Innere Würde und Selbstachtung: über gesundes autistisches Selbstbewusstsein

Viele AutistInnen und Eltern stehen vor der Frage, ob sie ihren Autismus oder die Diagnose ihrer Kinder offenlegen sollen oder lieber nicht.
In unserer Gesellschaft ist es leider immer noch häufig so, dass man aufgrund einer Diagnose oder Behinderung stigmatisiert und ausgegrenzt wird. Vor allem Unaufgeklärtsein und Klischees, die über Medien verbreitet werden, tragen dazu bei, dass es AutistInnen oft schwer haben, akzeptiert zu werden.

Zur Zeit des Nationalsozialismus musste man behinderte Kinder in der Tat verstecken, um sie vor Mord in sog. Kinderfachabteilungen zu schützen. Dieses Gedankengut ist noch nicht vollständig ausgerottet und so passierte es mir zum Beispiel vor einigen Jahren an der Supermarktkasse, dass ein älterer Herr mit vernichtendem Blick auf meinen Sohn zu mir sagte: „Sowas wie Ihren Sohn hätte man früher weggesperrt.“

Ausgrenzung und Diskriminierung läuft aber auch subtiler ab – jeden Tag, rund um die Uhr, in Schule, Ausbildung, Beruf und Freizeit – und führt dazu, dass auch Autistinnen und Autisten in ihrer Würde und Selbstachtung angegriffen werden. Wenn man sowieso schon Probleme mit sich und dem Leben in einer neurotypisch aufgestellten Welt hat, trägt das nicht unbedingt dazu bei, dass sich ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln kann.

Dazu kommt, dass es immer noch therapeutische Ansätze gibt, die Autismus wegtherapieren und Menschen normalisieren wollen. AutistInnen sollen einer Norm angepasst werden, die irgendwann einmal eine neurotypische Mehrheit festgelegt hat.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als verständlich, dass sich einige mit einem „Outing“ schwer tun und Familien mit autistischen Kindern ständig um Rechte und Anerkennung kämpfen – im Grunde ist es ein Kampf um Würde, Akzeptanz und Selbstbestimmung.

Mit diesem Beitrag möchte ich AutistInnen und Eltern in diesem Bestreben bestärken. Denn natürlich haben auch AutistInnen jedes Recht auf Würde und Selbstachtung, die respektiert werden müssen. Schlimm genug, dass man das extra sagen muss.

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Innere Würde und Selbstachtung

Sich selbst so zu akzeptieren wie man ist und sich nicht für sein So-Sein zu schämen oder gar verstecken zu müssen, ist elementar dafür, um ein friedliches und möglichst ausgeglichenes Leben zu führen.

Selbst-Bewusstsein im Sinne von Selbstachtung zu entwickeln ist sehr wertvoll.
Dazu gehört, dass man sich mit seinen Stärken und Schwächen auseinandersetzt und diese zu reflektieren und zu akzeptieren weiß.
Auch sollte man lernen, sich von Menschen zu distanzieren, die schaden, manipulieren und Anderssein nicht als Bereicherung respektieren. Das ist leichter gesagt, als getan, denn diese Menschen muss man erst einmal als solche erkennen und dann muss man auch noch in der Lage sein, sich von ihnen zu distanzieren.

Ein hohes Maß an Selbstachtung sollte natürlich beinhalten, dass man auch offen für Kritik und Neues ist, aber sie kann zum Beispiel vor Manipulation und Missbrauch schützen.
Ein gesundes Selbstwertgefühl trägt dazu bei, dass man sich weniger leicht einreden lässt, man sei minderwertig oder nicht in Ordnung. Und das Bewusstsein für seine eigene Würde und natürlich die Würde anderer führt zu einem wertschätzenden Miteinander und der Akzeptanz von Menschen, die anders aussehen und denken oder ein anderes kulturelles Bewusstsein haben.

 

Gesundes autistisches Selbstbewusstsein auch mit Therapie

Ein gesundes autistisches Selbstbewusstsein kann man natürlich auch haben, wenn man therapeutischer Hilfe bedarf.
Es ist kein Geheimnis, dass das Autismus-Spektrum groß und vielfältig ist. Nicht wenige brauchen Hilfe bei alltäglichen Verrichtungen, müssen rund um die Uhr betreut und gepflegt werden und werden zum Teil ein Leben lang auf Betreuung angewiesen sein. Das hat auch, aber nicht nur, mit einer Behinderung zu tun, die durch die Gesellschaft zugefügt wird, sondern mit einer Behinderung per se.

Natürlich sollte man immer hinterfragen, welche Therapien zum Zuge kommen, nicht jedes Angebot ist akzeptabel, dazu habe ich bereits ausführlich geschrieben: Welche Therapie ist für mein Kind die richtige?

Hilfe zu brauchen, bedeutet jedenfalls nicht, dass man sich selbst nicht achten oder seinen Autismus verleugnen würde – das wird leider manchmal so von Menschen interpretiert, die weniger Hilfe brauchen oder nicht wissen, wie es sich zum Beispiel mit ausgeprägtem Hilfe- und Betreuungsbedarf lebt.

 

Reflektiert und selbstbewusst die Bedürfnisse aller sehen

Vielleicht liegen solche Annahmen darin begründet, dass sich die wenigsten AutistInnen, die eine stark eingeschränkte Handlungskompetenz haben, in Gruppierungen/Vereinen engagieren können. Ihre Stimme ist daher leiser und wird oftmals durch ihre Eltern verstärkt bzw. vertreten.

Es liegt wohl auch darin begründet, dass viele Menschen – auch innerhalb des Spektrums – keine frühkindlichen AutistInnen kennen (um noch einmal die herkömmliche Diagnosen zu bedienen) und daher kaum etwas über deren Belange wissen können.
Auch können einige wohl deshalb nicht nachvollziehen, dass gerade AutistInnen mit starken Handicaps und lebenslangem Betreuungs- und Pflegebedarf ihren Autismus hin und wieder doch lieber loswerden würden, auch wenn das natürlich nicht möglich ist. Sie fühlen sich nicht einfach nur anders, sondern aus nachvollziehbaren Gründen stark behindert.
Jetzt höre ich schon die Aufschreie, aber gerade Menschen mit ausgeprägten Handicaps sollten dafür nicht angegriffen und ausgeschlossen werden (und auch deren Eltern nicht), wenn sie dies aussprechen.
Für sie geht es nicht darum, manchmal etwas Hilfe zu brauchen oder manche Dinge nicht so gut zu können, sondern um lebensnotwendige Unterstützung in allen Alltagsbereichen.

Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass hier ein regerer Austausch stattfindet, damit die Bedürfnisse von niemandem übersehen werden und nicht auch noch Ausgrenzung oder Nichtbeachtung innerhalb des Spektrums geschieht.

 

Ich habe AutistInnen gefragt, was es für sie bedeutet, selbstbewusst zu ihrem Autismus zu stehen. Und sie haben mir geantwortet:

  • Ich nehme mich so an, wie ich bin. Ich bin in Ordnung.
  • Ich lasse mich nicht davon beeinflussen, dass Menschen mich anders haben wollen, mich umtherapieren oder normalisieren wollen.
  • Ich bin mir auch meiner Schwächen und meiner Verletzlichkeit bewusst.
  • Ich darf mich selbst schützen und meinem Gegenüber genau das sagen: „Mich verletzt dieses Thema oder die Art und Weise, wie Du mit mir sprichst. Ich möchte darüber nicht mehr sprechen.“
  • Ich kann mir Hilfe holen – auch in Form von Therapie – ohne meine Selbstachtung und Würde zu verlieren.
  • Ich setze mich dafür ein, dass alle AutistInnen aus dem Spektrum in der Gesellschaft in ihrem Anderssein respektiert werden.
  • Ich habe das Glück, mehr Handlungskompetenz zu haben, als andere AutistInnen (z.B. frühkindliche), daher möchte ich mich vor allem auch für die nicht-sprechenden AutistInnen einsetzen.

 

Sich selbst und seine Kinder schützen

Auch Eltern autistischer Kinder finden sich immer wieder in unsäglichen Dialogen und Konfrontationen ihre Kinder betreffend wieder.
Man darf sagen: „Stop! Ich möchte mit Dir nicht weiter darüber sprechen. Es geht um die Würde meines Kindes.“
Und man kann auch eine Entschuldigung einfordern, wenn man sich oder das eigene Kind verletzt fühlt.

Eltern von Kindern mit Handicap treten für Gleichberechtigung ein, kämpfen dafür, dass ihren Kindern Rechte nicht vorenthalten bleiben und nicht demütig um etwas gebettelt werden muss, was jedem Menschen zusteht.
Niemand muss sich deshalb verstecken oder schlecht fühlen, weil er oder sie immer wieder zum Mahner und Meckerer in Schule, Ämtern, Krankenkassen, Behörden,… werden muss – es ist etwas, das man selbstbewusst tun kann, weil es die Würde und (Selbst-)Achtung des eigenen Kindes unterstreicht.
Es ist nicht selten eine Frage des Respekts, den Eltern für ihre Kinder und für sich selbst auf diese Weise einfordern.

 

Respekt, Würde und Selbstachtung für AutistInnen

AutistInnen und Eltern von AutistInnen bestehen auf Würde und Respekt und zwar unabhängig von irgendwelchen Leistungen, Funktionsniveaus oder Annahmen und Wertungen, die AutistInnen entweder als Menschen voller Defizite oder etwa als evolutionäre Weiterentwicklung ausweisen.

AutistInnen sind Menschen wie alle anderen auch – mit Stärken und Schwächen und mit vielfältigen Persönlichkeitsstrukturen. Der Autismus ist nicht alles, was einen Menschen mit Autismus ausmacht, aber er durchdringt dessen gesamte Persönlichkeit.

Manche AutistInnen sind zeitweise wegen ihres Autismus‘  verzweifelt. Viele brauchen Unterstützung. In jedem Fall müssen sich AutistInnen jedoch nicht erst in einer bestimmten Art und Weise entwickeln, um Respekt, Würde und Selbstachtung zu erlangen.

 

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6 comments

  • Autistenfamilie

    Liebe Ella ,

    Ja , so ist es.
    Meine Kinder brauchen Hilfe , sogar viel Hilfe – immer.
    Es schmerzt , wenn man von Autisten oder deren Eltern die fordern genau wie alle Anderen behandelt zu werden , gleiche Bedingungen bei der Arbeit , in der Schule , Studium usw fordern hört , das sowas nun mal nichts mit Autismus zu tun hat. Oder eine komorbiede geistige Einschränkung was Anderes wär eben nicht zur Diagnose gehört . Nein , nicht weil sie das nicht haben , sondern weil auch das zum Spektrum gehört!
    Ich freue mich für jeden Autisten der sein Abitur schafft , eine Arbeit findet , eine eigene Wohnung hat , einen Schulabschluss schafft , der mit anderen Kindern spielt , doch die Anderen die das nicht können oder nur mit viel Hilfe , sind nun mal auch da!
    Bitte ihr Eltern von „Frühkindlichen Autisten “ ( meist sind es eben die ) steht auf , werdet laut. All ihr Autisten da draußen die ihr Hilfen braucht , werdet laut.
    Ich möchte ein Stimme sein für eben diese Gruppe .
    Bitte entmündigt uns nicht , gebt uns die Hilfe die wir brauchen , ganz individuell .
    Bitte diskutiert nicht mit uns ob man Piktogramme braucht , ob man Hilfe bei der Körperpflege braucht nehmt doch an das es so viele Unterschiede gibt.
    Es ist kein Problem , wenn ihr an solche Probleme nicht denkt wenn ihr sie nicht kennt , wir sagen es euch doch, lasst uns die gleiche Würde , den gleichen Respekt zu Teil.
    Wie sollen Außenstehende die keine Berührungspunkte haben durchblicken wenn selbst unter Autisten darüber diskutiert wird.

    • Angela Middlecamp-Sommer

      Das stimmt, es wird so viel diskutiert, wer der wirkliche Autist ist. Es ist sehr peinlich und schadet uns Allen, die eine Autismus Strategie auf den Weg bringen. Respekt vor der Vielfalt und einander zuhören, sich kennenlernen und verstehen. Ich habe bisher noch keinen autistischen Menschen kennen gelernt, der was gegen andere Autisten hat oder sich gar als etwas Besseres fühlt. Mein Eindruck ist, daß aus diversen Gründen ,Nichtautisten‘ diese Kontroverse schüren, um ihre eigentliche Intention zu verschleiern. Autisten werden benutzt und vorgeschoben um ganz eigene Belange durchzusetzen.
      Man merkt das aber schon, wo das Klima so ist, daß alle autistische Menschen, also das Spektrum, gesehen werden und man Brücken schlägt über diese häßlichen Gräben.

  • IAn Holler

    Ein super BEitrag, er hift auch mir mich bessre so anzunehmen wie ich bin. UND sich nicht diktiern zu lassen, was andere von einem denken. DEm stimme ich zu.

  • Widersynnig

    Liebe Ella,
    Autist*innen und auch ihre Familien sind einer fortgesetzten Entwürdigung durch Mitmenschen, Ämtern und Arbeitgebern ausgesetzt. Dagegen kämpfen auch wir an. Du hast es gut beschrieben: es kommt nicht darauf an , wie stark jemand betroffen ist. Aber auch viele Asperger Autisten landen in der WfbM oder machen lieber gar nichts, selbst wenn sie Schulabschlüsse geschafft haben. Sie sollen, wie alle anderen Behinderten auch, dankbar sein und die Klappe halten. Diesbezüglich. gibt es viele Fehlinfotmation. Wir Eltern, die sich Jahr für Jahr für respektvollen und würdevollen Umgang für unsere Kinder einsetzen, werden nicht weniger respektlos behandelt. Bürokratie bis zum Anschlag, all die Gespräche in den Amtsstuben, bei denen man geradezu als unverschämt hingestellt wird, wenn man sich für sein Kind einsetzt.
    Es ist unerheblich , ob man stark oder nicht so stark betroffen ist: unsere Umwelt grenzt Andersein aus. Und wer würde und Respekt für diese Menschen einfordert, wird gleich mit diskriminiert.

    • Angela Middlecamp-Sommer

      Guter Kommentar, aber bitte Andere auch sprechen lassen. ,Klappe halten‘ gefällt mir nicht.

    • Silke

      Ich denke, so hatte „Widersynnig“ es auch gemeint – war nur ein Zitat von anderen das „Klappe halten“.

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