Kolumne: „Ich möchte als das wahrgenommen werden, was ich bin: ein Mensch“

„Ist Autismus für Dich eine Behinderung, eine Krankheit oder eine andere Art zu sein oder noch etwas anderes? Wie wichtig ist Dir persönlich die klare Abgrenzung dieser Begriffe?“
Diese Fragen stellte ich Birke und sie schrieb ihre aktuelle Kolumne darüber.

***

„Ich möchte als das wahrgenommen werden, was ich bin: ein Mensch“
Kolumne von Birke Opitz-Kittel

Vorab möchte ich deutlich klarstellen, dass ich wie immer nur von mir schreiben kann – andere Autisten mögen ganz anders empfinden und sich ausdrücken.

Für mich persönlich ist Autismus ganz klar keine Krankheit. Wenn ich hin und wieder in den Medien lese, dass von der „Krankheit“ Autismus geschrieben wird, ist für mich sofort klar, dass der Autor keine Ahnung von Autismus hat. Wenn Autismus tatsächlich eine Krankheit wäre, dann würde auch die Möglichkeit bestehen, diese zu heilen und meiner persönlichen Ansicht nach ist Autismus nicht heilbar. Autismus ist untrennbar mit der Persönlichkeit verbunden.

Schwieriger wird es mit den Begriffen „Behinderung“ und „etwas anderes“. Ich vermute, dass es einige Autisten gibt, die sich „etwas anders“ fühlen, aber nicht behindert. Es gibt sie sicher, diese Autisten, die gut in ihr Lebensumfeld eingebunden sind, ihrem Beruf mit Leidenschaft und Freude nachgehen und so akzeptiert werden, wie sie sind. Eine Diagnose werden sie aber möglicherweise nicht erhalten, denn dafür braucht es für die Außenwelt einen sichtbaren „Leidensdruck“.
Für mich ist dieser „Leidensdruck“ (seltsames Wort, nicht wahr?) deutlich spürbar und deshalb fühle ich mich behindert. Nun, „behindert“ stimmt auch nicht ganz – ich fühle mich „unsichtbar“ behindert, denn ich passe mich sehr gut an.

Nun, jetzt kann ich mir vorstellen, dass NT´s (neurotypische Menschen) sich nicht ganz vorstellen können, was diese Anpassung bedeutet und so habe ich lange überlegt, wie ich das erklären könnte. Folgendes ist mir dazu eingefallen:

Du stellst dir vor, dass du ganz heftige Kopfschmerzen hast – einen Mirgräneanfall, mit Lichtempfindlichkeit. Am liebsten möchtest du zuhause bleiben, mit runtergezogenen Rolläden, aber es geht nicht – du hast ein Vorstellungsgespräch und zwar nicht irgendeines, sonders DAS Vorstellgungsgespräch für DEN JOB den du schon immer haben wolltest, also deine große Chance. Du beißt also die Zähne zusammen (Redewendung) und suchst dir erstmal passende Kleidung, denn das was du anhast, ist nicht tauglich. Du bist blass, also greifst du noch zur Schminke, um deine Wangen schön rosig wirken zu lassen. Schon als du durch die Haustür schreitest, blendet dich das helle Licht und die Kopfschmerzen werden schlimmer. Okay, bis zu der Adresse, wo das Gespräch stattfindet, kannst du die Sonnenbrille aufsetzen, aber dort würde dies seltsam anmuten.
Vor dem Gebäude der Firma ist eine Baustelle und die Bauarbeiter benutzen gerade einen Presslufthammer. Schmerzhaft verziehst du das Gesicht, aber in dem Gebäude bist du sofort gezwungen, zu lächeln. Du darfst nicht krank und erschöpft wirken, denn dann wären die Chancen schlecht, den Job zu bekommen. Der Chef empfängt dich und du bist dir bewusst, dass ab jetzt jede Minute deine Körperspräche, deine Gestik und Mimik bewertet wird und auch das, was du sagst. Der Chef hat das Fenster geöffnet und du hörst noch immer den Presslufthammer und kannst kaum verstehen, was er sagt. Du strengst dich trotz der heftigen Kopfschmerzen an, ihn zu verstehen und versuchst nicht die Augen zusammenzukneifen, denn der Raum ist lichtdurchflutet. Jetzt kommt es darauf an, zu funktionieren.
Als das Gespräch zu Ende ist, brichst du in deinem Auto zusammen. Mit letzter Kraft schaffst du es in deine Wohnung und bist für den Rest des Tages „out of order“.

Das war ein theoretisches Beispiel. Praktisch möchte ich es an einer Situation deutlich machen, die ich in der Schule erlebt habe, in der ich vor ein paar Jahren das Abitur nachgemacht habe.
Es war eine der letzten Schulstunden des Schuljahres und einer der Tage, an denen es am Morgen noch kühl und frisch ist und am Nachmittag warm und sonnig – für neurotypische Menschen ein guter Tag. Für mich nicht, denn ich habe mit Temperaturen ab 20 Grad meine Schwierigkeiten – mir ist zu warm. Ab 25 Grad leide ich.
Dazu ist mir die Sonne immer zu grell, in meiner Wohnung sind im Wohnzimmer immer die Jalousien unten.
Also kein guter Tag für mich. Es war die letzte Schulstunde des Tages und ich setzte mich an meinen gewohnten Platz. Der Raum lag nicht an der Sonnenseite des Gebäudes, daher war es kühl. Ich freute mich auf die Schulstunde, denn ich mochte die Themen, die bearbeitet wurden und die Lehrerin war klar und strukturiert.
Die Lehrerin kam und meinte, sie hätte eine Überraschung für uns. Wir würden jetzt alle in den nahegelegenen Stadtpark gehen, dort ein Eis essen und in der Sonne ein Plakat anfertigen. Um mich herum hörte ich begeisterte Ausrufe. Nachdem ich mich von meiner Erstarrung gelöst hatte, ging ich zur Lehrerin, um sie zu überreden, nicht rauszugehen. Aber ich merkte an ihrer Reaktion schnell, dass mein Verhalten gerade seltsam wirkte.
Den Tränen nahe packte ich meine Sachen zusammen und trottete hinter den anderen Schülern her. Selbstverständlich war ich noch nie in diesem Teil des Parks und hätte nie alleine hingefunden und mir war bewusst, dass ich auch nicht mehr alleine hinausfinden würde.
Am Punkt angekommen, den die Lehrerin ausgesucht hatte, breitete sie das Plakat in der Sonne aus. Die Schüler holten sich am nahegelegenen Kiosk ein Eis.
Ich nicht – essen wäre in dieser Situation undenkbar gewesen.
Überhaupt war ich noch immer den Tränen nahe und schaffte es nur bis zu einer Bank, in der ich mich trotz der Wärme in meinen Mantel hüllte. Natürlich war mir viel zu warm, aber ich benötigte jetzt jede Abgrenzung zur Außenwelt, die ich bekommen konnte. Meine Schultasche hielt ich vor meiner Brust umklammert. Mir war es nicht mehr möglich, auch nur noch annähnernd die Kraft aufzubringen, „normal“ zu wirken.
Zum Glück schien es niemandem aufzufallen. Und ich hatte noch mehr Glück – neben mich setzte sich ein Schüler, der mich dann auch zum Ausgang des Parkes führte. Ich schaffte es noch nach Hause, bevor ich in meinem sicheren Zuhause zusammengebrochen bin.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre nicht so „unsichtbar“ behindert um nicht permanent überfordert zu werden, andererseits ist es aber auch nicht schön, als „Behinderte“ wahrgenommen zu werden. Gerade als Autistin erlebe ich oft, welche Vorurteile es zu dieser Art des „Seins“ gibt.
Ich fühle mich behindert, aber im Grunde genommen möchte ich als das wahrgenommen werden, was ich bin und was mich mit allen anderen verbindet: ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger.

***

Birke

Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

Birke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
leitet die Selbsthilfegruppe Autark
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

NEU: Birke hat nun auch einen eigenen Blog.

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2 comments

  • Familie Sommer

    Vielen , vielen Dank! Nun kann ich meinen Sohn (9) wieder ein Stückchen mehr verstehen. Ich war letztes Jahr so verwundert, da er nicht raus in die Sonne wollte und erzählte immer es wäre so heiß.
    Mfg carmen

  • Danke für deinen Beitrag. Ich stimme dir vor allem bei deinem letzten Satz vorbehaltlos zu, weil ich es ähnlich sehe (hier beschrieben: https://silkewanningerbachem.wordpress.com/2016/08/27/diagnose-mensch/).

    Ich mag aber ebenfalls nicht für andere Autisten außer mir selbst sprechen. Es ist ein weites Spektrum und es gibt Autisten, die nicht leiden, gut zurechtkommen. Ohne einen Leidensdruck hätte ich meine Diagnose nicht erhalten, weil ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre, endlich herauszufinden, wieso ich mit für andere augenscheinlich „normalen“ Dingen nicht zurechtkomme. Über die Frage nach der Behinderung denke ich noch nach. Ein Großteil der von mir erlebten Schwierigkeiten ergibt sich daraus, dass ich durch etwas daran gehindert werde, teilzuhaben. Seien es andere Menschen oder äußere Bedingungen, wie Lärm, Gerüche, Lichtverhältnisse oder Zeitdruck.

    Ich finde es schade, wenn nicht akzeptiert werden kann, dass es Menschen gibt, die durch „normale“ Dinge überlastet sind. Und wenn man als Autist wegen dieses Unverständnisses ausgegrenzt wird, weil nur das Äußere gesehen wird: keine sichtbare Behinderung, kein Rollstuhl, keine Krücken, kein Blindenstock oder -hund, keine Spastik oder irgendetwas, das erkennen ließe, dass der Betreffende anders/behindert ist. Gesehen werde ich als erwachsene Frau, 52 Jahre alt, von der erwartet wird, dass sie „normal“ reagiert. Wenn ich dieser Erwartung nicht entsprechen kann, obwohl ich mich mit aller Kraft bemühe, wird leider häufig davon ausgegangen, dass ich es absichtlich mache. Das behindert mich in meinem Menschsein, individuellen So-Sein, für das ich mich permanent rechtfertigen soll.

    Mir ist natürlich klar, dass ich nicht erwarten kann, dass sich jeder Mitmensch mit dem Thema Autismus auskennt. Auch wenn in letzter Zeit diese Thematik immer öfter in den Medien auftauchte. Wobei man da gut erkennen kann, dass es nach wie vor großen Aufklärungsbedarf gibt. Aber selbst wenn ich versuche, anderen zu erklären, welche Schwierigkeiten ich habe, stoße ich leider immer wieder auf Unverständnis und Nichtakzeptanz. Das ist es, was mich traurig macht, resignieren lässt und manchmal ebenfalls wünschen lässt, Autismus wäre eine auf den ersten Blick sichtbare Behinderung.

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