Interview mit Maria: „Als Schulbegleiterin zu arbeiten ist sehr spannend, anstrengend, intensiv und lehrreich.“

Liebe Maria, vielen Dank für die Bereitschaft zu einem kleinen Interview. Sie arbeiteten zehn Jahre lang als Schulbegleiterin für Menschen mit Autismus. Haben Sie eine bestimmte Ausbildung oder Fortbildung für diese Tätigkeit?

Als Schulbegleitung ist zunächst einmal keine Ausbildung erforderlich, es sei denn dies ist ausdrücklich verlangt. Ich bin staatlich anerkannte Heilerziehungspflegerin und diese Schulbegleitung Stifte Ellas Blog Leben mit AutismusAusbildung hat mir bei der Begleitung geholfen, da ich bereits Wissen zu dem Umgang mit Menschen mit Autismus erworben hatte. Innerhalb des Unternehmens hat es unterschiedliche Fortbildungen gegeben, die von den Kollegen je nach Bedarf absolviert werden konnten.

Es waren sicherlich unterschiedliche Kinder, die Sie in diesem Zeitraum begleitet haben. Wie alt waren sie und welche Schulen besuchten sie?

Ich habe in meiner Zeit Schüler mit Autismus unterschiedlichen Alters sowohl an Regel- als auch an Förderschulen begleitet. An Förderschulen war bereits das Verständnis für den Schülerkreis vorhanden, an Regelschulen muss dieses erst geschaffen werden. Die Basis dafür war sowohl für die Lehrer als auch für Referendare erst zu legen.

Was war ihre Aufgabe? Wie konnten Sie den Schlülerinnen und Schülern helfen?

Die Aufgaben für jeden Schüler sind sehr individuell, Unterstützung in allen Bereichen des Schulalltags. Der Schulbegleiter ist nicht nur eben dieses sondern auch bester Freund, Vermittler, Therapeut, Übersetzer, Sprachrohr…
Nicht selten hilft man den Mitschülern den Schüler mit Autismus besser zu verstehen. Allein dieses macht das Miteinander oft einfacher. Man übersetzt sozusagen das Verhalten und die Bedeutung dessen, damit das Miteinander besser gelingt.

Was muss sich aus Ihrer Sicht für autistische Kinder in der Schullandschaft verändern, damit sie besser zurechtkommen?

Verändern muss sich die Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung im Allgemeinen. Für Autistinnen und Autisten ist es wichtig, dass sie nicht abgestempelt werden und dass sie ein Teil der Gemeinschaft sind. Dafür ist es wichtig, dass mehr über Autismus bekannt wird. Nicht alle Menschen mit Autismus sind wie Rainman! Sie sind genau so verschieden wie alle anderen Menschen.

Haben Sie Tipps für andere Schulbegleiter, die vor der Aufgabe stehen, ein autistisches Kind zu begleiten?

Schulbegleitung Ellas Blog Leben mit AutismusFür die zukünftigen Schulbegleiter ist es wichtig sich auf die Aufgabe einzulassen, sich mit dem Thema zu befassen und ein gutes Vertrauensverhältnis zu der Person aufzubauen. Zeit nehmen, Strukturen schaffen und Dinge immer wiederholen unterstützen das Lernen. Es gibt kein Patentrezept und Dinge ausprobieren helfen zusätzlich. Bei allen Ratschlägen aber bitte nicht vergessen die schönen Momente zu genießen.

Welche Gefühle und Gedanken verbinden Sie mit autistischen Menschen nach ihrer langen Zeit als Schulbegleiterin?

Mit Menschen mit Autismus verbinde ich, dass nichts sein muss wie es scheint. Obwohl sie für Außenstehende sonderbar, nicht verstehbar oder aggressiv erscheinen, können sie unheimlich schlau und tiefgründig sein. Sie können einen immer wieder überraschen. Für mich war es besonders schön, wie sehr man sich über ganz kleine Dinge freuen kann. Außerdem können auch sie, trotz der Meinung einiger, Neues lernen. Dies benötigt vielleicht mehr Zeit und Wiederholungen, aber sie können es. Häufig ist Motivation dafür notwendig und Vertrauen, dass das Ziel erreichbar ist.

Ist Ihnen sonst noch etwas wichtig zu sagen?

Als Schulbegleiter zu arbeiten ist sehr spannend, anstrengend, intensiv und lehrreich. Menschen mit Autismus sind genau so verschieden wie alle anderen Menschen auch. Aus diesem Grund lernt man selbst auch verschiedenste Dinge. Ich habe unterschiedliche Begleitmethoden für Menschen mit Autismus kennengelernt und umgesetzt.

Vielen herzlichen Dank für das Interview und Ihre Arbeit. Schön, dass es Menschen wie Sie gibt, die mit unseren Kindern arbeiten.

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Zum Weiterlesen:

Interview mit Lejla – ehemalige Schulbegleiterin und aktuell Jobcoach bei auticon

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2 comments

  • Wieder mal ein toller Beitrag! 🙂

    Über eine Formulierung bin ich allerdings beim Lesen gestolpert: Kann man als Schulbegleiter wirklich „bester Freund“ des zu betreuenden Kindes sein? Oder muss nicht auch der beste Schulbegleiter immer eine professionelle Distanz wahren?

    Ich denke mir, ein Schulbegleiter (so gut das Vertrauensverhältnis auch ist) kann im engeren Sinn kein Freund sein, sondern hat einen klar umrissenen Aufgabenbereich, für den er bezahlt wird. Ein gutes, freundschaftliches Verhältnis halte ich unbedingt für wünschenwert, aber Schulbegleitung bleibt nach meinem Verständnis (und nach allem, was ich z. B. bei meinem kleinen Neffen erlebe) letzten Endes trotzdem eine Dienstleistung.

    Eine echte Freundschaft ist für mich etwas ganz anderes als eine Dienstleistung gegen Geld. Vielleicht ist es jetzt typisch autistisch, wenn ich mich an solchen Begrifflichkeiten „festbeiße“, aber sie beschäftigen mich wirklich!

  • Saskia

    Dario, du denkst gut.
    Ich sehe es bei meinem Sohn. Wenn das Verhältnis zu freundschaftlich ist, leidet die Arbeitsleitung darunter. Wenn man befreundet ist, arbeitet es sich anders.
    Das Verhältnis sollte auf Vertrauen aufbauen und Respekt. Mit der richtigen Mischung klappt das Arbeiten besser.
    Es ist kein einfacher Job. Er verlangt viel Fingerspitzengefühl ab. Dafür wird der Job nicht ernst genug genommen und nicht gut genug bezahlt.
    Ein Kind das gut in der Schule mitkommt, verursacht ja an anderer Stelle weniger Kosten. Auch langfristig.
    Leider wird es nicht so gesehen.

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