Interview mit Lejla – ehemalige Schulbegleiterin und aktuell Jobcoach bei auticon

Lejla arbeitet schon mehrere Jahre für und mit Menschen mit Autismus. Das fand ich sehr spannend und ich freue mich, dass ich ihr einige Fragen stellen durfte.
So erzählte sie mir über ihre Zeit als Schulbegleiterin, die wichtige Rolle der Eltern, ihre neue Aufgabe bei auticon und wiederkehrende Herausforderungen, denen viele AutistInnen ihr Leben lang begegnen.

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©Lejla Rahmanovic

Liebe Lejla, erzähl bitte kurz von Dir – wer bist Du – wo lebst Du – welche Ausbildung hast Du gemacht?

Liebe Silke, ich danke dir noch einmal herzlich für die Anfrage zu einem Interview. Ich habe deinen Blog auf Facebook privat schon sehr lange abonniert und lese immer gerne deine Beiträge, deswegen freue ich mich umso mehr, dass du dich an mich gewendet hast. Sehr gerne erzähle ich dir zunächst einmal mehr über mich persönlich.

Mein Name ist Lejla Rahmanovic, ich bin 29 Jahre alt und komme ursprünglich aus Philippsburg, das zum Landkreis Karlsruhe gehört. Mittlerweile lebe ich seit zweieinhalb Jahren im nördlichen Stuttgart und arbeite als Job Coach bei der auticon GmbH – ein IT-Dienstleister, der ausschließlich Menschen im Autismus-Spektrum als IT-Consultants beschäftigt. Ich fühle mich bisher sehr wohl hier und in der Umgebung.

Ich habe an der Goethe Universität in Frankfurt Erziehungswissenschaften studiert und direkt im Anschluss meinen Master an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz in der Fachspezialisierung Erwachsenenbildung und Medienpädagogik absolviert. Daneben habe ich über die Europäische Akademie für Heilpädagogik den Nachweis der Qualifikation für das Heilpädagogische Handlungsfeld Autismus und die Befähigung zur heilpädagogischen Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum erlangt.

Als ich ein Praktikum im Staatlichen Schulamt in Mannheim absolviert habe, kam ich zum ersten Mal mit dem Thema Autismus in Berührung. Ich wusste davor nicht viel darüber. Während dieses Praktikums sah ich den Begriff Autismus an einer Tür stehen und allein von diesem Begriff fühlte ich mich auf irgendeine Art und Weise angezogen. Ich habe dann bei der zuständigen Fachperson hospitiert und mein Interesse am Thema Autismus wurde noch größer.

Meine ersten Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum durfte ich dann im AutismusZentrum Bruchsal als Schulbegleiterin sammeln.

Du hast mir erzählt, dass Du längere Zeit als Schulbegleiterin für Autisten gearbeitet hast. Welche Diagnosen hatten die Kinder?

In meiner Tätigkeit als Schulbegleiterin betreute ich nacheinander verschiedene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Sie alle waren Menschen im Autismus-Spektrum mit einer Diagnose des Asperger-Syndroms. In den ersten beiden Jahren habe ich einen Jugendlichen betreut. Danach waren es dann zwei in einer Klasse.

Vor welchen Herausforderungen standen sie im Schulalltag und wie konntest Du ihnen dabei helfen?

So unterschiedlich wie die Menschen im Autismus-Spektrum sind, so unterschiedlich waren auch deren Herausforderungen im Schulalltag. Ich würde sagen die autismusspezifischen Herausforderungen sind immer wieder wie ein roter Faden in meiner Tätigkeit als Schulbegleitung zum Vorschein gekommen. Hier einige Beispiele dazu:

PlanenViele hatten Schwierigkeiten in den Bereichen Organisation und Planung. Es fiel ihnen schwer sich auf Arbeiten vorzubereiten und einzuschätzen, wann sie mit dem Lernen beginnen und auch wie sie dabei vorgehen sollten. Hierbei konnte ich sie mit Hilfe von Ablaufplänen und Strukturen unterstützen. Ein Terminkalender mit den wichtigsten Terminen und Aufgaben zum Abhaken war oftmals eine weitere große Hilfe für die Schülerinnen und Schüler im Autismus-Spektrum.

Manche wiederum hatten Probleme dabei, die Aufgabenstellungen zu verstehen, oder waren von zu vielen aufeinanderfolgenden Fragen überfordert. Hier konnte ich die Aufgaben in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften so umformulieren und aufbauen, dass diese für sie nachvollziehbar wurden und sie die Aufgaben bearbeiten konnten.

Wenn klar war, dass eine Geräuschempfindlichkeit vorliegt, wurde im Voraus ein Raum organisiert, in welchen sich der Schüler oder die Schülerin dann bei Bedarf zurückziehen konnte.

Wieder andere hatten viele Fragen in Bezug auf das Thema Peer Group und Freundschaften. Hier konnte ich durch Gespräche viel erreichen.

Auch das Thema Kommunikation musste ich immer wieder mit den Schülerinnen und Schülern, die ich begleitet habe, aber auch mit den Klassenkameraden und Bezugspersonen, besprechen.

Ist es aus Deiner Sicht wichtig, dass Schulbegleiter und Eltern sich austauschen?

Absolut. Meiner Ansicht nach sind die Eltern in dem ganzen Prozess sogar sehr wichtige Ansprechpartner, wenn es um die Schützlinge geht.
Die Eltern kennen ihr Kind am besten und wissen, was ihr Kind nervös macht, ängstigt und was er oder sie gut kann und was weniger. Die Eltern bemerken Stimmungsschwankungen oder auch Verhaltensänderungen an ihrem Kind. Hierbei ist es enorm wichtig, dass Eltern und Fachpersonen ein gemeinsames Ziel haben, nämlich das Kind gemeinsam so gut zu unterstützen, damit dieses in seiner schulischen und auch privaten Umgebung optimale Rahmenbedingungen vorfindet, um sich weiterzuentwickeln.
Es passiert immer wieder, dass sich Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum durch die Reizüberflutung in der Schule zu Hause erst einmal „abreagieren“ müssen. Wenn es zu Hause zu solchen Vorfällen kommt, ist es sehr wichtig, dass die Eltern des Kindes die Fachperson informieren, damit diese wiederum auffälliges Verhalten in der Schule richtig einordnen kann.

Was würdest Du angehenden Schulbegleitern für autistische Kinder als Tipp mit auf den Weg geben?

Nach meiner Erfahrung ist der Beziehungsaufbau in erster Linie das Wichtigste. Denn erst, wenn sie eine Beziehung und Vertrauen zu dem Kind und auch den Eltern aufgebaut haben, haben sie eine gute Basis geschaffen, um gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten und auch etwas zu erreichen.
Widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit dem Schüler oder der Schülerin, finden Sie über deren Interessen Gemeinsamkeiten, über die Sie dann wieder eine gute Arbeitsbasis schaffen können.
Haben Sie viel Geduld, denn diese wird am Ende gewinnbringend sein.

Vor Kurzem hast Du als Jobcoach bei auticon angefangen. Wie kamst Du zu auticon und was ist dort Deine Aufgabe?

Als klar wurde, dass ich nach Stuttgart ziehe, hat mich mein damaliger Vorgesetzter auf auticon aufmerksam gemacht. Ich habe den direkten Kontakt zur damaligen Job Coachin hier in Stuttgart aufgenommen und mich persönlich bei ihr vorgestellt. Damals waren coachingleider weder bei auticon noch in anderen Einrichtungen, die im Autismus-Bereich tätig sind, Stellen frei. Aus diesem Grund war ich in der Zwischenzeit an einer Ganztagesschule tätig, wobei mein Interesse am Autismus auch in dieser Zeit nicht nachgelassen hat und ich viele Bücher zum Thema Autismus gelesen habe.

auticon habe ich weiterhin immer beobachtet. Als dann Anfang dieses Jahres die Stelle als Job Coach ausgeschrieben wurde, habe ich mich natürlich gleich beworben und mich sehr darüber gefreut, dass ich die Stelle auch tatsächlich bekommen habe. Jetzt darf ich wieder im Autismus-Feld tätig sein sowie meine bereits gesammelten Erfahrungen erweitern und darauf aufbauen.

In meiner Tätigkeit als Job Coach bei auticon bin ich dafür zuständig, Menschen im Autismus-Spektrum zu rekrutieren, die gut in unser Unternehmen passen.
Die Voraussetzungen für eine Anstellung bei auticon sind eine Autismus-Diagnose und eine Leidenschaft für IT. Eine abgeschlossene Ausbildung ist nicht nötig.
Wir fokussieren uns immer auf die Stärken unserer Bewerber und Mitarbeiter. Durch ihr, wie wir sagen, anderes Betriebssystem, bringen sie in vielen Bereichen herausragende Fähigkeiten mit, die sie einfach einzigartig machen.

Wenn die Bewerbungen bei uns ankommen, führen wir im ersten Schritt ein Informationsgespräch mit dem Bewerber durch. Dabei geht es erst einmal darum, sich gegenseitig kennenzulernen und herauszufinden, welche Stärken und welche Herausforderungen der Bewerber mit sich bringt. Wenn der Bewerber und auch wir nach diesem Gespräch der Meinung sind, dass wir geeignete Projekte haben, in denen wir ihn einsetzen können, wird dieser im zweiten Schritt zu einer Kompetenzanalyse eingeladen.
Hierbei handelt es sich um standardisierte Tests, mit denen im ersten Teil die Aufmerksamkeit, Konzentration, das Problemlösen und die Mustererkennung erfasst werden, im zweiten Teil bekommen die Bewerber eine fachliche Aufgabe zur Bearbeitung.

Die Kompetenzanalyse führe ich mit drei bis vier Bewerbern gleichzeitig durch. Wenn dieser Test gut verläuft und beide Seiten weiterhin an einer Anstellung interessiert sind, wird der Bewerber im dritten Schritt zur Vorbereitungsphase eingeladen. Diese dauert abhängig von der Qualifikation i.d.R. bis zu zwei Wochen und wird mit maximal fünf Bewerbern durchgeführt.
Die Vorbereitungsphase ist ein Training für den Berufsalltag als Consultant. Es werden Workshops zu den Themen soziale Interaktion und auch fachliche Schulungen durchgeführt. Danach wird dann entschieden, ob der Bewerber bei uns angestellt wird.

JobWenn der Bewerber bei uns angestellt wird, gehört es zu meinen Aufgaben, den Kunden über das Thema Autismus aufzuklären und unseren Mitarbeiter mit seinen Stärken und individuellen Eigenschaften vorzustellen.
Ich unterstütze unsere Mitarbeiter, wenn es notwendig ist, bei der Planung und Durchführung des Arbeitswegs, da die Projekte nicht immer in Stuttgart sind.
Ich passe gemeinsam mit dem Kunden und dem Consultant den Arbeitsplatz an, wenn es notwendig ist. Also bin ich sozusagen das Bindeglied zwischen dem Kunden und unseren IT-Consultants. Wenn unsere Mitarbeiter ein Coaching zu einem bestimmten Thema brauchen, können sie das mit mir gemeinsam durchführen.

Ähneln die Schwierigkeiten von Autisten im Berufsleben denen im Schulalltag? Wo liegen Parallelen, wo Unterschiede?

Auf jeden Fall. Ob in der Schule, im Berufsalltag oder im privaten Umfeld, wir müssen uns immer und überall gut organisieren und mit den Menschen in unserer Umgebung in Kontakt treten.
Das sind Herausforderungen, mit denen Menschen im Autismus-Spektrum täglich konfrontiert sind. Hinter jeder Handlung und hinter jedem Ablauf steht ein Plan, der bei uns neurotypischen Menschen meistens schon automatisiert abläuft. Für Menschen im Autismus-Spektrum läuft das nicht automatisch ab. Sie müssen sich jede Handlung mühsam erarbeiten.

Ich würde sagen die Parallelen liegen in den Themen Handlungsplanung, Kommunikation, soziale Interaktion und der Außenwirkung.
Wenn ich länger darüber nachdenke, fällt es mir nicht leicht Unterschiede zu finden. In der Schule werden wir durch Noten beurteilt, diese Noten werden im Arbeitsalltag durch andere Bewertungsarten abgelöst. Auch im Berufsleben sind wir, wie in einer Klasse mit mehreren Menschen im Team und müssen in der Lage sein in Kommunikation zu treten, um unsere Ziele zu erreichen, d.h. die Themen und Herausforderungen für Menschen im Autismus-Spektrum bleiben durch ihren gesamten Berufsbildungsweg erhalten.

Was muss sich aus Deiner Sicht für Autistinnen und Autisten in unserer Gesellschaft verändern? Was konkret im Schul- und Berufsleben?

Bei unserer Arbeit werden wir immer wieder mit Vorurteilen und Berührungsängsten gegenüber Menschen im Autismus-Spektrum – oder Menschen die „anders“ sind – konfrontiert.
Vielen Menschen fehlt das Wissen über Autismus, es wird oft als eine neurologische Schwäche oder Behinderung abgetan. Dass Autismus aber in ganz vielen Fällen auch zahlreiche Stärken mit sich bringt und dass diese Menschen richtig gefördert werden müssen, ist vielen nicht bewusst.
Mir persönlich ist es daher sehr wichtig, das Bild von Autismus zu verändern und zu überzeugen, wie die herausragenden Fähigkeiten ideal eingesetzt werden können. Das ist auch das Ziel von auticon.

Möchtest Du noch etwas loswerden?

Ich denke, dass ich alles, was mir wichtig war und ist, loswerden konnte und durch deine gezielten Fragen auch kein Aspekt offengeblieben ist.
Ich würde mich freuen, wenn wir deinen Lesern hiermit einen weiteren spannenden Beitrag liefern konnten. Sollten dennoch weitere Fragen offengeblieben sein, können sie gerne im Nachgang noch gestellt werden.

Danke, liebe Lejla, es ist sehr spannend und informativ, Dir zuzuhören.
Toll, dass es Menschen wie Dich gibt, die nicht defizitorientiert denken, sondern durchaus die Stärken von AutistInnen zu schätzen wissen. Vielen Dank für Deinen Einsatz und das tolle Interview.

 

Lejlas Kontaktdaten:

Lejla Rahmanovic
Jobcoach bei auticon
Stuttgart
lejla.rahmanovic@auticon.de

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