Interview mit Ramona Zettel vom Kirja-Verlag

Ramona Zettel

©Ramona Zettel

Liebe Frau Zettel, Sie haben in der Schweiz den Kirja-Verlag zum Thema „Asperger-Syndrom“ gegründet. Haben Sie einen persönlichen Bezug zu diesem Thema?

Ja. Bei unserem älteren Sohn wurde im Jahre 2008 die Diagnose „Asperger-Syndrom“ gestellt.

Bitte erzählen Sie von Ihrem Sohn. Wie geht es ihm? Wo liegen seine Schwächen und seine Stärken?

Mittlerweile geht es ihm recht gut, er ist aber vorwiegend zuhause, abgesehen von einer ambulanten Psychotherapie, die er wöchentlich besucht.
Seine Schwächen sind nach wie vor (von klein auf) seine Wutausbrüche, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Als Kind konnte er einen halben Tag oder Nacht lang schreien, mittlerweile dauert ein Wutausbruch oft nur noch ein paar Minuten und er kann sich selber beruhigen.
Außerdem ist sein Selbstwertgefühl oft sehr niedrig, aber auch hier können wir eine Besserung beobachten. Er lernt immer mehr, sich so zu akzeptieren, wie er ist und auch, dass er viele Stärken hat – womit wir bei den Stärken wären.
Er kann sich unglaublich gut Sachen und vor allem Daten aus dem Bereich Geschichte und Geographie (waren seine Lieblingsfächer in der Schule) merken. Außerdem zeichnet er sehr gut und schreibt ganz tolle Geschichten, u. a. hat er begonnen, seine Autobiographie aufzuschreiben, macht aber momentan damit eine Pause.
Eine seine Lehrerinnen, die ihn sehr mochte, beschrieb unseren Sohn mal als „wandelndes Wikipedia“.

Wann haben Sie bemerkt, dass Ihr Sohn anders ist?

Mit dem Eintritt in die Schule bzw. ab Anfang zweiten Klasse. Wir wurden von der Lehrperson der zweiten Klasse auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht mit der Vermutung, dass bei unserem Sohn eine Form von Autismus vorliegen könnte.

Wie läuft das in der Schweiz mit der Diagnosestellung? Haben Sie schnell kompetente Ansprechpartner gefunden?

Diagnosen werden von Psychiatern gestellt, leider oft aber nicht erkannt, weil diese sich zu wenig mit der Art der Menschen mit Asperger-Syndrom beschäftigen. Es gibt in der Schweiz leider nur wenige wirklich kompetente Psychiater.
Wir hatten das Glück, dass wir in unserer Wohnregion einen dieser Psychiater gefunden haben, zuvor wurde für unseren Sohn bei einer „Fachstelle“ die „Diagnose“ undefinierbare Angststörung gestellt…

Wie geht es Ihrem Sohn in der Schule? Welche Möglichkeiten haben Sie in der Schweiz, um seinen Bedürfnissen gerecht zu werden?

Unser Sohn ist mittlerweile 18 Jahre alt und zuhause. Seine Schulzeit war ein ständiges Auf und Ab, je nachdem, wie gut die Lehrpersonen den Draht zu ihm gefunden bzw. gewusst haben, wie sie mit ihm umgehen müssen. Dementsprechend hat unser Sohn immer dann verweigert, wenn es für ihn nicht (mehr) stimmte, und somit hat er sehr viele Schulwechsel hinter sich.

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Wie kamen Sie auf die konkrete Idee, einen Verlag zu gründen? Lagen Ihnen Bücher schon immer am Herzen?

Da mein Mann und ich uns bereits bei unserem Kennenlernen im Jahre 1997 einig waren, dass wir gerne ein gemeinsames Projekt realisieren möchten und ich zudem gelernte Buchhändlerin bin, ergab es sich u. a. aufgrund des Umstandes, dass es noch sehr wenig hilfreiche Literatur zum Thema „Asperger-Syndrom“ gibt, dass wir beschlossen, einen Verlag zu gründen. Unsere erste Eigenproduktion war eine Broschüre mit Gebrauchsanweisungen für den Alltag für Kinder mit speziellen Bedürfnissen. Diese Broschüre mit dem Titel „So macht me das!“ wurde von unserem Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. Thomas Girsberger geschrieben, der damals unserem Sohn die Diagnose ausstellte.

Welche Produkte findet man bei Ihnen neben Büchern?

Neben Büchern findet man bei uns den TimeTimer, sowie verschiedenes Begleitmaterial und Bücher zu den Themen Anderssein, Gefühle erkennen und Freundschaft.

Sie beziehen sich bei Ihrem Engagement ausschließlich auf den Asperger-Autismus. Kennen Sie auch Autisten, die z.B. nicht sprechen und einen hohen Pflegebedarf haben?

Unter unseren Autoren im Buch „Einfach anders. Menschen mit Asperger-Syndrom kommen zu Wort“ hat es einen Autor, der nicht oder nur sehr wenig spricht. Er kommuniziert und schreibt mittels FC.

Was wünschen Sie sich von Ihren Mitmenschen und was ist Ihnen noch wichtig zu sagen?

Mehr Toleranz gegenüber Menschen aus dem Autismus-Spektrum und das Akzeptieren ihrer Andersartigkeit. Die Gesellschaft soll diese Menschen als Gewinn sehen und nicht versuchen, Menschen mit Autismus in eine Norm zu pressen, was sowieso nicht funktioniert.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute für Ihren Sohn und ihre Arbeit im Verlag.

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Zum Weiterlesen:

Das ist doch kein Autismus! Oder doch?

Kurzinformation über Autismus als Handzettel zum Weitergeben

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