Interview mit Collin: „Wir leben nicht in unserer eigenen Welt.“

Collin ist 20 Jahre alt und frühkindlicher Autist. Er lebt in einer betreuten Wohngruppe in Berlin.
Für das Interview schrieben Collin und ich hin und her. Seine Antworten habe ich genauso belassen, wie er sie mir geschickt hat, da seine Ausdrucksweise unverwechselbar ist und seine Schreibweise die Authentizität des Interviews unterstreicht.

***

Lieber Collin, was ist zuletzt Besonderes in Deinem Leben passiert?
Hab seit april ein labrador der zu autismus hund ausgebid werd 🙂

Wie heißt Dein Hund?
Mein hund heis django wie aus den film django unchand

Und wie läuft das mit der Ausbildung?
ausbildung da kom einma in woch ein treinerin zu uns und treinir mit uns

Lebt Django bei Dir? Versorgst Du ihn selbst?
nein der leb bei ander person die mit in auch imer oft ubt und erziung mach damit kein stres hab und hund bekom wen sozusag fertig is die versorg in auch mit futer und wen zu tirarz mus dan kom imer mit und manch ma pas auf in und sein freundin auf 😀
an anfang hat in bei mir aber das zu vil stres gewesn weil das nich tren kan hund und ich hab nur noch hund in kopf gehab und ales mach aber nich mer an mich denk hab mich verges bei und desweg werd er jez fremd erzogn

Bei was wird Django Dir helfen, wenn er ausgebildet ist?
bei einkaufn bei menschen menge dan ste er hinter mir und schuz vr mensch das nich so na an mich ran kom
das wen mich verlauf zuruk find auch wen in krise bin
das wen in krise bin er mich raus holt und mich nich hau oder dol hau
das mein tabletn bring und mich dran eriner
das belt wen epeleptisch anfal bekom

***

Inzwischen sind wir beide uns ja beim Leipziger Autismustag begegnet. Ich fand´s richtig schön, Dich persönlich kennenzulernen. Wie war es für Dich, auf einem so großen Autismustag zu sprechen?
hab mich so risig freu dich enlich ken zu lern das mein grost wunsch.
der tag wa ser anstreng fur mich da so vil mensch so vil neu hab nich selb vortrag das wurd gemach fur mich hab leider nich vil mit bekom weil nich gut ging und raus must aber bin fro da gewesn zu sein. 🙂

Was ist für Dich am Schwierigsten im Umgang mit neurotypischen Menschen?
die unerlich keit nich direk zu sein nich das sag was er meint das schnel beleidig is wen man direk zu den is oder erlich

Was ist Deiner Meinung nach das größte Missverständnis oder Vorurteil, das es AutistInnen gegenüber gibt?
das in ihr eign welt is oder ir eigen welt machen
da wurd vorgester ers wider drauf ansprech und mein betreurin hat das erlebnis gehab das gefrag wurd ob sie nich angs hat das sie schlag oder was ausnander nem von ihr O_o

Ich wurde auch schon gefragt, ob ich Angst vor Niklas habe. Die Frage finde ich ganz schrecklich. Wahrscheinlich war das für Deine Betreuerin auch seltsam, eine solche Frage zu hören.
Ja sie wa so sauer und hat ironisch antwort drauf
wa nich bei desweg kan nich widerhol aber sie wa ser sauer

Was antwortest Du denn, wenn gesagt wird, Autisten würden in ihrer eigenen Welt leben?
da antwort nur fur mich: het damals antwort kon wen ein frag moch du raus dan het enscheid fur nein

***

Kannst Du Dich an Deine Pubertät erinnern? Hattest Du besondere Schwierigkeiten und Bedürfnisse in dieser Zeit?
bin noch mitdrin bin spet puberter ja is schwirig regel mesig rasir den bart wen das verges is so schlim dan ful sich an als wen ein schal umhab da helf betreur bei das mich nich schneid und ales weg mach weil das alein nich kan
das pikel bekom mit den nich zurech kom da krem betreur mich imer ein wen was hab das kein krise bekom

Hast Du auch das Bedürfnis, selbständiger zu sein? Ärgert es Dich, dass Du manches nicht alleine machen kannst?
nein glaub nich schwer frag aber glaub nich
ja manch ma wen mich nich gut get und mich mit ander vergleich was die ales kan
aber das is schlech sich vergleichn das nie gut

Mein Sohn ist ja auch in der Pubertät und ich habe das Gefühl, dass er jetzt mehr den Drang hat, etwas zu unternehmen und Leute zu treffen. Kennst Du das auch von Dir?
leute trefn nein das hat nich ender 😀 aber unternem ja brauch mer bewegung jez als vorer bin aber auch schneler ko als voer

Ich denke auch, dass sich mein Sohn seiner eigenen Grenzen bewusster wird und das ist natürlich auch frustrierend. Kennst Du das?
ja ken das
schlech ganz schlech werd dan auto agresiv weil auf mich sauer bin und wen mich gut get is mir das egal dan intresir das nich und stor nich

Was rätst Du Eltern mit autistischen Jugendlichen, die in der Pubertät sind?
nich aufgeb sich informir bei richtige stele zu beispil bei ander autist auch positiv seit von ir kind sen und nich nur defizit oder negativ
das nich alein is damit das sie auch ma an ende sein daf mit nerven on schlech gewis zu bekom das helf holn darf

***

Was sind aus Deiner Sicht die größten Probleme beim betreuten Wohnen?
abhengigkeit von betreur das ein da is den ich mag mit den zurech kom und vertrau kan und wen kein da is den mag dan hab problem und mus manch ma tage wat das wider ein in dins is den mag

Was ist besonders schön beim „betreuten Wohnen“?
das nie alein bin imer ein hab da wen problem hab oder krise das mich zuruk zi kan wen das wil das mich imer auf betreur verlas kan das die mich nem wie ich bin und nich vorurteil das kein problem mit mein erlichkeit und direk sein hat
das mich imer unterstuz wen das brauch
das mich wirklich ken und nich nur mein auseres das mich nich uberschez was ser vil tun weil ja „normal“ ause -.-

***

 

Danke, lieber Collin – ich wünsche Dir alles Gute 🙂 ♥

Übrigens hat Collin auch eine eigene Facebookseite. Es lohnt sich, dort mal vorbeizuschauen.

 

 

Zum Weiterlesen:
Leon bekommt einen Autismusbegleithund – Interview mit seiner Mama

Wir sind gerade in der Pubertät – und Ihr so?

Als Lasse ins betreute Wohnen zog und erwachsen wurde

 

 

 

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4 comments

  • Zarinka

    Für mich persönlich ein interessantes Gespräch!
    „Wir leben nicht in unserer eigenen Welt“

    „Was antwortest Du denn, wenn gesagt wird, Autisten würden in ihrer eigenen Welt leben?
    da antwort nur fur mich: het damals antwort kon wen ein frag moch du raus dan het enscheid fur nein“

    Hätte Collin also damals antworten können wenn ihn einer gefragt hätte möchtest du raus, dann hätte er für Nein entschieden. (So verstehe ich persönlich das jetzt.)

    „Wir leben nicht in unserer eigenen Welt“

    Doch selbst wenn dem jetzt so wäre, und ein Autist in „seiner eigenen Welt“ zu leben schiene…was wäre denn daran so schlimm?

    Die Welt der Nicht Autisten ist z.B. für mich persönlich, einfach nicht „meine Welt“…ich möchte nicht so leben und fühlen wie sie…ich z.B. möchte nicht ständig irgend etwas unternehmen oder irgendwohin gehen müssen…und ich möchte mich zurückziehen dürfen wann immer mir danach ist. (Das war früher schon so und ist auch heute noch so.)

    Es mag mit Sicherheit auch andere Autisten geben die da andere Bedürfnisse haben, aber eben auch jene Autisten die halt nicht solche Bedürfnisse haben…jeder Autist ist halt eben anders.

    Mir ist schon bewusst dass ich da größtenteils mit meiner Ansicht alleine dazustehen scheine, aber wenn ich Collin richtig verstehe dann scheint er es in etwa ja ähnlich zu sehen.
    Nur scheint ihn damals niemand je danach gefragt zu haben.

    „Was rätst Du Eltern mit autistischen Jugendlichen, die in der Pubertät sind?
    nich aufgeb sich informir bei richtige stele zu beispil bei ander autist […]“

    Ein eigentlich doch recht guter Rat, der jedoch anscheinend immer noch viel zu wenig genutzt wird. Leider scheinen die Menschen (so bald Autisten zu erwachsenen Menschen herangewachsen sind) nicht mehr wirklich an deren Tipps und Ratschläge interessiert zu sein (so kommt es mir persönlich leider oft vor.)

    Vielleicht liegt es ja auch daran dass erwachsene Autisten nicht mehr in das „Bild passen“, welches sich doch recht viele Menschen seit je her so von und über Autisten gemacht haben….Nämlich: Der Autist unter der Glaskugel, der nur darauf wartet aus dieser endlich befreit zu werden.

    Das hat letztendlich leider jedoch nur dazu geführt, dass so eine Art kostspielige „Rettungstruppe“ auf die Beine gestellt worden ist die leider auch noch heute zu glauben scheint, dass ohne ihr persönliches „hilfreiche Eingreifen“ der Autist vollends verloren ist…eine „Rettungsaktion“ die jedoch vielen Autisten eher (geschadet hat) und auch heute noch schadet…der besagten „Rettungstruppe“ jedoch viel Geld in die Kassen gespült hat und noch immer hinein spült.

    Sie beschimpfen und bekämpfen regelmäßig erwachsene Autisten (die sich für andere Autisten und deren Interessen so wie auch ihrer eigenen Interessen einsetzten) leider immer und immer wieder.
    Ich persönlich bewundere auf jeden Fall jene Autisten die dennoch nicht müde werden immer und immer wieder weiterhin Aufklärung betreiben.

    Mein Wunsch an die heutigen jungen Autisten: möge euch eines Tages (wenn ihr erwachsen geworden seid) mehr Gehör und Verständnis entgegen gebracht werden, als dies bei den heutigen erwachsenen Autisten der Fall ist.

    Es sind leider nur recht wenige die „uns“ wirklich Gehör leisten…die anderen wollen anscheinend nicht wirklich hören was „wir“ zu sagen haben…sie wollen leider anscheinend nur sich selbst mehr Gehör verschaffen. Und das scheint ihnen bisher auch immer wieder sehr gut zu gelingen.

    (So weit jetzt meine persönliche Sicht zu: „wir leben nicht in unserer eigenen Welt.“)

  • Heinz

    Hallo – das ist ein sehr tolles Interview! Danke dafür.
    Zarinkas Kommentar schließe ich mich insofern an, dass ich auch denke, dass erwachsene Autistinnen und Autisten viel mehr gehört werden sollten. Und ich hoffe auch, dass sich das in Zukunft noch ändern wird.

    Aber was ich da noch ergänzen möchte, ist ein Dank an diesen Blog hier, der nämlich genau das ermöglicht und unermüdlich durchführt: erwachsene Autisten zu fragen, Elternerfahrungen weiterzugeben, Fachleute zu interviewen und das alles verbindet.
    Danke dafür!

  • Magda

    Ich bin NT und ich möchte auch nicht dauernd was unternehmen.
    In einer eigenen Welt sein – ja, manchmal wäre das nicht schlecht, auch als NT, ich verstehe, dass Autisten sich das noch öfter wünschen.
    Aber es ist doch auch schön, die Vielfalt zu erleben. Nur sollte es manchmal deutlich respektvoller und rücksichtsvoller zugehen.

    Danke für Deine super Arbeit hier, Silke!

  • Svö

    Danke für das Interview! Es ist immer wieder spannend & interessant etwas von Collin zu lesen. 🙂
    Ich war auch beim Leipziger Autismustag & mir hat Collins Vortrag sehr gefallen. Schade, dass es für ihn so stressig war.
    Dein Vortrag gefiel mir auch sehr, Silke. Wir saßen vorher sogar nebeneinander, aber ich habe dich dank meiner Prosopagnosie erst erkannt, als du auf der Bühne standest.

    Viele Grüße, auch an Niklas
    Svö

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