Kolumne: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“

Kolumne von Birke Opitz-Kittel:

Himmel mit HerzenEs gibt einen sehr klugen Spruch von Antoine de Saint-Exupéry den ich jedem Menschen, der mit Autisten in Kontakt tritt, nahelegen möchte. Im Grunde gilt er für jedes Lebewesen, aber im Kontakt mit Autisten gibt es besonders viele Missverständnisse. Der Spruch lautet:
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“

Weshalb ich diese Aussage so wichtig finde? Nun, leider bekomme ich immer wieder mit, dass man Autisten Gefühle abspricht. Erst kürzlich las ich: „Mein Sohn hat gar nicht getrauert, als sein Opa starb. Nicht eine Träne hat er am offenem Grab vergossen!“
Jetzt gibt es mindestens zwei Dinge zu bedenken:

1. Neurotypische Menschen scheinen Situationen schneller zu verarbeiten.

Damit meine ich, dass viele Autisten verzögert reagieren. Bis verschiedene Eindrücke verarbeitet sind, dauert es länger, bis eine Reaktion erfolgt. Manchmal kann das sogar Tage oder noch länger dauern, weil oft nur durch Nachdenken das zugehörige Gefühl aufgespürt wird.
Aufgespürt schreibe ich, weil es für einige Autisten schwierig ist, ihre Gefühle klar zu benennen. Da ist beispielsweise ein unangenehmes Gefühl, aber ob es nun Trauer, Gereiztheit oder Überforderung ist, ist nicht sofort klar herauszufiltern.
Manchmal ist es zumindest bei mir so, dass es mir schon eine ganze Weile schlecht geht, aber ich das erst bemerke, wenn es nicht mehr aushaltbar ist. So halte ich beispielsweise laute Geräusche eine zeitlang aus, bis mir plötzlich bewusst wird, dass sie mich gnadenlos überreizen und ich überstürzt die Situation verlassen muss.

Im Zusammenhang mit dem Tod eines Verwandten würde ich mit diesem Hintergrundwissen also davon ausgehen, dass einfach noch nicht verarbeitet wurde, dass der Mensch nun tot ist und damit „weg“. Gerade diese Situation ist so unfassbar und unerklärlich und nicht logisch zu erklären. Es kann auch gut sein, dass eine Begebenheit so überfordernd ist, dass es sozusagen ein „Blackout“ gibt und der Zugang zu den Gefühlen völlig abgeschnitten ist. Dann ist es zumindest für mich gut, wenn man mich nicht weiter bedrängt, sondern in Ruhe lässt. Manche Autisten empfinden es hingegen hilfreich, immer wieder über ein Thema zu sprechen, welches sie beschäftigt. Erst durch die ständige Wiederholung schaffen sie es, das Geschehene zu verarbeiten. Dies erfordert viel Geduld des Gegenübers aber es ist notwendig, weil die Unruhe sich sonst andere Ventile sucht.

2. Ich kann es nicht oft genug sagen und schreiben: nur, weil man Autisten oftmals Gefühle nicht vom Gesicht ablesen kann bedeutet es nicht, dass sie keine haben.

Dies meine ich mit dem „Herzen sehen“. Jemand, der sich gut mit autistischen Verhaltensweisen auskennt, wird sehr wohl spüren, dass da Gefühle sind. Teilweise so überwältigend, dass man als Autist ausdruckslos wird. Vielleicht äußern sich die Gefühle auch einfach nur anders.
Spontan fällt mir da eine Geschenkübergabe ein. Ein neurotypischer Mensch (nicht alle selbstverständlich) wird vielleicht aufkreischen, dem Gegenüber um den Hals fallen und seine Freude laut kundtun. Ein Autist sagt möglicherweise nur schlicht: „Danke“. Aber Herzen aus Holzwenn man ihn beobachtet fällt auf, dass er vielleicht immer wieder über das Geschenk mit den Händen streicht.

Letztendlich kann ich meine neurotypischen Mitmenschen nur bitten, nicht nur auf das Offensichtliche zu achten. Autisten sprechen eine andere (Körper)-Sprache, aber es ist keine, die man nicht erlernen kann. Es ist keine Geheimsprache mehr – zumindest nicht, wenn man auf die Übersetzer vertraut, welche es auf der neurotypischen und auf der autistischen Seite gibt.

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Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

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One comment

  • Gaelle Abo-Mostafa

    Ich habe gerade diesen Blog entdeckt und bin begeistert. Auch ich bin Mutter zweier autistischer Mädchen im Alter von 7 und 22 Jahren (und weiterer vier Kinder). Bei der jüngeren habe ich früh gemerkt, dass sie keinen Körperkontakt mochte und auch viel schrie. Sie hat relativ spät sprechen gelernt und auch die Sauberkeitserziehung hat lange gedauert. Außerdem hat sie alles (un-)mögliche in den Mund gesteckt und jede Menge Sand gegessen, und sich eine Zeit lang nur von Pudding ernährt. Sie hatte sehr häufige Wutanfälle ohne erkannbaren Grund und im Kindergarten fiel auf, dass sie keinen Augenkontakt zu anderen Leuten aufnahm, nicht auf Ansprache reagierte und sich unter den Tisch flüchtete, wenn sie gedrängt wurde. Ich habe auch Kommentare gehört wie: „Ach was, sie ist einfach nur verwöhnt, man muss ihr Grenzen setzen.“ (von einer Erzieherin) Zum Glück hat die andere Erzieherin vorgeschlagen, eine Heilpädagogin heranzuziehen und so wurden wir zur Kinderklinik geschickt. Nach langen Tests stand die Diagnose Asperger Syndrom fest, eigentlich eine Erlösung für uns alle, denn ab dem Zeitpunkt wurde uns einiges klar. Meine ältere Tochter dagegen hat es als Erwachsene selbst herausgefunden, indem sie darüber gelesen hat. Wir waren dementsprechend überrascht, als sie uns das mitteilte. Ein sehr gutes Buch zu dem Thema ist „Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann“ von Naoki Higashida, einem japanischen autistischen Jungen.

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