Kolumne: Autismus und Partnerschaft – passt das zusammen?

Es gibt ein wichtiges Thema, das einige Eltern mit autistischen Kindern ängstigt, wenn sie in die Zukunft blicken: Wird mein Kind in der Lage zu sein, eine Partnerschaft zu führen? Diese Frage beschäftigt, weil viele Menschen der Ansicht sind, dass die positive Antwort darauf notwendig für ein glückliches Leben ist.

Kolumne von Birke Opitz-Kittel

PaarAus meiner Selbsthilfegruppe weiß ich, dass sehr viele Autisten sich mit diesem Thema beschäftigen und daher möchte ich diesmal das Thema Partnerschaft aufgreifen. Selbstverständlich kann ich auf dieser Plattform nur „an der Oberfläche kratzen“ und nicht ins Detail gehen, aber ich denke, dass es notwendig ist, darüber offen zu sprechen und aus dem Thema kein Tabu zu machen.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich über dieses Thema nur aus Sicht einer Asperger-Autistin mit einem Sohn mit hochfunktionalem Autismus schreiben kann und auch dann sind es nur meine eigenen Erfahrungen. Sicherlich wäre es interessant, was Mütter mit frühkindlichen Autisten zu diesem Thema zu berichten haben, denn ich kann mir vorstellen, dass dies ein sehr schwieriges Gebiet ist.

Als Klischee – nach meiner Erfahrung – ist zu betrachten, dass hochfunktionale Autisten angeblich nicht in der Lage sind, eine Beziehung zu führen. Wenn ich mich so umhöre, dann glaubt noch immer ein Großteil der Bevölkerung, dass der Autist erstens männlich ist und zweitens sehr verschroben, nur mit seinen Spezialinteressen beschäftigt, vielleicht noch ein exzellenter Mathematiker oder Physiker und vor allem für immer mit seiner Mutter zusammenlebt.

Viele wünschen sich eine Partnerschaft, wissen aber nicht, wie sie diese eingehen sollen beziehungsweise wie und wo sie überhaupt eine/n Partner/in finden sollen. Für manche Autisten ist es dann auch so, dass sie ihr Leben lang zuerst in der Familie und dann alleine leben und sich bestenfalls mit der Situation arrangieren.

genau fünf KürbisseIch kenne aber auch AutistInnen, die sehr wohl eine Beziehung führen können und auch Kinder haben. Dies ist wohl die Stelle, an der ich meine eigenen Erfahrungen einbringen kann, denn ich bin verheiratet und habe fünf Kinder.
Nun möchte ich kurz einbringen, dass dies vor allem von neurotypischen Menschen zumindest mit Erstaunen registriert wird und mehr als einmal wurden mir unangemessene Fragen diesbezüglich gestellt, auf die ich nicht näher eingehen möchte, da sie doch sehr intim sind. Erwähnen möchte ich aber, dass nicht nur Eltern von autistischen Kindern – wie Silke/Ella schon in ihren Beiträgen geschildert hat – unangenehme Fragen über sich ergehen lassen müssen, auch Autisten müssen dies und ich wünsche mir an dieser Stelle mal wieder einen gewissen Respekt.

Immer wieder kommt die Frage – und diese finde ich verständlich – wie ich meinen Mann kennengelernt habe. Nun, dies ist einfach zu beantworten. Ich habe mir damals einen Nebenjob gesucht und sollte angelernt werden. Als ich mich mit dem Vorgesetzten in das Großraumbüro begab und er meinte, er müsse noch jemanden suchen, der mich anlernt, wollte ich das Ganze abkürzen und fragte in die Runde: „Wer will mich?“. Mein zukünftiger Mann rief sofort: „Hier!“
Selbstverständlich habe ich überhaupt nicht verstanden, weshalb das halbe Büro – hauptsächlich Männer – in lautes Gelächter ausbrach…mein Mann hat es mir später erklärt.

Dies zeigt die Naivität, mit der viele AutistInnen ausgestattet sind, und ich kann nur von mir sprechen, dass mich diese schon in einige Situationen gebracht hat, die für mich völlig unvorsehbar waren. Da hatte ich mir doch endlich angewöhnt, hin und wieder in die Augen zu blicken und zu lächeln…und schon wurde dies falsch aufgefasst. Oder ich dachte, ich sei freundlich, wenn ich ein längeres Gespräch mit einem Mann führe oder eine Einladung zum Essen nicht ausschlage…und schon war ich wieder in einer für mich unangenehmen Situation.

Was ich damit schreiben möchte: für einige weibliche Autisten stellt sich die Problematik „Partnersuche“ anders dar als für männliche Autisten. Dies soll aber auf keinen Fall eine Verallgemeinerung sein!

Eine andere Frage ist häufig, ob Autisten besser mit einem weiteren Autisten eine Beziehung eingehen sollten oder doch lieber mit einem neurotypischen Partner. Diese PaarFrage ist einfach nicht pauschal zu beantworten, da ich schon Eheleute kennengelernt habe, die beide autistisch sind, aber auch Autisten kenne, die mit einem neurotypischen Partner zusammenleben.
Ein wenig mulmig ist mir, wenn ich immer wieder von Selbsthilfegruppen für neurotypische Partner lese, die mit einem Autisten zusammenleben. Teilweise habe ich auch schon mitbekommen, wie sich dort ausgetauscht wird. Einerseits kann ich dies verstehen, denn sicherlich haben Autisten ihre Eigenheiten – andererseits fühle ich mich persönlich dann erst recht „defizitär“ und „behindert gemacht“.

Zusammenfassend wünsche ich mir, dass dem Thema mehr Beachtung geschenkt wird, denn Autisten haben auch ihre Wünsche und Bedürfnisse und diese schließen in vielen Fällen eine Partnerschaft mit ein…ganz normal, wie bei neurotypischen Menschen auch.

***

Birke

Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

Birke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
leitet die Selbsthilfegruppe Autark
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

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13 comments

  • Ute

    Ganz toll geschrieben. Danke!!

  • Natürlich „passt es zusammen“. Nicht mehr und nicht weniger als bei anderen Leuten auch. Es gibt auch komplett beziehungsuntaugliche NTs. Nicht „Autismus und Partnerschaft“, sondern die beiden Partner für sich müssen zusammenpassen.
    Wir waren gerde eine knappe Woche im Urlaub. Acht Paare, jedes für sich AS/NT in Kombination, zusammen. Wir hatten sehr viel Spaß. Es gab viel Austausch, sowohl gemischt, als auch unter uns, als auch unter unseren NT-Partnern. Ich glaube schon, dass dieser Austausch, und auch die Bestätigung „ach ja, es ist halt woanders auch nicht anders, als bei uns, alles ganz normal…“ sehr wichtig sein kann. Insofern würde ich auch die „Selbsthilfegruppe“ weniger kritisch sehen.

    Ich fürchte allerdings auch, dass „Wir selbst“ – also eben die Autisten – genau das Klischee , Partnerschaft mit uns sei schwer oder unmöglich, auch noch sehr gut füttern… gerade wenn ich mir anschaue, wie viele Blogs ich alleine in den letzten paar Wochen zum Thema „Probleme mit Partnerschaft“ gesehen habe.

  • Hallo zusammen!

    Ich finde diesen Beitrag sehr interessant, weil ich da an einigen Stellen an mich selbst und meine Geschichte — ich bin nämlich nebenbei gesagt Mathematiker und Theoretischer Physiker 😉 — erinnert werde, die ich ganz, ganz lange überhaupt nicht verstanden habe. Bei mir war allerdings die Situation anders herum, als es im Eingang gesagt wurde, dass Eltern sorgenvoll in die Zukunft schauen. Ich war in meiner Jugend ein rechter Sonderling und Außenseiter, doch dafür gab es einige offensichtliche Gründe (anderer Dialekt, andere Konfession als die Mitschüler; „Stubenhocker“, Leseratte, Klassenbester…), so dass kein Mensch auf die Idee kam, dass das irgendwie in mir selbst begründet liegen könnte. Erst vor wenigen Wochen wurde im Rahmen einer Reha von meiner Therapeutin erkannt, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit Asperger-Autist sei — und das mit 54 Jahren!

    Doch zurück zum Thema Partnerschaft, um das es hier ja eigentlich geht…
    Gegen Ende meiner Schulzeit hatte ich „Glück“, dass sich doch ein Mädchen für mich interessierte, obwohl ich so sonderlich war — sie war erst zugezogen und suchte Anschluss. Zunächst war ich ganz happy, verliebt eben, doch seltsamerweise verflog das nach wenigen Monaten schon wieder — okay, im Grunde ist das ja normal. Es stellte sich (für mich) bald heraus, dass ich eigentlich viel lieber wieder mehr Zeit für mich gehabt hätte, doch sie hatte dafür (natürlich!) kein Verständnis, und ich konnte mein Rückzugs-Bedürfnis ja auch nicht wirklich verstehen, denn ich wusste ja von meiner Besonderheit nichts. Und da ich es nicht verstand, habe ich’s verdrängt, mich angepasst, weil es mir einfach so „richtig“ vorkam — ich war so erzogen worden, dass man eine Freundschaft sehr ernst zu nehmen habe, sich nicht einfach leichtfertig wieder trennen dürfe, wenn man genug hat. Nun ja, ich war und bin eben ein „Regel-Junkie“, der Regeln nur sehr, sehr ungern übertritt. Im Grunde führte genau das dann dazu, dass ich mit jenem Mädchen nach ein paar Jahren zusammenzog — sie übernahm dabei im Grunde für mich die Rolle meiner Mutter! –, weil ich ihr helfen wollte, dass sie aus ihrer Familie rauskam, und dass wir dann nach weiteren zwei Jahren heirateten, weil ich eigentlich voll davon überzeugt war, dass wir zusammen gehören. Und nie im Leben hätte ich gedacht, dass diese Beziehung jemals wieder auseinander gehen könnte; ich hätte mir das auch eigentlich niemals erlaubt.
    Doch nun kommen wir zu den Problemen einer Partnerschaft, wo der eine Partner eigentlich viel mehr Zeit für sich braucht, als es „normal“ ist und als er es sich selbst zugesteht, weil er sich der „Zulässigkeit“ oder gar Notwendigkeit dieses Bedürfnisses nicht bewusst ist. Im Nachhinein sehe ich es so, dass ich mich einen Großteil meines Lebens total „verbogen“ habe, nicht authentisch und nach meinen inneren Bedürfnissen gelebt habe. Ich musste mir allerdings später zu Recht vorwerfen lassen, dass ich diese Bedürfnisse auch niemals offen formulierte, was ich nur so erklären kann, dass ich diese selbst nicht wahrhaben wollte — es kann nicht sein, was nicht sein darf. Letztendlich ist unsere Ehe gescheitert, nachdem wir über 32 Jahre zusammen gewesen sind, weil ich irgendwann einfach nicht mehr konnte, weil ich total depressiv wurde, eigentlich nur noch sterben und aus dieser „falschen Welt“ raus wollte. Meine Frau verstand die Welt nicht mehr! Für sie brach ein Trugbild von einem liebevollen, fürsorglichen, aufopferungsvollen Ehemann und vorbildlichen Familienpapa in Tausend Stück; und für unseren Sohn, der damals 16 und ein totales Papakind war, natürlich auch. Und für mich war das auch schrecklich! Ich, der eigentlich immer nur das Beste für alle will, musste meinen Lieben so weh tun, weil ich einfach nicht mehr konnte. Das Problem war ja, dass unser ganzes Familien-„Kartenhaus“ total darauf aufgebaut war, dass ich für alle da war; und ich hatte ja auch nie offen den Anschein erweckt, dass mir das zu viel sein könnte — wie gesagt, eine solche „Schwäche“ billigte meine Frau mir nicht zu, und ich mir somit auch nicht.
    Durch eine weitere „Ungeheuerlichkeit“ meinerseits — darauf will ich jetzt nicht eingehen, weil es nur vom Thema ablenkt, und weil ich mir dafür seither große Vorwürfe mache — flog ich Ende 2012 raus … was im Grunde das beste war, was mir passieren konnte, denn endlich war ich „frei“ und dachte, nun könne ich endlich mein eigenes Leben leben, wobei ich allerdings nicht wusste, wie dieses aussehen könnte, aber egal. Zwar wollte meine Frau mich nach kurzer Zeit wieder haben, doch ich war ja froh, endlich raus zu sein … sehr bitter für sie, und ein weiterer Anlass für mich, tiefe Schuldgefühle zu empfinden. 🙁
    Das für mich Überraschende war dann, dass es mir in der Folge nicht besser ging, auch wenn ich nun im Grunde „frei“ sein konnte. (Ein weiteres Argument meiner Frau, dass mein „Ausbruch“ unnötig gewesen war.) Ich glaube mittlerweile erkannt zu haben, woran das lag/liegt: So sehr ich mich auch durch meine Frau eingeengt und angeklammert gefühlt hatte, so hatte sie mir doch etwas gegeben, das ich brauchte, nämlich *Struktur*. Die ging mir — neben meinen wesentlichen Lebensaufgaben! 🙁 — nämlich total verloren, seither lebe ich ein seltsames Lotterleben in einer recht chaotischen Wohnung, in der mir so gut wie nichts gehört. Zum Glück gehe ich einer festen Arbeit nach, sonst wäre ich vielleicht mittlerweile auf der Straße gelandet; doch zum Glück „darf“ ich noch arbeiten und muss mich daher morgens aufrappeln, ins Büro zu fahren.

    So, was ist nun das Fazit meines Kommentars zum Thema „Asperger und Partnerschaft“?
    Wenn ich in meiner Jugend schon gewusst hätte, was mit mir ist und welche außergewöhnlichen Bedürfnisse ich habe und vor allen Dingen auch haben *darf*, hätte meine Geschichte anders laufen können. Okay, ob meine Frau unter diesen Umständen auch mit mir hätte zusammen kommen und bleiben wollen, ist natürlich eine andere Frage. Wir sind seit 2014 geschieden, weil sie „Klarheit“ wollte (und braucht); doch im Grunde trauert sie mir — bzw. jenem Trugbild, das sie in mir sieht! — immer noch nach. Nachdem ich von meiner Verdachtsdiagnose Asperger-Syndrom erfahren hatte, haben wir uns einen langen, intensiven Abend lang zusammengesetzt und über all das gesprochen. Seither habe ich (noch) nichts mehr von ihr gehört, doch ich bin sicher, dass sie diese neue Erkenntnis, dass sie mit einem Asperger-Autisten zusammengelebt haben könnte, ohne es zu wissen, mindestens genauso umgehauen hat wie mich selbst. Bis vor kurzem war für mich klar, dass ich nie wieder mit ihr zusammen kommen wollte, weil ich viel zu viel Angst hatte, dass es dann wieder genauso weiter geht, wie ich es jahrzehntelang erlebt habe. Inzwischen würde ich das nicht mehr so strikt ablehnen, denn ich verstehe jetzt, inwiefern auch ich von unserer Partnerschaft profitiert habe. Allerdings glaube ich nicht, dass sie mich unter diesen nun offensichtlichen Restriktionen immer noch wieder haben wollte.
    Also wenn eine Partnerschaft zwischen einem Asperger-Autisten und einer (neurotypischen) Frau funktionieren soll, müsste sie sehr viel Verständnis aufbringen und vermutlich auch so einige Bedürfnisse zurückstecken, welche mit einem „normalen“ Mann vielleicht gar kein Problem wären. Auf jeden Fall bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass Bewusstsein über die Bedürfnisse der/des anderen notwendig wäre sowie die Bereitschaft, manches hinzunehmen, was man sich vielleicht anders gewünscht hätte.
    Und ich muss Birke beipflichten, dass dies im Fall einer Asperger-Frau vermutlich noch ein bisschen schwerer wäre, weil es vermutlich nicht sehr viele „normale“ Männer gibt, die dazu bereit wären.
    Ich selbst habe mich übrigens nie als „normalen Mann“ angesehen, sondern fühlte mich eigentlich immer eher wie eine Mama — bei uns waren die „normalen“ Geschlechter-Rollen ziemlich vertauscht –, doch das ist vermutlich noch eine andere Eigenart von mir, die mit meiner neu entdeckten Asperger-Eigenschaft nichts zu tun hat. (Doch wer weiß?)

    So, entschuldigt bitte diesen sehr langen Kommentar, der vielleicht auch für manche gar nicht sonderlich relevant ist, wenn es um „richtige“ Autisten geht. Aber für manche mag das ja schon eine Hilfe sein, worauf man möglichst frühzeitig achten sollte, damit das doch gut gehen kann.
    Es grüßt Euch alle ganz freundlich
    Andreas

    • Doro

      Hallo Andreas, ich kann deine Geschichte so gut verstehen, denn es lief bei mir erschreckend ähnlich ab. Nur dass ich eine Frau bin. Und die Diagnose mit 44 Jahren bekam.

    • Ramona

      Der Text ist wirklich Schön! Jetzt verstehe ich auch meinen Partner! Danke!

  • Birke

    Lieber Andreas,

    vielen Dank für deinen sehr ausführlichen Kommentar und ich empfinde ihn nicht als irrelevant, sondern als besonders wertvoll!

    Natürlich schreibst du aus der Sicht eines Asperger-Mannes, aber da dieser Blog der Aufklärung dient, ist es besonders schön, wenn auch Autisten mit ganz anderer Erfahrung als meiner eigenen kommentieren.

    Übrigens kenne ich einen Asperger-Mann, der eine ganz ähnliche Geschichte hat …. du bist nicht alleine damit.

    Vielen Dank nochmal für die Mühe, die du dir gemacht hast und ich bin mir sicher, dass dein Kommentar sehr lehrreich für einige Leser ist.

  • Hallo Birke,

    ich bewundere Autisten wie dich, die es geschafft haben, sich ein kleines Familienglück aufzubauen, denn ich habe mir das auch immer gewünscht, aber nie geschafft. Von daher ist das Thema Autismus und Partnerschaft ein extrem wunder Punkt bei mir, das muss ich zugeben.

    Nach meinen Erfahrungen ist die Partnersuche für Autisten wesentlich schwerer als für die meisten anderen Menschen, das muss man ganz realistisch so sehen. Wenn man nicht gerade das Glück hat, seinen Partner (wie bei dir) am Arbeitsplatz oder in Alltagssituationen kennen zu lernen, dann bleiben einem eigentlich nur die üblichen „Events“ wie Kneipen, Partys und andere gesellige Veranstaltungen – und genau diese Veranstaltungen sind für Autisten üblicherweise eine Qual.

    Im vergangenen Jahr war ich mehrfach auf speziellen Single-Abenden, habe aber bald gemerkt, dass mir solche Veranstaltungen im Ergebnis nur Stress und Frust bringen. Die laute und unübersichtliche Atmosphäre brachte mich an meine Grenzen, zumal die Kontaktaufnahme auf solchen Veranstaltungen (soweit ich das beurteilen kann) größtenteils über Smalltalk und körpersprachliche Signale abläuft. Das sind für Autisten extrem ungünstige Bedingungen!

    Mittlerweile verspreche ich mir von solchen Veranstaltungen nichts mehr. Daneben bin ich noch in einigen Internetbörsen angemeldet, wo ich meinen Asperger-Autismus auch im Profil offen angebe. Über eine solche Offenheit kann man geteilter Meinung sein, aber ich sage mir: Auf Dauer lässt es sich ja ohnehin nicht verbergen, dann doch lieber gleich von Anfang an dazu stehen. Auch übers Internet hat sich bei mir aber nie etwas ergeben.

    Im Grunde fühle ich mich wie ein schüchterner Teenager, der gerade erst anfängt, ganz vorsichtig seine ersten Erfahrungen zu sammeln. Dabei bin ich ein Mann von fast 45 Jahren, bei dem man üblicherweise schon ganz andere Erfahrung voraussetzt. Diese enorme Erfahrungsdefizit gegenüber Gleichaltrigen macht es auch nicht gerade einfacher.

    Seit längerer Zeit bin ich jetzt ein wenig ratlos, auf welchem Weg ich noch nach einer passenden Partnerin suchen könnte. Natürlich gibt es auch für Autisten keine Patentrezepte, das ist mir klar. Trotzdem meine Frage an dich: Hast du vielleicht irgendwelche Tipps oder Ideen, welch Wege der Partnersuche bei Autisten noch am ehesten erfolgversprechend sein könnten?

  • Birke

    Lieber Dario,

    du beschreibst genau das, was ich immer wieder in der Selbsthilfegruppe von einigen Asperger-Männern gehört habe und ich verstehe die Problematik sehr gut.

    Glücklicherweise ist das Thema „Autismus“ ganz allgemein in den letzten Jahren immer mehr in die Öffentlichkeit gerückt und man weiß als Autist – ganz theoretisch – dass man nicht alleine ist.

    Trotzdem ist es nicht genug.

    Als Autist auf einen Menschen zu treffen, der ganz und gar zu einem passt empfinde ich – wie du es so schön auf meine Situation beschrieben hast – als Glücksfall, leider – immer noch.

    Meine Hoffnung ist, dass es in den nächsten Jahren immer „normaler“ sein wird, ein Asperger Autist zu sein und die Menschen immer offener für „Andersartigkeit“ werden, egal in welche Richtung. Dann dürfte es auch nicht mehr so „speziell“ sein, als Asperger eine Beziehung zu haben.

    Dario – ich wünsche dir von Herzen, dass du eine passende Partnerin findest.

    Übrigens: Selbsthilfegruppen sind keine „Partnerbörsen“, aber man kann sich über die Problematik austauschen und vielleicht hat dort jemand einen Rat für dich oder kann zumindest von Erfahrungen berichten. Vielleicht gibt es eine in deiner Nähe?

  • Silke

    Ich habe auch einen asperger an meiner Seite…. Und ich muss sagen, die Diagnose hat uns sehr geholfen…. Ich versuche mehr Verständnis für diese Eigenheiten auf zu bringen, bzw beziehe es nicht auf mich, sondern er ist so… Fertig….
    So wurde für mich einfach vieles besser, ich erwarte auch nichtmehr das er mit Zeit umgehen kann, oder meine Bedürfnisse erahnt! Klare Ansagen und ich mache die Planung und schaue auf Einhaltung;)

    Liebe Grüße

  • Noch ein paar Anmerkungen dazu:

    „Eine andere Frage ist häufig, ob Autisten besser mit einem weiteren Autisten eine Beziehung eingehen sollten oder doch lieber mit einem neurotypischen Partner.“

    Ich kann mir gut vorstellen dass zwei Autisten untereinander es in vielerlei Hinsicht einfacher haben. Das Problem ist nur: Es gibt sehr viel weniger Autisten als nicht-autistische Menschen. Wenn ich also sage: „Ich möchte unbedingt eine Autistin kennen lernen, andere Frauen kommen für mich nicht in Frage!“, dann dürften die Erfolgsausichten deutlich geringer sein, als wenn ich dahingehend keine Vorgaben mache. Zumal eine Autismusdiagnose alleine noch nicht ausreicht, um gegenseitige Symphatie erzeugen. Es muss ja auch menschlich passen, die gleiche Diagnose alleine ist dafür noch keine Garantie.

  • Ekkehard

    Die Komplexität einer Partnerschaft lässt sich für einen Autisten am Anfang nur schwer überschauen. Doch eine Partnerschaft „auf Probe“ gibt es nicht. Wer Autist ist, plant und macht keine halben Sachen. Auch an diesem Punkt gibt es häufig nur ein „Ganz oder Garnicht“.
    Ich habe häufig den Satz gehört: „Nur nett sein reicht nicht!“ Das betraf Situationen in der Ausbildung und das beschreibt im Grunde auch die Erwartungen in einer Partnerschaft. Ein freundlich-distanziertes Verhältnis, wie z.B. auch unter Arbeitskollegen üblich, reicht tatsächlich nicht aus. Diesen Mangel durch praktische Tätigkeiten und ein Sich-nützlich-machen im Haushalt ausgleichen zu wollen, funktioniert nicht.

  • Frau T

    Ein sehr schöner Beitrag.
    Ich selbst (NT) bin seit 10 Jahren mit einem Asperger autisten verheiratet und wir haben eine Tochter (Asperger).
    Das funktioniert prima.
    Aber so wie es Gruppen für autistische Menschen gibt, finde ich haben auch Gruppen für Partner von autistischen Menschen ihre Daseinsberechtigung. Denn manchmal ist das Zusammenlebens eben auch „anders“ und der Austausch mit Menschen die wissen wovon man spricht tut da vielleicht einfach gut.
    Ich persönlich besuche keine solche Gruppe. Ich liebe unser für Außenstehende vielleicht sonderbar anmutendes Familienkonstrukt.
    Ich sehe das mit viel Humor.
    Mein Mann hat viel Struktur in mein Leben gebracht, was sehr heilsam für mich war und ich habe meinen Mann ein wenig für Chaos desensibilisiert. Das Vatersein fällt ihm schon recht schwer aber er bemüht sich nach Kräften.
    Ich bin sehr stolz auf meine Familie!
    Wir haben uns übrigens im Internet kennengelernt… Vor fast 13 Jahren.
    Also… Nur Mut

  • Ramona

    Ich finde es sehr hilfreich was in diesen Texten beschrieben wird!
    Danke!
    Liebe Grüße!

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