Mahlzeit! Wenn sich Rituale in einer Familie mit autistischem Kind verändern.

„Wir fangen erst an zu essen, wenn alle am Tisch sitzen.“
„Ich möchte gerne, dass alle gemeinsam essen.“
Kennt Ihr solche Sätze?
Ich denke, dass es weit verbreitet ist, auf ein gemeinsames Essen innerhalb der Familie wert zu legen und es hat sicherlich auch gute Gründe.
Aber es ist nicht immer und überall so, dass dies das beste Ritual für eine Familie ist. Für eine Familie mit autistischem Kind auf jeden Fall nicht unbedingt.

Ich kenne es aus meiner Kindheit und Jugend, dass meiner Mutter viel daran gelegen war, wenn wir als Familie gemeinsam zu Abend aßen. Mein Vater war beruflich sehr viel unterwegs, meine Schwester und ich hatten vielfältige Freizeitaktivitäten und natürlich ab und zu auch lange Schultage und meine Mutter hielt den Laden zusammen. Dazu gehörte auch, dass sie zumindest das Abendessen für alle, wenn möglich, sehr aktiv pflegte.
Ich fand das damals schon gut. Natürlich gab es auch Tage, an denen es mir lästig war, eine Verabredung auf später zu verschieben, weil erstmal noch das Familien-Abendessen auf dem Plan stand, aber insgesamt genoss ich das Familiäre damals sehr.

Und wie es meistens so ist: wenn man dann eine eigene Familie hat, werden erfahrene Werte weitergegeben, von anderen distanziert man sich und bei vielen Dingen, die wir praktizieren, sind wir uns oftmals gar nicht bewusst darüber, warum und wieso wir sie genauso tun, wie wir sie tun.

Was das Familienessen angeht, ist es in meinem Fall allerdings eindeutig, dass ich das Wertschätzen dieser für die Familie reservierten Zeit aus meiner Kindheit und Jugend mitbekommen habe.
Nachdem ich eigene Kinder bekommen hatte, pflegte daher auch ich als Mutter dieses Ritual – bis dann irgendwann nach und nach ziemlich viel anders wurde.

Die Geräuschempfindlichkeit von Niklas wurde im Laufe der Jahre immer stärker, irgendwann konnte er es nicht mehr ertragen, mit uns gemeinsam an einem Tisch zu essen. Das Geschirrgeklappere, die Essensgeräusch und das gleichzeitige Sprechen bei den Mahlzeiten sind zu viel für ihn.
Daher flogen dann immer wieder die Teller, er schrie, versuchte, den Tisch umzuwerfen oder schleuderte seinen Stuhl durch die Gegend.

Wir suchten ein neues Ritual, um trotzdem irgendwie gemeinsam essen zu können. Und fanden es, indem einer von uns mit ihm an einem separaten Tisch aß oder in einem Nebenzimmer mit geöffneter Tür, so dass man trotzdem noch am gemeinsamen Gespräch der anderen Familienmitglieder teilhaben konnte.
Für Niklas war das ok, aber für uns als Eltern war es ein ständiges hin- und hergerissen sein, da wir versuchten, allen gerecht zu werden – Niklas, seiner Schwester und natürlich auch unseren eigenen Bedürfnissen.

Ich wurde immer unzufriedener.
Und ich fragte mich, warum – und ich hinterfragte das gemeinsame Essen – ist das für uns (noch) das richtige Modell?

Umgangsformen und Rituale entwickeln sich, um gesellschaftliches oder auch familiäres Zusammenleben zu regeln. Sie entwickeln sich aber auch, um Identitäten zu stiften und um zum Beispiel ein Gemeinschaftsgefühl zu stärken: Ich gehöre dazu.

Um das Gemeinschaftsgefühl innerhalb einer Familie zu stärken und dieses zu pflegen, gehört dazu, dass man voneinander weiß, was gerade ansteht, was supertoll oder belastend ist, wovor man Angst hat, was man plant, wovon man träumt. Es gehört dazu, dass man daran Anteil nimmt, sich tröstet und gegenseitig unterstützt.

Für viele Familien ist es so, wie damals in meiner als ich noch ein Kind war, dass für diesen Austausch gar nicht mehr so viel Zeit bleibt, weil man sich nur noch am Abend sieht und weil jeder seinen eigenen Verpflichtungen tagsüber nachgeht. Es bleibt nur wenig Zeit, um sich wirklich auszutauschen.

In meiner eigenen kleinen Familie hatten sich die Gepflogenheiten wegen Niklas zum Teil ganz anders entwickelt. Er war von Anfang an – und ist es bis jetzt –  in allen Belangen pflege- und betreuungsbedürftig. Einer von uns ist immer bei ihm und zwar den ganzen Tag abzüglich der Kindergarten- und später Schulzeiten. Der Kontakt mit ihm ist physisch und auch psychisch so intensiv, wie er intensiver nicht sein kann. Gedanklich sind wir immer mit ihm beschäftigt: was braucht er, was fühlt er, was meint er, was möchte er, wie geht es ihm, …?

Was ich damit sagen will: Es braucht bei uns kein gemeinsames Abendessen, um unsere Gemeinschaft zu stärken und bewusst Zeit miteinander zu verbringen, kein ritualisiertes Miteinander, weil es ohnehin ein äußerst intensives natürliches Miteinander gibt – und zwar den ganzen Tag. Wir verbringen so immens viel Zeit miteinander – so viel Zeit, dass mich das Ganze manchmal zu erdrücken scheint.

Diese Erkenntnis ließ mich entspannter werden. Es ist nicht schlimm, die übernommene Tradition der gemeinsamen Mahlzeiten – so gerne ich sie auch habe – zumindest zeitweise und situationsbedingt über Bord zu werfen. Sie passt nicht in unsere Familiensituation, jedenfalls nicht aktuell. Und seit ich das, was ich von Kindheit an für normal und gut hielt, gründlich überdacht habe, ist das schlechte Gefühl darüber verflogen, dass es bei uns eben anders ist.

Es ist nun meistens so, dass Niklas vorher oder nachher isst. Das ermöglicht uns, bei unseren eigenen Mahlzeiten, auch zu sitzen und nicht ständig hin und her zu pendeln, wir müssen ihm nicht gleichzeitig assistieren und ihn füttern und können uns auf unser eigenes Essen konzentrieren, weil wir nicht allen und allem gleichzeitig gerecht werden müssen.
So klappt es und so ist es gut.

Aber es ist schon interessant für mich zu reflektieren, warum es so lange dauerte, bis ich meinen Frieden mit unseren neuen, an unsere Lebenssituation angepassten Gepflogenheiten machen konnte. Es hatte wohl auch irgendwie mit einem Abschiednehmen von lieb gewonnenen Strukturen zu tun.

***

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2 comments

  • Zarinka

    „„Wir fangen erst an zu essen, wenn alle am Tisch sitzen.“
    „Ich möchte gerne, dass alle gemeinsam essen.“
    Kennt Ihr solche Sätze?“

    Ich persönlich kenne solche Sätze (aus meiner Kindheit) jetzt nicht. Da wir zur damaligen Zeit in einer doch recht kleinen Wohnung lebten (und das mit sieben Personen), bestand für uns eh kaum die Möglichkeit alle gleichzeitig zusammen an einem Tisch die Mahlzeiten einzunehmen.

    Die Räumlichkeiten ließen es einfach nicht zu. Später, als dann meine älteren Geschwister nicht mehr zuhause lebten, wurde diese „Tradition“ dennoch weiterhin beibehalten.

    Nur wenn Besuch zum Essen da war, dann wurde erst mit dem Essen begonnen wenn alle am Tisch ihren Platz eingenommen hatten.

    Wir Kinder saßen jedoch nie mit den Erwachsenen zusammen an einem Tisch sondern immer an einem Tisch in einem anderen Raum.

    Zwar habe ich diese „Tradition“ später so nicht übernommen, aber wirklich mal zusammen an einem Tisch mit der ganzen Familie ein Essen einnehmen ist eher die Ausnahme als die Regel.

    Somit neige ich auch heute noch oft dazu für Besuch und meinen Mann in der Küche die Mahlzeiten zu servieren und anschließend mit meinem Essen in ein anderes Zimmer zu gehen.

    Meinen Mann stört das weitgehend nicht, jedoch der Besuch ist dann schon etwas irritiert. Sie persönlich kennen das einfach so nicht. Daher versuche ich zwar immer wieder wenigstens im selben Raum ebenfalls Platz zu nehmen, setze mich aber dann an einen anderen „Tisch“.

    Wenn heute mal meine Kinder zu Besuch kommen, dann sind jedoch sie diejenigen die Wert darauf legen dass wir Eltern und sie (die Kinder) zusammen die Mahlzeiten am Tisch einnehmen…denn wir kommen alle nur sehr sehr selten im Jahr mal zusammen, und da versuche ich dann natürlich Rücksicht auf die Wünsche der Kinder zu nehmen.

    Eine Erinnerung aus meiner Kindheit ist mir noch besonders im Gedächtnis geblieben…da war ich mal zu Besuch bei meinem Bruder und seiner Familie. Die pflegten nicht nur die Tradition dass erst dann mit dem Essen begonnen wurde wenn alle am Tisch ihren Platz eingenommen hatten, sondern bei ihnen war es üblich dass man (wenn alle mit dem Essen fertig waren) erst dann aufstehen durfte wenn der „Hausherr“ (ich weiß nicht wie ich es jetzt anders bezeichnen soll/könnte) den Tisch aufgehoben hat.

    Bis heute habe ich es nicht verstanden warum das so sein musste/sein muss…warum man das so nennt. (Unter etwas aufheben verstehe ich persönlich nämlich etwas ganz anderes.) Ich finde so eine Handhabung auf jeden Fall eine blöde Regel.

    Später hat man mir mein Bruder dann erklärt was es mit dieser Regel auf sich hat…zumindest habe ich es so verstanden, dass man nicht eher den Tisch verlassen darf bis auch der letzte sein Essen beendet hat. Und dies wird dann vom „Hausherrn“ mit den Worten: „hiermit hebe ich den Tisch auf“, bekannt gegeben.

    Ne, dann esse ich doch lieber für mich alleine in einem anderen Raum…da braucht es nicht solch einer Aufhebung des Tisches. Mir sind solche Regelungen einfach zu anstrengend und zu kompliziert.

  • Es ist auch meine Erfahrung, dass gemeinsame Mahlzeiten für viele (nicht-autistische Menschen) etwas sehr wichtiges sind; ein verbindendes und gemeinschaftsstiftendes Ritual, worauf man auf keinen Fall verzichten will. Ich kenne das von früher nicht nur aus der Familie, sondern auch aus Kinderheimen, aus Kliniken oder auch heute noch am Arbeitsplatz. Gemeinsame Mahlzeiten scheinen ein essentieller Teil unserer Kultur und Sozialisiation zu sein.

    Gemeinsame Mahlzeiten sind für mich zwar noch erträglich, aber immer auch anstrengend. Selten ist man anderen Menschen (schon rein körperlich) so nahe, wie am Esstisch, wo man Ellenbogen an Ellenbogen nebeneinander sitzt. Ein solche „Aufeinandergepferche“ erlebe ich sonst nirgendwo! Es ist logisch, dass sich für Autisten dadurch vielfältige Reizeinwirkungen ergeben, denen man sich in dieser Enge nicht entziehen kann. Ständig prasseln nicht nur Gerüche und Geräusche auf einen ein, sondern auch die unvermeidlichen Tischgespräche, die man nicht einfach ausblenden kann, sondern sich permament mit anhören muss. Womöglich besteht auch noch die Erwartung, dass man etwas zu diesen Gesprächen sagt und sich darin einbringt. Wie soll man sich in Ruhe aus Essen konzentrieren und Entspannung finden, wenn ich permanent Gespräche verfolgen muss, sowohl akustisch als auch inhaltlich?

    Auf diese Weise werden die Mahlzeiten schnell zum Dauerstress, wo man doch eigentlich nur in Ruhe sein Essen genießen und sich entspannen möchte. Ich gehe auch hin und wieder mit den Arbeitskollegen zusammen in die Kantine, weil ich mich nicht zu sehr ins Abseits stellen will. Sehr viel enstpannender und erholsamer ist es aber, wenn ich mich alleine esse, außerhalb der Stoßzeiten in einer ruhigen Ecke.

    Besser komme ich klar mit lockeren Buffet- oder Kaffeerunden (z.B. im Wohnzimmer), wo sich jeder selbst bedienen und sich dazusetzen KANN, aber nicht MUSS. Wo man sich mit seinem Teller oder seiner Tasse auch mal in eine ruhige Ecke des Raumes zurückziehen kann, ohne dass es Anstoß erregt. Auf diese Weise entsteht auch Gemeinschaft und man kann auch miteinander reden, aber nicht so starr und zwanghaft, als wenn alle zur gleichen Zeit um den Esstisch sitzen müssen – und womöglich nur gemeinsam wieder austehen dürfen. Für Familien mit Autisten finde ich es wichtig, nach Kompomissen zu suchen, die Gemeinschaft ermöglich, aber nicht um jeden Preis erzwingen. Rückzugsmöglichkeiten müssen immer gewahrt bleiben. Dafür muss man vielleicht Traditionen in Frage stellen, die man sonst nie in Frage stellt, aber daraus kann auch etwas Neues und Kreatives entehen!

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