Gastbeitrag zum Thema Autismus und Job: „Ich freue mich, arbeiten zu können.“

ArbeitsplatzDaniel ist Autist und schrieb mir, dass er immer öfter das Gefühl habe, der Einzige zu sein, der sich richtig freut, arbeiten zu dürfen. Alle anderen in seinem Umfeld würden regelmäßig schimpfen. 
„Nicht, dass ich falsch verstanden werde“, schreibt er, „ich selbst denke mir auch manchmal: Mensch, ich hab nur zwei Hände, wie soll ich denn das alles schaffen? Oder aber: Hm, wenn jetzt nicht erst 14 Uhr, sondern schon Feierabend wäre, das wäre doch toll. Aber trotzdem… Ich ziehe nicht so über meinen Chef her, wie das andere tun. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich meine Arbeit dankbarer wahrnehme.“

Daniel verfasste schließlich einen Gastbeitrag zu diesem Thema:

Wenn ich meine Kolleginnen und Kollegen den Tag über so arbeiten sehe und reden höre, stelle ich immer mal wieder verwundert fest, dass ich offenbar nicht nur als Autist eine Besonderheit in unserem Betrieb darstelle. Die Art, wie über den Chef schlecht geredet wird oder man lautstark kundtut, dass man ’schon wieder keinen Bock‘ hat, würde ich
mir lieber zweimal überlegen.

KollegenDenn ich werde dafür bezahlt, dass ich dort arbeite. Das heißt, dass jemand so viel Vertrauen zu mir hat, dass ich meine Arbeit gut mache, dass er mir sogar Geld dafür überweist. Da ich mich sehr gut kenne und mich manchmal sogar frage, wie ich es schaffe, mich jeden Morgen selbstständig anzuziehen, bewundere ich ihn, wie er meine Fehler tolerieren kann. Natürlich ist er nicht jeden Tag gleich zufrieden mit mir, aber er bemüht sich nicht nur um Freundlichkeit, ich merke richtig, dass diese nicht aufgesetzt ist. Und das finde ich sehr angenehm.

Dazu muss man wissen, dass ich nicht zu den Glücklichen gehöre, die in ihrem Leben nur eine Bewerbung abschickten und sofort eingestellt wurden, nein, ich habe über zwei Jahre hinweg über 100 elektronische und Bewerbungen im Papierformat verschickt, wurde in circa 12 Prozent der Fälle zu einem Gespräch eingeladen und mein heutiger Job war die einzige Zusage, die ich erhielt.

Dass die oben erwähnten Glücklichen, die nur wenige oder sogar nur eine Bewerbung schreiben mussten, ihren Arbeitsplatz nicht richtig zu schätzen wissen, kann ich sogar nachvollziehen. Ich glaube aber nicht, dass alle meine Kolleginnen und Kollegen dieses
Glück hatten. Das wäre sehr, sehr unwahrscheinlich. Warum also wird gelästert und die Unlust zu arbeiten, so offen gezeigt? Wie können sie sich sicher genug fühlen, so zu sprechen?

Das habe ich sie bisher nicht gefragt und habe es auch nicht vor. Eine Antwort darauf erwarte ich nicht wirklich. Trotzdem – an manchen Tagen verwundert es mich einfach. Sie scheinen eben nicht wie ich zu sein.

 

Danke, lieber Daniel, für den Einblick in Deine Gedankenwelt. 🙂

***

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5 comments

  • Hallo Daniel,

    ich kann gut nachvollziehen, welch große Bedeutung dein Arbeitsplatz für dich hat, denn ich gehöre auch zu den wenigen Autisten, die es (mit viel Glück und der richtigen Unterstützung) bis auf den ersten Arbeitsmarkt geschafft haben. Dafür bin ich ebenfalls dankbar und weiß auch, dass sich mein Leben ohne diesen Arbeitsplatz niemals so positiv entwickelt hätte.

    Natürlich gibt es immer auch mal Tage, wo man keine Lust hat und am liebsten zu Hause bleiben würde, das kennt sicher jeder. Trotzdem würde ich niemals auf meinen Arbeitsplatz verzichten wollen. Nicht nur, weil er mich finanziell unabhängig gemacht hat, sondern auch, weil ich damit ein Stück gesellschaftliche Anerkennung erfahre, die vielen Autisten versagt bleibt.

    So positiv meine eigenen Situation heute ist: Ich weiß auch, dass es für die meisten Autisten immer noch extrem schwer ist, einen passenden Arbeitsplatz finden, der sie weder über- noch unterfordert. Wir beide es geschafft, aber viele andere Autisten warten bis heute verzweifelt darauf, dass sie endlich eine faire Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Das sollte (und muss) sich dringend ändern!

  • Tobias

    Ich gehöre ebenfalls zu den Autisten im ersten Arbeitsmarkt. Sogar zu jenen, die einen sehr guten Job mit Führungsverantwortung haben. Und da ich auch noch festangestellt bin, bin ich in einer sehr sicheren Ausgangslage.

    Zu Beginn war ich meinem Chef ebenfalls sehr dankbar, da ich von ihm in bereits sehr jungen Jahren die Chance erhielt, mich auf diesem Posten zu beweisen. Gelästert habe ich zu diesem Zeitpunkt nie und bemühte mich um ein gutes Klima in der Abteilung und besonders in meinem Team. Nach etwa zwei Jahren stellte ich jedoch fest, dass es durchaus „lästernswertes“ zu meinem Chef gab. Berechtigte Zweifel an seinen Fähigkeiten als Führungsperson. Mein Team und auch ich lieben unsere Arbeit. Nur ihn … Lästern hat da eine reinigende Wirkung, wenn seine „Fehlanweisungen“ wieder zuviel wurden. Es baut Stress ab. Zudem erlebe ich es manchmal als verbindendes Element im Team. Den gemeinsamen „Feind“. Daher musste ich lernen, als Führungsperson ein gewisses Mass an Lästern zuzulassen. Wichtig finde ich jedoch den Umfang: Es soll möglichst konstruktiver und sachlicher Natur sein und nicht persönlich und unter der Gürtellinie gegen eine Person gehen. Und mich selbst versuche ich etwas zurückzuhalten und in dieser Haltung ein Vorbild zu sein.

  • Jan294

    Hallo Daniel,
    ein wirklich sehr schöner Beitrag und zwar ganz grundsätzlich (also unabhängig vom Autist sein)! Auch ich frage mich, warum so viele Menschen über ihre Arbeit schimpfen. Du bringst es wunderbar auf den Punkt: da vertraut jemand darauf, daß man seine Arbeit richtig macht, zahlt einem Geld dafür und toleriert Fehler. Und als „Dank“ wird dieser jemand (von vielen) wie eine Art Feind betrachtet. Ich denke, das hat unter anderem mit der persönlichen Einstellung zu tun. Wer sich bewußt ist, daß Arbeit die grundlegende Funktion des Lebens ist, um zu überleben, der arbeitet einfach, wenn er kann und darf. Wer aber der Meinung ist, Arbeit sei ein unnützes Übel, der hat immer etwas zu meckern. Sicher ist nicht jeder Chef nett, aber wenn deiner es ist, dann sieh es doch so: du hast den „Meckerern“ einiges voraus, denn offenbar bist du in der Lage, ein zufriedenes Leben zu führen. Das ist sehr viel wert, finde ich. Die „Meckerer“ hingegen sind ständig unzufrieden in ihrem Leben. Und über eines bin ich mir sicher: deine Kollegen können sich nicht sicher sein, daß ihr negatives Reden keine Konsequenzen hat. Vermutlich sind sie im Gegensatz zu dir nur nicht in der Lage, das zu begreifen, oder sie verdrängen es.
    Ich habe mal gelesen, daß in Beziehungen nicht die gemeinsamen Vorlieben entscheidend sind, sondern eher die gemeinsamen Abneigungen. Das läßt sich vermutlich auf das Leben allgemein übertragen: wenn alle über die Arbeit schimpfen, fühlen sie sich einander verbunden. Und Verbundenheit ist den Meisten scheinbar sehr wichtig.

  • Ich kann es schon verstehen, dass manche Menschen über ihre Arbeit schimpfen. Es gibt ja wirklich Jobs bzw. ganze Branchen, in denen die Arbeitsbedingungen miserabel sind; in denen Arbeitsnehmer im Extremfall auch ausgebeutet werden und KEINE Anerkennung, KEINE Wertschätzung erfahren für das, was sie täglich leisten.

    Gerade bei Autisten ist es ja schon so, dass sie spezielle Arbeitsbedinungen brauchen, um ihre Leistungsfähigkeit überhaupt entfalten zu können. Unter hohem Stress und/oder zu wenig Struktur komme ich auch heute noch schnell an meine Grenzen. Die Bedingungen, unter denen ich arbeiten kann, sind vergleichsweise fragil und manchmal muss sie mir (in Zusammenarbeit mit dem Betriebsarzt oder der Schwerbehindertenvertretung) immer wieder neu erkämpfen.

    Deshalb sollte man immer im Einzelfall hinsehen, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht. Sei es Kritik am Führungsstil des Vorgesetzten, an der Bezahlung oder an den Arbeitsbedingungen an sich. Es stimmt aber schon, dass manche Menschen auf vergleichsweise hohem Niveau jammern, solche Beispiele kenne ich auch.

  • Daniel

    Vielen Dank für eure durchdachten Kommentare. Sie haben einige Denkanstöße geliefert.
    An Dario: Dass ich (mit zwei der Kommentatoren) einer Minderheit unter der Minderheit angehöre (arbeitender Autist), erzeugt schon ein merkwürdiges Gefühl. Ich kann darauf noch nicht mal stolz sein, klar war es stellenweise sehr mühsam, so weit zu kommen, aber jetzt ist es einfach ‚da‘.
    An Tobias: Dass das gemeinsame Lästern eine reinigende Wirkung hat und das Zusammengehörigkeits-Gefühl stärkt, beobachte ich auch regelmäßig. Könnte mich trotzdem nie entschließen, es mitzumachen.

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