Kolumne: Mein Aufklärungsprojekt zum Thema Autismus am Gymnasium

Kolumne von Birke Opitz-Kittel:

Als ich las, dass im Gymnasium meiner Kinder Eltern für zwei geplante Projekttage selbst Projekte anbieten können, war für mich sofort klar, dass ich die Möglichkeit nutzen würde, um zumindest die Jugendlichen aus den höheren Klassen über Autismus aufzuklären.

Rasch war der Rücklaufzettel ausgefüllt, der Termin im Kalender eingetragen…und erstmal vergessen.

Als ich den Termin ein paar Wochen später in meinem Kalender wieder „aufploppen“ sah, war es vorbei mit der Ruhe. Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Klar habe ich schon öfter Aufklärung betrieben – aber immer zusammen mit Silke oder auf jeden Fall mit anderen Vertrauenspersonen.

Vertrauenspersonen mussten also her und da fielen mir meine beiden Kinder, die zu diesem Zeitpunkt die 11. Klasse besuchten, ein. Ich bat sie, dass sie sich jeweils für einen Tag anmelden. Das scheiterte, weil mein Sohn versehentlich beim Projekt Origami für zwei Tage eingetragen wurde und meine Tochter ein Praktikum machte. Aber auf meinen Sohn ist Verlass – er regte sich so sehr auf (Zitat: „Jemanden, der absolut feinmotorisch nicht einsetzbar ist bei Origamikunst einzutragen ist ja schon fast sadistisch!“), dass er die Erlaubnis bekam, an beiden Tagen mein Projekt begleiten zu dürfen.

Dann ging es auch schon los.
Ich fahre sehr ungerne U-Bahn und ich nehme an, dass man sich denken kann, weshalb: es ist laut, die Personen sitzen zu eng beieinander, es stinkt, nur künstliches Licht – und ob die Bahn zuverlässig pünktlich ist…das ist Glückssache. Aber, ich hatte ja meinen Sohn bei mir und so fand ich mich mit seiner Hilfe in der U-Bahn und auch im Schulhaus zurecht. Außerdem hatte ich sozusagen als „Bonus“ noch den Schulbegleiter meines Sohnes gleich „mitgebucht“ – da konnte ja nichts mehr schiefgehen. Dachte ich zumindest.

Gespannt wartete ich auf die für mich zuständige Lehrkraft – ich hatte nämlich überhaupt keine Ahnung, wer das sein könnte. Den Raum hatten mir meine Kinder schon vorab genannt, wobei es mir nicht auf das exakte Zimmer ankam, sondern darauf, ob dieser auf der Sonnen- oder Schattenseite des Gebäudes liegen würde. Glück gehabt – es war die Schattenseite 🙂 .

Es kam dann eine Lehrerin, die mein Sohn auch im Unterricht hat und die er mag – ein gutes Zeichen. Ich bat sie sogleich, die Jalousien zur Hälfte herunterzulassen. Das sorgte zwar für eine gerunzelte Stirn, aber meinem Wunsch wurde nachgekommen.

Der Klassenraum wurde so umgeräumt, dass ein Stuhlkreis entstand und dann erschienen schon meine Schüler. Leider nicht alle und so ging die Lehrerin erstmal ins Sekretariat, um dies zu melden. Anscheinend wurden Schüler auch in den anderen Projekten vermisst und so folgten den Tag über verteilt immer wieder Durchsagen. Beim ersten und zweiten Mal fühlte ich mich dadurch gestört, aber dann beschloss ich, es mit Humor zu nehmen. Manche Sätze sprach ich eben zwei- oder dreimal.

 

Ich begann damit, die Kinder zu fragen, was sie denn über Autismus wissen.
Am ersten Tag waren die Kinder schon zumindest rudimentär informiert, aber am zweiten Tag schaute ich in leere Gesichter. Dummerweise waren am zweiten Tag noch weniger Schüler aufgetaucht, so dass die Lehrerin wieder ins Sekretariat ging, um dann mit mehreren Schülern wiederzukommen. Darunter auch ein kleiner Fünftklässler – dabei wollte ich eigentlich nur ältere Schüler dabei haben, denn ich nahm an, dass sich nur ältere Schüler für das Thema interessieren.
Aber ich durfte feststellen, dass dies nicht stimmt – der kleine Knirps machte begeistert mit. Ich fragte sogar extra die Lehrerin, ob er sich vielleicht langweilt, aber sie erwiderte: „Sicher nicht – ich habe ihn auch im Unterricht und wenn er sich langweilt, sieht das anders aus.“ Ich musste also lachen als sie mit den weiteren Kindern kam und erklärte der Lehrerin, dass einfach eine Situation grundlegend zu ändern, eigentlich genau das ist, was man mit einem Autisten nicht macht.
Aber ich habe registriert, dass ich zumindest für den Moment damit umgehen konnte. Die Lehrerin reagierte übrigens vorbildlich, ihr war nämlich gar nicht bewusst, was sie „angerichtet“ hatte und entschuldigte sich. So wurde nochmal deutlich, wie wichtig es ist, dass man miteinander spricht.
Mein Sohn brachte dann auch gleich als Beispiel an, dass er sich gestört fühlt, wenn die Lehrerin ihren Kaffee mit in den Unterricht bringt und er den Duft wahrnehmen muss. Zuerst dachte ich: „Ohweia, das gibt jetzt Ärger“, aber die Lehrerin meinte, dass sie gar nicht geahnt hätte, was sie auslöst und dass sie demnächst auf den Kaffee in der Unterrichtsstunde mit meinem Sohn verzichtet.

Trotz allem hatte ich glücklicherweise sehr aufgeweckte Schüler, die mir jeweils vier Schulstunden aufgeschlossen zuhörten, Fragen stellten und auch begeistert die angebotenen Wahrnehmungsspiele annahmen. Sogar der Schulbegleiter und die Lehrerin wurden davon angesteckt, so dass sie auch mit einem umgedrehten Fernglas vor Augen über ein Seil balancieren wollten.

Ich erzählte aus meinem Alltag, meinen verschiedenen Erlebnissen und mein Sohn konnte auch immer wieder Geschichten aus seiner sehr aufregenden Schulzeit beisteuern.
Bei einer Frage drucksten die Kinder ein wenig herum, nämlich als sie wissen wollten, wie ich als Autistin eine Beziehung führen kann und sogar Kinder habe. Die Frage war für mich nicht mehr überraschend, da ich sie schon mehrmals gehört habe und so erklärte ich ihnen, dass man auch als Autist eine Beziehung führen kann und las ihnen die Kolumne „Autismus und Partnerschaft“ vor.

 

Am Ende bedankte sich die Lehrerin für die kurzweilige und interessante Zeit und fragte mich, ob ich nun erschöpft sei.
Da hatte sie einen wichtigen Punkt angesprochen, denn so offen und aufgeschlossen ich auf die Schüler gewirkt haben mochte – wie es mir danach ging, bekamen sie glücklicherweise nicht mit. Ich wusste schon vorher, was es mich kosten würde und so war ich nicht überrascht, dass ich nach dem zweiten Tag zusammengebrochen bin und den Nachmittag über unfähig war, mich auch nur zu bewegen.

Dennoch bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung und von mir selbst überrascht, wie gut ich die Tage gemeistert habe. Ich kann mir gut vorstellen, auch an anderen Schulen Aufklärungsarbeit zu leisten.

Nächstes Jahr werde ich auf jeden Fall wieder dabei sein 🙂 .

***

Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

Birkes Facebookseite

 

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2 comments

  • Heike

    Liebe Birke,
    oft sind es die Menschen, die selbst schon unter ungewöhnlichen Belastungen stehen, die sich engagieren und dabei oft über sich hinauswachsen (müssen), um zumindest kleine Erfolge für Viele zu erreichen.
    Jeder, der mit autistischen Kindern lebt, vielleicht auch selbst betroffen ist, weiß, wie wichtig Aufklärung im direkten und weiteren Umfeld ist und oftmals fehlt die Kraft, (sich) immer und immer wieder erklären zu müssen.
    Ich bin dankbar für jede einzelne „Aktion“, die dazu führt, Verständnis zu wecken und Lebenswege zu erleichtern. Danke Dir dafür, dass Du Dich auf den Weg gemacht hast – auch, wenn es Dir noch so schwer fällt!
    Liebe Grüße
    Heike

  • Kerstin Rippel

    Danke für deine wichtige Arbeit Birke. Ich weiß, was du dir abverlangst. Du machst es super gut. Und du hast dafür eine wirkliche Gabe, die nicht jeder Mensch hat. Ob nun Autist oder Neurotyp. Danke!!!!!

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