon an der Webschule?

In diesem Monat (August 2017) bin ich seit 10 Monaten an der Webschule.

Wirst du eine Abschlussprüfung ablegen?

Ja, meinen Realschulabschluss werde ich voraussichtlich im Herbst diesen Jahres absolvieren.

Was ist Dein persönliches Fazit zur Web-Schule? Fühlst du dich dort wohl und wirst Du ausreichend gefördert?

Ja, ich fühle mich an der Webschule sehr wohl. Um genau zu sein ist es die schönste Schulzeit meines Lebens. Am Anfang konnte ich es gar nicht begreifen, dass es tatsächlich „real“ ist und ich fortan von Zuhause aus über Skype unterrichtet werde.
Da ich eine Rechenproblematik habe, war es mir auf der Realschule nicht mehr möglich, der Mathematik standzuhalten. An der Webschule werde ich hingegen gefördert und es macht trotz der Schwierigkeiten Spaß.

Da ich pro Tag nur zwei Unterrichtsfächer habe, kann ich mich viel besser auf den Unterricht einstellen und mich mit den Themen auseinandersetzen. Man könnte meinen, dass man dadurch weniger lernt als an Regelschulen, doch das ist nicht der Fall. Ich finde, dass man dadurch sogar noch mehr schafft, da man sich intensiver mit den Aufgaben beschäftigen kann und zugleich keine Unterbrechungen stattfinden.

Wenn ich an die vergangenen Schuljahre zurückdenke, unterscheidet sich Heute von Damals wie Tag und Nacht. Die Webschule ist der Lichtblick, der mich aus der Dunkelheit geführt hat. Und dafür bin ich sehr dankbar!

Wem würdest Du die Web-Schule weiterempfehlen?

Schülerinnen und Schülern, für die der Regelschulbesuch eine Last darstellt, sodass sie wieder glücklich sind und Freude am Leben haben.

Es darf nicht sein, dass so viele SchülerInnen täglich leiden, die Hoffnung verlieren und über sie hinweg gesehen wird, nur weil es für sie keine entsprechende Schule gibt oder der Schulbesuch belastend ist.
Die Webschule stellt eine Alternative dar, die ich mir vor einem Jahr nie hätte vorstellen können. Und ich weiß, dass es unzählig viele Kinder gibt, denen es im jetzigen Moment genauso ergeht, wie es mir bis vor diesem Jahr ergangen ist.
Ich wünsche mir, dass jeder einzelne genauso glücklich werden kann. Denn aus glücklichen Kindern werden glückliche Erwachsene. Die erschwerte Situation wird mit Eintritt in das Erwachsenenleben nicht beendet sein, da der Mensch mit seinen Erfahrungen derselbe bleibt. Es ist wünschenswert, dass sich diese Ungerechtigkeit wandelt und jeder einzelne die Möglichkeit einer passenden Schulbildung bekommt.

Fühlst Du Dich durch die Web-Schule gut auf das Leben außerhalb der Schule vorbereitet?

Durch die Webschule ist es mir möglich geworden, meinen Alltag derart zu strukturieren, dass ich funktionstüchtig bleibe. Ich habe durch die Ruhe und Zeit viele neue Erkenntnisse gewinnen können. Die Webschule hilft mir sehr.

Gibt es etwas, das Du autistischen Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern raten möchtest, wenn der Besuch der Web-Schule leider nicht möglich ist?

In erster Linie: niemals aufgeben und sich ruhige Momente verschaffen! Ich denke, am hilfreichsten könnte es sein, sich mit anderen gleichbetroffenen Eltern auszutauschen. Vielleicht findet sich eine hilfreiche Möglichkeit.
Als Alternative zur Webschule habe ich noch die Flex Fernschule gefunden.

Liebe Mona, ich danke Dir sehr für diesen persönlichen Einblick in Deine Zeit bei der web-individualschule und ich wünsche Dir alles alles Gute für Deine weitere Zeit dort, Deinen Abschluss und die Zeit danach.

***

Zum Weiterlesen:

Interview mit Sarah Lichtenberger, Schulleiterin der web-individualschule

Auch positive Entwicklungen kosten Kraft

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

One comment

  • Ich frage mich, ob solche Angebote nicht sowieso die Zukunft der Schule allgemein vorzeichnen. Immerhin bieten ja auch immer mehr Universitäten ihre Studiengänge online an.

    Allerdings würde ich mir gerade im Fall von Kindern im autistischen Spektrum wünschen, dass gleichzeitig auch neue Andockmöglichkeiten für soziale Interaktion geschaffen/gefördert werden.

    Die Regelschule war für mich ebenfalls sehr schwierig, aber dort habe ich eben auch gelernt, mich nicht vollständig in theoretische Wissenschaften und Buchwelten zurück zu ziehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.