Leserbrief: „Manchmal packt mich das große Heulen“

Liebe Ella, liebe LeserInnen dieses Blogs,

ich muss einfach mal meinen Gefühlen Luft machen, weiß gerade nicht wohin sonst damit und hier kann ich sie rauslassen, ohne Gefahr zu laufen, dass ich hinterher dafür fertig gemacht werde, weil ich natürlich nicht in echt Bea heiße, aber egal. Ella kennt mich und weiß, dass es mich gibt. Ach, so ein Mist, was schreibe ich denn! Natürlich gibt es mich….

… und zwar gerade total verheult, weil ich nicht weiß, wie ich das alles auf Dauer schaffen soll.
Es ist Freitag Abend und mein Sohn bestimmt seitdem er von der Schule zuhause ist Stifteinfach alles: wo ich hingehen soll, was ich tun soll, wann und wo wir essen. Ich muss hinterher, weil er Dinge ins Klo stopft oder Türen knallt oder schreit. Ich muss mich immer kümmern, einfach immer. Und das wird bis Montag früh mit einigen Schlafpausen (hoffentlich!) so weiter gehen.
Und dann lese ich von irgendwelchen Übermüttern, die sich vorgenommen haben, am Wochenende mit ihren Kindern Ausflüge hierhin und dorthin zu unternehmen, gesundes Essen zu kochen, Sport zu machen, den Haushalt auf Vordermann zu bringen…. sie schreiben, wie schön es ist, dass die Kinder gemeinsam Pizza essen und einen Film schauen, während sie in Ruhe ein Buch lesen….

Und ja – nicht vergleichen! – ich weiß. Aber an manchen Tagen, da packt mich einfach das große Heulen, weil das alles so gar nichts mit meinem Leben zu tun hat und ich es mir aber sooo sehr wünsche und ich diese nach außen hin perfekten Menschen, die wegen Kleinigkeiten jammern, einfach mal gerne anschreien würde.
Es kostet so viel Kraft, sich ständig hinten anzustellen und ich komme mit der Ignoranz der Menschen nicht zurecht, die mal eine halbe Stunde zuhören, verständnisvoll nicken und sich dann wieder monatelang nicht melden, bevor sie wieder einen Alibianruf tätigen und ganz mitleidig tun, weil wir keine Möglichkeit haben, gemeinsam zum nächsten fünfzigsten Geburtstag der Freunde zu kommen.
„Aber Tim ist doch jetzt schon 19. Kann er nicht mal alleine bleiben?“
Allein diese Frage! Nein, kann er nicht und wir haben leider im Moment keinen Betreuer, der ihn beaufsichtigen kann.

"Mama"Manchmal weine ich dann einen Abend lang und bemitleide mich selbst. Ja, das gebe ich zu. Es muss einfach manchmal sein. Und im Moment tut es mir gut, es aufzuschreiben.
Und keine Angst, diese Tage gibt es nicht so oft. Meistens komme ich gut klar und ich liebe meinen 19jährigen „Mich-auf-Trab-halter“ sehr, bin so gerne seine Mama und würde nicht tauschen wollen.
Aber manchmal, na Ihr wisst schon, da kommt einfach alles zusammen und man kann das Fremdgejammere nicht ertragen und muss einfach mal selber jammern.

Vielleicht gibt´s ja noch andere, denen es auch so geht und die die Augen verdrehen, wenn der Radiomoderator sagt: „Endlich Freitag! Alle können sich aufs Wochenende freuen!“
Ha!

Macht´s gut,
Bea

***

Ähnlicher Beitrag:

Leserbrief: Manchmal denke ich, dass ich nicht dazu gehöre.

8 comments

  • Heike Burkhardt

    Ich denke oft, wenn ich meine Schulklasse ins Wochenende entlasse, dass es jetzt wieder die Zeit der Heldenmütter sein wird. Auch der Heldenväter, bei manchen.
    Mit meinen völlig unanstrengenden Kindern kriege ich dieses Super-Mutter-Programm nicht durch – Ihr Heldenmütter müsst dieses Programm unbedingt loslassen. Es ist doch schon so viel, das euer Programm heißt „Ich bin da, wenn du mich brauchst“. Wenn ihr das schaffen wollt, dann muss alles andere unwichtig werden.
    Und heulen gehört dazu, wenn ihr euer Leben ehrlich anseht. Find ich jedenfalls.
    Aber glücklich strahlen gehört ja auch dazu ..

  • Verena Reps

    Ich verstehe dich sehr gut . Hier ist es auch ein ständiges hinterher springen und Forderungen erfüllen , damit der Tag nicht eskaliert . Es ist oft anstrengend und keiner kann es wirklich nachvollziehen, wie unser Alltag funktioniert.

  • NIC P.

    Danke Bea – ohne solche Beiträge würde ich denken ich wäre die Einzige 😉

  • Eva

    Du bist nicht allein, ich hab auch immer wieder mal das große Heulen, aktuell heute zum Beispiel. Ich liebe meinen Sohn, ich versuche, das Gute an unserem besonderen Leben zu sehen, ich möchte mich nicht mit anderen Familien vergleichen, denn jeder kämpft eine Schlacht, von der niemand weiß.
    Aber… Ich wünsche mir manchmal mit jeder Faser, dass ich aufwache, und mein Sohn kein Autist mehr ist. Wir können endlich mal in den Urlaub fahren oder ins Kino gehen oder zu einer Geburtstagseinladung, ich kann mit ihm eine Unterhaltung führen, wir können einen gemütlichen Nachmittag mit einem Disneyfilm verbringen, statt jedes einzelne Wochenende Zug fahren zu müssen, er weint nicht mehr, weil wir die Socken wechseln oder ein neues Paar Schuhe gekauft haben, mein Sohn hat Freunde und Hobbies, er wird einen Beruf wählen können und eines Tages in sein eigenes, selbstbestimmtes Leben davonziehen…
    Aber zum Glück vergeht das Heulen auch immer wieder und wir gehen Zug fahren und das immer gleiche Eis essen, und das Leben ist auch gut.

  • Flora

    🙏🏻🤗

  • Anke

    Bei uns sieht es auch nicht anders aus – das mag Dir ein Trost sein!…Allerdings hatte ich die Hoffnung, dass mein Alltag nicht mehr so extrem ist, wenn mein Sohn 19 ist… Das sind ja schon ein Stück weit deprimierende Aussichten! Viel Kraft!

  • Tessa

    Hallo Bea,
    ich versteh‘ Dich total gut. Manchmal mache ich am Wochenende einen Ausflug mit unserer Tochter. Mein Mann bleibt dann mit unserem autistischen Sohn daheim. Wenn ich dann andere Familien sehe, die alle zusammen unterwegs sind, wird mir oft schlagartig bewusst, auf was wir alles verzichten müssen. Ganz schlimm ist es Familien mit Kindern zu treffen, die so alt sind wie mein Sohn und zu sehen was die alles können. Das geht oft gut, aber manchmal macht mich das extrem traurig. Es tut aber immer wieder gut, von anderen zu lesen, denen es ähnlich geht. Danke für Deinen Bericht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.