Gastbeitrag: Alltagsfluchten – unerreichbar sein und Freiheit genießen

Annika hat einen 28jährigen nicht-sprechenden autistischen Sohn mit hohem Unterstützungsbedarf. Mit den Jahren hat sie gemeinsam mit ihrer Familie einen Weg gefunden, Auszeiten zu nehmen und dem Alltag zu entfliehen.
Das Reisen ist zu einer Lebenshaltung geworden und bedeutet für alle Freiheit.
Herzlichen Dank, liebe Annika, für diesen beeindruckenden Gastbeitrag und die tollen Fotos!
(alle Namen geändert)

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Gastbeitrag:

Als unser Sohn mit drei Jahren seine Diagnose bekam (nichtsprechender Kanner-Autist) und sehr schwierig war, dachten, wir, dass wir nie mehr in den Urlaub fahren könnten. Mein Mann und ich reisten schon vor unserem Kennenlernen sehr gerne und machten z.B. unsere Hochzeitsreise vor genau 30 Jahren nach Neuseeland.
Wir wollten uns damit abfinden, aber dann wagten wir doch einen Vorstoß und fuhren mit dem Auto für eine Woche ins Allgäu, wo wir ein kleines Häuschen für uns hatten. Außer Jakob gibt es noch einen Bruder, der zweieinhalb Jahre jünger ist.

Das klappte gut. Jakob ist immer gerne gelaufen, schon in jüngstem Alter brauchte er Strecken von fünf bis sieben Kilometer, die wir täglich bei jedem Wetter zurücklegten (bis heute). Und sein Bruder machte mit (das letzte Stück auf Papis Schultern).

Irgendwann konnte Jakob es nicht mehr aushalten, wenn wir mit dem Auto an einer roten Ampel stehen mussten, die Kontinuität war unterbrochen. Er sprang mir dann ins Lenkrad, zog auch mal während der Fahrt die Handbremse (Gott sei Dank ist nichts passiert) oder kroch in den Kofferraum und bewarf mich mit eingekauften Lebensmitteln.
Da reifte die Idee, es mal mit Fliegen zu versuchen.
Als Jakob sieben war, flogen wir nach Ibiza und hatten ein kleines Haus mit Pool und einen Mietwagen. Das hat so gut geklappt und allen so viel Freude bereitet, dass wir nun im Sommer immer irgendwohin in den Süden flogen.
Es spielte sich der Rhythmus ein, dass wir einen halben Tag am Pool waren und einen halben Tag Ausflüge in die Gegend, andere Orte oder ans Meer machten. Jakob liebt es bis heute (er ist jetzt 28), mit der Zunge das Salz zu schmecken und sich als „toter Mann“ aufs Wasser zu legen.

So weitete sich das aus und wir trauten uns mehr. Wir waren mit dem Wohnmobil in Irland, zwei Mal in Kanada, auf Island (noch vor dem jetzigen Hype und in der Nebensaison, mit das Tollste, was wir je gesehen haben) und dieses Jahr in den USA.
Wir wollten, dass er einmal in seinem Leben den Grand Canyon, das Monument Valley und den Bryce Canyon sieht. So hatten wir vier Wochen veranschlagt.
Es ging 5.500 Kilometer durch alle National Parks, State Parks und National Monuments außer in den Yellowstone NP, der war zu weit nördlich. Jakob war begeistert (und wir auch; ich hatte das vor 32 Jahren schon mit Zelt gemacht).
Er schrieb „Ich liebe Fliegen über alles“ und „Im Urlaub liebe ich es, nicht zu wissen, was am nächsten Tag passiert“.

Das absolut Faszinierende ist, dass im Urlaub alle seine Zwänge wie Müll sammeln (daheim: „Ich will meine Heimat sauber haben“) und Flaschen leeren („Ich will alles richtig machen und meine Zwänge geben mir Sicherheit“) weg sind. Also sehr erholsam das Ganze.
Jakob hat sich hinterher ein bisschen „beschwert“, das es „vom Laufen her etwas mickrig war“, obwohl wir bei 40 Grad sieben Kilometer im Monument Valley gelaufen waren, den Grand Canyon runter und hoch, je ein bis zwei Stunden in allen anderen Parks.

In den letzten Herbstferien waren wir eine Woche im Schwarzwald, wo wir täglich fünf Stunden wanderten, das hat allen gut getan, zumal dort das Wetter nur schön war.

Da wir mittlerweile auch meine Mutter mit 87 Jahren, die fast erblindet ist, betreuen, haben wir es angenommen, dass wir wohl nie frei haben werden. Also muss man Strategien und Achtsamkeit entwickeln, um weiterhin da sein zu können.
Im Urlaub heißt das für uns: Unerreichbar sein! Also haben wir kein Handy, kein Navi, keinen Laptop dabei, nur die Straßenkarte, mit der wir auch durch Los Angeles fanden.
Wir mussten nur einmal Strom aufnehmen für das Laden des Fotoapparats und sonst konnten wir uns in der Pampa aufhalten. Gerade ich bin immer sehr mutig; wenn irgendetwas ist, findet man eine Lösung und wenn daheim etwas passiert, kann man es auch nicht ändern. Wir verabschieden uns immer von Oma und Bruder, als ob es das letzte Mal sein könnte. Aber wir haben auch das Recht, es mal nur so zu machen, wie wir wollen.
Mein Mann und ich sind beide Menschen, die lieber für sich sind und nicht mit anderen. Seit wir Jakob haben, hat sich das verschärft, denn wir haben schlimme Erfahrungen gemacht, auch mit Fachpersonal und Miteltern. Ab und zu hat man Glück mit netten Menschen.

Daher heißt aber für uns Urlaub entweder Wohnmobil oder Ferienhaus/-wohnung. Da können wir total abschalten. Keine Mails, keine Telefonate, kein Papierkram, keine Rechtfertigungen oder Erklärungen. Mal nicht sein halbes Leben aufs Tablett legen müssen.
Daheim gehen wir beide drei Mal wöchentlich zum Sport, um fit für alle zu bleiben.

Nationalpark USA

einer der vielen magischen Momente der traumhaften USA-Wohnmobilreise, die wir 2017 mit unserem autistischen Sohn gemacht haben

Jakobs Bruder wurde auch durch diese wunderbaren Reisen geprägt (er ist 25 und fährt seit einiger Zeit nicht mehr mit), sodass er jetzt seinen Traum verwirklichen kann und Anfang Dezember eine Stelle in Vancouver antritt. Wir haben ihn da voll unterstützt mit der Erfahrung, wie schnell ein Leben vorbei geht, dass man seine Chancen nutzen muss und man nie weiß, welche Aufgaben das Leben für einen bereit hält.
Es wäre nicht gut, hinterher zu meinen, etwas verpasst zu haben. Wir werden ihn vermissen, haben aber schon Übung, da er fast ein Jahr in Australien war. Er ist Jakobs „Helfer im Alltag“ und er (Jakob) liebt ihn sehr, schreibt aber über die Stelle seines Bruders in Vancouver „eine saugute Entscheidung“.

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zum Weiterlesen:

Toskana, Schnee essen und Tunnelfahrten – mit dem Wohnmobil unterwegs

Ach du liebe Ferienzeit

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