Interview: Evas Familie hat einen Jungen mit Autismus adoptiert

Familie mit adoptiertem KindEva ist verheiratet, hat zwei leibliche Töchter und einen adoptierten Sohn.
Matthis ist 15 Jahre alt. Er spricht nicht, kommuniziert über einen Computer und braucht vor allem Hilfe bei der Körperpflege und beim Essen. Er ist Autist.
Evas Geschichte hat mich sehr berührt und ich freue mich, dass sie bereit war, mir einige Fragen im Interview zu ihrer Familie und der Adoption zu beantworten.

***

Eva, wie kam es dazu, dass Ihr Matthis adoptiert habt?

Matthis ist der Sohn meiner besten Freundin, die bei einem Unfall ums Leben kam. Wir kennen ihn von Geburt an, haben seine Entwicklung miterlebt, die schon anders verlief, als er noch ein Baby war, und ich habe vor allem gesehen, dass Sonja ihren Sohn mit jeder Faser liebte. Er war komplett abhängig von ihr, konnte eigentlich nichts alleine.

Mutter und KindIn einem Alter, in dem andere Kinder schon alleine laufen, auf Toilette gehen, etwas aus dem Kühlschrank klauen und sich mit Freunden verabreden, war er noch vollkommen auf die Hilfe anderer angewiesen, vor allem auf die seiner Mama.

Und die tat alles für ihn, förderte ihn, liebte ihn, akzeptierte ihn, wie er ist und hatte immer das Ziel, ihn so selbständig werden zu lassen wie nur irgend möglich.

Wie alt war Matthis, als seine Mutter verunglückte?

Matthis war da zehn Jahre alt. Sein Vater war schon Jahre zuvor an einer schlimmen Krankheit verstorben. Und nun war er allein. Es gab da zwar noch die Großeltern, aber sie wollten sich nicht um Matthis kümmern und so hieß es, er müsse ins Heim.
Mir zerriss es damals das Herz und so sprach ich mit meinem Mann und meinen Töchtern, die sieben und fünf Jahre alt waren, darüber, ob wir Matthis in unsere Familie aufnehmen möchten. Es war keine leichte Entscheidung, das möchte ich ganz ehrlich sagen, denn Matthis ist ein schwerbehinderter Junge, der nach wie vor bei allem Hilfe und Pflege braucht. Er wird auch später nicht irgendwann ausziehen, winken und sagen: Danke, macht´s gut. Wir werden ein Leben lang für ihn verantwortlich sein.
Aber irgendwie merkten wir alle, dass wir genau das wollten – verantwortlich sein für diesen Jungen und ihm auf seinem Weg helfen, so gut wir können. Dass wir ihn lieb hatten, das stand sowieso außer Frage.

Wie ging es dann weiter?

Wir beantragten zunächst eine Pflegschaft und später, Matthis zu adoptieren. Das Verfahren war langwierig und wir mussten viele Fragen beantworten, uns ziemlich entblättern, was persönliche Informationen angeht und auch Fragen zu unserer Beziehung, zu unseren Kindern und so weiter beantworten. Das war nicht immer angenehm. Aber ich kann verstehen, dass alle diese Fragen gestellt werden mussten, denn sie wollten einfach sichergehen, dass es Matthis bei uns gut gehen würde.
Dass die Erzieherinnen und Pädagoginnen aus Matthis damaliger Schule mich schon gut kannten, da ich Sonja oft begleitet und Matthis auch manchmal alleine abgeholt hatte, wenn meine Freundin arbeiten musste, war ein Vorteil. Sein Netzwerk, das Sonja so gut aufgebaut hatte, war mir bekannt und ich war auch den Menschen darin vertraut.

Für Matthis war es natürlich sehr, sehr schlimm, dass seine Mama nicht mehr da war. Er schrieb oft auf: Wo ist Mama?
Wir liebten und hielten und unterstützten ihn, so gut wir konnten und wir hatten eine sehr gute Therapeutin, die sowohl Matthis in seiner Trauer begleitete als auch uns anleitete und für Fragen zur Verfügung stand.
Und irgendwann wurde es besser, er ist gerne bei uns, aber ich weiß, dass er seine Mama niemals vergessen wird. Wenn ich daran denke, habe ich das Gefühl, mein Herz müsste zerspringen.

Wie hat Euer Umfeld auf Eure Familienentscheidung reagiert?

Die meisten haben erstaunt und gleichzeitig bewundernd reagiert. Aber ich wollte und will dafür nicht bewundert werden. Irgendwie war es absolut klar für uns, dass wir Matthis nicht alleine lassen werden. Es ging gar nicht anders, jede andere Entscheidung wäre für uns unnatürlich gewesen, hätte sich falsch angefühlt.

FamilieManche meinten, sie müssten uns einreden, dass wir unseren eigenen Kindern damit zu viel zumuten, dass wir sie vernachlässigen würden, wenn wir uns viel um Matthis kümmern müssen. Das fand ich ziemlich schlimm und inzwischen haben wir mit diesen ehemaligen Freunden auch nichts mehr zu tun. Sicher müssen die Mädchen auch Rücksicht nehmen, aber sie haben auch einen herzenslieben Bruder dazu bekommen. Warum muss man das überhaupt immer aufwiegen und berechnen, wer was gibt und nimmt und bekommt und erwarten darf? Wir lieben unsere Kinder – alle drei.

Wunderschön ist, dass die Großeltern meiner beiden Töchter auch Matthis wie einen Enkel angenommen haben. Und zwar sofort. Sie haben auch gelernt, mit ihm per Talker zu kommunizieren und sie haben auch kein Problem damit, ihm auf der Toilette zu helfen, obwohl er inzwischen 15 Jahre alt ist.

Wie geht es Euch heute?

Uns geht es gut. Sicher komme ich manchmal an Punkte, wie jede andere Mutter mit einem behinderten Kind, an denen ich verzweifelt und müde bin, an denen Entscheidungen getroffen werden müssen, die einen quälen. Aber wir haben noch nie in Frage gestellt, ob die Entscheidung, Matthis zu adoptieren, richtig gewesen ist. Das sage ich deshalb, weil ich das oft gefragt werde. Ich freue mich und leide und fühle und liebe als Mutter.

Seine Schwestern lieben ihn auch – vielleicht nicht gerade besonders, wenn er auch mal ihre Hefte zerreißt oder eine aggressive und übergriffige Phase hat – aber er ist ihr Bruder, so als wäre er schon immer dagewesen.

(alle Namen, Altersangaben und kleine Details geändert, um die Privatsphäre der Familie zu wahren)

***

SonneDanke, liebe Eva – das ist wirklich eine beeindruckende Familiengeschichte.
Ich wünsche Euch alles Liebe und viele, viele Sonnenstunden 🙂

 

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3 comments

  • Tanja

    Oh Gott, ist das schön! Schön und traurig zugleich…

    Vor meinem Kind zu sterben, bevor sie groß und so selbständig wie möglich ist, ist für mich auch die schlimmste Vorstellung. Und mit Freunden vorher darüber zu reden ist eines…das MACHEN und vor allem das Herz dabei ist am Ende entscheidend.

    DANKE an „Eva“ & Familie, dass es Menschen wie Euch gibt!

  • Heike Jägle

    Diese Geschichte berührt mich ganz tief in meiner Seele. Ich sitze hier und habe Tränen in den Augen. Es ist so schön, dass es so Herzensmenschen gibt und diesen Jungen zu sich holten, in der schwersten Zeit seines Lebens, und ihm ein liebevolles zu Hause gegeben haben. Danke, dass es euch gibt.
    Ganz liebe Herzensgrüsse
    Heike Jägle

  • Liebe Eva und Familie,
    wir haben eine ein wenig ähnliche Situation bei uns. Und ich kenne dieses Gefühl von Liebe und der uneingeschränkten Bereitschaft einfach das Richtige zu tun. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die so denken und fühlen wie wir und ich wünschte oft, dass es noch mehr Menschen mit viel Mut und Liebe in dieser Stärke gibt. Deine Mädchen profitieren davon- wahrscheinlich spürst du es schon jetzt, aber glaube mir, wenn sie erwachsen sind, haben sie aus dieser Kindheit heraus so viel für das Leben gelernt, wie viele andere Kinder nicht. Aus dem Herzen heraus zu handeln und zu entscheiden ist nicht nur eine Herausforderung, sondern eine wahnsinnig große Bereicherung für alle, die diese Entscheidung mit tragen….
    Ich wünsche Euch für Euren gemeinsamen Weg weiterhin viel Kraft und ganz viel Liebe! 🌸

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