Kolumne: Ist Autismus von der Persönlichkeit trennbar?

„Inwieweit ist Autismus ein Teil Deiner Persönlichkeit? Kannst Du das beschreiben, ohne wissen zu können, wie Du als Nichtautistin leben würdest?“
Das fragte ich Birke und sie schrieb für Euch ihre heutige Kolumne zu diesem Thema.

Kolumne von Birke Opitz-Kittel:

Ganz spontan ist meine Antwort dazu, dass Autismus nicht ein „Teil“ meiner Persönlichkeit ist, sondern diese ganz und gar durchdringt.
So einfach möchte ich es mir aber nicht machen, daher habe ich mich gefragt, was meine Persönlichkeit überhaupt ausmacht. Das hat mich allerdings ratlos gemacht, denn mir fällt es schwer, mich selbst zu beschreiben, genauso wie es mir schwerfällt, meine Gefühle in Worte zu fassen.
Daher habe ich einen Weg gesucht, um dies auf neurotypische Art zu tun und da lag es für mich Nahe, meine 17-Jährige Tochter und meinen Mann zu befragen: bitte beschreibt mir meine Persönlichkeit. Heraus kam für mich eine interessante Auflistung:
–    liebevoll
–    pedantisch
–    intelligent
–    nicht kritikfähig
Puzzlegesicht–    einfühlsam
–    engagiert
–    steht hinter ihren Aussagen
–    nicht spontan
–    nicht nachtragend
–    verletzlich, trotzdem sehr stark
–    wissenshungrig
–    gepflegt
–    unordentlich aber organisiert
–    behält den Durchblick
–    sozial
–    selbstständig arbeitend
–    zurückhaltend, gleichzeitig offen
–    naiv
–    nicht mit Kräften haushaltend
–    hilfsbereit
–    zu ehrlich

Mein Mann nannte noch als Extrapunkt „experimentierfreudig“, was zu einer Diskussion führte, denn meine Tochter verneinte das vehement, wobei mein Mann dann ausführte, dass ich neue Dinge ausprobieren würde, wenn sie mich genug interessieren. Sie haben sich dann darauf geeinigt, dass es von der Sache abhängig ist.

Diese Liste vor mir liegend, überlegte ich mir, wo nun die autistischen Teile zu finden sind. Wieder mit Hilfe meiner Tochter untersuchte ich jedes Attribut. Einige von diesen würde ich als neutral bezeichen, wie beispielsweise „liebevoll“ oder „sozial“, andere scheinen aber doch dem Autismus zuzuordnen beziehungsweise durch diesen verstärkt zu sein. Darunter fällt wohl „pendantisch“, „nicht spontan“, „naiv“, „zu ehrlich“ und „nicht mit Kräften haushaltend“.

Unsicher bin ich mir bei „nicht kritikfähig“ – ist das vielleicht ein Charakterzug, den neurotypische Menschen auch oft haben? Jedenfalls ist das eine meiner Eigenschaften, die mir selbst „zu schaffen“ macht und an der ich arbeite. Mir war sie früher gar nicht so bewusst, aber da ich in Internetforen durch andere Autisten ständig „den Spiegel vorgehalten“ bekomme, ist mir klargeworden, dass nicht nur meine Meinung die richtige und die Meinung anderer Menschen gleichberechtigt ist.
Früher war ich sehr besserwisserisch, aber inzwischen kann ich gelassener reagieren, auch wenn mich beispielsweise bestimmte Rechtschreibfehler sehr stören. Dann versuche ich bewusst, Abstand zu nehmen und kann mich teilweise selbst belustigt beobachten. Außerdem überdenke ich „Verbesserungsvorschläge“ inzwischen und sehe sie nicht unbedingt als Kritik an meiner Person an.

Was sich wahrscheinlich nie ändern wird, ist meine Naivität. Ich merke selbst, dass ich mich in einigen Punkten diesbezüglich von anderen erwachsenen Frauen meines Alters unterscheide. Irgendwie bin ich viel „kindlicher“ und schaffe es auch nicht immer, mir selbst Halt zu geben und benötige Hilfe, um bestimmte Situationen bewältigen zu können. Einige Dinge, die neurotypische Frauen problemlos bewältigen, bereiten mir große Schwierigkeiten, wie beispielsweise ein harmloser Arztbesuch. Da kann ich dann sehr ängstlich wirken, obwohl ich es im Grunde nicht bin.
Jetzt beim Schreiben fällt mir auf, dass „ängstlich“ tatsächlich nicht genannt wurde, dabei bekommen meine Familienmitglieder doch ständig mit, dass mich gewisse Situationen sehr stressen, wie beispielsweise selbst Auto zu fahren – im Moment undenkbar. Vielleicht ist es aber keine Angst, sondern ich habe nur gelernt, ein undefinierbares Gefühlssammelsurium als Angst zu bezeichnen.

Bei einem Punkt waren sich mein Mann und meine Tochter sofort einig: ich bin zu ehrlich. Für mich schwer verständlich, denn entweder ist man ehrlich – oder man ist es nicht. Man sagt doch auch, dass es ein bisschen schwanger nicht gibt. Da besteht noch Klärungsbedarf.

„Selbstständig arbeitend“ habe ich aus dem Munde meiner Tochter schon fast als Beleidigung empfunden 🙂 . Aber klar…da bemerke ich unsere zeitweise Rollenvertauschung, denn sie übernimmt immer mehr Verantwortung; begleitet mich beispielsweise zu Veranstaltungen, um mich emotional zu unterstützen. Das hat sie auch schon mit 15 Jahren getan und das würde sicher nicht geschehen, wenn ich nicht autistisch wäre.

Waage„Nicht mit Kräften haushaltend“ – dies wurde mit Sicherheit deswegen genannt, weil es erst letztes Wochenende wieder deutlich wurde. Ich merke selbst nicht immer, wenn mir etwas zuviel wird und überschätze mich. Das hat zuletzt zu einem völligen „abschalten“ geführt – ich bin einfach zusammengebrochen, mitten am Tag. Glücklicherweise sehe ich es als Ausnahme, denn in der Regel achte ich schon darauf, zwischen Veranstaltungen Zeit verstreichen zu lassen. Besonders schwierig sind für mich Termine am späten Abend, wenn ich schon den ganzen Tag Input hatte. Ich brauche diese Zeit für mich und wenn sie fehlt, rächt sich das. So extrem habe ich es noch nicht bei gesunden neurotypischen Menschen erlebt.

„Unordentlich“ wurde noch genannt und das kann ich (leider) bestätigen. Allerdings ist es für mich selbst ein geordnetes Chaos. Meine Tochter meinte neulich, meine Dinge ordnen zu müssen…ganz schnell habe ich es geschafft, meine (Un)Ordnung wiederherzustellen. Ich beobachte aber fasziniert, wie sie es schafft, Ordnung zu halten ohne dass es ihr jemals beigebracht wurde 🙂 . Vielleicht ist das irgendwie in neurotypischen Frauen angelegt.

Im Übrigen habe ich schon so eine Vorstellung darüber, wie ich als Nichtautistin wäre, denn da habe ich ein Gegenstück, das mir so ähnlich und gleichzeitig so anders ist: meine älteste Tochter.
Das führt abschließend zu der Frage, ob ich gerne ohne Autismus leben würde und wieder habe ich mir die Liste und vor allem die Eigenschaften angesehen, die durch meinen Autismus „betroffen“ sind.
Diese sind meiner Ansicht nach nicht so gravierend, als dass man damit nicht gut leben Portrait, gemaltkönnte. Aber ich verstehe natürlich, dass dies die Frage nicht beantwortet. Vor einiger Zeit habe ich schon sehr damit gehadert, es „schwerer“ zu haben als andere Menschen ohne Autismus. Es ist nicht schön, wenn man ständig eingeschränkt ist. Andererseits schätze ich mich inzwischen so wie ich bin und merke, je mehr ich mich selbst akzeptiere und mit meinen Bedürfnissen annehme, desto mehr tun dies auch die Menschen um mich herum und damit bin ich gar nicht mehr so eingeschränkt.

Mittlerweile kann ich auch immer mehr die Stärken sehen, die der Autismus mit sich bringt wie beispielsweise mein bedingungsloses Engagement für Dinge, die mir wichtig sind, wie die Aufklärung über Autismus oder die Forderung, dass autistische Menschen für sich selbst sprechen können.
Manchmal ertappe ich mich aber schon dabei, dass ich gerne wissen würde, wie ich wäre, wenn ich nicht autistisch wäre. Aber ist man als neurotypischer Mensch glücklicher? Da denke ich, dass es auf die innere Einstellung ankommt – und die ist unabhängig vom Autismus.

***

Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

Birkes Facebookseite

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One comment

  • Bibi

    Liebe Birke,

    für mich hast du die tollste Antwort gegeben, die es geben kann. Der einzige kleine Unterschied ist, dass ich als sehr kritikfähig (annehmen und äußern) gelte, wie es unter Pädagog*innen zu denen ich gehöre- ja so beliebt ist 😉
    Du (ich hoffe, das „du“ ist ok?) hast mir so sehr aus dem Herzen gesprochen/geschrieben… – das kann ich kaum beschreiben, ohne dass es so lang wird, wie dein Artikel. Lachen musste ich bei: kann man zu ehrlich sein – die Frage habe ich mir auch schon lange gestellt. 😀 Aber die ganze Zeit dachte ich: ja, das ist es, was ich denk-fühle. Vielen Dank dafür!!!

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