Kolumne: häufige Fragen von Schulpsychologen zum Thema Autismus

Birkes Kolumne über ihre so wichtige und wertvolle Aufklärungsarbeit:

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Kurz vor Weihnachten war es wieder soweit: mein Sohn Jonas, die Dame vom MSDA (Mobiler Sonderpädagogischer Dienst für Autisten) und ich machten uns auf den Weg. Als Referenten waren wir an die Akademie für Lehrerfortbildungen eingeladen worden, um Schulpsychologen der bayerischen Gymnasien und Realschulen zum Thema Autismus weiterzubilden.

VorlesungAuch dieses Jahr hatten wir jeweils einen Raum für uns und interessierte Schulpsychologen lauschten unseren Ausführungen und konnten Fragen stellen.

Dieses Jahr las ich zur Einführung meine Kolumne „Mein Aufklärungsprojekt zum Thema Autismus am Gymnasium“.
Anschließend konnten die Schulpsychologen Fragen stellen, die sehr unterschiedlich ausfielen (teilweise sehr privat, aber damit habe ich in der Regel wenig Probleme und wenn, dann äußere ich das).

Interessant fand ich, welche Themen immer wieder aktuell sind:

1. Was mache ich, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Kind Autist ist – spreche ich die Eltern darauf an und wenn ja, wie?

Vorab: Schulpsychologen dürfen keine Diagnose stellen und Eltern können gekränkt reagieren, wenn sie den Eindruck haben, dass ein Kind voreilig „in eine Schublade gesteckt“ (rw) wird. Daher ist dies ein sehr sensibles Thema und ich erinnere mich noch gut daran, als man mir damals sagte, dass man den Eindruck habe, dass mit meinem Sohn etwas nicht stimmen würde. Damals war er noch sehr jung, ungefähr ein Jahr alt und ich wollte nichts davon hören, dass mein Sohn „anders“ sei.
Ein paar Jahre später – da war er schon in der SVE (Schulvorbereitende Einrichtung) – war ich dankbar dafür, dass meine Sorgen ernst genommen wurden und man mir den Rat gab, „es“ abklären zu lassen. Da fiel von Seiten der Sonderpädagogin schon das Wort „Autismus“ und damals war das für mich auch in Ordnung.
Es kommt also sehr auf die Situation an, im Zweifel würde ich aber nichts sagen, sondern die Eltern zur Abklärung zu einem Psychologen/Psychiater bitten. Manches, was wie Autismus „aussieht“, muss nicht unbedingt Autismus sein – es ist Aufgabe von Experten, eine exakte Diagnose zu stellen.

Es gibt aber auch Situationen, in denen ich selbst das Thema Autismus angesprochen habe und zwar beispielsweise, als meine Tochter mir von einem Mitschüler erzählte, dessen „Auftreten“ ihr so sehr bekannt vorkam. Bisher kam sie noch nie zu mir, um mit mir über Mitschüler zu sprechen und so hatte sie auch noch nie den Verdacht geäußert, dass ein Klassenkamerad Autist sein könne. Jetzt ist es so, dass ich selbst keinerlei Kontakt zu den Eltern der Mitschüler meiner Kinder pflege. In diesem Fall ließ mir das aber keine Ruhe und ich dachte daran zurück, wie es mir ergangen war, als mein Sohn noch in der Unterstufe war und ich als Mutter von anderen Eltern bedrängt wurde („Warum muss der Behinderte unbedingt in der Klasse unserer Kinder sein?“ Oder „Warum hat der denn einen Nachteilsausgleich – wenn mein Kind auch so etwas hätte, würde es auch durchs Gymnasium kommen!“ und vieles mehr).
Ich fühlte mich damals sehr einsam und aus diesem Gefühl heraus „fasste ich mir ein Herz“ (rw), rief die Mutter an und erzählte ihr das, was mir meine Tochter berichtet hatte. Dann hielt ich die Luft an… und hatte eine erleichterte und dankbare Mutter am Telefon, die ich auch gleich über mögliche Hilfen beraten konnte.

2. Was mache ich, wenn der diagnostizierte Schüler sämtliche Hilfen ablehnt und überhaupt nicht auffällig sein möchte – weder positiv noch negativ?

Zunächst bin ich hocherfreut darüber, dass sich von Seiten der Schule Gedanken darüber gemacht wird, wie man dem Schüler helfen kann (Gehörschutz, Sonnenbrille, Teppich zum Abdämpfen der Geräusche, Jalousien oder Vorhänge am Fenster zum Schutz vor Sonneneinstrahlung und vieles mehr) und auch, wie man mögliche Stärken fördern kann.

Nun muss man sich aber vorstellen, was die Diagnose Autismus für einen Menschen, egal welchen Alters, bedeutet. Selbstverständlich ist es erleichternd, wenn man endlich weiß, weshalb man so „anders“ ist. Aber dieses „anders“ ist nicht temporär, man wird sein ganzes Leben lang „anders“ sein, sich also im Zweifel nie dazugehörig fühlen.
Auch ich bin nicht nur „stolze Autistin“, auch wenn ich mir das manchmal einzureden versuche – auch ich hadere ab und an mit der Diagnose und wäre gerne einfach nur neurotypisch und sei es nur deswegen, um dazuzugehören. Als Erwachsene weiß ich natürlich, dass ich mich so akzeptieren muss wie ich bin und die meiste Zeit gelingt mir das auch. Aber gerade in der Pubertät, wenn man besonders auf „Identitätssuche“ ist, kann so eine Diagnose destabilisierend wirken und dann sind auch mögliche besondere Stärken auffällig und grenzen einen von den Mitschülern ab.
Daher ist auch hier eine besondere Sensibilität gefragt. Ich würde hier kein „entweder oder“ anbieten (also entweder Hilfe oder keine), sondern dem Schüler immer eine „offene Tür“ (rw) anbieten, ihm also jederzeit die Möglichkeiten geben, sich umzuentscheiden und auch für ihn immer gesprächsbereit sein.

3. Was mache ich, wenn das Kind die Diagnose Autismus hat, aber die Eltern nicht wollen, dass dies in der Schule kommuniziert wird?

Das ist eine schwierige Situation, vor allem, weil ich die Intention der Eltern verstehe, die dahintersteckt: Sie wollen nur das Beste für ihr Kind.
Nur – indem man eine Sache negiert, ist sie ja deshalb nicht weg. Das Kind ist ein Autist und bleibt ein Autist, auch wenn man es zu ignorieren versucht. Nach meiner Erfahrung ist es selten, dass ein Arzt „zufällig“ Autismus bei einem Kind diagnostiziert, sondern die Kinder müssen auch entsprechende Auffälligkeiten zeigen. Diese Auffälligkeiten wird das Kind auch in der Schule zeigen und damit zwangsläufig auffallen. Natürlich ist es ein Wagnis, das erste Mal offen über die Diagnose zu sprechen, aber Aufklärung hilft. Je mehr die Umwelt über Autismus weiß, um so weniger negativ wird sie reagieren.

4. Was kann ich als Schulpsychologe tun, damit das Kind gut inkludiert wird und wie kann ich Mobbing vorbeugen?

Diese Frage hat mich sehr berührt, denn noch auf der Fahrt nach Dillingen hat mir mein Sohn nochmal ausdrücklich erklärt, dass er sich NICHT inkludiert fühlt. Wir haben darüber gesprochen, was man denn hätte tun können und dabei fiel mir ein, dass mein Sohn ein einziges Mal für wenige Wochen in der Schule richtig glücklich war und das war, nachdem nach Mobbing gegen ihn der „no blame approach“ eingesetzt worden war.
Ein Schulpsychologe fragte, ob es denn erst zu Mobbing kommen muss, bevor man das Programm einsetzt und ich denke: Nein! Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert.

5. Was können wir als Schulpsychologen den Eltern raten, wie sie mit ihrem autistischen Kind umgehen sollen?

Das Wichtigste aus meiner Sicht ist, dass man als Eltern das tun sollte, was man auch mit jedem anderen Kind machen sollte: es so akzeptieren wie es ist und bedingungslos lieben.
In diesem Fall bedeutet dies, dass man sein Kind nicht zur absoluten Anpassung zwingt und jederzeit offen ist für „neue Wege“, denn als Eltern eines autistischen Kindes muss man flexibel auf Situationen reagieren (auch wenn der Autist an sich eher wenig flexibel ist). Es gibt immer einen Weg.
Außerdem finde ich die Vernetzung sehr wichtig. Es gibt inzwischen viele Anlaufstellen für Eltern und auch für Autisten.

birke mit jonas in dillingen

Birke mit Jonas in Dillingen

Dies war jetzt nur ein Auszug der am häufigsten gestellten Fragen und die Antworten sind meine persönliche Art, damit umzugehen.
Wie immer war der Austausch sehr schön und auch für mich bereichernd und ich finde es wunderbar zu bemerken, dass das Interesse für das Thema Autismus inzwischen groß und selbstverständlicher zu sein scheint.
Im nächsten Jahr, kurz vor Weihnachten, werde ich mich wohl wieder auf den Weg nach Dillingen machen 😊.

 

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Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

Birkes Facebookseite

 

2 comments

  • Esther Krebs

    Als ich zum ersten Mal ein Kind mit Asperger-Autismus in meiner Klasse hatte, war ich auch sehr dankbar über eine solche gute Information.

  • Heike Burkhardt

    Sehr durchdachte, hilfreiche Antworten, wie ich finde. Nicht nur für Schulpsychologen hilfreich – auch für Lehrerinnen und andere Leute…

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