Gastbeitrag: „Schlussendlich war ich Täter und Opfer zugleich.“

Dario ist 44 Jahre alt und Autist. Seine Diagnose bekam er erst im Erwachsenenalter, denn in seiner Kindheit wusste man noch nicht viel über Autismus. So versuchte er, sich in seiner Kindheit und Jugend zurechtzufinden, ohne dass seine Außenwelt seine besonderen Bedürfnisse wahrnahm: Probleme in der Familie und im Schulalltag häuften sich.
In seiner Not wurde er straffällig und er schämt sich heute dafür, wie er selbst sagt.

Offen und reflektiert lässt uns Dario an seinem Leben teilhaben. Es ist seine individuelle Lebensgeschichte, die keinen Zusammenhang zwischen Autismus und Kriminalität transportieren soll, wie er eindrucksvoll am Ende seines Beitrages auch selbst resümiert.

Der Beitrag ist sehr lang, braucht meiner Meinung nach aber diese Ausführlichkeit, um die Zusammenhänge verständlich zu machen und keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.

***

Gastbeitrag von Dario:

Ich wuchs bei meiner Mutter und meinem Vater auf; wir führten das Leben einer äußerlich unauffälligen Kleinfamilie. Meine autistischen Auffälligkeiten zeigten sich erstmals mit drei oder vier Jahren, da ich keinen Kontakt zu Gleichaltrigen aufnahm und dies allem Anschein nach auch nicht wollte. Im Kindergarten machten mir die vielen fremden Menschen große Angst. Ich igelte mich dermaßen ein, dass niemand an mich heran kam. Auch die Erzieherinnen waren ratlos und fanden keinen Zugang zu mir. Nach vier Monaten brach meine Mutter das Experiment Kindergarten wieder ab, weil niemand mehr einen Sinn darin sah.

In der ersten Klasse galt ich als fleißiger und strebsamer Schüler, aber auch als extrem zurückhaltend und einzelgängerisch. Irgendwann wurde der soziale Stress so groß, dass ich ihn an der Umgebung ausließ. Mitten im Unterricht fing ich an, laut zu schreien oder zu singen. Ich malte bunte und skurrile Bilder vor mich hin, während die anderen Schüler ihre Aufgaben lösten. Die Pausen mit der unausweichlichen Hofpflicht hasste ich, denn inmitten der vielen Kinder und ihrem Lärm fühlte ich mich furchtbar unwohl. Auf dem Schulhof stand ich stets in einer geschützten Ecke zwischen zwei Bäumen. Von dort bewegte ich mich bis zum Ende der Pause nicht mehr weg ‒ niemals und unter keinen Umständen.

Zuhause hat mich mein Vater oft geschlagen. Als ich acht Jahre alt war, verließ er die Familie. Meine Eltern ließen sich scheiden und meine Mutter blieb mit mir und meinen beiden Schwestern allein zurück.
Außerhalb des Klassenzimmers hatte ich keinen Kontakt zu Gleichaltrigen. Ich erinnere mich an eine Situation, die so bezeichnend war, dass ich sie nie vergessen werde. Es war irgendwann am Nachmittag, als zwei Mitschüler mich unerwartet zu Hause besuchten und mit mir spielen wollten. Sie klingelten und meine Mutter öffnete die Tür. Als ich die Stimmen meiner Mitschüler im Treppenhaus hörte, rannte ich voller Panik in mein Zimmer und versteckte mich, weil mir der unerwartete Besuch so viel Angst machte.

Bereits im Kindergartenalter zeigten sich bei mir Rituale, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar waren. Mit meinen Spielzeugautos spielte ich z. B. nicht, sondern ordnete sie schnurgerade in einer Reihe an und deckte sie als Schutz vor Staub mit Frischhaltefolie ab. Auch die Stühle mussten immer exakt gerade um den Esstisch stehen, jede Veränderung machte mich nervös und aggressiv. Auch meine Vorliebe für skurrile Wort- und Sprachspiele fiel schon früh auf. Alle Leute bekamen Fantasienamen von mir verpasst, ständig sang ich irgendwelche selbst verfassten Reime und Gedichte vor mich hin. Auch Wutausbrüche standen auf der Tagesordnung.

Das Sorgerecht blieb bei meiner Mutter, aber meine Verhaltensauffälligkeiten ließen sich dem Jugendamt nicht verbergen. Ich wurde zum Neurologen geschickt, zum Psychiater und zur Erziehungsberatung. Alle möglichen Fachleute untersuchten mich und kamen zu dem Ergebnis, dass ich ein sensibler und intelligenter Junge war, aber auch „verhaltensgestört“ und irgendwie „problematisch“. Meine Mutter war zunehmend überfordert, am Ende der Grundschulzeit reagierte sie praktisch überhaupt nicht mehr auf mein Verhalten.

In der vierten Klasse fiel ich nur noch durch Verweigerung auf, durch nicht gemachte Hausaufgaben und durch meine Unfähigkeit, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten. Ernsthafte Leistungsrückstände hatte ich jedoch nie und zählte immer noch zu den besten Schülern der Klasse. Aufgrund meiner „schweren Verhaltensprobleme“ sah man in der Regelschule aber keine Chance mehr für mich. Stattdessen gab man mich nach der Grundschule in ein Heim für schwer erziehbare Kinder, wo man ‒ so die Hoffnung ‒ besser mit mir umgehen kann

Im Kinderheim gab es willkürliche und vollkommen überzogene Strafen, ich wurde oft angebrüllt und herumkommandiert. Schlimm war auch die Lieblosigkeit und Gefühlskälte einiger Erzieher. Ich litt unter starkem Heimweh und wünschte mir nichts sehnlicher, als wieder bei meiner Familie zu sein. Im Heim wurde ich für Verhaltensweisen bestraft, die in meinem Autismus begründet lagen und die ich nicht willentlich kontrollieren konnte, z.B. für Overloads. Ich musste an lauten und schrillen Veranstaltungen teilnehmen (z.B. Karnevals- und Geburtstagsfeiern), obwohl sie eine Qual für mich waren. Der Kontakt zu den Eltern unterlag drastischen Einschränkungen. Ich durfte ausschließlich in den Ferien nach Hause, Telefonanrufe meiner Mutter waren nur einmal die Woche erlaubt. Äußerlich fügte ich mich den Anforderungen der Erwachsenen. Innerlich war ich ein gebrochenes Kind, das wie eine Marionette agierte und kaum noch Lebensfreude hatte.

Als ich mit 14 Jahren aus dem Kinderheim entlassen wurde, besuchte ich zuhause die neunte Klasse der Realschule. Zunächst fügte ich mich gut ein, aber innerlich war ich orientierungslos ‒ wie jemand, der ständig hin- und hergeschoben wird und nirgendwo zuhause ist. Ich wurde depressiv, träumerisch und zog mich immer mehr zurück. Ich wünschte mir Kontakt zu meinen Mitschülern, wusste aber beim besten Willen nicht, wie ich diesen Wunsch umsetzen sollte. Als Konsequenz zog ich mich in meine Fantasiewelt zurück, in der ich mir vorstellte, wie schön es wäre, wenn ich Freunde hätte, mit denen ich reden oder etwas unternehmen könnte. Warum hatten die Anderen solche Freundschaften und ich nicht? Ich verstand es nicht und je mehr ich darüber nachdachte, desto depressiver und bedrückter wurde ich.

Meinen Vater sah ich nur zwei bis dreimal im Jahr in den Ferien. Ein nettes Wort oder ein Lob habe ich von ihm (und seiner neuen Frau) nie gehört. Ständig bekam ich das Gefühl vermittelt, als sei ich der letzte Taugenichts, aus dem niemals etwas werden würde.
Es waren größtenteils meine autismusbedingten Schwierigkeiten, auf die mein Vater so aggressiv reagierte. Ich war ihm zu eigenbrödlerisch, nicht modisch genug gekleidet, zu plump und zu ungeschickt, zu verträumt und zu einzelgängerisch. Seine Antworten: bestrafen, kritisieren, Druck ausüben! Kein nettes Wort, keine Spur von Verständnis, kein aufrichtiges Interesse.

Trotz dieser schwierigen Bedingungen habe ich im Sommer 1989 den Realschulabschluss geschafft, danach wechselte ich in die Oberstufe (11. Klasse) des Gymnasiums. Ich wollte unbedingt Abitur machen, doch das riesige Gymnasium mit seiner unüberschaubaren Atmosphäre machte mir schwer zu schaffen. Ich litt unter Overloads, in denen ich in Panik aus dem Unterricht flüchtete und stundenlang durch den Wald lief. Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren und habe in jeder Hinsicht nur noch „dicht“ gemacht. Verstehen konnte das niemand. Es hieß immer „Streng dich doch mal an, du bist doch so intelligent, du schaffst das doch locker!“ Wie sehr ich innerlich in Not war, ahnte niemand. Selbst meine Mutter nicht, obwohl sie meine engste Bezugsperson war.

Nach etwa drei Monaten wurde ich so depressiv, dass ich mich nur noch mit Mühe aus dem Bett quälte und zu spät zum Unterricht kam. Da ich als hochintelligent galt, konnte sich niemand meine Leistungseinbrüche erklären, und so erklärte man mich kurzerhand für „faul“ und „bequem“.
Es war während einer Klassenarbeit, als mich plötzlich ‒ so vermute ich heute ‒ eine Art Shutdown überkam. Ich saß für mehrere Minuten handlungsunfähig über meinen Unterlagen und konnte auf nichts mehr reagieren. Für die Arbeit bekam ich später die Note „mangelhaft“. Der Kommentar meines Klassenlehrers: „Du hast ja nur da gesessen und aus dem Fenster gestarrt!“ Ich fühlte mich unglaublich hilflos und wusste, der Vorwurf war ungerechtfertigt. Dennoch fand ich keine Worte, mit denen ich mein Problem erklären konnte.

Nachdem ich in der nächsten Klassenarbeit auf ganz ähnliche Weise versagt hatte, fühlte ich mich sprichwörtlich „mit dem Rücken zur Wand“. Es war im Januar 1990 kurz nach den Weihnachtsferien, als ich mich schlaflos im Bett wälzte und voller Angst an den nächsten Morgen dachte, wo ich mich wieder einmal für meine nicht zustande gebrachte Leistung hätte rechtfertigen müssen. Gegen zwei Uhr stand ich wieder auf und schlich mich aus dem Haus, ohne dass meine Mutter etwas davon mitbekam. Ziellos fuhr ich mit dem Fahrrad durch die Stadt und irgendwann an meiner Schule vorbei. Mit einem Stein durchschlug ich die Fensterscheibe des Sekretariats, stieg ins Gebäude ein und durchwühlte die Schreibtische. In einer Schublade fand ich ein Feuerzeug und spielte damit herum. Ganz in Gedanken versunken zündete ich einen Papierstapel an. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, was in diesem Augenblick in mir vorging.

Ehe ich mich versah, stand das komplette Büro in Flammen. In letzter Minute flüchtete ich aus dem Gebäude und sah, wie das Feuer sich ausbreitete. Voller Panik schnappte ich mein Fahrrad und brachte mich auf der gegenüber liegenden Straßenseite in Sicherheit. Nach einigen Minuten kam ein Polizeiwagen angerast und hielt mit Blaulicht direkt vor dem brennenden Schulgebäude. Als nach der Polizei auch die ersten Feuerwehrfahrzeuge eintrafen, wurde mir allmählich klar, was ich getan hatte: „Mein Gott, ich habe soeben die Schule in Brand gesteckt!“

Mittlerweile war es vier Uhr morgens. Bewusst gefühlt habe ich nichts und weiß bis heute nicht, wie ich in diesem Ausnahmezustand aus eigener Kraft wieder nach Hause gefunden habe. Meine Mutter hatte von meiner nächtlichen Abwesenheit nichts mitbekommen. Wie ich es in den darauf folgenden Tagen schaffte, mir nichts anmerken zu lassen, ist mir heute selbst ein Rätsel. Aus der Tageszeitung erfuhr ich, dass die Feuerwehr den Brand gerade noch rechtzeitig unter Kontrolle  brachte, bevor er sich zum Großfeuer entwickelte. Menschen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden, aber die Sekretariatsräume brannten vollständig aus, das Mobiliar mit allen wichtigen Akten war zerstört.

Die öffentliche Berichterstattung hatte jedoch ihre Schattenseiten, denn sie wirkte wie eine letzte fragwürdige Stütze auf mein kaum noch vorhandenes Selbstwertgefühl. Angespornt von der medialen Aufmerksamkeit stieg ich eine Woche später wieder in die Schule ein und legte erneut Feuer. Es entstand ein Schwelbrand, der durch Ruß und Qualm erheblichen Sachschaden anrichtete, von der Feuerwehr aber auch diesmal schnell unter Kontrolle gebracht wurde. Nach dem zweiten Brand ermittelte die Polizei mit Hochdruck. Ich gehörte schnell zum Kreis der Verdächtigen, weil ich nach beiden Taten am nächsten Morgen wie „zufällig“ nicht in der Schule erschienen war. Am Ende war es ein Schuhabdruck auf der Fensterbank, der mich überführte. Ich gestand sofort.

Als meine Mutter von den Brandstiftungen erfuhr, schaltete sie in ihrer Verzweiflung das Jugendamt ein. Obwohl ich das Jugendamt nicht in guter Erinnerung hatte (es war maßgeblich an meiner Heimeinweisung beteiligt), reagierte die zuständige Sozialarbeiterin diesmal erstaunlich besonnen. Sie erklärte den Beamten meine psychische Konfliktsituation, die mich von Kindheit an begleitete. Die Mitarbeiterin des Jugendamtes konnte erreichen, dass ich nicht in Untersuchungshaft genommen wurde, sondern in einer Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) vorgestellt wurde.

Die Klinik bot ein unverbindliches Vorgespräch an, doch das änderte sich schnell. Die diensthabende Ärztin sah die Gefahr einer „akuten Fremdgefährdung“ und ließ mir keine Wahl: Es sei deutlich zu erkennen, wie schlecht es mir ginge. Ich müsse mich „sofort“ in stationäre Behandlung begeben. Ich zitterte am ganzen Körper, mein Puls schoss in die Höhe, wie ich es noch nie erlebt hatte!

Mein erster Gedanke war, sofort wegzulaufen, um der bevorstehenden Zwangseinweisung zu entgehen. Am Ende siegte glücklicherweise mein Verstand. Ich blieb tatsächlich freiwillig in der Klinik. Um dagegen zu rebellieren, dazu fehlte mir ohnehin jegliche Kraft. Mein Selbstwertgefühl war so grundlegend zerstört, dass ich keine eigenen Ziele mehr hatte, außer irgendwie den nächsten Tag zu überleben.

Die ersten Wochen in der Klink waren ein Albtraum für mich. Es war noch keine drei Jahre her, dass ich aus dem Kinderheim entlassen worden war ‒ und jetzt wurde ich erneut gegen meinen Willen von zu Hause getrennt. Ich konzentrierte mich auf die einfachsten Dinge des Alltags: Aufs Wäschewaschen, auf das abendliche Duschen oder darauf, dass ich mir meine spärliche Privatsphäre (Bett, Nachttisch und Kleiderschrank) gemütlich einrichtete, soweit die Umstände das zuließen.

Doch so deprimierend meine Lage auch war: Mit der Zeit erkannte ich, dass mir die Klinik trotz aller Unannehmlichkeiten einen Schonraum bot, in dem ich mich regenerieren und neuen Lebensmut fassen konnte. Mir wurde klar, dass ich mit den Brandstiftungen eine riesengroße Dummheit begangen hatte, die sich niemals wiederholen durfte.

Nichtsdestotrotz war ich als 17-Jähriger im strafmündigen Alter, und so kam es ein halbes Jahr später zur Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht. In einem Gutachten war mir  „erheblich verminderte Schuldfähigkeit“ nach §21 StGB bescheinigt worden. Daher blieb mir das Gefängnis glücklicherweise erspart. Positiv rechnete man mir außerdem an, dass ich die Brandstiftungen sofort gestanden und mich freiwillig in psychiatrische Behandlung begeben hatte. Und natürlich, dass ich als Ersttäter nicht polizeibekannt war.
Zu meinen Ungunsten wurden die Gemeingefährlichkeit der Tat bewertet, der große Schaden, wie auch die Tatsache, dass ich noch ein zweites Mal Feuer gelegt hatte.
So reichte es immer noch für eine Jugendstrafe von einem Jahr, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Außerdem wurde mir zur Auflage gemacht, so lange stationär in der Klinik zu bleiben, wie die behandelnden Ärzte es für notwendig halten.

Erst nach einigen Wochen konnte ich das Urteil für mich akzeptieren und erkannte, was für eine schwere und gefährliche Straftat ich begangen hatte, die durchaus einem Menschen das Leben hätte kosten können.

„Das Problem bei dir ist die große Diskrepanz zwischen deinen sozialen und deinen intellektuellen Fähigkeiten. Du wirst immer ein Mensch mit vielen Einschränkungen bleiben, kannst aber durch deine Intelligenz vieles ausgleichen. Vielleicht kannst du irgendwann ein Leben führen, dass sich äußerlich nicht mehr von dem anderer Menschen unterscheidet.“
Hatte die Psychologin in der Klinik damals schon den richtigen Verdacht, auch wenn es die Diagnose „Asperger-Syndrom“ bzw. „Autismus-Spektrum-Störung“ noch nicht gab? Im Rückblick hört es sich fast so an, als wenn sie mir eine verschlüsselte Nachricht mit in die Zukunft gab, die ich erst jetzt nach über 25 Jahren entschlüsseln kann.
Zwei Jahre musste ich stationär in der KJP bleiben, dann entließ man mich in die Eigenverantwortlichkeit als mittlerweile volljährig gewordener junger Mann.

Die Schulbrandstiftungen sind jetzt 27 Jahre her. Ich schäme mich für meine Taten und würde sie gerne ungeschehen machen, muss aber damit leben, dass sie immer ein Teil meines Lebens bleiben. Das Tragische ist, dass ich erst nach den Brandstiftungen die therapeutische Hilfe bekam, die ich so dringend brauchte. Erst indem ich kriminell wurde, konnte ich meiner Umwelt mitteilen, wie hilflos und verzweifelt ich mich fühlte. Die gerichtliche Weisung, mich in stationäre psychiatrische Behandlung zu begeben, war unter diesen Umständen richtig und absolut notwendig. Heute bin ich dankbar für diese Weisung, auch wenn ich es damals schwer einsehen konnte.

Auf der anderen Seite muss ich gestehen, dass ich ohne strafrechtliche Konsequenz wahrscheinlich auch nicht aus der Sache gelernt hätte. Ohne die Auseinandersetzung mit der Polizei, dem Gericht und der Bewährungshilfe wäre mir der Ernst der Lage wohl nicht hinreichend bewusst geworden. Hätte man mich für komplett schuldunfähig erklärt und mir jegliche Verantwortung abgenommen, hätte ich mich nicht so eingehend mit meinen Taten auseinander gesetzt. Auf lange Sicht hätte ich mich nicht so positiv weiter entwickelt und hätte nicht das Maß an Reife und Selbstreflexion erreicht, das mich heute auszeichnet.

Schlussendlich war ich Täter und Opfer zugleich. Das ist eine widersprüchliche Antwort, aber ich sehe nicht, wie sich dieser Widerspruch auflösen lässt. Deshalb war es richtig, dass das Gericht die Opferseite (therapeutische Hilfe, Schonraum) genauso berücksichtigt hat wie die Täterseite (Bewährungsstrafe) und daraus eine angemessene Gesamtbetrachtung gebildet hat.
Wie ein typischer Verbrecher habe ich mich nie gefühlt. Eher wie ein Mensch, der in einer sehr schwierigen Lebenssituation einen schlimmen Fehler begangen hat und dafür auf angemessene Weise gerade stehen musste.

***

Das war sie also, die Geschichte meiner größten und folgenschwersten Jugendsünde. Öffentlich habe ich darüber bislang nie geschrieben. Auch deshalb nicht, weil ich autistischen Menschen und ihrer Sache nicht schaden wollte. In letzter Zeit dachte ich aber oft, vielleicht sollte man über solche Biographien doch berichten, wenn es auf die richtige Weise geschieht; indem man Hintergründe aufzeigt, ohne nach Rechtfertigungen zu suchen. Drei Aspekte sind mir dabei wichtig:

1.) Wenn Autisten zu Straftätern werden, dann liegt das niemals daran, dass sie „von Natur aus“ böse oder gemeingefährlich wären. Auch bei mir war es nicht mein Autismus, der mich in unausweichlicher Kausalität zum Brandstifter werden ließ. Es war die komplizierte Gesamtsituation aus unerkanntem Asperger-Autismus, aus familiären und schulischen Problemen, aus Verzweiflung und jahrelang unterdrückter Wut.

2.) Ich möchte mit meiner Geschichte auch zeigen, dass man sich aus der Neigung zur Delinquenz wieder herausentwickeln kann. Heute als Erwachsener verdiene ich mein Geld auf dem ersten Arbeitsmarkt, lebe in meiner eigenen Wohnung, bin im Schachverein integriert und engagiere mich ‒ soweit meine Zeit das zulässt ‒ auch zum Thema Autismus. Damals hätte mir kaum einer zugetraut, dass ich mich jemals so positiv entwickeln würde.

3.) Als dritte Botschaft möchte ich sagen, dass Straftaten niemals eine Lösung sein können, um mit Problemen oder Überforderung fertig zu werden, sondern alles nur noch schlimmer machen.

Die Brandstiftungen sind der Hauptgrund, weshalb ich nie an die These vom Autisten als dem vermeintlich besseren Menschen glauben konnte. Wir Autisten sind keine gefühlskalten Psychopathen, aber auch keine Heiligen.
Wir sind Menschen mit vielfältigen Charakterzügen und Vorgeschichten, die sich auf ebenso vielfältige Weise auswirken können wie bei nicht-autistischen Menschen.

***

 

Vielen Dank, Dario. Ich habe großen Respekt vor Deiner Offenheit und Deinem reflektierten Umgang mit diesem Teil Deiner Lebensgeschichte.

Auch ich möchte an dieser Stelle gerne noch einmal betonen, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Autismus und Kriminalität gibt. Darios Erzählung ist eine individuelle Lebensgeschichte, die als solche ihren Platz auf „Ellas Blog“ haben darf und soll.

 

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5 comments

  • Birke

    Lieber Dario, vielen Dank für deinen Mut, so offen über dein Leben zu schreiben.

  • Kerstin L.

    Großartig geschrieben lieber Dario! Was für ein Leidensweg…und Du hast es dennoch geschafft! Du hast meinen allergrößten Respekt!

  • Martina Denysiuk

    Du hast viel geschafft Dario. Danke für deinen Bericht.

  • Ich danke euch für die positiven und mitfühlenden Kommentare, die ihr hier und auf Facebook geschrieben habt. Das hat mich sehr berührt.

    Ehrlich gesagt hatte ich auch mit ablehnenden Reaktionen gerechnet, nach dem Motto: Wie kann man so eine Geschichte veröffentlichen, wo doch die meisten Autisten Opfer sind (von Ausgrenzung, Mobbing, verweigerten Hilfen usw.) und nicht Täter?

    Silke und ich haben lange überlegt, wie wir meine Lebensgeschichte darstellen können, ohne dass es falsch verstanden wird. Ich bin Silke sehr dankbar, dass sie dieses Wagnis mit mir zusammen eingegangen ist, denn die Frage, ob und unter welchen Umständen Autisten kriminell werden können, ist ja ein sehr empfindliches Thema, das schon zu manchem Shitstorm geführt hat. Umso mehr bin ich erleichtert, dass das in diesem Fall nicht passiert ist.

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