Gastbeitrag von Dinah über ihren Autismus und selektiven Mutismus

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©Dinah

Inspiriert von anderen Gastbeiträgen auf „Ellas Blog“ schrieb Dinah mich an und fragte, ob sie über ihren Autismus und selektiven Mutismus erzählen könnte. Dankend nahm ich an und veröffentliche sehr gerne ihre Zeilen, die sie anhand einiger meiner Fragen schrieb. Dazu schickte sie ganz tolle Bilder – vielen Dank, liebe Dinah! 🙂

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Gastbeitrag von Dinah:

Ich bin Dinah 20 jahre alt und habe den Frühkindlichen Autismus und Selektiven Mutismus.

Wie sich der Autismus im Leben bemerkbar macht, ist ganz unterschiedlich. Ich wohne ja in einer Wohngruppe, da merkt man es schon deutlich. Ich mache gar nichts mit den Mitbewohnern, rede dort kaum.
Ich habe noch zwei Brüder, beide 15 Jahre alt, sie wohnen bei meinen Eltern. Ich bin alle zwei Wochen bei Mama und Papa und meinen Brüdern.

Zuhause merkt man es nicht so extrem wie in der Gruppe, außer wenn unsere Eltern nicht

Dinah mit Pferd

©Dinah

da sind, denn da meinen meine Brüder dann mich ärgern zu müssen. Ich werde dann aggressiv und raste leider aus, denn ich kann vieles nicht verstehen. Dadurch kommen oft Missverständnisse und es ist schwieriger zu verstehen, was die anderen dann von mir wollen.

Es gibt eine Sache, die mir leicht fällt. Ich kann mir sehr gut Sachen merken, egal was das ist: Geburtstage, Datum, sehr gut Texte von Filmen, aber das Schönste für mich ist das sehr leichte Kommunizieren mit Pferden, ohne zu sprechen. Egal ob es ein Problem-Pferd ist oder nicht, jedes Pferd mag mich und ich komme mit jedem klar.

Reiten und mit Pferden kommunizieren ist mein Hobby. Wir haben eine Geheimsprache, wie ich immer sage, und das stimmt. Auch meine Betreuerin und Reitlehrerin sagt das. Was bei ihr nicht klappt, klappt bei mir sofort. Ich weiß nicht wie, aber ich habe ne ganz besondere Bindung zu Pferden. Ich kenne 19 Pferde und reite 5 Pferde. Sobald ich drauf sitze, ist das Pony oder Pferd ganz entspannt, auch wenn es vorher ganz unruhig war. Wenn ich komme, ist alles gut.

Dinah auf einem Pferd

©Dinah

Mutismus heißt ja, dass man nicht spricht. Ich habe den selektiven Mutismus. Das heißt, dass ich sprechen kann, also bei meinen Eltern rede ich ganz normal. Wenn wir Besuch bekommen von meiner Schwester aus England, rede ich nicht mehr oder egal wer kommt, ich höre auf zu reden.
In der Wohngruppe rede ich nur ganz leise, aber wenn die Bewohner mich was fragen, antworte ich eigentlich nicht, außer nen Betreuer ist dabei.
In der Schule rede ich gar nicht, nur mit einer einzigen Lehrerin.

Und doch gibt es jede Woche eine Möglichkeit, wie ich rede: Pferde. Sobald ich bei einem Pferd bin, kann ich reden.
Es ist nur Scheisse, auf Deutsch gesagt, du bist irgendwo alleine, aber weißt nicht weiter. Ein normaler Mensch würde jemanden fragen, wo muss ich lang oder können Sie mir helfen? Ich bin da hilflos. Meine Betreuer schickten mich Brötchen holen, haben aufgeschrieben, was ich holen soll, ich gebe den Zettel ab, aber jetzt haben die eine Sorte Brötchen nicht. Was mache ich? Gar nichts, da ich nicht rede. Also, es ist ziemlich schwer mit selektivem Mutismus.

Dinah mit Pferd

©Dinah

Die anderen sollen dann trotzdem freundlich bleiben und versuchen, mich zu verstehen auch ohne Worte.

Ich war schon immer auffällig. Ich konnte nicht wirklich still sitzen bleiben, habe oft nicht reagiert, wenn die was sagten. Da dachte Mama, ich höre nichts, waren dann in einer Klink. Die sagten, dass ich höre und nichts habe. 
Und dann habe ich von jetzt auf gleich aufgehört zu sprechen, muss mit drei Jahren gewesen sein. Ich war bei Psychologen und dann mit 12 Jahren die Diagnose Autismus.
Der Mutismus kam viel später durch meine Therapeutin raus. 
Viele sagen, dass ich den Frühkindlichem Autismus habe, aber keiner weiß wirklich, welchen Autismus ich habe. Es wurden zu wenige Untersuchungen gemacht, da ich kaum welche zulasse.

Ich gehe noch zur Schule bis Januar und dann soll ich in der Werkstatt arbeiten, aber nur bis Sommer und dann wechsel ich dort zu den Pferden. In der Schule gefällt es mir sehr gut, wir haben viele Ziegen und zwei Pferde, Donna ein Welsh Pony und Dscheckie ein Connemara. Freunde habe ich dort keine.

Dinah auf einem Pferd

©Dinah

Was ich mir von meinen Mitmenschen wünsche ist, dass man jeden so nimmt, wie man ist, dass man den Autismus akzeptiert und sie nicht doof gucken, weil man sich anders verhält. Alle sollten einfach das machen, was man am besten kann und was einen glücklich macht, zum Beispiel bei mir die Pferde und das Reiten und immer nach vorne schauen und nicht zurück, es geht aufwärts.

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(Um Dinahs authentischen Schreibstil zu wahren, habe ich nur sehr wenige Korrekturen vorgenommen)

Herzlichen Dank, liebe Dinah, für diesen Einblick in Dein Leben. Alles Liebe und Gute für Dich und viel Freude weiterhin mit den Pferden. 🙂

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