in guter Gesellschaft oder: die Bedeutung von Flatulenz

„Neulich fühlte ich mich bei einer Einladung vollkommen deplatziert. Ich wäre am liebsten schon wieder gegangen, bevor ich mich überhaupt hingesetzt hatte“, schreibt Nina. „Da standen gestylte Frauen mit perfekt zur Kleidung abgestimmtem Makeup und frischem Haarschnitt. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal dazu gekommen bin, überhaupt an einen Friseurtermin zu denken.“

Als ich das las, dachte ich so bei mir: „Oh ja, das kenne ich auch.“
Ich überlege mir inzwischen ziemlich genau, welche Einladungen ich annehme und welche nicht, weil freie Zeit rar ist und ich sie bewusst einsetze. Treffen, bei denen nur Frauen zugegen sind, waren mir schon immer suspekt, aber hin und wieder sage ich dann doch auch mal zu und versuche mein Glück in der Sekt trinkenden, sich selbst feiernden Frauenwelt.

Ich weiß, das klingt ziemlich böse, aber es fühlt sich komisch an, so fremd, so aus vollkommen einer anderen Zeit, wenn man mit Müttern zu tun hat, mit denen man irgendwann einmal zeitgleich kleine Kinder großgezogen hatte, deren Kinder nun alle schon „aus dem Haus“ sind und die sich und ihre Freiheit neu entdecken. Ich füttere, wickele, kümmere mich immer noch – dieses „irgendwann einmal“ ist bei mir Gegenwart.
Und fast jedes Mal denke ich dann: Warum bist Du hingegangen?

„Da kann ich einfach nicht mithalten“, schreibt Nina weiter und ich nicke innerlich. Es ist schon schwierig, freundlich und interessiert zu sein, wenn sich über Kochrezepte, Gartenarbeit, die Langeweile ohne die Kinder zuhause, die neuesten Fittnesstrends und die nächste Reise per Kreuzfahrtschiff ausgetauscht wird, während man sich selbst auch nach 20 Jahren Kindererziehung immer wieder vergewissert, dass das Handy auch Empfang hat, falls die Schule anrufen sollte. Innerlich zähle ich dann die Stunden und Minuten, die noch „frei“ sind, bevor das Kind nach Hause kommt, das dann wieder rund um die Uhr beaufsichtigt werden muss.

„Es ist ja nicht schlimm, unterschiedliche Themen zu haben“, erzählt Nina, „aber ich habe manchmal das Gefühl, dass meine Situation bei solchen Anlässen bewusst nicht angesprochen wird, weil es die Leichtigkeit nehmen könnte.“
Sicherlich muss man nicht ständig Problemgespräche führen oder sich über hochtrabende Themen austauschen, und ich brauche es auch nicht, dass ständig meine Lebenssituation und das Thema Autismus im Mittelpunkt stehen, aber eine wertschätzende Basis ist notwendig, ein ehrliches Interesse aneinander, um sich wohlfühlen zu können. Und die fehlt leider manchmal.

Nina berichtet weiter: „Eine andere Mutter fragte mich neulich: ,Wie alt ist denn Dein Kind inzwischen? Es ist doch keine fünf mehr – musst Du immer noch die ganze Zeit aufpassen? Du solltest mehr an Dich denken.‘ Da blieb mir mal kurz die Luft weg, da ich genau dieser Dame etwa ein halbes Jahr zuvor bei einer Gartenparty von meiner behinderten Tochter erzählt hatte. Da war wohl nicht viel hängengeblieben. Ich hatte dann auch keine Lust mehr, erneut aufzuklären. Ich antwortete, dass sie 16 Jahre alt ist und nach wie vor Unterstützung in allen Belangen braucht. ,Ich könnte das ja nicht‘, kam dann erneut als Paradeantwort und ich sagte nur: ,Das wäre sehr schade, wenn Du das nicht auch für Dein Kind tätest.’“

Ein Gesprächsmuster, das sicher viele kennen: „Ach Dein Sohn ist Autist? Was ist denn sein Spezialgebiet?“
Neulich wurde es mir wirklich mal zu blöd, weil es sich in dem Fall auch um eine Mutter handelte, mit der ich schon einmal darüber gesprochen hatte und die sich offenbar gar nichts gemerkt hatte.
„Flatulenz ist sein Spezialgebiet“, sagte ich und schielte vorsichtig von meinem Glas hoch, aus dem ich gerade schlürfte. Sie wusste offenbar nichts damit anzufangen, räusperte sich kurz und entschuldigte sich: „Sorry, ich muss mal eben auf mein Handy gucken, das hat vibriert.“
Ein Vater (war keine reine Frauenveranstaltung 😉 ) gesellte sich zu uns und wir sprachen über dies und das. Dann wieder die andere Mutter, die sich offenbar ein wenig wichtig machen wollte. „Stell Dir vor, ihr Sohn ist Autist und hat ein besonderes Spezialgebiet, Fra…, Fla…, was war das noch gleich?“
„Flatulenz“ erwiderte ich trocken – passend zum Sekt.
Sie nickte.
Der Vater verschluckte sich an seinem Wasser und prostete mir zu. „Der war gut.“
Auch mit ihm hatte ich zu einem anderen  Zeitpunkt schon einmal über Autismus gesprochen und er hatte sich offenbar auch was gemerkt. Solche Leute gibt es zum Glück auch.

Nunja, es ist sicher nichts Schlimmes und vollkommen normal, wenn sich Lebenswelten, Gewohnheiten und Entwicklungen voneinander unterscheiden. Aber ich habe gelernt, auf mein Bauchgefühl zu hören und werde mich keinen Gesellschaften mehr aussetzen, die mir bewusst oder unbewusst demonstrieren, dass ich eigentlich überhaupt nicht dazu gehöre. Das mag gar nicht explizit böse gemeint sein, aber manchmal spürt man einfach allzu deutlich, dass man nichts gemeinsam hat und dann ist es auch ok, sich dem nicht auszusetzen oder nach einem kleinen Ausflug dorthin, auch wieder früher zu gehen. Und wahrscheinlich strahlt man sowieso von selbst aus, dass es wenig Verbindendes gibt – ohnehin keine gute Basis, um sich vielleicht doch noch anzunähern.

Eine gute Freundin sagte neulich zu mir: „Sieh es mal positiv – wenn Du ab und zu zu solchen Einladungen gehst, merkst Du, dass Du überhaupt nichts verpasst.“
Recht hat sie.

„Ich gehe da nicht mehr hin“, schreibt Nina weiter. „Andere meinen zwar immer, dass sie genau wüssten, was mir gut tut und dass ich doch mal raus müsse, mal was anderes sehen, mal abschalten, mal loslassen, aber ich entscheide selbst, was mir gut tut und mit wem ich mich verabrede.“

So sehe ich das auch, liebe Nina. Lass uns mal auf einen Kaffee treffen 🙂

 

 

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3 comments

  • Deine Geschichte hat mich berührt. Ich habe einen autistischen Sohn, der inzwischen 31 Jahre alt ist. Auch ich höre öfter, dass ich an mich denken soll.
    Vielleicht ist doch etwas dran. Ich habe jetzt mit dem Bloggen angefangen: MitMirSehen.WordPress.com
    Manchmal denke ich, es reiche auch aus, Hilfe für ihn zu organisieren. Dann kommt doch wieder das schlechte Gewissen.
    Das schlägt auch manchmal zu und fragt: Hast Du ihn genug gefördert?
    Kennst Du das?
    Mich macht es dann traurig. Wie motivierst Du Dich jeden Tag?
    Ich würde mich über eine Antwort freuen. Aber nur, wenn Du Zeit hast.

    • Silke

      Liebe Annnette, danke für Deinen Kommentar. Ja sicher kenne ich auch diese Fragen, diese Zweifel und auch Motivationslöcher. Kleine Fortschritte geben mir Kraft, meine Familie und inzwischen auch viele tolle Reaktionen auf den Blog und mein Buch. Wichtig ist, sich von außen nicht verunsichern zu lassen. Dein Sohn ist 31 Jahre alt, ihr habt schon eine lange gemeinsame Geschichte hinter Euch, Du weißt sicher am Besten, wie es ihm geht und was er braucht.
      Liebe Grüße und viel Freude beim Blog schreiben 🙂

  • Martina Denysiuk

    Musste so lachen bei dem Begriff Flatulenz…;-)
    Das Schlimme ist, wenn man sich in der eigenen Familie sprich Geschwister/Eltern nicht dazu gehörend fühlt und auch nicht ist…

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