Kolumne: „Ah, du bist doch Autistin, dann hast du kein Mitgefühl!“ Oder etwa doch?

Kolumne von Birke Opitz-Kittel:

In der letzten Zeit höre und lese ich immer wieder: „Autisten haben keine Empathie“, oder „Mein Kind ist völlig gefühllos“, oder: „Ah, du bist doch Autistin, dann hast du kein Mitgefühl!“.
Daher liegt die Vermutung nahe, dass immer noch ein großer Aufklärungsbedarf besteht, denn eines ist klar: Spricht man so eine Behauptung bei einem Autisten an, outet man sich selbst als mindestens unsensibel.

Natürlich – es fällt mir schwer, mich in meine neurotypischen Mitmenschen hineinzuversetzen und außerdem kann ich nur für mich und nicht für alle Autisten sprechen, aber ich versuche zu erklären, wie ich verschiedene Situationen empfinde.

Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind tatsächlich nicht in gleicher Weise auf dramatische Situationen reagiert habe, wie es andere Kinder getan haben.
Das liegt zum einen daran, dass ich Situationen selbst heute nicht immer richtig interpretiere und einschätzen kann und als Kind das erst recht nicht konnte.
Auch jetzt sage ich manchmal Dinge, die auf andere verletzend wirken können, die aber für mich nur der Wahrheit entsprechen. Erklärt man mir dann aber, wie es auf andere Menschen wirkt, so bin ich teilweise über mich selbst erschrocken und entschuldige mich.

Mein Eindruck ist, dass sich Äußerungen bei neurotypischen Menschen auf mehreren Ebenen abspielen und wir Autisten oftmals nur auf einer Linie kommunizieren.
Ansonsten habe ich natürlich Gefühle, manchmal sogar heftiger als Neurotypische, z.B. bei einem Overload.
Mein Problem dabei ist aber, sie in Worte zu übersetzen. Mir fällt es schwer, das Gefühl zu konkretisieren. Es scheint unzählige Abstufungen zu geben, die ich für mich nicht differenzieren kann.
Beispielsweise würde ich sagen: „Mir geht es nicht gut“, aber ich bräuchte lange, um zu analysieren, ob es nun ein „verbittertes“, „angespanntes“ oder ein „genervtes“ Gefühl ist. Bei guten Gefühlen ist es ähnlich.

Bei einem Gegenüber dann genau herauszufiltern, was derjenige nun fühlt, ist fast unmöglich. Dazu müsste man beispielsweise Gesichtsausdrücke deutlich erkennen können. Das fällt mir schwer und ich achte deshalb sehr auf die Körpersprache. Aber auch da wurde mir schon gesagt – unter anderem von einem Psychologen – dass man sich nicht darauf verlassen kann, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das nur aus Selbstschutz geäußert wurde.
Zum anderen schätzt das Gegenüber die Situation ganz anders als ich ein. Inzwischen versuche ich mir deutlich bewusst zu machen, dass andere Menschen andere Gefühle als ich haben, was das Problem aber nicht löst: dies eröffnet unendliche Möglichkeiten. Teilweise denke ich auch darüber nach, welches Gefühl nun gemeint sein könnte, aber das Überlegen kostet Zeit, in der ich dann wahrscheinlich als „gefühllos“ wahrgenommen werde.

Irritierend sind für mich Glückwünsche oder Geschenke. Ich konnte bei anderen Menschen beobachten, dass sie sogenannte „Freudenschreie“ ausstoßen oder dem Gegenüber überschwänglich um den Hals fallen. Das kann man von mir eher nicht erwarten und das liegt nicht daran, dass ich das Gefühl der Freude nicht verspüre. Meine Handlungen scheinen allgemein etwas „reduzierter“, was wohl daran liegt, dass sich bei mir vieles „innerlich“ abspielt und nicht nach außen getragen wird.

Inzwischen bin ich geübter darin, Gefühle deutlicher nach außen dringen zu lassen, aber das kostet Kraft, da es ein bewusster Vorgang ist – Neurotypische scheinen es automatisch zu machen.
Beispielsweise habe ich neulich gelesen, dass man seine Augenbrauen heben soll, wenn man ein Wort besonders betonen möchte. Manchmal mache ich das auch, aber es ist eine hohe Kunst, die Augenbraue auch in der richtigen Sekunde zu heben. Etwas zu spät…und das Gegenüber ist irritiert.

Betonen möchte ich nochmal ausdrücklich, dass ich ganz deutlich etwas fühle, wenn ich tatsächlich mitbekomme, dass es meinem Gegenüber nicht gut geht. Teilweise fühle ich das sogar körperlich, so als würde ein Blitz durch meinen Körper jagen. Manchmal überfordert es mich auch und ich bin gezwungen, mich zurückzuziehen, weil es nicht auszuhalten ist.

Abschließend möchte ich nochmal eindringlich betonen, dass ein unbewegtes Gesicht nicht bedeutet, dass der Autist nichts fühlt (so nehmen es Neurotypische anscheinend manchmal bei Autisten wahr).
Manchmal wird absichtlich eine „Mauer aufgebaut“ (rw) um das Innere zu schützen, weil ein Autist regelrecht von Gefühlen „überflutet“ (rw) wird, die er nicht benennen kann.
Umgekehrt ist es so, dass die Gefühle von Autisten nicht immer so deutlich wahrgenommen werden, weil ihre Mimik eine andere ist.
Bevor man also das Urteil „empathielos“ fällt, sollte man sicherstellen, dass der Autist die Situation auch richtig eingeschätzt hat und sie gegebenenfalls erklären.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich so viele Fehleinschätzungen auflösen lassen.

***

Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

Birkes Facebookseite

 

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

3 comments

  • Rebecca

    Ein Arzt wollte mir erst keinen Autismus diagnostizieren, weil in meinem Grundschulzeugnis steht, ich sei hilfsbereit gewesen. Er schien nicht verstehen zu können, dass autistische Menschen durchaus Interesse an den Gefühlen und Problemen ihrer Mitmenschen haben können, die Schwierigkeit aber darin besteht, diese zu identifizieren. Wenn ein neurotypisches Kind zu einem autistischen Kind sagt „Ich weiß nicht wie das geht“, dann werden auch einige autistische Kinder versuchen zu helfen. Denn es wurde ja eindeutig kommuniziert, was das Problem ist.

  • M

    Mir fehlt in der Tat die wohl nötige Empathie, wenn irgendwas um mich herum passiert. Es fällt jemand hin, was tue ich? Nichts.
    Meine Kinder sind wegen irgendwas traurig, ich tue nichts, rege mich eher noch darüber auf, dass das Weinen arg laut ist oder mir zu lange dauert.
    Ja, solche Momente schaffen jedes Mal noch zusätzliche Probleme. Man muss mir dann schon deutlich sagen, was ich tun soll, fast Befehle erteilen, sonst wird es schnell eklig, da ich die Mimik ja selten deuten kann.
    Der obige Beitrag ist echt toll und vor allem auch hilfreich, wenn man die Sicht anderer Autisten „sieht“.

  • Angela Middlecamp-Sommet

    Sehr schöne Beschreibung. Dieses ,Fehlen von Empathie‘ ist schon eine sehr hilflose Beschreibung der neurotypischen Welt. Man könnte ja auch Freudenschreie als Hysterie beschreiben. In manchen Kulturen würde man wiederum mit solch einer heftigen Reaktion unangenehm auffallen.
    Es geht doch vielleicht auch mehr darum, ob mein Gegenüber mich wirklich gerne verstehen möchte. Man kann doch auch mal nett nachfragen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.