Kolumne: Hausbesuch: „Was andere genießen, ist für mich eine Herausforderung“

Kolumne von Birke Opitz-Kittel:

WohnzimmerKürzlich sagte eine entfernte Bekannte etwas zu mir, was mich nicht nur kurzfristig aus der Fassung brachte (rw), sondern nachhaltig zum Nachdenken anregte.
Sie sagte: “Sie dürfen mich jederzeit besuchen und auch jederzeit anrufen.“

Dieser Satz käme mir bei einer Bekannten NIE über die Lippen und so überlegte ich, ob es sich bei der Bemerkung um eine neurotypische Höflichkeitsfloskel handeln könnte. Da mir aber bei dieser Person der Wahrheitsgehalt dieser Aussage sehr wichtig war und ich nicht von falschen Annahmen meinerseits ausgehen wollte, fragte ich: „Meinen Sie das tatsächlich ernst?“
Die Personen, die um mich herum mit am Tisch saßen, gaben ein leises Gekicher von sich, welches ich in der Vergangenheit schon mehrmals vernommen habe und was ich entweder als Reaktion auf etwas unhöflich oder dumm/naiv Geäußertes von mir interpretiert habe.
Trotzdem wartete ich gespannt auf die Antwort.

„Aber natürlich meine ich das ernst“, antwortete die Person. „Sie können jederzeit kommen und ich zeige Ihnen die Sehenswürdigkeiten meiner Stadt.“
Da ich mich zu diesem Zeitpunkt sowieso schon als unhöflich und/oder naiv geoutet hatte, fragte ich gleich weiter: „Und anrufen? Was ist, wenn ich Sie bei etwas störe?“
Diesesmal kam ein wohl amüsiertes Lächeln zurück. „Solche Gedanken machen sich neurotypische Menschen nicht, was meinen Sie, wobei ich schon alles gestört wurde!“

Dabei beließen wir es und wechselten das Thema. Innerlich beschäftigte es mich aber weiter. Natürlich ist mir klar, wie sehr sich mein Leben von dem anderer Menschen unterscheidet, aber selten wurde es mir so bewusst.
Einmal scherzte mein Mann, dass es wohl leichter ist, eine Audienz beim Papst zu bekommen, als unsere Wohnung betreten zu dürfen (wenn es nicht gerade der MDK oder jemand vom Pflegefachdienst ist, die man ja hineinlassen muss).
Damit hat er nicht Unrecht, denn ich kann ungelogen sagen, dass ich dieses Jahr noch keinen privaten Besuch bei mir hatte. Auch die Kinder können nur nach viel Absprache jemanden mit nach Hause bringen und es ist jedes Mal ein „Highlight“, wenn auch mal jemand übernachten darf. Andererseits ist mir von ihnen berichtet worden, dass die Kinder, die dann doch mal hier waren, unsere Art zu leben „cool“ finden. Nun ja, ich weiß nicht. Es ist auf jeden Fall nicht einfach. Aber warum ist das so?

Zum einen mag ich keine Unterbrechungen meines Tagesablaufs. Ein Besuch bringt alles durcheinander und zwar nicht nur für die Zeit des Besuchs, sondern auch davor und danach, weil ich mich gedanklich damit eine ganze Weile beschäftige.

Zum anderen verlangen Besucher meine volle Aufmerksamkeit und zwar über Stunden hinweg. Es gilt als unhöflich, einen Besucher in einem Raum sich selbst überlassen sitzen zu lassen.

blahblahUnd ein ganz großes Thema: Worüber unterhalte ich mich? Wenn ich ansonsten Termine habe, geht es entweder um mich (beispielsweise bei Ärzten) oder um das Thema Autismus. Da fällt es mir leicht, stundenlange Monologe zu halten, aber ich beantworte auch gerne Fragen. Da fühle ich mich sicher.
Sicherheit ist sehr wichtig, um mich wohlzufühlen und das ist in der Regel bei anderen Menschen nicht gegeben, weil für mich die meisten Menschen unberechenbar sind. Das hat nichts mit Misstrauen zu tun. Wenn ich etwas Neues erfahre, was mich unsicher macht (Krankheit oder neue Umstände), dann kann ich mich informieren, beziehungsweise durchdringe ich meistens die Themen, bis ich so viel wie möglich darüber weiß, und dann ist die Unsicherheit weg. Wissen beruhigt.
Menschen zu studieren ist zwar machbar – und ist auch eines meiner Spezialinteressen – aber sie richtig einschätzen zu können, halte ich zumindest für mich unmöglich – kennen sie sich doch selbst meistens nicht richtig.

Dann kommt noch etwas Weiteres hinzu, was sich schwer erklären lässt, ohne den Eindruck zu erwecken, in die esoterische „Ecke“ abzurutschen: ich spüre körperlich ganz viel, wenn ein Mensch meine Wohnung betritt. Es ist so, als würde sich die Materie grundlegend ändern. Hinzu kommt, dass diese Ausstrahlung nicht immer mit dem zusammenpasst, was der Mensch äußert.
Beispielsweise sagt er: „Schön hast Du es hier“, aber ich merke, dass ich es wahrscheinlich wieder mit einer Höflichkeitsfloskel zu tun habe. Das verunsichert.
Im Grunde muss ich also einen Menschen sehr gut kennen, bevor ich ihn in meine Wohnung lasse.

Hin und wieder lässt es sich aber nicht vermeiden und solch eine Situation hatte ich erst neulich, als ein Handwerkerschwarm meine Wohnung erstürmte, um in jedem Raum Rauchmelder anzubringen. Der Termin war vorbildlich vom Vermieter einige Tage zuvor angekündigt worden – Zeit genug für mich, um mich richtig „reinzusteigern“.
Wir wohnen im 5. Stock und die Handwerker arbeiteten sich hoch, so dass ich schon Stunden vorher das Brummen der Bohrmaschinen hörte. Ein schreckliches Geräusch in meinen Ohren und wenn ich dachte, es könne nicht mehr lauter werden, wurde es doch noch lauter. Und lauter und lauter.
HandwerkerIrgendwann saß ich nur noch da, die Hände auf den Ohren und wippte hin und her. Mein Mann steht mir normalerweise in solchen Situationen bei, aber ausgerechnet an diesem Tag hatte unsere Tochter mit Zöliakie etwas Glutenhaltiges erwischt und erbrach sich immer wieder. Manchmal schaffte sie es nicht mehr bis zur Toilette und mein Mann rannte zwischen ihr, mir und dem zu wischenden Boden hin und her.
Als die Handwerker endlich kamen, kamen sie gleich in einer ganzen Kolonne und schwärmten in unserer Wohnung aus.
Nun gibt es für mich nichts Schlimmeres, als irgendwie auffällig zu werden und nach draußen gehe ich auch nur, wenn ich weiß, dass ich dazu im Stande bin. Aber jetzt hatte ich keine Fluchtmöglichkeit mehr und ich kann es nicht ausstehen, angestarrt zu werden, weil ich mich jenseits der Norm verhalte. Wie so oft, rettete meine älteste Tochter die Situation und nahm mich mit in ihr Zimmer. Da werkelte zwar auch ein Handwerker, aber sie sprach so normal wie möglich mit mir und zwar so, dass nicht auffiel, dass ich gar nicht in der Lage war, zu antworten.

Jetzt ist es nicht so, dass ich grundsätzlich menschenscheu wäre. Für mich wäre es ganz toll, wenn es gesellschaftlich anerkannt wäre, jemanden einzuladen und nach einer vereinbarten Uhrzeit (und sei es nur eine halbe Stunde) wieder entlassen zu können, ohne unhöflich zu wirken. Ich glaube, dass so für mich ganz viel Stress vermieden werden könnte und ich nach und nach „üben“ könnte, Menschen in meinem gewohnten Umfeld zu ertragen – und damit meine ich „echte Konktakte“, keine Therapeuten, Sozialarbeiter oder – Rang 1 in meiner Besucherliste – Mitarbeiter vom MDK.

Jetzt „steht Weihnachten vor der Tür“ und – wer hätte es geahnt – es kommt niemand zu Besuch. Was wohl die entfertne Bekannte sagen würde, wenn ich sie mit meiner Familie an Heiligabend besuchen komme? Vielleicht werde ich es ausprobieren 😉.

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Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

Birkes Facebookseite

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Kaffeetasse

 

 

Danke, liebe Birke, und Du weißt ja –
Ihr seid in den Weihnachtsferien
herzlich bei uns eingeladen
und Du hast sogar schon zugesagt 🙂

One comment

  • Also in die Wohnung lasse ich auch nur noch selten jemanden rein, aber teilweise auch noch aus anderen Gründen. „ich spüre körperlich ganz viel, wenn ein Mensch meine Wohnung betritt.“ – das kenne ich, aber nicht nur in dieser Situation.

    Ich nehme Menschen generell recht stark wahr; deshalb sind ja auch Veranstaltungen mit vielen Menschen so anstrengend, und noch schlimmer ist es, wenn ich vor diesen Menschen was erzählen soll. Da nehme ich dann explizit die auf mich gerichtete Aufmerksamkeit wahr. Sozusagen das Gegenteil zum Lampenfieber – da ist man vorher nervös. Ich bin vorher meist relativ ruhig, aber wenn’s losgeht …

    Zu „jederzeit anrufen“: Es gibt ganz wenige Menschen, denen ich das schon erlaubt habe, besonders, wenn sie gerade akute Depressionen oder andere Krisen durchmachen und ich mich zeitgleich stabil genug dafür fühle. Aber immer offen für alle ist mein Telefon nicht. Dazu ist rein akustische Kommunikation für mich zu anstrengend.

    Was Weihnachten angeht, bin ich übrigens sehr gerne alleine daheim. Es sind die ruhigsten Tage im Jahr, und die kann ich dann am besten ohne die persönliche Anwesenheit anderer Leute genießen. 🙂

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