Gastbeitrag: „Meine Freundin hat ein autistisches Kind“

Ich bin Ina und lese schon lange auf diesem Blog mit. Ich selbst habe kein autistisches Kind, aber meine Freundin Meike hat eine Tochter mit frühkindlichem Autismus.
(Ich weiß, dass man das inzwischen nicht mehr so sagt und von einem Autismus-Spektrum spricht, aber mir wurde es damals vor 15 Jahren so erklärt.)

Meikes Tochter Mona ist inzwischen 18 Jahre alt und ich begleite die Familie schon die ganze Zeit, bin immer an Meikes Seite, wenn es Probleme gibt, sie sich furchtbare Sorgen macht, sie mit Mona ins Krankenhaus muss oder sonstige Hilfe braucht. Ich bin unglaublich froh, an ihrem Leben teilhaben zu dürfen und ich bin gern für sie als Freundin da, aber manchmal ist es auch gar nicht so einfach, die Freundin einer Mutter eines behinderten Kindes zu sein. Und ich möchte das gerne einmal aufschreiben, wie es mir damit in all den Jahren so erging.

***

Als Mona mit drei Jahren die Diagnose „frühkindlicher Autismus“ erhielt, überraschte das damals niemanden, denn dass es eine Diagnose geben würde, war irgendwie klar. Was genau dieser Autismus bedeutete, mussten wir alle noch lernen, aber wir wussten endlich, womit wir es zu tun hatten, wie wir auf Mona Rücksicht nehmen konnten, aber auch wie sie gefördert werden konnte.

Ich selbst habe zwei Kinder, die ein und drei Jahre älter sind als Mona. Daher fiel mir auch schnell auf, dass mit der Tochter meiner Freundin etwas anders lief als das, was wir alle als normal betrachteten. Als ich meiner Freundin Meike gegenüber damals andeutete, dass sie einen Kinderpsychiater genauer hinschauen lassen sollte, kratzte sie mir fast die Augen aus – sinnbildlich natürlich. Davon wollte sie nichts wissen, sie wurde richtig böse und rief mich ein paar Wochen lang auch nicht mehr an oder zurück – bis ich dann, hartnäckig wie ich bin, wieder vor ihrer Haustür stand.
Da nahmen wir uns dann spontan in den Arm und weinten gemeinsam, weil es eigentlich klar war, dass mit Mona etwas nicht stimmte: sie sprach nicht, sie konnte nicht laufen, sie spielte nichts, sondern beschäftigte sich nur mit Schnüren und sie behielt wenig Essen bei sich. Und das alles mit fast drei Jahren.

Meikes Mann gab es natürlich auch und es gibt ihn immer noch. Er ist ein sehr liebevoller Vater. Wenn ich ihn hier weniger erwähne, dann liegt das daran, dass eben Meike meine beste Freundin ist 🙂
Wenn Meikes Mann sich für die anstehenden Termine für die Diagnostik nicht frei nehmen konnte, versuchte ich, Meike und Mona zu begleiten. Das klappte dann auch ab und zu.

Nachdem die Diagnose feststand, begleitete ich Meike zu Informationsveranstaltungen und bemühte mich, ruhig zu bleiben, wenn sie in Alltagssituationen verzweifelte, sich im Laufe der Jahre immer mehr Sorgen machte und zum Teil auch depressive Phasen durchlief. Dabei merkte ich, dass sie sich bemühte, sich immer auch über die Fortschritte meiner Kinder zu freuen. Meine Kinder wuchsen heran, wurden selbständiger und der Unterschied zwischen ihnen und Mona wurde immer offensichtlicher.
Ich fühlte, dass Meike eine gute Freundin sein wollte und sich immer auch über unsere anstehenden Themen erkundigte (Schwierigkeiten bei den Hausaufgaben, eine vermurkste Mathearbeit, ein Schuljahr, das wiederholt werden musste, die ersten Partys mit zu viel Alkohol usw…..), aber ich merkte auch, dass sie im Innersten litt, weil Mona dies alles nicht erlebte.

Gleichzeitig ermahnte ich mich selbst immer wieder, dass ich meine eigenen Probleme in Anbetracht der Situation meiner Freundin nicht überbewerten sollte. Aber trotzdem machte ich mir natürlich auch hin und wieder Sorgen wegen meiner eigenen Kinder und ich denke, dass das innerhalb einer Freundschaft auch Platz haben muss und darf – und das hatte es auch.
Ich merkte zwar, wie gesagt, dass es für Meike nicht immer einfach war, aber ich mutete ihr es auch manchmal bewusst zu, da ich denke, dass unsere Freundschaft auch meinen kleinen Teil an Sorgen aushalten muss.
Nicht immer fühlte ich mich wohl dabei und ich hielt mich auch oft zurück. Zum Beispiel kann Meike bis heute nicht durchschlafen. Ihre mittlerweile 18jährige Tochter lebt noch zuhause und muss auch in der Nacht beaufsichtigt werden. Sie schläft nicht durch und wenn sie aufsteht, geistert sie durchs Haus und gefährdet sich möglicherweise auch selbst dabei. Das ist total anstrengend – man überlege sich mal, dass man ja froh ist, wenn die Kleinkindzeit mit dem ständig unterbrochenen Schlaf endlich vorüber ist – und dann haben das manche Eltern über Jahrzehnte hinweg.
Nun bringt es Meike nichts, wenn ich deshalb auch weniger schlafe, aber ich habe ihr natürlich nie aufs sprichwörtliche Butterbrot geschmiert, dass ich am Wochenende ausschlafe oder mich auch mal am Nachmittag aufs Sofa verkrieche, um in Ruhe ein Buch zu lesen.

Meine Kinder sind inzwischen aus dem Haus, sie studieren beide in anderen Städten. Ich brauche mich nicht mehr um sie kümmern. Aber bei Meike ist das immer noch so wie mit einem Kleinkind und ich versuche, sie so gut ich kann zu unterstützen – tatkräftig und auch moralisch. Trotzdem habe ich aber auch mein eigenes Leben und versuche eine Balance zwischen Empathie mit Meike und Selbstverwirklichung meiner Träume, die ich auch noch habe, zu finden.

Es ist gar nicht immer so einfach, eine gute Freundin zu sein. Aber ich weiß, dass auch Meike manchmal mit sich hadert, weil sie denkt, auch umgekehrt nicht immer eine gute Freundin zu sein, weil sie mir vielleicht zu wenig zuhört oder bewusst oder auch unbewusst meine Probleme nicht ernst nimmt.
Aber das ist nicht so und das weiß ich auch. Und manchmal hat sie ja auch recht mit ihrem stillen Urteil darüber, welchen Problemen sie Bedeutung beimisst und welchen nicht. Den Kampf in ihr zwischen „ich verstehe, dass Du Dich sorgst“ und „meine Güte, das ist doch nicht schlimm“ kann ich manchmal richtig an ihrer Mimik ablesen – aber ich nehme es ihr nicht übel, und wenn doch, dann nur manchmal ganz kurz.

Allein die Tatsache, dass wir uns beide immer wieder selbst hinterfragen und uns das gegenseitig auch erzählen, macht uns zu allerbesten Freundinnen. ♥

Ich weiß, dass ihr und ihrem Mann noch eine sehr schwere Zeit bevorsteht, wenn es darum gehen wird, dass ein schöner Wohnplatz für Mona gefunden werden muss – ein Zuhause, in dem sie rund um die Uhr betreut und gepflegt wird. Ich weiß, dass es ihr jetzt schon beim Gedanken daran das Herz zerreißt, aber sie weiß auch, dass es irgendwann sein muss, weil sie die Pflege nicht ein Leben lang leisten können wird.
Es ist schwer für meine Freundin, immer wieder fremden Menschen vertrauen zu müssen, weil sie schon so oft enttäuscht wurde und es nicht immer jeder gut mit Mona meinte. Ich wünsche ihr und Mona so sehr, dass alles gut gehen wird.

Ich werde versuchen, so gut ich kann an ihrer Seite zu sein, wenn es soweit ist.
Und ich weiß, dass sie auch immer für mich da ist, ganz gleich, was in meinem Leben noch passieren wird.

Das wollte ich einfach mal loswerden.
Falls Du auch eine Freundin mit einem behinderten Kind haben solltest, sieh ihr nach, dass sie ab und zu mal in Sorgen verstrickt und eingeigelt ist und sich nicht für Dich zu interessieren scheint – ich bin sicher, das ist nicht so – sie muss nur wieder ihre Kraft sammeln, um auch für Dich da sein zu können.

Und wenn Du ein behindertes Kind und eine Freundin hast – eine wie mich vielleicht – dann sieh ihr nach, wenn sie manchmal auch mit scheinbar banalen Problemen um die Ecke kommt. In ihrem Innersten weiß sie, dass Du ganz anderes zu leisten und auszuhalten hast. Aber sie hat eben auch ihr Leben und ihre Kinder und ihre Sorgen – das darf auch seinen Platz haben.

Alles Liebe – Ina 🙂

P.S.: Danke, liebe Silke, für diesen unfassbar schönen Blog und dafür, dass Du so vielen verschiedenen Menschen eine Stimme gibst und alles immer so liebevoll aufbereitest (und meine zahlreichen Rechtschreibfehler verbesser hast 😉 ).
Das ist nicht selbstverständlich, denn Du hast einen Sohn, der ebenso wie die Tochter meiner Freundin rund um die Uhr betreut werden muss. Ich kann mir wahrscheinlich gar nicht vorstellen, was das alles bedeutet und Du schreibst trotzdem diesem Blog und bist für andere da. Ich wünsche Dir alles, alles Gute.

Ina

Ich danke Dir von Herzen, liebe Ina ♥
Silke

 

(alle Namen wurden, wie immer, abgeändert)

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8 comments

  • Heidi

    Vielen Dank für diese Zeilen !!!!!!!!!

  • Christine Zimmermann

    Ja, so eine Freundin ist unbezahlbar.Ich habe auch so ein wunderbare Freundin und ich habe ein autistisches Kind. Sie hat das Asperger – Syndrom und lebt heute selbständig in der Stadt Ihrer Träume ( Hamburg ) Niemals hätte ich gedacht, dass sie das schafft, aber mit ganz viel Willen und der Untersstützung vieler toller Menschen hat sie es geschafft. Ich bin wahnsinnig stolz auf sie. Allen Eltern behinderter Kinder wünsche ich viel Kraft . Es ist nicht immer leicht, aber unsere Kinder sind etwas Besonderes, die besonders viel Liebe brauchen 🙂

  • Großartig geschrieben!
    Ich selber bin Mutter einer 5-jährigem frühkindlichen Autistin und habe ebenfalls eine so wunderbare Freundschaft wie die Eure seit ca 20 Jahren. Seit 7 Jahren leben wir nicht mehr in der selben Stadt sondern 3 h voneinander entfernt und seit 5-6 Jahren erlebt mit mir die auf und abs bezüglich der Situation mit unserem Nesthäkchen….

    Alle Gefühle, die du beschreibst, kennen wir genau so!!!
    Ich. In so froh dass ich meine allerbeste Freundin in dieser Zeit behalten durfte und hoffe die wird mit mir alt,

    Ihr Freundinnen seid der Halt in diesem anderen Leben…. und wir können euch nicht genug danken für eure Treue!
    Anke-Maus- Du bist die Größte!❤️

    Danke Ina für deine tollen Worte!
    Und Danke Silke, dass du mit deinen eigenen Texten und mit dem Veröffentlichungen von so wunderbaren Gastbeiträgen uns berührst und das Gefühl gibst, dass wir nicht alleine sind!🌸

  • Kerstin Rippel

    Ja so ist es. So eine Freundschaft habe ich auch😊

  • Anke Lüers

    Liebste Dagmar,
    danke für dieses Liebesbekenntnis!!! Es kann nur „EINE“ geben!!!
    Ich bin so unglaublich stolz auf dich, wie du das alles meisterst. Kein Außenstehender kann nachvollziehen, was du/ihr durchmachen musst. Ich versuche an deiner Seite zu sein und dich so gut ich kann zu unterstützen. Ich bin da! Für DICH, für Mia und für deine Lieben. Und ganz sicher werden wir alt miteinander….und ich bin gespannt darauf, wie Mia sich entwickelt. Sie ist ein so tolles Kind und hält sicher noch viele Überrschungen für uns bereit. Dicken Bussi

  • Kerstin L.

    Liebe Ina 🙂

    von Deiner Sorte gibt es leider viel zu wenige auf dieser Welt! Wirklich ein sehr schöner Beitrag ♥!!

  • Fischer Heidrun

    Hallo 🤗 ich bin Oma eines nichtsprechendem , autistischen , wunderbarem Enkel. Ich möchte mich für diesen tollen Bericht bedanken. Denn jetzt verstehe ich meine Schwiegertochter , dass sie manchmal meine kleinen Probleme nicht wahrnehmen oder umsetzen kann …. Sie ist eine eine wunderbare Mama und Schwiegertochter

  • Annett

    Liebe Ina

    Vielen Dank für Deine berührenden Worte. Ich habe die Ehre, auch eine Freundin einer so großartigen Frau mit autistischem Kind zu sein. Deswegen sprechen mir Deine Worte so aus der Seele.
    Wir sind Freundinnen seit Kindertagen. Heute habe ich jedoch das Gefühl, dass sie mich, seit der Geburt ihres autistischen Kindes, noch so viel zusätzlich gelehrt hat.
    Sie zeigt mir immer wieder neu, die Dinge auch mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Auch wenn sie sich oft kraftlos fühlt, kämpft sie für ihren Sohn weiterhin wie eine Löwin.
    Ich darf Ihr auch meine kleinen Problemchen in der „Normalo-Welt“ erzählen und es kommt nie ein böses Wort.
    Dein Beitrag, liebe Ina, ist mir ein Vorbild auch weiterhin best möglich für sie da zu sein und zu unterstützen.

    Alles Gute auch an Dich und Deine Freundin und Euren weiteren Weg.

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