Kolumne: „Ich wünsche mir mehr Verständnis für Eltern behinderter Kinder.“

Kolumne von Birke Opitz-Kittel:

Dieses Mal möchte ich nicht nur aus der Sicht einer Autistin schreiben, sondern auch aus der einer Mutter. Und zwar einer Mutter mit behinderten Kindern.

Es gibt zwei Situationen, an die ich mich erinnere und in denen ich begriffen habe: mein Kind ist behindert, denn lange Zeit habe ich mich geweigert, darüber nachzudenken.
Einmal, als mir eine Nachbarin aus dem Fenster hinterherschrie: „Deine Kinder sind doch behindert“ und dann, als der Schwerbehindertenausweis kam. Damals wusste ich noch nichts von meiner eigenen Autismus-Diagnose und das Wort „behindert“ alleine kannte ich als Schimpfwort. Inzwischen habe ich meine Sichtweise völlig verändert.

Warum schreibe ich von behinderten Kindern in der Mehrzahl, obwohl außer mir doch im Augenblick nur mein Sohn als Autist diagnostiziert wurde?
Ich habe unter meinen Kindern noch drei Frühchen und ich weiß, was es bedeutet, wenn das Kind nach einem Herzstillstand in eine andere Klinik verlegt wird und man selbst als „frischgebackene“ Mama nicht mit kann, weil man selbst gerade erst operiert wurde.
Ich weiß, was es heißt, wochenlang neben einem Inkubator zu hoffen, dass das Kind „über dem Berg“ ist und endlich alleine atmet und weitere Dinge überstanden hat.
Ich weiß, was es bedeutet, wenn der Wochenplan im Grunde nur aus Terminen bei Ärzten oder Therapeuten besteht.
Ich weiß aber auch, welche Warmherzigkeit es unter Müttern geben kann und welche Freude, wenn das Kind beispielsweise endlich keine Windel mehr braucht – mit acht Jahren oder noch viel später.

Das ist etwas, was ich bei meinen nichtbehinderten Kindern nicht erlebe, da geht es unter den Müttern um Leistungsvergleiche. Mit einem behinderten Kind ist man da raus, damit möchte sich niemand vergleichen.

Weshalb ich über das Thema schreibe?
Bezogen auf Autismus bekomme ich schon einige Jahre mit, wie Eltern auf „Heilung“ hoffen oder die verschiedensten Therapien anwenden, von denen einige – nicht alle – für mich fragwürdig sind. Natürlich tut es mir als Autistin „im Herzen weh“, wenn ich lesen muss, dass Autismus verhindert werden sollte. Allerdings denke ich, dass es gerade bei Autimus ein so großes Spektrum gibt, dass es Eltern erlaubt sein sollte, auch zu äußern, dass es nicht leicht ist.
Selbstverständlich, manche Autisten benötigen nur sehr wenig Hilfe oder es ist kein allzu großer Einschnitt im Leben der Eltern. Mir ist aufgefallen, dass viele Eltern auch lediglich ihr eignes Kind „vor Augen haben“ und sich nicht einfühlen können in die Situationen von Eltern, deren Kind viel tiefer „im Spektrum“ ist.

Niemand kennt alle Umstände, in denen ein Kind aufwächst. Es kann sein, dass es da eine große Familie gibt, die sehr viel auffangen und entlasten kann, es kann aber auch sein, dass Eltern alles alleine „stemmen“ müssen. Vorurteile sind da nicht angebracht.
Außerdem werden Eltern noch immer viel zu oft alleine gelassen. Wenn ich daran denke, wieviel Zeit für die ganzen Anträge und Ämtergänge vergeudet wird!

Was ich mir wünsche:
Ich weiß, dass es das gibt, dieses Verstehen unter Müttern, die sich über die noch so kleinsten Fortschritte ihres Kindes freuen und diese Freude untereinander teilen.
Ich wünsche mir noch ein viel größeres Miteinander statt ein Gegeneinander.
Ich wünsche mir, dass eine Mutter äußern darf, dass sie überfordert ist und dass sie auch die Hilfe bekommt, die sie braucht.

***

Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

Birkes Facebookseite

 

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4 comments

  • Miriam Abu-Hesen

    Das haben Sie toll beschrieben, genauso ist es: manchmal kräftezehrend, dass man nicht mehr weiß, wie man den Alltag stemmen kann, und dann gibt es von außen betrachtet scheinbar kleine Fortschritte, die für einen selbst Quantensprünge bedeuten, dass einem Flügel wachsen.

  • Maria

    Ein wunderbarer und zutiefst authentischer Bericht! Danke!

  • Kate

    Vielen Dank, liebe Birke, Du schreibst mir aus der Seele (rw). Mein Sohn ist beides, Extremfrühchen mit vielen Folgen und Asperger. Und genau dieses Miteinander unter Müttern von behinderten Kindern ist es auch, was ich vor allem im Internet, aber auch z.B. im Kindergarten erlebe und in der „anderen“ Welt leider komplett vermisse.
    Ich selbst versuche immer sehr offen auf andere Mütter zuzugehen und auch unsere Probleme und Besonderheiten nicht zu verstecken. Ich treffe da aber leider auf sehr wenig Entgegenkommen.
    Es wäre schön, wenn auch die Mütter von gesunden Kindern sich mit uns freuen könnten, wenn zum Beispiel mein Fünfjähriger es von heute auf morgen plötzlich schafft, eine erkennbare Form zu zeichnen, statt nur zu kritzeln.

  • Saskia

    Danke für diesen Bericht.
    Gerade passieren so viele wunderbare Sachen die unser Umfeld nicht sieht.
    Da läuft man glücklich durch den Tag und wird wieder ausgebremst. Ist das so schwer sich einfach mitzufreuen?
    Mit dem Wort behindert habe ich noch so meine Probleme. Bei uns ist es so das es eher heißen müsste, anders. Er hat andere Wege und ein anderes Tempo.
    Zum Glück findet sich doch immer wieder einer der ähnlich denkt und fühlt.

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